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Studie: Jedes dritte Kind in Deutschland ohne große Zukunftschancen

BERLIN. In Deutschland wächst nach einer neuen Studie eine gespaltene junge Generation heran. Zwei Dritteln der Kinder ging es noch nie so gut wie heute. Ein Drittel aber hat wenig Perspektiven.

unglücklicher Junge

In einem reichen Land arm zu sein, kann viel demütigender sein, als in einem armen, betont der Kölner Sozialwissenschaftler Christoph Butterwegge. Foto: horrigans / Flickr (CC BY-NC 2.0)

Die Gegensätze beim Aufwachsen von Kindern in Deutschland waren nach Einschätzung der Arbeitsgemeinschaft für Kinder- und Jugendhilfe selten so groß wie heute. Während zwei Drittel der Kinder ohne Sorgen in einem stressfreien Familienklima groß würden, drohe ein knappes Drittel der jungen Generation abgehängt zu werden, heißt es einer Untersuchung der Arbeitsgemeinschaft (AGJ).

Hauptursachen dafür seien Bildungsmangel, Arbeitslosigkeit und Geldsorgen der Eltern, teilte der Verband in Berlin mit. Überproportional betroffen von dieser «Risiko-Hypothek» seien junge Migranten und Kinder von Alleinerziehenden. «Die Schere geht immer weiter auseinander», sagte die AGJ-Vorsitzende Karin Böllert. Dabei sei die Lage für das Verlierer-Drittel fatal. «Kinder, die einmal abgekoppelt sind, haben kaum Chancen, in der Gesellschaft Fuß zu fassen.» In Berlin lebe jedes dritte Kind von staatlichen Geldern, ergänzte Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD).

Für die Studie hat die AGJ bundesweit amtliche Statistiken der vergangenen 20 Jahre ausgewertet. Danach wachsen heute 18 Prozent der Kinder und Jugendlichen in Familien auf, in denen großer Geldmangel das Alltagsleben prägt. 12 Prozent haben Eltern ohne ausreichende Schulbildung. Und in 10 Prozent der Familien haben die Eltern keine Arbeit. Besonders häufig zählten im Ergebnis viele Kinder aus Migrantenfamilien zu den Bildungsverlierern der jungen Generation.

Als Gegenmaßnahmen empfiehlt die Arbeitsgemeinschaft eine noch gezieltere und individuellere Förderung von Kindern und Jugendlichen außerhalb ihrer Elternhäuser – von Anfang an. So müsse in Kitas auf drei Kinder unter drei Jahren eine Erzieherin kommen. Noch entfielen vier oder mehr Kinder auf einen Betreuer. Und auch für Kinder arbeitsloser Eltern müsse es Ganztagsplätze in Schulen und Kindergärten geben.

Deutschland ließ sich die Kinder- und Jugendhilfe nach Berechnungen des Verbandes im Jahr 2012 rund 32 Milliarden Euro im Jahr kosten – so viel wie noch nie. 2002 waren es 20 Milliarden Euro. Den größten Zuwachs gab es – auch durch das Recht auf einen Kindergartenplatz – bei den Kitas. 70 Prozent der Kosten für die Kinder- und Jugendhilfe finanzieren die Kommunen. Damit haben sie ihre Ausgaben dafür laut Untersuchung seit 1990 mehr als verdoppelt.

Zwei Dritteln der Kinder und Jugendlichen geht es nach der Studie noch nie so gut wie heute. Im Ergebnis verzeichnen die Autoren einen «enormen Bildungsaufstieg» dieser jungen Generation. Die Hälfte schaffe inzwischen das Abitur; der Anteil der Schulabbrecher nehme kontinuierlich ab und liege heute bei weniger als sieben Prozent.

Am 3. Juni beginnt in Berlin der Deutsche Kinder- und Jugendhilfetag mit 40.000 Teilnehmern aus ganz Europa, einem Fachkongress und einer Fachmesse. dpa

Hier geht es zu einer Unterrichtsreihe zum Thema Armut in Deutschland.

10 Kommentare

  1. Hier sollte das Thema Inklusion auch wieder aufgegriffen werden, da auch die Kinder aus bildungsfernen Familien inkludiert werden müssen. Inklusion betrifft nicht nur SuS mit Handycaps sondern auch SuS aus bildungsfernen oder bildungsfremden Schichten.
    Ich stimmt denen zu, die sagen es wird immer noch zu wenig in die Bildung investiert. Würden die Politiker in Berlin und Brüssel mindesten 2 Jahre ohne Diätenerhöhung sowie die Boni-Bänker und Manager mindestens 6 Jahre ohne Boni auskommen, käme bestimmt genug Geld zusammen, um einiges im Bildungssektor zu machen.

    • PseudoPolitiker

      Die immer gleiche Gretchenfrage: Ist wirklich das Geld verantwortlich für die Mängel im Bildungsbereich? Vielleicht wird ja mit den Gelddiskussionen nur abgelenkt vom Krisenherd. Solange alle Welt über zu wenig Geld klagt, sind die Schulplaner und Bildungsarchitekten mit ihren oft seltsamen Plänen in Sicherheit.
      Sogar der Pisa-Papst Andreas Schleicher hat zugegeben, dass Deutschland mittlerweile nicht mehr zu wenig Geld ausgibt für die Schulen.
      Aber wenn es im Gebälk knirscht, ruft jeder wie eh und je nach Geld für Nachbesserungen statt nach einem Wechsel der Architektur bzw. des Architekten.

      • Es geht mir darum, dass die Klassen (SuS-Anzahl) kleiner und mehr Lehrkräfte eingestellt werden. (Letzteres ist leider ohne Investition nicht möglich.)
        Was die Schulplaner und Bildungsarchitekten angeht, gebe ich Ihnen recht.

  2. Als Gegenmaßnahme empfiehlt man mal wieder Betreuung außerhalb der Elternhäuser…. statt de Elternhäuser mal zu stärken, werden immer mehr Elternhäuser geschwächt. Als ob Lehrer und Erzieher das, was zu Hause schief läuft im Großgruppenbetreuungs-Bootcamp wieder richten könnten. Kinder brauchen auch Freiräume und Schonräume. Die erhalten sie zugegebenermaßen nicht vor dem Fernseher, Handy oder Computer, aber auch nicht vor der Großgruppe, in der sie sich behaupten müssen.
    Familien brauchen Orte, an die sie sich zurückziehen können und Zeit füreinander. Und Material, um Familie sein zu können – sichere Spielplätze ohne Hunderscheiße und Drogenspritzen (insbesondere in Gegenden mit hoher Arbeitslosigkeit. Billdungsferne Eltern sind ja nicht völlig verbödet. Auch sie lassen ihre Kinder nicht auf verrosteten, versifften Spielplätzen spielen), Spiele, Spielzeug, Bücher, Hilfe bei der geeigneten Auswahl derselben (und beim Verständnis)
    Keiner sagt etwas von freiem Mittagessen oder Büchergeld, von bezahlten Ausflügen oder freien Spielecken, nur von längerer Betreuung (bzw. es heißt ja meist “Bildung”, als ob in einer 8./9. Stunde noch Bildung stattfände).

    • Da eine Schule für die Bildung zuständig ist, passt eine Betreuung nicht dazu — auch wenn die Kinder nachmittags mit Glück betreut, meistens eher nur beaufsichtigt werden. Es ist halt politisch korrektes Geblubber.

      Ähnlich werden Senioren in den Hochglanzprospekten der Heime offiziell betreut, in Wahrheit eher satt und halbwegs sauber gehalten.

    • merhnachdenken

      Ebenso fragwürdig ist die Terminierung von Förderunterricht in der 6. Stunde oder nach dem Mittagessen. Was soll dabei schon herauskommen?
      Das wird aber dann oft genug als gut durchdachtes Förderkonzept “verkauft”.

      • Die beste Förderung für ein Kind ist meiner Meinung nach die passendste Schulform bzw. ersatzweise die Gesamtschule. Das hört allerdings die Nachhilfelobby nicht gern …

        Laut Schulgesetz _muss_ jede Schule ein Förderkonzept in ihrem Programm vorweisen. Wie frei dieses Konzept dann in der Realität interpretiert bzw. umgesetzt wird, steht auf einem anderen Blatt. Ein einmal angemeldetes Kind meldet sich nur selten wieder ab und das sehr oft auch nur bei Wohnortwechsel, selten bei fehlendem oder falschen Förderkonzept.

  3. Nachhilfe funktioniert deshalb besser als Schule, weil dort -selbst bei ungünstigsten Bedingungen- maximal 5 Kinder auf einen Lehrer kommen und dieser meist weit weniger gehetzt ist durch administrative Aufgaben. Das kann selbst das beste Förderkonzept nicht leisten – jedenfalls nicht flächendeckend und für alle Fächer. Mit nur 10 Kindern in der Klasse wüsste ich innerhalb von zwei Wochen die Namen sämtlicher Kuscheltiere und wieso Mariechen traurig ist, dass Schnuffis Nase dreckig ist. Und dann ist Mariechen vielleicht nach einem kurzen Gespräch über Schnuffi auch wieder bereit die Addition zu erlernen. Das bedeutet dann für die Politik: Wir packen die Klassen mit 36 Kindern voll und lassen sie bis abends betreuen. Statt: Wir geben den Eltern wieder mehr Zeit mit ihren Kindern, damit kleine Probleme dort gelöst werden können und Mariechen sich auf Schule konzentrieren kann (und ärmeren Eltern geben wir die Mittel, um tatsächlich Probleme lösen zu können- in Schnuffis Fall eine Waschmaschine und fließend Wasser – ).
    Und bei Jugendlichen ist es nicht mehr Schnuffi, der krank ist, sondern da kommt der erste Liebeskummer, Mobbing etc. Wer kümmert sich darum, bei großen Klassen und längerer Fremdbetreuung? Die Eltern? Wann? Am Wochenende zwischen 15 und 17 Uhr? Die Lehrer- die je nach Zeitpunkt, wann dieser Liebeskummer auftritt, gerade den Namen gelernt haben? Die Peergroup? Der Politik muss klar sein, dass mit längerer Fremdbetreuung, mit häufiger wechselnden Betreuungspersonen, mit weniger Kontakt zu den Elternhäusern, die Peergroup die Erziehung mit übernehmen wird. Das war schon früher so (dem Stärksten gehört das Baumhaus), aber früher gab es Rückzugsmöglichkeiten für diejenigen, die sich nicht von Gleichaltrigen erziehen lassen wollten: Das Elternhaus, der Garten, der nahe gelegene Wald…. Diese Rückzugsmöglichkeit will die Politik vor lauter Fürsorge -Dauerbetreuung – wegnehmen.

    • Ja, diese Rückzugsmöglichkeiten beschneidet die Bildungspolitik. Da gebe ich Ihnen unbedingt Recht. Ob dies allerdings aus Fürsorge geschieht, bezweifle ich. Natürlich wird das so dargestellt, damit das Volk staatliche Ganztagsbetreuung gut findet.
      Glücklich die Kinder, die noch noch nicht den ganzen Tag über mit einer aufoktroyierten Gruppe verbringen müssen.

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