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Gymnasiallehrer sollen mehr arbeiten ­– Philologen klagen dagegen

HANNOVER. Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) hat Ärger. Der Philologenverband in Niedersachsen hat eine Normenkontrollklage gegen die neue Arbeitszeitverordnung für Gymnasiallehrer angekündigt.  Sie sieht unter anderem vor, dass die Lehrer vom nächsten Schuljahr an eine Wochenstunde mehr unterrichten müssen. Diese Änderungen seien nicht nur politisch und moralisch, sondern auch juristisch unhaltbar, sagte der Verbandsvorsitzende Horst Audritz in Hannover.

«Es ist nicht hinnehmbar, dass die Beschäftigten in den Schulen die Reformen im Wesentlichen selbstfinanzieren»: Stephan Weil steht in der Kritik der Lehrerverbände . Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

«Es ist nicht hinnehmbar, dass die Beschäftigten in den Schulen die Reformen im Wesentlichen selbstfinanzieren»: Stephan Weil steht in der Kritik der Lehrerverbände . Foto: Ralf Roletschek / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Die niedersächsische Landesregierung hat die umstrittene Reform der Arbeitszeitverordnung für Lehrer in Kraft gesetzt. Demnach wird zum 1. August 2014 die Regelstundenzahl für Beamte an Gymnasien, Abendgymnasien, Kollegs und beruflichen Gymnasien von 23,5 auf 24,5 Unterrichtsstunden angehoben, teilte die Staatskanzlei in Hannover mit. Außerdem wird die vom 1. August an vorgesehene Altersermäßigung ausgesetzt. Damit bekommen Lehrer nicht schon mit 55 Jahren, sondern erst im Alter über 60 eine Stunde Unterricht erlassen. Die Landesregierung will auf diese Weise rund 80 Millionen Euro einsparen, die zur Finanzierung von Ganztagsschulen, Krippen und den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern dienen sollen.

Die vor einem Jahr angekündigten Reformpläne hatten eine Protestwelle in der Lehrerschaft ausgelöst, an der sich auch Schüler und Eltern beteiligten. Vielerorts beschlossen die Personalräte von Gymnasien und Gesamtschulen zudem, Klassenfahrten auszusetzen.

Für die Klage hat der Verfassungsrechtler Ulrich Battis ein Gutachten erstellt, das der rot-grünen Landesregierung Verstöße gegen das Grundgesetz vorwirft. Der Jurist argumentiert, dass der Dienstherr bei der Bemessung der Arbeitszeit von Beamten zwar einen Gestaltungsspielraum habe, allerdings nicht seine Fürsorgepflicht verletzen dürfe. Zudem werde den Gymnasiallehrern ein sachlich nicht begründbares Sonderopfer abverlangt. «Das ist ein Verstoß gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes», sagte Battis.

Mit 23,5 Unterrichtsstunden lagen die Gymnasiallehrer in Niedersachsen im Ländervergleich bislang am unteren Ende der Skala. Nur in Hamburg (22,2 Stunden) sowie Bayern, Thüringen und Sachen-Anhalt (je 23 Stunden) gibt es noch Regelungen, die eine noch geringere Zahl von Pflichtstunden vorsehen. In den anderen Ländern müssen bis zu 28 Stunden pro Woche unterrichtet werden. Allerdings gibt es dort teilweise bis zu drei Stunden Altersermäßigung sowie Stundenermäßigungen, wenn viel in der Oberstufe unterrichtet wird, argumentieren die Lehrerverbände.

Wie ist die Situation in den anderen Schulformen in Niedersachsen? An Grundschulen müssen die Lehrer 28,5 Stunden unterrichten. Es folgen die Hauptschulen mit 27,5, die Real- und Förderschulen mit je 26,5 und die Oberschulen mit 25,5 Stunden. Die Gymnasiallehrer müssen ab Sommer 24,5 Stunden in den Klassen präsent sein – so lange wie ihre Kollegen an Integrierten Gesamtschulen schon immer unterrichten müssten. Die Gymnasiallehrer argumentieren aber, dass ihre außerschulische Arbeit unter anderem wegen der aufwendigen Klausur-Korrekturen mehr Zeit in Anspruch nimmt. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Niedersachsen prüft Klassenfahrten ohne Lehrer

 

4 Kommentare

  1. Es steht also (mal wieder) nur Geldsparen im Vordergrund, nicht die Kinder, nicht die Schulen als Gebäude, nicht die Ausstattung usw.. Aber mal ernsthaft:

    In NRW unterrichtet der Gymnasiallehrer 25,5 Wochenstunden, je nach Fach auch häufig über “angeordnete Mehrarbeit” mehr. Die Korrekturbelastung lässt sich außerdem reduzieren, wenn man sich nicht in jedem Schuljahr 4-5 Oberstufenkurse aussucht. Letzteres muss bei Personalmangel ggf. aber sein.

    PS: Das im Vergleich zu allen anderen Fächern wahrscheinlich anspruchsvollste Studium — natürlich Mathematik — hat man nach spätestens einem Schuljahr Vollzeitkorrektur wieder raus. Eine LK-Klausur ist in 30 Minuten korrigiert, Erwartungshorizonte vereinfachen sich zu Musterlösungen, es gibt keine oder kaum Aufgabenauswahl für die Schüler usw.. Davon können Germanisten oder gar Sozialwissenschaftler nur träumen.

  2. “Die Landesregierung will auf diese Weise rund 80 Millionen Euro einsparen, die zur Finanzierung von Ganztagsschulen, Krippen und den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Kindern dienen sollen.”

    Lehrerstunden aufstocken, um Geld für die Inklusion zu sparen? Das ist total widersinnig! Die Inklusion ist zwar nicht zum Nulltarif zu haben und kostet eine Menge Geld – aber das dadurch einsparen zu wollen, indem die Lehrer mehr arbeiten müssen, ist widersinnig, da die Inklusion automatisch schon Mehrarbeit beinhaltet. Das wäre dann eine doppelte Arbeitsbelastung für die an der Inklusion beteiligten Lehrer und Lehrerinnen.
    Oder soll die zusätzliche Stunde dafür benutzt werden, dass die LehrerInnen und FörderlehrerInnen sich beraten können? Das würde dann wiederum Sinn machen… (aber diese Art von Arbeit verstehen die Politiker vermutlich nicht unter dem Begriff “Mehrarbeit”, oder?)

    • Zitat: “Oder soll die zusätzliche Stunde dafür benutzt werden, dass die LehrerInnen und FörderlehrerInnen sich beraten können? Das würde dann wiederum Sinn machen… (aber diese Art von Arbeit verstehen die Politiker vermutlich nicht unter dem Begriff “Mehrarbeit”, oder?)”

      Natürlich nicht ;-). Die Stunde Mehrarbeit bedeutet mehr Unterricht ohne finanziellen Ausgleich. Außerdem wird wohl auch in Niedersachsen nur eine Minderheit der Gymnasien massiv inklusiv arbeiten und die an Gymnasien abgeordneten Förderschullehrer für die paar Wochenstunden keine Zeit für kollegiumsinterne Beratungen in Form von (bezahlter) Systemzeit haben.

  3. Wieder einmal eine Reform zu Lasten von SuS und Lehrkräften! Da will man ja schon gar nicht mehr den Beruf ergreifen.

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