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Inklusion: Jetzt kocht auch im Ländle der Streit um die Kosten hoch

STUTTGART. Bei der Integration behinderter Kinder in Regelschulen sind viele Punkte strittig, unter anderem auch Kostenfragen. Unklar ist, wie die Schulassistenz bezahlt und verantwortet werden soll. Die Grünen in Baden-Württemberg machen dazu jetzt einen Vorstoß, der im Ländle nicht jedem schmeckt.

Hilfe aus einer Hand: Ein Budget beim Land soll nach einem Vorschlag der baden-württembergischen Landtags-Grünen den Familien behinderter junger Menschen erleichtern, Anträge auf Schulassistenz zu stellen. «Anstatt wie bisher zusätzlich zum Staatlichen Schulamt bei Jugend- oder Sozialamt vorstellig zu werden, wäre dann nur eine Anlaufstelle zuständig», erläuterte der Sozialexperte Thomas Poreski. Viele Eltern beschwerten sich über die gegenseitige Blockade von Behörden zulasten ihrer Kinder. Manche Schüler mit Handicaps brauchen Assistenten, die ihnen den schulischen Alltag bewältigen helfen. Die Mittel sollten für zunächst drei bis fünf Jahre den Schulämtern zufließen, sagte Poreski in Stuttgart.

Nach den ersten Jahren müsse das Verfahren bewertet und wo nötig nachjustiert werden – auch wegen möglichen finanziellen Mehrbedarfs. Die Kommunen sollten eine Revisionsklausel erhalten. Der Städtetag trägt laut Poreski dieses Konzept nach nordrhein-westfälischem Vorbild im Grundsatz mit; Gemeinde- und Landkreistag sollten sich noch einen Ruck geben, forderte der Grünen-Politiker.

Davon ist der Präsident des Landkreistags, Joachim Walter (CDU), weit entfernt. «Herr Poreski will uns eine Institution zur Seite stellen, die unser Geld ausgibt. Das können wir selbst.» Schulamts-Budgets seien sinnvoll, sie müssten aber vom Land gespeist werden. Laut Koalitionsvertrag sei dieses für die personelle, räumliche und sächliche Finanzierung der Inklusion zuständig, unterstrich der Tübinger Landrat. Die SPD-Fraktion befürwortete unterdessen den Vorschlag der Grünen: Mittel für Schulassistenz bei den bereits für Pädagogik und regionale Schulentwicklung zuständigen Schulämtern anzusiedeln, sei sinnvoll, sagte Sozialexperte Rainer Hinderer.

Die Grünen-Fraktion forderte überdies in einem einstimmig beschlossenen Eckpunktepapier 200 Stellen für Sonderpädagogen, die den Schulämtern zugeordnet und von diesen bedarfsorientiert an die Regelschulen verteilt werden. Dabei sollen die Sonderschullehrer zwingend zum Kollegium einer Schule gehören, wenn auf diese mehr als 50 Prozent ihrer Lehrverpflichtung entfällt, sowie schulübergreifende Supervision erhalten. Aus den 21 Schulämtern verlaute, dass ein Pool von rund zehn Stellen bereits als «guter Fortschritt» gewertet werde.

Die vom Kultusministerium ins Gespräch gebrachten 4000 Stellen für Inklusion hält Poreski für überzogen; so seien etwa Schließungen und Zusammenlegungen von Sonderschulen nicht eingerechnet. «Das ist vom Tisch.» Ein inklusives Schulsystem sei kein Sparmodell, müsse langfristig aber nicht zwingend erheblich teurer sein als der bisherige Parallelbetrieb von Sonder- und Regelschulen.

Der Abgeordnete aus dem Wahlkreis Reutlingen prognostiziert, dass in zehn Jahren im Südwesten bis zu 80 Prozent aller behinderten jungen Menschen an Regelschulen oder dort zumindest in Außenklassen unterrichtet werden. In der Modellregion Tübingen/Reutlingen liege der Wert bereits jetzt bei 50 Prozent. Das habe Vorteile für alle. So heißt es in den Eckpunkten: «Nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern wir alle haben ein Recht auf die volle Vielfalt der menschlichen Erfahrung und damit auf ein inklusives Gemeinwesen.»

Ein Kernpunkt des Konzeptes ist das Recht des behinderten Kindes auf Besuch sowohl einer Regel- als auch einer Sonderschule, aber nicht einer bestimmten Schule, wenn dort die Rahmenbedingungen – etwa behindertengerechter Zugang – nicht passen. Gruppeninklusion von Kindern mit ähnlichem Förderbedarf sei sinnvoll; aber auch „Einzelinklusion“ – etwa eines köperbehinderten Kindes – sei möglich.

Es soll keine Schwerpunkt-Regelschulen für Inklusion geben, sondern Profilierung entlang des sonderpädagogischen Fachwissens dort tätiger Lehrer. «Nicht jeder kann alles», sagte der Diplompädagoge mit Blick auf die Ausbildung der Sonderpädagogen in zwei Förderbereichen. Die bisherigen Sonderschulen sollten sich zu Kompetenzzentren – auch für nicht-behinderte Kinder – weiterentwickeln. dpa

Zum Bericht: Einigung bei der Finanzierung der Inklusion in NRW – “Den Worten müssen jetzt Taten folgen”

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