Anzeige


Startseite ::: Praxis ::: G8/G9-Streit: Löhrmann moderiert – und hält sich alles offen

G8/G9-Streit: Löhrmann moderiert – und hält sich alles offen

DÜSSELDORF. Nordrhein-Westfalens grüne Schulministerin ist in einer Zwickmühle: Dreiviertel der Bürger in Nordrhein-Westfalen sind Umfragen zufolge gegen das «Turbo-Abitur» nach nur zwölf Schuljahren – die Verbände allerdings wollen an G8 festhalten, dessen Einführung seinerzeit auch die Grünen  mitbeschlossen haben.  Eine brisante Lage für Sylvia Löhrmann.

Muss sich mit dem Thema G8/G9 herumschlagen: Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Foto: Bündnis 90/Die Grünen / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Muss sich mit dem Thema G8/G9 herumschlagen: Nordrhein-Westfalens Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne). Foto: Bündnis 90/Die Grünen / Wikimedia Commons (CC BY-SA 2.0)

Alle Landtagsparteien waren 2005 für die Schulzeitverkürzung in Nordrhein-Westfalen. Die Ausgestaltung hat Sylvia Löhrmann (Grüne) allerdings von der damals regierenden schwarz-gelben Koalition unter Jürgen Rüttgers (CDU) geerbt. Kürzlich mahnte selbst Löhrmanns eigener Grünen-Landesverband beim Parteitag: «Wir wollen eine Schule, die nicht krank macht, sondern die Lust auf Lernen macht.» Der Druck müsse weg.

Jetzt muss Löhrmann erneut ihre stärkste Seite unter Beweis stellen: Moderieren zwischen unversöhnlich erscheinenden Lagern. Das hat die 57-jährige ehemalige Gesamtschullehrerin bereits mehrfach geschafft: In Krisen verschiedener rot-grüner Koalitionen und nicht zuletzt 2011 als Architektin des parteiübergreifenden «Schulkonsenses» in NRW. Auch politische Gegner zollten Löhrmann damals Anerkennung, dass sie federführend zur Befriedung eines ideologischen «Glaubenskriegs» um Gemeinschaftsschulen und das klassisch gegliederte Schulsystem beigetragen hatte.

Eine Art Glaubenskrieg wird jetzt wieder ausgefochten: Das eine Lager glaubt, Schulzeitverkürzung peitsche die Schüler zum «Turbo-Abi», beeinträchtige ihre Gesundheit, senke die Allgemeinbildung und führe jedenfalls nicht zu einem «Reifezeugnis». Das andere Lager verweist auf positive Erfahrungen mit zwölf Jahren Schule im Ausland und in den ostdeutschen Bundesländern.

Anders als in anderen Bundesländern steht in NRW erstmal keine Rückkehr zum neunjährigen Gymnasium (G9) an – «kein Schnellschuss», wie Löhrmann betont. Erneut gelang es ihr am Montagabend in schwieriger Lage – 45 Vertreter verschiedenster schulpolitischer Interessen an einem Tisch -, alle Seiten auf Bestandsananalyse in Arbeitsgruppen einzuschwören. «Die Entscheidung trifft das Parlament», betonte sie abschließend. «Sehr klug» habe sie das eingefädelt, berichten selbst fundamentale G8-Gegner nach dem Gespräch. Sie habe sich auch nicht festgelegt, ob eine Rückkehr zu G9 für sie denkbar sei.

Ein politischer Schachzug angesichts der bevorstehenden Kommunalwahl, meint die Sprecherin der Bügerinitiative «G-ib-8» , Anja Nostadt. Kurz vor dem Urnengang wollten SPD und Grünen mit dem hochemotionalen Thema keine Wähler vergraulen. Schließlich galt unbeliebte Bildungspolitik schon oft als Sargnagel für abgewählte Parteien.

Auch CDU-Landes- und Landtagsfraktionschef Armin Laschet hat das auf dem Radar. Obwohl seine Landtagsfraktion in den vergangenen Monaten vor einer Rolle rückwärts zu G9 gewarnt hat, mahnt Laschet in diesen Tagen, den Protest nicht abzubügeln und Wahlmöglichkeiten nicht auszuschließen.  FDP-Partei- und Landtagsfraktionschef Christian Lindner reagiert genervt auf den Kurs des früheren Koalitionspartners: «Es ist bedauerlich, dass die CDU und Armin Laschet ihre Positionen zu G8 nahezu täglich ändern: mal dafür, mal dagegen», kritisierte er.

Aus Medizin und Wissenschaft gibt es Signale zu Gesundheit und Leistungsfähigkeit der Schüler, aber kaum stichhaltige Studien, die eindeutig für oder gegen Schulzeitverkürzung sprechen. Mediziner berichten über zunehmende Depressionen bei Schülern. Welchen Anteil daran das Schulsystem hat, ist aber fraglich. Bildungsforscher haben etwa festgestellt, dass immer mehr Schüler ohne Gymnasialempfehlung von ihren Eltern in der höchsten Schulform an den Start geschickt werden. Eine Befragung von 3500 Erstsemestern an der Universität Duisburg-Essen kam zu dem Ergebnis, dass Schüler nach 12 Jahren genauso fit sind für ein Studium wie nach 13. Auch in der Persönlichkeits- und Freizeitentwicklung konnten die Bildungsforscher keine Unterschiede feststellen.

Nostadt ist hingegen überzeugt, dass überlange Schultage und Stress Kinder krank machen. Deswegen wendet sich die Bürgerinitiative «g-ib-8» auch gegen verpflichtenden Ganztagsunterricht. Sie glaube nicht, dass die Sorge um die Schüler bei den Warnungen der Lehrerverbände gegen eine Rückkehr zu G9 im Vordergrund stehen, sagte die Bonner Psychotherapeutin. «Die Schuldirektoren sind zu bequem.» Bettina Grönewald, dpa

 

4 Kommentare

  1. Bei den Taschenrechnern hat sie sich auch die (für sie) einfachste Lösung ausgesucht: Liebe Schulen, entscheidet selbst, klärt aber vorher mit Eurer Trägerkommune die Finanzen ab.

    Dabei ist die Lösung sehr einfach: Wer nach 12 Jahren Abitur machen möchte, geht aufs Gymnasium, wer das Abitur nach 13 Jahren machen möchte, geht auf die Gesamtschule oder das Berufskolleg. In wie fern man das gymnasiale G8 (wieder) umbaut oder nicht, steht auf einem anderen Blatt. Dieses Hickhack nach gerade einmal zwei Abiturdurchgängen ist insgesamt beschämend. Die Lehrer kommen vor lauter Lehrplanbasteln kaum noch zum unterrichten.

    • Diese „Lösung“ wünschen sich die Anhänger der Gesamtschule.
      Man könnte auch einfach einen Fehler zugeben und zum 9jährigen Gymnasium zurückkehren. Das war ziemlich gut, und wir Rheinland-Pfälzer sind weiterhin zufrieden damit.

      • Wo ist denn das 8-jährige Gymnasium _an sich_ ein Fehler? Aus meiner eigenen Schulzeit und meiner späteren Lehrertätigkeit zu G9-Zeiten weiß ich, dass sowohl in den Klassen 5/6 als auch — und in ganz extremen Maße — in der damaligen 11 extrem viel Zeit mit (inhaltlichem) Nichtstun verschwendet wurde, d.h. in der Summe locker ein Schuljahr eingespart werden kann, bei entsprechend leistungsfähigen und -willigen Schülern sogar zwei. Sogar zu G8-Zeiten ist die Einführungsphase nicht sonderlich anspruchsvoll oder (zu) voll gepackt, wenn man sich strickt an den Lehrplan und die Abiturvorgaben hält. Warum haben einige der neuen Bundesländer nach der Wiedervereinigung nicht auf G9 umgestellt? So schlecht kann G8 ja nicht sein.
        Fehlerhaft war die viel zu hastige Umsetzung, keine Frage. Das rechtfertigt aber keine Rückkehr, besonders, wenn sie wie in Niedersachsen in erster Linie mit der Angst vor der Wahlurne zu erklären ist.

  2. Schade, dass Frau Löhrmann die Sache aussitzen möchte, es wird sich nur etwas ändern, wenn viele die Initiative G 9 jetzt NRW (einfach mal goggeln) unterschreiben.

    Die Probleme und Klagen über G 8 sind doch lange bekannt, unverständlich, warum jetzt erst einmal wieder ein halbes Jahr gewartet wird und unsere Kinder weiter mit Nachmittagsunterricht derart stark belastet werden.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*