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Das Abitur wird verschenkt? Das wüsste ich aber …

DÜSSELDORF. „Das Abitur ist heute leichter als früher. Es wird einem geschenkt, es ist nicht mehr so viel wert wie noch vor zehn, zwanzig, dreißig Jahren“ – behaupten jedenfalls die „Welt am Sonntag“-Autoren Thomas Vitzthum und Céline Lauer in einer viel beachteten Titelgeschichte ihrer Zeitung. Auch News4teachers hat darüber berichtet. Tatsächlich stimmt die These aber nicht. Eine Gegenrede von News4teachers-Herausgeber Andrej Priboschek.

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Ich möchte diesen Beitrag mit einem Bekenntnis beginnen: Ich habe 1984 in Düsseldorf Abitur gemacht – und mir wurde es, gemessen an heutigen Maßstäben, hinterhergetragen. Ich war damals 19 Jahre alt, einmal sitzengeblieben, und auf dem Höhepunkt einer jugendlichen Renitenz. Lernen? Null Bock. Wie auch zu vielem anderen nicht,  was damals als bürgerlich galt und heute noch gilt. Atomkraft? Nein danke. Leistung? Auch nicht. Lieber organisierten wir einen Schulstreik gegen das neue Schulgesetz, ohne wirklich zu wissen, was drinstand. War aber auch nicht schlimm – denn es galt damals als chic, auch unter Lehrern, wenn Schüler den Habitus von Revolutionären pflegten und Unterrichtsstunden lieber in der Raucherecke als im Kursraum verbrachten. Statt mich abzuwatschen, zog mich die Schule durch. Noten gab‘s großzügig und gnadenhalber – auch in den Abiturprüfungen, denn die wurden von den einzelnen Lehrern damals ja in Eigenregie gestaltet. Da ließ sich leicht ein Auge zudrücken.

Und heute? Heute habe ich einen 16-jährigen (!) Sohn, der im nächsten Jahr Abitur machen wird. Der das Gymnasium in acht Jahren durchläuft (statt in zehn wie ich). Der einzelne Lehrer hat, die grundsätzlich keine Eins vergeben (allen Ernstes, warum auch immer). Der dreimal in der Woche erst spätnachmittags nach Hause kommt und dann immer noch Hausaufgaben zu erledigen hat. Und der vor Klausuren bis in die späten Abendstunden hinein paukt. Ein guter Schüler, ja, aber kein Überflieger. Und ein Schüler, der wesentlich mehr drauf hat, als ich in seinem Alter hatte.

Welche Belege bieten denn die „WamS“-Autoren, um ihre These vom „geschenkten Abitur“ zu belegen? Checken wir sie doch mal.

  1. „Das Abitur ist der begehrteste Abschluss in Deutschland. Das Gymnasium die beliebteste Schulform. Zwar nimmt die Zahl aller Schulen ab, weil die Zahl der Schüler zurückgeht. Doch die Schulen, die das Abitur anbieten, wachsen noch. Vor allem Gymnasiasten gibt es immer mehr. Ihr Anteil an allen Schülern stieg von 30,7 auf 34,4 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Vor 40 Jahren ging nicht mal ein Zehntel eines Jahrgangs aufs Gymnasium. In den Stadtstaaten, in großen Städten, aber auch in einem Land wie Nordrhein-Westfalen mit seinen 17 Millionen Einwohnern ist es heute dagegen mehr als die Hälfte.“Ja und? Was sagt das aus? Nur weil mehr Schüler heute das Abitur machen, muss es nicht einfacher sein. In Finnland liegt die Abiturientenquote sogar bei rund 70 Prozent – auf höherem Niveau als in Deutschland, wie wir dank PISA wissen.
  2. „Mit diesem Schuljahr aber können nicht einmal mehr schlechte Noten die Versetzung in den Klassen eins bis zehn gefährden. Das Sitzenbleiben ist abgeschafft, weil Bildungsexperten den pädagogischen Sinn der Maßnahme schon lange infrage stellen. Sitzenbleiben ist überall out.“Tatsächlich sinken in allen Bundesländern die Sitzenbleiberquoten – vor allem, weil heute in den Schulen besser gefördert wird. Tatsächlich steigt aber das Leistungsniveau in Deutschland, wie PISA 2012 belegt. Deutschland hat seit der ersten PISA-Studie signifikante Fortschritte gemacht. Das Sitzenbleiben war offenbar keine besonders wirkungsvolle Maßnahme, in der Breite angewandt jedenfalls nicht. 
  3. „Ist es wirklich ein Beleg für den Wert des Abiturs, wenn es immer mehr Arbeitgeber verlangen? Oder zeigt das nicht vielmehr, dass der Respekt vor dieser Leistung, vor den Abiturnoten gesunken ist?“Die steigenden Ansprüche von Unternehmen sollen belegen, dass das Abitur leichter geworden ist? Dann könnte man auch behaupten, dass Autos technisch immer schlechter werden, weil die Menschen sich immer größere davon kaufen. Eine schräge Argumentation. 
  4. „Die Kultusministerkonferenz stellt seit 2002 eine jährliche Statistik über die Abiturnoten in den Bundesländern auf. Die Dokumente gibt es nur auf Anfrage. Die Abiturienten in allen Ländern werden immer ‚besser‘, bekommen immer häufiger sehr gute Noten.“Abiturienten müssen zunehmend um ihre Zukunft kämpfen – weil immer mehr Fächer zulassungsbeschränkt sind. Mittlerweile sind zwei Drittel der Studienfächer mit einem Numerus Clausus belegt. Wer ein Wunschfach studieren will, benötigt heute ein sehr gutes Abitur. Und strengt sich dafür an. 
  5. „Die Notenschnitte steigen flächendeckend, die Unterschiede in den schulischen Anforderungen bleiben. Forscher stellen zwischen den Ländern in einzelnen Fächern Leistungsunterschiede von zweieinhalb Jahren fest. Leistungsunterschiede – nicht Noten-Unterschiede!“Stimmt! War aber immer schon so und trägt nichts zur Eingangsthese bei. 
  6. „In Berlin ist mittlerweile wie in Bayern das Zentralabitur üblich. Früher entwarfen Lehrer in den Ländern für ihre Klassen meist zwei Aufgaben, schickten sie an die Schulbehörde und erhielten eine davon in einem verschlossenen Umschlag zurück. Die Umstellung aufs Zentralabitur wurde mit Fairness begründet und damit, dass dessen Standards höher seien – siehe Bayern. Das war offenbar ein Trugschluss. (…) ‚In den Ländern, wo das Zentralabitur eingeführt wurde, wurden die Aufgaben oftmals leichter‘, sagt der Präsident der Universität Hamburg, Dieter Lenzen.“Natürlich wurden die einzelnen Aufgaben mit dem Zentralabitur leichter. Es hat aber auch nie jemand etwas anderes behauptet. Früher war es ja so, dass Lehrer ihre Schüler auf den Punkt vorbereiten und deshalb ein extrem hohes Spezialisierungsniveau erwarten konnten. Das ist heute anders, weil auch die Lehrer die Aufgaben nicht mehr vorab kennen. Dafür müssen sich die Schüler auf ein viel breiteres Spektrum möglicher Prüfungsfragen einstellen. Das soll alles in allem einfacher sein?

Aus eigener Erfahrung weiß ich: Das ist es nicht. Mein Sohn und seine Altersgenossen bekommen das Abitur weißgott nicht geschenkt. Das Gegenteil ist richtig: Hier kommt bald eine Generation hervorragend ausgebildeter, weltgewandter und sprachfertiger junger Menschen aus den Schulen an die Universitäten und in die Unternehmen und übernehmen in absehbarer Zeit dort die Ruder. Freuen wir uns darüber, statt ihnen die Qualifikation abzusprechen.

Hier geht es zu dem Beitrag „Abitur für alle!“ aus der Welt am Sonntag.

Zum Bericht: Abi-Noten werden immer besser

 

79 Kommentare

  1. Oh ja, Herr Priboschek. Es ist, wie Sie sagen: Die Gymnasiasten haben heute an mehreren Tagen Nachmittagsunterricht und pauken bis in die Abendstunden. Das habe ich auch schon mitgekriegt.
    Wie erklären Sie sich aber, dass immer mehr Hochschulen Nachhilfekurse für Abiturienten einrichten müssen, weil diese sonst nicht erfolgreich ins Studium starten könnten? Vor allen Dingen mangelt es an den „primitiven“ Kulturtechniken Lesen, Schreiben und Rechnen, wobei die naturwissenschaftlichen Fächer von besonderem Nichtwissen betroffen sind.
    Für mich bleibt nur die Erklärung, dass hier immer mehr gelehrte Weltanschauung die Fächer bestimmt, für die auch „gebüffelt“ werden muss. Ob sie aber „eine Generation hervorragend ausgebildeter, weltgewandter und sprachfertiger junger Menschen“ hervor bringt, über die wir uns alle nur freuen sollten, bezweifle ich.
    Ganz konkret: Meine Schwester hat seit mehreren Jahren an einer Hochschule einen Lehrauftrag für Förderkurse in Mathematik. Sie liebt ihre Arbeit, ist aber immer wieder verzweifelt über das geringe Niveau der Abiturienten. Wie erklären Sie sich das angesichts Ihrer Behauptung von den hervorragend ausgebildeten jungen Menschen“?

    • Liebe Frau Werner,

      es mag ja sein, dass Abiturienten heute in einigen Bereichen schlechter abschneiden als die vor 20, 30 Jahren – in anderen dafür deutlich besser. Beispiel Sprachen: Heutige Abiturienten verfügen nicht nur über Paukwissen in Englisch, Französisch und anderen Sprachen – sondern können tatsächlich flüssig sprechen und kommunizieren. Das, was Schülern heute abverlangt wird (übrigens dann auch später im Beruf), ist etwas ganz anderes als das, worum es in der Vergangenheit ging: Das Repetieren von Wissen ist weitgehend passé, Kompetenzen sind gefordert. Etwa, sich neues Wissen innerhalb von kürzester Zeit aneignen zu können. Und darin sind unsere Abiturienten, so meine Erfahrung, wirklich gut. Deshalb: kein Grund zum Kulturpessimismus.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek

      • Sehr geehrter Herr Priboschek, ich komme gerade aus den Abiturprüfungen meiner Schule. Ein paar Kostproben gefällig von Schülerinnen und Schülern, die das Abitur bestanden haben? Eine konnte Afrika (ja, den Kontinent) nicht auf der Weltkarte finden. Bei einem anderen teilte sich vor 1989 Deutschland in die kommunistische BRD und die imperialistische und kapitalistische DDR, er bestätigte das noch einmal auf Nachfrage. Ein weitere Schülerin war verwundert, dass 3/2 (drei Halbe) und 1,5 das Gleiche ist, und Wurzel aus 9 war im Kopf auch nicht drin. Und ich vermute, dass fast jeder Kollege ähnliche Beispiele findet.
        Und nun zur ihrem Satz: „Hier kommt bald eine Generation hervorragend ausgebildeter, weltgewandter und sprachfertiger junger Menschen aus den Schulen an die Universitäten“
        Meiner Ansicht sind 30% aller Abiturienten schlicht nicht studierfähig, viele wissen das auch selbst und wollen zum Glück nicht studieren, andere aber streben trotz der 5 in Mathe ein Physikstudium an!

        Mein Fazit: Wir vergeben an viel mehr junge Menschen das Abitur als studierfähig sind. Das hat sich im Gegensatz zu früher geändert und ist politisch gewollt(in diese Linie passt ihre Argumentation zum Sitzenbleiben: Die Quote nimmt ab, weil es einfach zum großen Teil schlicht abgeschafft wird, nicht weil die Schüler besser werden). Und in diesem Zug heben wir die guten Schüler auf ein 1,0-Schild, weil sie aus dem ganzen Mittelmaß herausragen. Daher auch die Zunahme an 1,0-Abschlüssen.

        • Ein Kommentar, den ich nur unterstützen kann!

        • mehrnachdenken

          Auch ich meine, dass der Kommentar des Herausgebers von News4teachers
          ganz gewaltig an der schulischen Wirklichkeit vorbeigeht.

          Wie jemand „vom Fach“ diese so verzerrt wahrnehmen kann, erschließt sich mir nun überhaupt nicht!!

        • Lieber Küstenfuchs,

          Ihre Beispiele zeigen, dass es junge Menschen (Abiturienten) mit eklatanten Wissenslücken (oder vielleicht auch nur Prüfungsaussetzern) gibt. Sie belegen aber nicht, dass es die früher nicht gegeben hat. Sorry, die Einschätzung „früher war alles besser“ teile ich nicht. Früher war die Schule keineswegs besser – wie sich wissenschaftlich untermauern lässt. Eine Untersuchung der renommierten Bildungsforscher Klemm und van Ackeren, in der sie Schulleistungen aus den 60er Jahren unter die Lupe nahmen, kommt zu dem Schluss: „Das Schulsystem Westdeutschlands erbrachte während der 60er Jahre überwiegend Schülerleistungen im Mittelfeld. Es kann also keine Rede davon sein, dass die Schulen der Bundesrepublik vor der Phase der Bildungsexpansion und vor den ohnedies nur halbherzig betriebenen Reformen Exzellenz hervorgebracht hätten.“ Das bedeutet nicht, dass in Teilbereichen die Leistungen nicht doch recht gut waren – in Mathematik zum Beispiel, was sich dadurch erklären lässt, dass damals Mathe für alle Abiturienten Prüfungsfach war. http://www.grundschulpaedagogik.uni-bremen.de/lehre/2001ws/gspaed/orga/vonwegengoldenesechziger.pdf

          Heute gibt es dafür andere Schwerpunkte, in den Sprachen zum Beispiel. Vergleichen Sie mal die (von PISA nicht getesteten) Sprachkompetenzen heutiger deutscher Oberstufenschüler mit denen aus Frankreich, England oder Italien – oder mit denen, die früher in Deutschland die Regel waren. Hier gibt es nach meiner Beobachtung eine sehr erfreuliche Entwicklung.

          Herzliche Grüße
          Andrej Priboschek

          • Sehr geehrter Herr Priboschek,

            mein Beitrag sollte gar nicht in die Rubrik „Früher war alles besser“ fallen, schon gar nicht in eine Jugend-Schelte-Kategorie. Mein Hinweis bezog sich nur darauf, dass wir vielen Schülern das Abitur geben, ohne dass sie auch nur im entferntesten „hochschulreif“ sind.
            Meiner Meinung haben wir die Quote an Schülern, die pro Jahrgang das Abitur ablegen, zwar verdoppelt, dafür aber die Anforderungen durchgängig gesenkt. „Schülerleistungen aus dem Mittelfeld“ der 60ger sind mit den Schülerleistungen heute kaum vergleichbar. Damals haben ein erheblicher Anteil von weit über 50% der Abiturienten studiert, ich kennte die Zahlen zwar nicht, aber wäre es anders, hätten wir heute erheblich zu wenig Ärzte, Lehrer usw. usw. Heute ist das nicht so: Ein Abi mit einer 3 vor dem Komma führt nur in weniger Ausnahmefällen auf die Universität/Hochschule. Und aus diesem „Kundenkreis“ kommen auch meine angeführten Beispiele.

            Ihre Darstellung zum Fach Mathematik (ich bin Mathematiker), nach der früher die Leistungen besser waren, kann ich mit einem Blick auf meine damalige Abiturarbeit nur bestätigen, die kann man heute in keinem Bundesland mehr schreiben lassen. Ihr Argument zur guten Mathe-Leistungen („was sich dadurch erklären lässt, dass damals Mathe für alle Abiturienten Prüfungsfach war.“) stimmt allerdings so nicht. Wenn alle Schüler in Mathe geprüft werden, ist der Notenschnitt notwendigerweise schlechter, weil die schlechten Mathematiker das Fach nicht umgehen können. In meinem Bundesland bekommen die Schüler zudem mehr Mathematikuntericht als früher in einem Grundkurs und trotzdem sinken die Leistungen im Schnitt. Man bekommt daher heute mit der gleichen Leistung wie vor 20 Jahren leichter 15 Punkte als damals. Auch das ist meiner Meinung nach so zu erklären, dass heute mehr Gymnasiasten da sind, obwohl die Schülerschaft insgesamt nicht „schlauer“ geworden ist, und dies zu einer Verschiebung der Noten um 1-2 Notenpunkten nach oben geführt hat.

            Mein Fazit bleibt daher: Zu viele nicht studierfährige Abiturienten und zu viele 15 Punkte-Leistungen, die vor 20 Jahren noch 13 oder 14 Punkte bekommen hätten.

          • Küstenfuchs,
            alleine die Tatsache, dass sie selbst zugeben die Zahlen nicht zu kennen zeugt von ihrer Inkompetenz. Zum Punkt Mathe : Wenn ich keine Prüfung im Fach Mathematik ablegen muss lerne ich auch nicht dafür, ganz einfaches Prinzip :). Die wie sie meinen „schlechten Mathematiker“ könnten sich eben durch gezielte Übungen auf eine Prüfung vorbereiten und dadurch auch gute Ergebnisse erzielen. Und nein, man bekommt heute eben nicht leichter 15 Punkte als vor 20 Jahren, diese Aussage können sie einfach nicht belegen ohne die Situation in den heutigen Schulen zu können.

  2. ich stimme frau werner im wesentlichen zu. jedoch hätte man ihre argumente nahezu wörtlich auch vor 20, 50, 80 jahren bringen können und sich dabei auf das abitur von 20 jahren vorher beziehen.

    ich habe diese woche per zufall ein mathematikbuch realschule klasse 10 von 1975 durchgeblättert. vom fachlichen Niveau her könnte man den stoff in keinem gymnasialen leistungskurs der 11/12 mehr bringen, auch nicht in schulen mit cas-rechnern.

    • mehrnachdenken

      Wenn ich mir alte Deutschbücher ansehe, komme ich zu einer gegenteiligen Einschätzung. Große Teile des Lernstoffes für bspw. Fünftklässler würde viele heutige Achtklässler überfordern.

      • mehrnachdenken

        Autsch! Möglicherweise gehen unsere Ansichten gar nicht auseinander.
        Sie beziehen sich auf ein Mathebuch für eine 10. RS-Klasse. Meinen Sie, dass ein Leistungskurs 11/12 damit heute fachlich überfordert wäre?

  3. Milch der frommen Denkungsart

    Sehr geehrter Herr Priboschek,

    ich will hier eigentlich nicht in die mittlerweile leidige Diskussion um den Kompetenzbegriff eingehen, hinter dem sich meiner bescheidenen Meinung nach nichts anderes verbirgt als alter Wein in neuen Schläuchen; auch über die Definition von „Wissen“ ließe sich natürlich trefflich streiten, wobei ich aus der Praxis etlicher Präsenta-
    tionsprüfungen weiß, daß es sich hierbei nur allzu oft um ein durch visuelle Kunststückchen getarntes Halbwis-sen handelt, sobald man an der Oberfläche zu kratzen beginnt, sich mithin eher als Inkompetenz entlarvt.

    Gewiß kann man beileibe nicht alle Schüler pauschal über einen Leisten scheren – natürlich gibt es nach wie vor eine Masse an tatsächlich studierfähigen (!) bzw. für eine Ausbildung gerüsteten Schülern.
    Was aber unleugbar ist: eine beträchtliche Anzahl unserer Abiturienten ist nicht in der Lage, Texte von mäßi-gem Anspruchsniveau zu analysieren wie zu interpretieren, geschweige denn diese in sprachlich adäquatem Deutsch wiederzugeben – von mangelnder Orthographie und Interpunktion einmal gänzlich abgesehen (man erkundige sich nur einmal bei diesbezüglich leidgeprüften Universitätsdozenten).
    Solche Feststellung hat in meinen Augen nun nichts mit Kulturpessimismus zu tun, sondern mit der Realität, womit die Praktiker tagtäglich konfrontiert werden, die auch die faktische Inflation guter Abiturschnitte in einer politisch gewollten Niveausenkung begründet wissen, nicht etwa in einer besseren Förderung (mit Verlaub, Herr Priboschek, da sind Sie wohl den gesundbeterischen Wolkenkuckucksheimträumen etlicher theoretisierender Bildungsfunktionäre verfallen); ebenso erinnert Ihre Vermutung, daß sich die Schüler für
    ein hochwertiges Abgangszeugnis heute eben mehr ins Zeug legten, doch an das rosarote Goethesche
    Ideal vom edlen, hilfreichen und guten Menschen, das einer praktischen Prüfung freilich leider ebensowe-
    nig standhält.

    Kurzum: wenn ich gleich nicht der Meinung bin, das Abitur würde den Schülern momentan pauschal als
    Geschenk in den Schoß gelegt, so sehe ich in der meines Erachtens nach unbestreitbaren Tendenz in
    Richtung eines niveauverkleisternden „Volksabiturs für alle“ die eigentliche Gefahr für die kulturelle wie ökonomische Entwicklung in unserem Lande.

    • Sehr geehrte „Milch“,

      sorry, wenn ich gerade ein bisschen lächeln muss: Ich habe gerade einen hübschen Beitrag gelesen, der 5000 Jahre Kritik an der Jugend dokumentiert – von sumerischen Tontafeln bis heute.

      http://www.bildungswissenschaftler.de/?p=626

      Die Konstanz der Klage, dass die Jugend schlecht erzogen ist und zu wenig lernt, ist bemerkenswert.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek
      Herausgeber News4teachers

      • Sehr geehrter Herr Priboschek,
        Sie geben hier die Standardantwort auf Kritik an „heutiger Jugend“, wie ich sie aus vielen Konferenzen und von Vorträgen kenne – den Hinweis, dass es gleichlautende Aussagen aus historischer Zeit gibt. Irgendwie scheinen die Zitierenden der Meinung zu sein, dass damit die konkrete Kritik widerlegt oder als irrelevant entlarvt sei. Nun ist es ja nicht schwer vorstellbar, dass es auch ein Auf und Ab in Lernbereitschaft und Verhalten der Jugend gegeben haben kann – ein Historiker könnte vielleicht sagen, ob denn auch dafür Zitate zu finden sind. Eine „konstante Klage“ über 5000 Jahre und über viele Kulturräume hinweg? Da müssten Sie dann wohl einige Tausend historische Texte als Beleg aufbieten – gibt es die wirklich?

        Ich finde, Sie sollten sich schon die Mühe machen, auf inhaltliche Aussagen auch inhaltlich einzugehen.
        Meine konkrete Erfahrung mit Mathematik in Klasse 11 – 13 ist, dass die Aufgaben von vor 15 Jahren vom Durchschnitt einer Jahrgangsstufe heute sehr viel schlechter verstanden und bewältigt werden. Und wie Sie ja wissen waren Schülerorientierung und lebensnahe Aufgaben 1999 durchaus schon selbstverständliche Themen.

        • Lieber Reinhard,

          1997, vier Jahre vor dem PISA-Schock, gab es bereits den TIMSS-Schock: Deutschland hatte in dem internationalen Mathematik-Leistungsvergleich unter 41 Nationen nur Platz 23 belegt. Seitdem gibt es kontinuierliche Anstrengungen, den Mathematikunterricht zu verbessern, heißt: stärker an Kompetenzen auszurichten. Seitdem haben sich tatsächlich die Mathematik-Leistungen der deutschen Schüler im internationalen Vergleich (und auch absolut) kontinuierlich verbessert. Insofern widerspricht die empirische Bildungsforschung Ihren Erfahrungen. Richtig aber ist auch: Deutschland ist bei den Spitzenleistungen in Mathematik vergleichsweise dünn. In Sachen Begabtenförderung gibt es hier zweifellos Nachholbedarf.

          Herzliche Grüße
          Andrej Priboschek

          • PseudoPolitiker

            Und wo bleibt der Eindruck vieler Lehrer (siehe Reinhard!), dass es keineswegs bergauf geht mit den Leistungen, wie Sie internationalen Vergleichen entnehmen?
            Allmählich habe ich den Eindruck, dass mit solchen Leistungsvergleichen Politik gemacht wird und zweifle an der Aussagekraft. Zumindest stört mich, wenn das Urteil erfahrener Lehrer einfach in den Wind gepustet wird, so als sei es nichts wert.
            Außerdem kann es nur bergauf gehen, wenn der Maßstab stimmt. Und stimmt er noch, wenn Länder in die Knie gehen, die einstmals Spitzenplätze einnahmen, nicht zuletzt in Europa. Wenn die Konkurrenz schwächelt, ist es nicht schwer, besser als zuvor dazustehen, auch wenn die Schülerleistungen weiter sinken, allerdings weniger als bei der Konkurrenz. Weniger starkes Absinken muss nicht zwangsläufig einen Anstieg bedeuten, wie Sie ihn sehen wollen.

          • es ist ganz einfach: die PISA-Anforderungen haben mit dem, was in der Oberstufe und erst recht in einem beliebigen Studienfach an Mathematik gebraucht wird, nicht viel zu tun. Bei PISA besser werden heißt gar nichts. Übrigens sind die Superstars von 1997 (die Skandinavier) … aber das wissen Sie selber.

      • Mussten die Kinder damals auch schon tonnenweise Ritalin schlucken und hatten sie auch schon haufenweise bescheinigte „Krankheiten“ wie Legasthenie, Diskalkulie, ADS, AHDS…?
        Die freiheitlich erzogenen und vor hohem Lernniveau bewahrten Kinder wissen offenbar das Einfühlungsvermögen verständnisvoller Erwachsener in ihre Natur und ihre Bedürfnisse nicht zu schätzen und danken es mit Flucht in Depressionen, Aggressionen, motorischen Unruhen usw.
        Was muss denn noch alles passieren, damit nicht mehr verharmlost wird mit dem Argument „Das war schon immer so“. Klar gehört die Klage über die Jugend zur Menschheitsgeschichte, das bestreitet doch niemand. Wird den Kindern aber ein Gefallen getan, wenn ihre seelischen Nöte und ihre lausige Bildung mit dieser Tatsache pausenlos verharmlost und entschuldigt werden?
        Bitte die Kinder ernster nehmen! Sie sind doch die besten Seismographen, wenn in der Erziehung etwas nicht stimmt. Und bitte nicht alles in gewohnter Manier auf die Eltern abschieben! In einer Zeit, da Kinder zunehmend in staatlicher Betreuung aufwachsen, weil beide Eltern berufstätig sind, verliert diese Schuldzuweisung an Glaubwürdigkeit.

    • Wieder mal ein großartiger Kommentar, der mich begeistert. Ich hoffe auf weitere Milch der frommen Denkungsart!

      @xxx Dass man meine Argumente auch vor 50 oder 80 Jahren hätte bringen und sich dabei auf das Abitur von 20 Jahren vorher hätte beziehen können, glaube ich nicht. Das würde entweder bedeuten, dass Vergleiche mit früherem Wissen und Können von Nostalgie geprägt sind und darum nichts taugen oder dass sich Erziehung und Bildung in einer naturgegebenen ständigen Abwärtsspirale befinden, gegen die nichts zu machen ist.
      Beide Annahmen sind falsch und verharmlosen die jahrzehntelange hausgemachte Talfahrt nicht nur des deutschen Bildungswesens, sondern das der gesamten westlichen Welt. Und völlig unbegreiflich ist, dass Länder, in denen es besonders rasant abwärts geht, mit unbeirrter Hartnäckigkeit gelobt und zur Nachahmung empfohlen werden. Welche Kriterien sind denn hier am Werk?

  4. Milch der frommen Denkungsart

    Sehr geehrter Herr Priboschek,

    über die vermeintlichen Unglückspropheten des Waldsterbens, der fortschreitenden Umweltzerstörung
    sowie der Klimaerwärmung hat man irgendwann auch anfangs lächeln zu können geglaubt – allein wird
    jede Spirale einmal ihr unsägliches Ende finden, wenn man den Trend nicht zur Kenntnis zu nehmen
    und zu stoppen gewillt ist.

    Beste Grüße zurück 😉

  5. Ursula Prasuhn

    @Redaktion um 7:16 Hallo, Herr Priboschek, Sie verweisen auf den „renommierten Bildungsforscher Klemm“. Wenn „renommiert“ bedeutet, dass jemand mit seinen Forschungen auf allen möglichen Hochzeiten tanzt, dann ist Herr Klemm zweifellos renommiert.
    So ganz nebenbei: Wenn ich nicht irre, ist der gute Mann Bildungsökonom, was vielleicht nicht unwichtig ist für die Tatsache, dass er häufig von Landesregierungen Forschungsaufträge erhält und zu „wissenschaftlichen“ Ergebnissen kommt, welche u. a. die Inklusion empfehlen oder auch die Abschaffung des Sitzenbleibens.
    An den zahllosen Bildungsstudien der Bertelsmann Stiftung ist Herr Klemm ebenfalls häufig beteiligt. Was der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes von ihnen hält, können Sie hier nachlesen:
    http://www.lehrerverband.de/aktuell_Dossier_Bertelsmannstudien_Dez_12.html

    Ein anderer Professor, Dr. Bernd Ahrbeck, hat die Veröffentlichungen zur Inklusion genauer unter die Lupe genommen. DIE ZEIT schreibt dazu:
    „Folgt man Ahrbeck, dann ist der Wunsch zum Leitgedanken der Wissenschaft geworden und diese Wissenschaft zur Grundlage der Politik.“ http://www.zeit.de/2013/13/Inklusion/seite-4
    Wissenschaftliche Studien im Bildungsbereich sind mit größter Vorsicht zu genießen. Auftrag- und Geldgeber sind hier fast ausschließlich politische Institutionen oder parteinahe Lobbyisten.
    Ist es nicht möglich, dass in der Politik – besonders in rot-grünen Kreisen – ein hohes Interesse daran besteht zu „beweisen“, dass die Schule früher keineswegs besser war als heute? Welche Parteien haben denn in den letzten Jahrzehnten unsere Bildungslandschaft rigoros umgepflügt?

  6. Ähhh- die CSU/CDU? Sie ist jedenfalls in Bayern und NRW verantwortlich für die radikalsten Reformen seit 80 Jahren: Kompetenzorientierung und G8. Aber Reform ist ja auch erstmal nichts schlechtes. Wo Schule schwächelt, muss Politik reagieren, sonst bräuchte sie ja erst recht keiner. Grad heute stand auch in der Zeitung, dass früher tatsächlich nicht alles besser war- z.B. die Lese- und Schreibleistungen von Grundschulkindern hätten, so war da zu lesen, nicht ab-, sondern zugenommen, trotz oder wegen Schreibens durch Hören. Ich kann das nicht beurteilen aber etwas anderes doch: Die Abiturprüfungen sind heutzutage bei weitem niveauvoller als in den 50er Jahren (jedenfalls in D & M) und auch als in den 80ern, als ich noch reüssieren konnte zu der simplen Aufgabenstellung: „Analysieren Sie die vorliegende Parabel von Franz Kafka.“ Das war´s. Mein Vater gar durfte quadratische Gleichungen in M lösen… Na ja, war auch alles nicht so ganz ohne bei Licht betrachtet aber was die jungen Leute da heutzutage zu leisten haben – ich möchte nicht tauschen.
    John Hattie übrigens ist wohl völlig unverdächtig, sich von falschen Leuten bezahlen zu lassen doch sein Diktum gerade zum Sitzenbleiben ist dennoch klar und eindeutig: Unfug. Jedenfalls dann, wenn es um die Steigerung von Lernerfolg geht. Und, bitte verzeihen Sie (stilistisch wirklich schlecht), ein letzter Hinweis: Ich persönlich verstehe die Diskussion um die Inklusion als eine Diskussion über Menschenrechte, über Würde und nicht über einen lernpsychologisch oder pädagogisch besseren Weg, zu dem Wissenschaft dann irgendetwas beitragen könnte?! Mir ist jedenfalls keine wiss. Argumentation bekannt, die darauf abzielt, Inklusion als „technisch“ überlegen zu betrachten. Selbst radikale Befürworter der Inklusion argumentieren meines Wissens nach so nicht.

  7. Wenn Studenten den 3 Satz nicht erklären können dann stimmt etwas nicht in diesem Land.

  8. Hallo,

    vielleicht bekomme ich hier mal einige Antworten auf meine Fragen, die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt, oder?

    Ich bin 52 Jahre alt, in der 12. Klasse an einem Tageskolleg. In dieser Jahrgangsstufe sind mindestens ein Drittel davon russisch sprechende Schüler/in, die diese Sprache auch immer anwenden, wann immer sie können oder wollen.
    Ich wählte Russisch als Fremdsprachenfach und wollte es bis zum Ende durchziehen. Keine Chance, als deutsch sprechender Mensch, ich kapierte es leider zu spät, erst kurz vor Ende der 11.Klasse.
    Deshalb entschied ich mich dann für Englisch, weil es doch „die“ Weltsprache ist.

    An meiner Schule kann man Latein, Spanisch, Französisch (durchgehend) und eigentlich auch Russisch von Anfang an lernen, nur Englisch nicht.

    Weshalb gibt es nicht die Möglichkeit auch Englisch an einem Tageskolleg von Anfang an zu lernen?
    Nicht nur im Vorkurs? Ab ziemlich kurz nach dem Beginn der 11. Klasse hört es ja dann doch ganz plötzlich wieder auf damit.

    Und ansonsten, in den eigentlich Anfängerkursen dürfen auch die rein gehen, die es einfach nur wollen, aufgrund einer sehr leicht erreichbaren guten Note. Weil, sie können es ja schon. Und die, die wirklich das erst einmal noch lernen wollen, dürfen sich hinten an stellen. Und schauen zu, wie „diese Menschen“ ihr Ding machen können und wir dabei außen vor bleiben müssen.

    Ist dieses Konzept gut oder ist es das nicht, was meinen Sie dazu?

    Wer schon recht gut sprechen oder verstehen kann in deutsch, von den „Russen“ an unserer Schule wählt natürlich als Fremdsprache die eigene Sprache. Damit müssen sie auch keine weitere Fremdsprache erlernen. Somit sind sie fein raus und fühlen sich stärker, manchmal mehr denn je.

    Wozu sind die andauernd geforderten Vorträge oder Referate gut?

    In wie fern dient das scheinbar unaufhörliche Recherchieren im Internet dem besseren Verständnis einer Sache, bzw. eines Themas?

    Was lernt man dabei???

    Persönlich empfinde ich das als eine reine Zeitverschwendung.
    Jedoch, kenne ich auch noch viele andere Menschen, denen es ebenso ergeht wie mir.

    Wie seht ihr das?

    Der zweite Bildungsweg, ist auch der letztendlich nur etwas für die jüngeren Menschen und wir Älteren haben da einfach nichts mehr zu suchen?

    Punkt und aus.

    Ist das so???

    Erkläre mir einer das mal bitteschön, warum es so ist und vor allem, was daran das wirklich Gute sein soll, an dem neuem Lernsystem.

    Ich jedenfalls, habe genau das alles noch nicht verstanden.

    Und an euch da draußen, die so fleißig kommentiert habt, meint ihr echt, dass man euch immer verstehen konnte? Oh je, wie kompliziert oder gar nichts sagend habt ihr euch ausgedrückt.

    Na dann, wenn ihr euch gerade gar etwas sehr aufgebracht fühlt, dann habt ihr doch nun wahrlich die Gelegenheit dazu, etwas gerade zu richten, oder?

    Liebe Grüße an euch
    von Lourdeska

  9. P.S. Nein, sage ich, das Abitur wird an etwas ältere Menschen nicht verschenkt. Im Gegenteil. Diese haben es je nach dem noch viel arger getroffen, d.h., sie müssen sogar noch viel mehr darum kämpfen.

    Lourdeska

  10. Die linke Bildungspolitik Deutschlands scheint das zutiefst moralisch geprägte, ebenso anthropozentrische wie anthropophile moderne westliche Weltbild ad absurdum führen zu wollen (nicht, dass sie sich dessen bewusst wäre, nein, dieses Niveau erreicht sie freilich nicht): Bloß niemanden benachteiligen, bloß niemanden diskriminieren, jeder muss seine Chance erhalten blablabla…(gähn) Ach Gottchen! Und auf der anderen Seite steht der böse, böse Arbeitsmarkt unserer Leistungsgesellschaft, der bei dem „shake hands“ zwischen Schülern und sich stetig nach unten anpassendem Bildungssystem dummerweise nicht mitmacht, sondern nach wie vor mit aufgerissenem Rachen darauf wartet, die Ungeeigneten zu fressen, egal, was deren durch allerlei unselige Umstände korrumpierte Zeugnisse vorgaukeln. Wohin soll dieser Widerspruch führen? Wie blind kann eine Regierung sein?

    Zu meinen persönlichen Erfahrungen: Heutzutage ist man entweder Germanist oder Deutschlehrer, beides zusammen geht nicht mehr. Denn wie soll man alls Germanist gedeihen, wenn man tagtäglich Perlen vor die Sau wirft und das nicht einmal Schiller oder Goethe sein müssen (die ja eh total „uncool“ sind), sondern zur heillosen Überforderung der Durchschnittszielgruppe schon viel Einfacheres reicht? Als systemkonformer Deutschlehrer hingegen macht einem das natürlich nichts aus – hach, die lieben Kleinen, sie können nun einmal nicht alle die Früchte unserer Sprachkultur angemessen würdigen geschweige denn mit ihnen gedanklich umgehen; da wird dann halt toleriert, integriert, inkludiert, so viele Augen wie möglich zugedrückt usw.
    Wie auch immer: Wortschatz und Allgemeinbildung kannst du vergessen, von Grammatik, Orthografie und Interpunktion ganz zu schweigen, vor allem aber von Textverständnis. Für jeden einigermaßen anspruchsvollen Text muss man erst einmal jede Menge Zeit in einen deutsch-deutschen Übersetzungsservice investieren. Dabei kann man sich noch freuen, wenn die Schüler Fragen stellen, die ihre erschreckende Unwissenheit enthüllen, denn viele tun nicht einmal mehr das. Entweder, weil es ihnen egal ist, dass sie nichts verstehen oder weil sie nicht einmal verstehen, dass sie nichts verstehen oder wegen kommunikativer Inkompetenz, d.h., weil sie sich im Unterricht sowieso grundsätzlich nicht äußern. Psychisch bedingte „Sprachbarrieren“ oder gar irgendein Mode-Defizit, das sich mit drei bis vier Buchstaben abkürzen lässt? Vielleicht. Richtig kurios wird es jedenfalls, wenn gewisse Schüler kurz vor dem Zeugnis auf ebenso unverschämte wie lächerliche Weise um ihre mündlichen Noten zu feilschen beginnen und dabei innerhalb weniger Minuten mehr reden als in den letzten sechs Monaten zusammen (zumindest in Deutsch). Na bitte, geht doch.
    Einmal fragte ich in meinem Nachhilfeunterricht eine Gymnasialschülerin aus der 12. Klasse, was sie denn glaube, wo die Pflichtlektüre spielt, die sie gerade in Deutsch lesen mussten. Sie meinte, in England. Ich ließ mir nichts anmerken (ja, Abhärtung und Training machen’s möglich!), sondern fragte, wie sie darauf komme. Ihre Antwort: „Na, da stehn doch lauter so englische Dinger drin und da dachte ich, das muss dann in England spielen.“ Man beachte die „Logik“ ihres Gedankengangs: Wenn viel Englisches drin steht, muss es in England spielen – weil gerade Englisch bekanntermaßen eine der Sprachen ist, die in nur einem einzigen Land gesprochen wird und somit sonst kein anderes in Frage kommen kann, oder wie? Himmel hilf! Doch es kommt noch besser: Danach wies ich sie nämlich dezent auf die in der Lektüre hinreichend wiederholte Ortsangabe „Chicago“ hin, doch auch damit konnte sie leider nichts anfangen. Ach was!
    Ebenfalls denkwürdig ist ein von mir zufällig mitgehörter Gesprächsfetzen. Eine Schülerin zu ihren Kameraden in unverhohlenem Entsetzen: „Sag mal, warum lest ihr denn so viel?“ – Als könnte man davon Ausschlag bekommen („so viel“ war hierbei natürlich relativ zu betrachten, sprich mehr in Zeilen als etwa in Büchern zu bemessen)!

    Man rechne solche gern als „Einzelfälle“ schöngeredete Episödchen mal hoch. Und dann möchte ich wissen, inwiefern es berechtigt ist, zu behaupten, die Universitäten hätten eine „Generation hervorragend ausgebildeter, weltgewandter und sprachfertiger junger Menschen“ zu erwarten.
    Würde ich mich als Ausgleich nicht sprachlich kreativ betätigen (schriftstellern), hätte mich der Sprach- und Denkverfall der heutigen Jugend längst mitverblödet, denn so etwas geht beim besten Willen nicht spurlos an einem armen „Frontschwein“ wie einem Lehrer vorüber. Peinlich ist auch, wenn man von privaten Bezugspersonen darauf angesprochen wird, warum man vieles unnötig oft sage und man darauf nur zu antworten weiß, das sei eine Berufskrankheit, denn in der Schule müsse man alles mindestens fünfmal wiederholen, sonst könne man’s genauso gut ganz lassen. – Soll heißen, die Bildungskrise kann generationentechnisch auch rückwärtsgewandt schädigen, es geht nicht allein um die Zukunft.

    Zum Abschluss noch die moderne Fünf-Fünftel Regel – als zeitweilige Erheiterung in Sachen Galgenhumor und nicht zuletzt für heutige Lehramtsanwärter, damit sie wissen, was sie erwartet.

    Der Lehrer sagt: „Schlagt das Buch auf Seite XY auf.“

    Früher: Alle Schüler tun dies.

    Heute:
    Nur noch ein Fünftel tut dies.
    Das zweite Fünftel fragt: „Was sollen wir machen?“
    Das dritte Fünftel hat das Buch vergessen.
    Das vierte Fünftel macht sowieso grundsätzlich nichts, so dass es genauso gut zu Hause bleiben könnte.
    Und das fünfte Fünftel… ist natürlich nicht da, weil es wie üblich aus irgendwelchen Gründen nicht in der Lage war, seinen Hintern in die Schule zu schleifen.

  11. – Noch ein passender Link:

    http://www.rolandtichy.de/meinungen/die-gerechte-verteilung-von-dummheit/

    Zwar geht es dort auch um Integration (ergo off topic), doch das Thema leichteres Abitur kommt ebenfalls nicht zu kurz. Meine Lieblingszitate aus dem betreffenden Artikel:

    „[…] wenn man sich die Klagen der Lehrer und später der Uni-Dozenten anhört oder als jüngerer Mensch nur einmal schaut, mit welchen Flachpfeifen man teilweise mittlerweile Abitur macht und studiert, dann wird relativ schnell ersichtlich, dass die höhere Abschlussquote sicherlich nichts damit zu tun hat, dass alle plötzlich zu kleinen Einsteins geworden sind.“

    „Es geht nicht darum, die Besten zu fördern oder zumindest alle gleich zu fördern. Es geht vor allem darum, jeden auch noch so für das Abitur ungeeigneten Schüler mitzuschleifen. […] So ist es auch nicht verwunderlich, dass bei der Vergabe der Abiturzeugnisse nicht […] Jahrgangsbesten applaudiert wurde, sondern derjenigen, die ihr Abitur nach vier Nachprüfungen doch noch mit Ach und Krach zugeschustert bekommen hat.“

    „Statt die Bildung auf mehr Menschen auszuweiten, wie man sich das in der Theorie des pädagogischen und didaktischen Firlefanz seit den 68ern vorstellt, wird das Unwissen am Ende lediglich gleichmäßiger auf die Schüler verteilt. Für ein Land, das so sehr auf die Ressource Bildung angewiesen ist wie Deutschland, eine fatale Entwicklung. Denn in der Regel werden all diese sozialistischen Maßnahmen am Ende eben doch von jenen bezahlt, die man nicht so viel loben und fördern wollte und weniger von denen, die man mit Ach und Krach durch die Schule geschleift hat.“

    … Und nun noch einige Nachträge zur Güte:

    – Thema Niveau-Absenkung: Ich betrachte es nicht als einen Zufall (oder gar Einzelfall), dass ein Mathematiklehrer an meiner Seite während einer Notenkonferenz es sich nicht verkneifen konnte, offen in die Runde zu sagen, dass bei manchen Kollegen die Notenskala offensichtlich nur bis Drei gehe. – Das Niveau sinkt also von zwei Seiten, vom Anspruch und von der Bewertung her.

    – Apropos lesen: Einige Abitursanwärter sind nicht einmal in der Lage, fünf Zeilen vorzulesen, ohne einen Knoten in die Zunge oder sonstige Probleme zu bekommen (mit Aufrechterhaltung von: Atemrhyhtmus, Lautstärke, sinnvoller Betonung/dramaturgischem Lesen, soweit überhaupt vorhanden). Das liegt u. a. daran, dass sie immer wieder auf „neue“ Wörter stoßen, denen sie sich dann aus Zungenfaulheit verweigern und sie einfach überspringen. Was dabei manchmal rauskommt, ist unvorstellbar. Schon zu meiner Schulzeit wusste einer meiner damaligen Lehrer dem nicht anders abzuhelfen als mit dem süffisanten Spruch: „Lesen Sie doch bitte das, was da auch steht.“ Ich erlaube mir natürlich gern, ihn bei passender Gelegenheit zu zitieren.

    Thema Wahrnehmung: Kritisch! Viele können nicht einmal richtig von der Tafel abschreiben. Entweder es gibt ein generelles Problem mit Lesen (selbst,wenn man den Faktor undeutliche Schrift beiseite lässt) oder aber was falsch im Gedächtnis ist, kann selbst ein aktualisierender Reiz nicht korrigieren. Aus demselben Grund ist es auch unsinnig, die Verwendung eines Dudens zu gestatten: Um den richtig nutzen zu können, müsste die Schülern ja darauf kommen, dass etwas von dem, was sie schreiben, falsch ist. Tun sie aber nicht, da sie irrtümlich das Falsche für richtig halten. Stattdessen nehmen sie ihn lieber als Quell der verbalen Inspiration, um einige Imponiervokabeln einzustreuen, von denen sie glauben, sie würden ihre Arbeit aufwerten. Mangels Kenntnis der richtigen Bedeutung (ein Duden ist halt kein Wörterbuch) geht aber auch hier leider oftmals der Schuss nach hinten los, und so kann man ein Anästhetikum schon mal mit einem Aphrodisiakum verwechseln.
    Einige meiner Nachhilfeschüler haben oftmals kuriose Unterrichtsmitschriebe im Heft, die an manchen Stellen definitiv nicht stimmen können. Wenn ich sie aber eindringlich frage, ob das wirklich so an der Tafel stand, bejahen alle durchweg, ohne zu überlegen – na klar, was sonst, bloß nicht die Möglichkeit eigener Fehlleistung in Betracht ziehen. Als ob ausgerechnet ein Deutschlehrer „Konjungtiv“ schreiben würde, und das gleich mehrmals!

    – Thema Weltsicht: Einige sind wenig überraschend von Haus aus mit linksfaschistischer Beschränktheit infiziert und verlassen sich auf einen ideologischen Bewertungsschwerpunkt, indem sie glauben, ein „edler“ Entrüstungssturm gegen rechts und wohlwollende Gemeinplätze wie „Wir sind doch alle Menschen…“ (blabla) ohne passables argumentatives Fundament reichen aus, um sich bei jedem zweiten Thema eine halbwegs gute Note zu sichern (war bestimmt mal so… und ist bestimmt auch heute noch so, wenn man mit etwas Glück den „richtigen“ Lehrer erwischt). Wo bleibt da die Konflikt- und Differenzierungsfähigkeit?

    – Thema Nachhaltigkeit/Merkfähigkeit: Riesenproblem! Digitale Demenz lässt grüßen. Nach meinen Erfahrungen bin ich genau genommen sogar versucht, mir die Entdeckung eines pathologischen Phänomens namens „Jugendalzheimer“ patentieren zu lassen (das Wort an sich kursiert tatsächlich schon sporadisch, hab’s gegoogelt). Was du heute erzählst, ist morgen vergessen. Gerade in Deutsch muss man in Sachen Grammatik praktisch jedes Jahr von vorn anfangen, egal, ob die Schüler 17 oder 27 sind, und zwar schon die oberflächlichste Theorie betreffend, nicht erst das praktische Beherrschen der Regeln. Das Dumme ist: Das Schulsystem baut linear aufeinander auf. Man ist also davon abhängig, Dinge zu behalten, wenn man am Ball bleiben will, sprich ohne Einmaleins keine Differentialgleichung etc. Hinzu kommt die moderne Entwertung sprachlicher Korrektheit, die einem viele Schüler in ihrem äußerst verlässlichen defensiven Eifer zumuten. Dem wäre entgegenzuhalten: Sprache in korrekter Form ist unabdingbar, um Gedanken und Ideen so zu formulieren, dass sie (unmiss)verständlich und verwertbar sind, nur so kam dieses Land (und diese Welt) voran. Aber wofür man zu unfähig ist, das muss man natürlich schlecht machen, so viel zum ethischen Niveau eines nicht unwesentlichen Teils der Zielgruppe. Ego und Selbstschutz haben das letzte Wort, alles Weitere ist ewig fernes Ultima Thule. Welcher Art Erziehung dergleichen wohl zu verdanken ist? Eines der größten Defizite der heutigen Schülergeneration liegt offensichtlich allein in ihrer Einstellung. Würden sie die ändern, wäre schon vieles gewonnen. Aber… naja.

    – Thema schriftliche Ausdrucksfähigkeit: Auch Fehlanzeige. Viele Schüler beherzigen trotz eingängiger Erläuterung nicht, sich innerhalb ihrer sprachlichen Grenzen zu bewegen, wenn sie ihre Gedanken effektiv artikulieren wollen. Stattdessen „glänzen“ sie mit kühnen Improvisationen: Falsche Begriffe, abenteuerlicher Satzbau (besonders peinlich: fehlende Wörter) oder es werden z.B. versehentlich zwei Redewendungen ineinander verquickt, so dass zwar klar wird, dass der Schüler zwar immerhin beide schon mal gehört oder gelesen haben muss, aber dafür weder die Bedeutung der einen noch der anderen richtig verstanden hat (ja, Not macht erfinderisch). Hinzu kommt, dass leserliches Schreiben ebenfalls zu den schwindenden Kompetenzen unter den Schülern zählt. Die sogenannte vereinfachte Ausgangsschrift (Schreibschrift) stellt eine zunehmende Überforderung dar und dürfte bald ausgedient haben, schon jetzt verwenden die meisten (gefühlte 90%) nur noch Druckschrift und brauchen dabei für dieselbe Menge an Geschriebenem auch noch spürbar länger als frühere Generationen. Motorische Demenz?! Angesichts des ebenfalls nachlassenden schülerischen Kurzzeitgedächtnisses jedenfalls viel Spaß beim künftigen Zeitmanagement von Diktaten.

    – Und, ist das alles wieder mal gar nicht wahr, weil man es ansonsten ja wüsste?
    Jedenfalls sollten es die richtigen Leute endlich mal zur Kenntnis nehmen. Unbedingt.

  12. Für den Zusammenhang zwischen eindeutig nachlassenden Kompetenzen der Schüler und trotzdem besseren Abi-Durchschnitten gibt es an sich schon nur die eine logische Erklärung, dass das Abi leichter geworden sein muss!

    Wem dieses Thema am Herzen liegt, sollte sich folgenden ebenso informativen wie witzigen Artikel von Spiegel-Redakteur H. Martenstein nicht entgehen lassen:
    http://www.zeit.de/zeit-magazin/2014/33/harald-martenstein-universalgenies
    U. a. wird darin der bekannte Fall aufgegriffen, dass Neuntklässler eine Abiturklausur im Fach Biologie ohne Vorbereitung bestanden.

    Jedenfalls kann ich die alarmierende kognitive Negativ-Entwicklung heutiger Abiturienten sowie anscheinend der kompletten Schülergeneration leider nur bestätigen (ich bin an mehreren Schularten unterwegs). Was mir besonders auffällt, ist, dass deren geistiges Auge sozusagen kollektiv zu erblinden droht. Visuelles Vorstellungsvermögen in 2D oder 3D funktioniert weitläufig nicht, dasselbe betrifft verbale Inhalte. Stellt man im fließenden Vortrag eine rein strukturbezogene Frage zu einem deutschen Satz, der höchstens vier bis fünf Wörter enthält, so kann ihn sich niemand im Kopf abbilden. Auch so etwas muss man unbedingt an die Tafel schreiben oder anderweitig visualisieren, anders geht es nicht. Natürlich ist die Tafel genau dafür da, bezeichnend ist es dennoch (wäre interessant zu wissen, wie es erst in Fremdsprachen ist).
    Ich vermute, dies hängt mit der vorwiegend visuell geprägten Reizüberflutung der digitalen Revolution zusammen. Hirn, Gedächtnis und sensorisches System werden gewaltsam auf oberflächlichen und unverbindlichen „first in, first out“-Massen-Input programmiert. Vorstellungsvermögen ist schließlich etwas Aktives, Kreatives, und genau das verkümmert dann, wie sich bei vielen Gelegenheiten beobachten lässt. Gibt man z.B. rein verbale Einzelinformationen zu bestimmten Nationalflaggen, deren Abbild eine bereits stark reduzierte Struktur aufweist – drei Streifen in verschiedenen Farben, längs oder quer angeordnet -, so fragt man vergebens nach der dazugehörigen Nation. Was passiert z.B., wenn es gilt, ohnehin schon sehr ähnliche Flaggen wie die von Frankreich und Holland allein aufgrund verbaler Beschreibung zu unterscheiden (wohlgemerkt, rein optisch zu unterscheiden, nicht richtig zuzuordnen, denn eine Verwechslung ist bei so starker Ähnlichkeit freilich verzeihlich)? Es ist für viele fast unmöglich, selbst bei übertriebener selektiver Betonung und extra langsamem Sprechen (Ob es besser wäre, wenn die Infos schriftlich vorlägen?). Handelt es sich gar um „kompliziertere“ Strukturen, die womöglich noch ein Wappenmotiv enthalten und entsprechend mehr deskriptiven Wortlaut benötigen, ist der Ofen vollends aus. Man kann froh sein, wenn die „Zuhörer“ mit Informationen wie „längs“ oder „quer“ bzw. „von oben nach unten“ und „von rechts nach links“ überhaupt etwas anfangen können, weil so etwas auf Anhieb fast immer nicht verstanden („Wie noch mal? Längs oder quer?“) oder verwechselt wird („Ach so… ich dachte, anders herum.“). Ein schwacher Trost: Wenigstens die Farbadjektive scheinen noch keine böhmischen Dörfer zu sein.
    Ja, es ist genauso schlimm wie es klingt! Probieren Sie es ruhig mal aus. Und: Ja, früher war das eindeutig noch nicht so schlimm wie heute! Abstrahieren, Differenzieren, Relativieren, begriffliches Denken, Memorieren einfachster Informationen und die operative Ebene (Praktisches Anwenden von Regeln wie z.B. in Sprachen und Mathematik) sowie Transferleistungen werden für die Hoffnungsträger der Zukunft unseres Landes zu einer immer höheren Hürde.
    Beispiel Groß- und Kleinschreibung: Zwar kennen viele die Theorie der gröbsten Regel (Haupt- und Namenwörter groß, den Rest klein). In der Praxis sieht es aber gleich anders aus, denn um hier zu reüssieren, muss man zumindest fähig sein, Hauptwörter zu identifizieren, sprich sie im Gelesenen und im selbst Geschriebenen von anderen Wortarten zu unterscheiden. Etwas, woran heutzutage aber sogar schon Akademiker scheitern, obwohl es sich um elementare Grundschulinhalte handelt (Substantivierung?? – forget it, no way, hat angeblich keiner je was von gehört)! Wer sich fragt, wohin das alles noch führen mag, verdient vollstes Verständnis, anstatt dass man ihn mit der Beschwichtigungs-, Bagatellisierungs- und Schönrede-Keule zum Schweigen bringt.

    Höchste Zeit zu handeln. Nur wie? Mit ein paar typischen deutschen Schildbürgerstreich-Reförmchen nach dem traditionellen Schema „Aus gut mach schlecht“ oder „Aus schlecht mach schlechter“ (und das natürlich möglichst teuer) ist es bestimmt nicht getan. Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist, dass die Unis wie bereits die Gymnasien vor dieser Entwicklung kapitulieren und ebenfalls den Bock zum Gärtner machen (was man dann aber bestimmt im positiven Sinne als „Anpassung“ oder so verkaufen wird, was sonst). Dann dürfte die internationale Konkurrenzfähigkeit des Standortes Deutschland bald endgültig Geschichte sein.

  13. mehrnachdenken

    Alle kennen die zurzeit vermutlich zwei größten und teuersten Baustellen in Deutschland: Berliner Flughafen BER und die Hamburger Elbphilharmonie.

    Berliner Flughafen BER:

    – erste Spatenstich 2006 – mögliche Eröffnung nun evtl. 2017/18
    – ursprünglicher Kostenvoranschlag 1,7 Milliarden – vermutete Kosten rd. 6 Milliarden EURO

    Hamburger Elbphilharmonie

    https://suche.web.de/web?q=hamburg+elbphilharmonie&origin=serp_rcd

    – Grundsteinlegung April 2007 – geplante Eröffnung 2010

    Es gibt ernst zu nehmende Hinweise darauf, dass die gewaltigen Bauverzögerungen mit den einher gehenden immensen Mehrkosten auch mit der fehlenden Lesekompetenz einiger Verantwortlicher zu tun haben sollen.
    Ich las es neulich, habe die Quelle aber nicht mehr parat.
    Das wäre doch mal ein interessantes Thema für eine Master- oder gar Doktorarbeit, lach.
    Aber für so „aus der Luft gegriffen“ halte ich diese These gar nicht.

    • Sie haben Recht, mehrnachdenken – auch das Abschneiden der dümmlichen Polit-Prolls der AfD bei den jüngsten Landtagwahlen lässt auf ein dramatisch sinkendes Bildungsniveau bei Teilen der Bevölkerung schließen.

  14. Danke Kivas Fajo und Batman für Ihre gründlichen Ausführungen, die eindrucksvoll bestätigen, was einige hier immer wieder betonen, dass nämlich früher mit der Schule und den Schülern vieles zum Besseren stand.
    Leider wird diese Erinnerung älterer Kommentarschreiber von einigen immer wieder sehr unhöflich abgeschmettert und ihre Person verächtlich gemacht, so als dürften die „Alten“ und ihr angeblich von Nostalgie getrübter Rückblick nicht ernst genommen werden.
    Warum wohl?, frage ich mich da stets aufs Neue.

  15. An dieser Stelle kann ich Lena in Ihrem Lob bezüglich der genannten Kommentare nur zustimmen.
    Die Entwicklung der letzten Jahre, die weit über ein Jahrzehnt hinauszugeht, ist in einem Maße erschreckend, dass man sich besorgt in dieser Gesellschaft umschaut, um in ignorante und selbstverliebte oder geblendete Augen zu schauen.
    Dieser Narzissmus – und ich hoffe im korrekten Sinne des Begriffes zu bleiben – zeigt sich bei Schülern, Experten und Politikern. Als Beispiel verweise ich hier auf eine Studie, auf die von Politikern verwiesen wurde, bei der Experten herausgefunden haben, dass der erste G8-Jahrgang über die gleichen Kompetenzen verfügte wie der zugehörige G9-Jahrgang. Dieser Quantensprung, von denen es ja viele gab, des Übergangs von G9 zu G8 beunruhigte einige Menschen, aber diese Sorgen waren ja unbegründet, denn es wurde eine Umfrage unter den angehenden Studenten durchgeführt, wie vorbereitet sie sich fühlten.
    Das Gefühl der G8-Schüler war, dass sie genauso gut vorbereitet waren wie die G9-Schüler. Diese von Experten durchgeführte Umfrage diente dann als Studie, die die Politker der Bevölkerung zur Beruhigung vorlegen konnten. Sie stellt zugespitzt das gesamte Problem mit dem Bildungssystem und dessen Entwicklung dar.
    In der Schule geht es immer weniger um Leistung und Anstrengung, sondern um ein Wohl-Fühlen der Schüler. Ihnen soll es gut gehen. Sie sollen individuell betreut und als Menschen angesehen werden, die etwas zu bieten haben. Diese Ansicht ist moralisch in Ordnung, aber die daraus geschlussfolgerten Konsequenzen, ihnen die Verantwortung für ihr Handeln zu nehmen und Veränderungen vorzunehmen, die ohne Legitimation hinsichtlich ihrer Sinnhaftigkeit geschahen, war fahrlässig.
    Kinder lernen heute in der Grundschule das Schreiben, damit sie Spaß dabei haben. In den weiterführenden Schulen schlagen sie dann mit häufig mangelhaften Kenntnissen auf, die dann erst soweit ausgebessert werden müssen, damit sie die eigentlichen Grundlagen der 5. Klassen meistern können.
    Sie erhalten Förderpläne und Hilfestellungen und sollen nicht sitzen bleiben, wobei die Eigenverantwortung der Schüler und die Verantwortung der Eltern hinsichtlich ihres Erziehungsauftrages nie eingefordert wird. Da verwundert es doch nicht, dass die Kinder glauben, sie seien gut. Sie erleben seltener das Scheitern und müssen nicht mehr so häufig ihre Ärmel hochkrämpeln. Aufgrund mangelnder Erlebnisse ist ihr Selbstbewusstsein und ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten unabhängig von einer Begründung größer als früher. Sie finden sich toll und fühlen sich bereit.
    Die Experten brüsten sich mit tollen Ideen und Ansätzen, die jeglicher Grundlage entbehren. Der Kompetenzbegriff wurde eingeführt, aber niemand hat bisher untersucht, ob dadurch das Bildungsniveau gestiegen ist oder nicht. Man verweist auf PISA, aber nicht auf eigene Untersuchungen. Genauso kann man bemerken, dass Schulpreise vergeben werden, die alles bewerten außer dem Leistungsniveau der Schulen. Wurden vor vielen Jahren noch vergleichende Tests an Schulen durchgeführt und veröffentlicht, so stellt man heute fest, dass man vergebens danach sucht. Die Gemeinschaftsschulen wurden eingeführt und auch schon untersucht. Hierbei erfolgt der Hinweis, dass sie sich nicht vor den Gymnasien zu verstecken bräuchten, aber hinsichtlich des erreichten Bildungsniveaus gab es keine Untersuchungen.
    Die Ideen der Experten sind immer hoch gegriffen, aber die zugehörige Auswertung scheint lücken- bis laienhaft zu sein. Ich verweise gerne auf die kooperativen Lernformen, die auch heute noch in der Qualitätsanalyse von den Schulen verlangt werden, obgleich Studien zeigen, dass instruktionalisierter Unterricht nun das neue Modewert ist (abgesehen davon, dass die Evaluation eines kleinen Teils einer Unterrichtsstunde schon lachhaft ist). Diese Form ähnelt auch nur dem Frontalunterricht, der noch bis vor kurzer Zeit abgeschafft werden sollte.
    Auch die Methoden der Untersuchungen werden nicht hinterfragt. Vielmehr gibt es je nach Auftraggeber immer die Ergebnisse, die man sich erhofft hat oder es gibt keine Studie dazu.
    Folglich sonnen sich die Experten im Schein ihrer eigenen Brillianz, unangefochten von der Realität und jedweder Kritik, die gegebenenfalls über moralische Überspitzungen denunziert und nicht widerlegt wird. Als perfektes Beispiel fungiert hier eine Bildungsexerten, die auf die Frage, inwieweit ein Gymnasium in der heutigen Zeit noch ruhigen Gewissens einem Kind nach der 5. oder 6. Klasse zu einem Schulformwechsel raten kann, antwortete, dass es sich hierbei um ein altmodisches Gymnasium handeln müssen, das den Anftrag der individuellen Förderung nicht verstanden habe. Hier wird nicht mal mehr hinter vorgehaltener Hand die Abschaffung des gegliederten Bildungssystems gefordert, sondern einfach davon ausgegangen, dass alle Kinder prinzipiell für das Gymnasium und somit für das Abitur geeignet sind.
    Die Politik spielt hierbei eine in Teilen einfache und in Teilen komplexe Rolle. Einfach scheint die Ansicht zu sein, dass die Zunahme an Abiturienten in den letzten Jahren durch Reformen entstanden ist. Wer aber bemerkt, dass keine Investitionen und keine nachhaltigen positiven Veränderungen im Schulalltag Einzug gehalten haben, wird feststellen, dass es sich nur um eine Herabsenkung des Niveaus handelte, um einem infantielen Akademisierungswahn der OEDC gerecht zu werden. Unter dem Deckmantel der Expertenmeinungen und Reformen wurden Haupt- und Förderschulen geschlossen und weitere Maßnahmen ergriffen, die das Leistungsprinzip – besonders am Gymnasium – ausgehöhlt haben. Speziell sind hier Begriffe wie „Versetzung ist der Regelfall“, „Individuelle Förderung“ und „Inklusion“ zu nennen.
    Hatte man früher in einer Gymnasialklasse 28 leistungsstarke Kinder, so handelt es sich heute um eine heterogene Gruppe aus leistungsstarken und – schwachen Kindern und eventuell um ein bis zwei Kinder mit Förderbedarf, wobei hier häufig kein Integrationshelfer anwesend ist. Man darf sich nur vorstellen, wie diese Lehrkraft das Leistungsniveau hält.
    Die Kehrseite sieht aber so aus, dass Politiker sich ruhmreich ihrer Reformen gedenken und auf mehr Akademiker, die Umsetzung der Inklusion und den Erfolg des deutschen Schulsystems verweisen. Getrost dem Motto Eigenlob stinkt, Geld und Wählerstimmen übertünchen das aber.
    Abschließend sei bemerkt, dass die Formulierung Quantensprung, als die man die gesamten Maßnahmen der vergangenen Jahre bezeichnen kann, bewusst gewählt worden ist. Schließlich bezeichnet ein Quantensprung in der Regel einen Übergang in einen energieärmeren Zustand und ärmer an Bildung ist diese Generation im Vergleich zu den bisherigen definitiv.

    • mehrnachdenken

      Vollste Zustimmung!!
      Dann betrachten Sie mal vor dem Hintergrund Ihres Beitrages den „Deutschen Schulpreis“, der in Kürze vergeben wird. Da wird sich in die „Taschen gelogen“, dass mir nur noch übel wird.
      In die engere Wahl kommen nämlich nur Schulen, die so arbeiten, wie Sie es beschreiben.

      • Wie kommen Sie darauf, dass beim Deutschen Schulpreis gelogen wird?

        • Es wird nicht unbedingt gelogen, es wird sich in die Taschen gelogen. Ob nämlich die ausgezeichneten Schulen so signifikant besser sind als die nicht ausgezeichneten oder gar all die vielen Schulen, die sich gar nicht erst dafür bewerben, sei einmal dahingestellt. Beim Wort „besser“ meine ich ausdrücklich und ausschließlich die Bildungsqualität unabhängig davon, wie gerne die Kinder dort zur Schule gehen. Schule soll im Idealfall Freude machen, Spaß nicht unbedingt, auch wenn das diverse Bildungspolitiker und so genannte Experten anders sehen.

          • Das Auswahlverfahren beim Deutschen Schulpreis ist transparent: http://schulpreis.bosch-stiftung.de/content/language1/html/53139.asp

            Wo genau setzen Sie hier Ihre Kritik an?

            Niemand behauptet übrigens, dass die Sieger besser sind als „die vielen Schulen, die sich gar nicht erst bewerben“. Ist aber auch ein ziemlich albernes Argument. Könnte ich auch bei Olympia oder der Fußball-WM behaupten – gibt ja noch viiiiiiiiiel bessere … im Geheimen.

    • Ganz herzlichen Dank, PeterPan314, für Ihren fundierten Kommentar, der mir aus der Seele spricht.

      @Lena
      Sie sagen es. Ich gehöre zu diesen „Alten“, der sofort von den immer gleichen Kommentatoren übel zugesetzt wurde, wenn ich von meinen Jahrzehnte zurückliegenden Erfahrungen als Lehrerin berichtete und die positiven Seiten dieser Zeit schilderte.
      Eins ist dabei vielleicht noch zu kurz gekommen, nämlich die Tatsache, dass ich Alte noch viele Jahre erleben durfte, in denen die Lehrer nicht so entrechtet und bevormundet waren wie heute. Wir hatten es weitaus besser und verdienten unser Geld leichter als die Lehrkräfte von heute, weil die allseitigen Widrigkeiten erheblich geringer waren.
      Wenn ich höre und lese, mit welchen Problemen die Lehrer heute zu kämpfen haben, bin ich dankbar, dass die aktive Zeit hinter mir liegt.

    • „Experten“
      Ja in der heutigen Zeit nennen sich viele Experten. Aber echte Experten, die sich wirklich fundiert in dem Gebiet auskennen, zu dem sie ihre Meinung abgeben, gibt es wesentlich weniger.
      Das ist eben typisch für heute: Aussagen sind oft nicht 1 zu 1 authentisch, sondern man muss erst einmal die Übertreibungen abziehen um vielleicht dann den Kern der Sache erkennen zu können.

      • @ Herr Priboschek: Danke für den Artikel und Ihre Stellungnahme. Auch ich erlebe die Jugendlichen heute ganz anders als hier immer dargestellt wird. Schade, wenn Pädagogen so eine schlechte Meinung von ihrer Klientel haben. Aber vielleicht liegt ja auch vieles daran.

        • @mississippi
          Im Sinne des Leseverständnisses ist die Frage erlaubt, was Sie für eine „schlechte Meinung“ halten, wo doch in vielen Fällen eher der Begriff des Mitleids für die Kinder und das damit verbundene Mitgefühl zum Ausdruck gebracht wird.
          Kinder in der Schule sind in vielen Fällen Opfer von Politik und Bildungsreformen. Sie sind die Versuchskaninchen von neuen Methoden, neuen Ansichten und neuen Wegen, deren Auswirkungen erst dann erkennbar sind, wenn es für diese Individuen zu spät ist. Eine „schlechte Meinung“ unterstellt meiner Ansicht nach, dass Sie den Kommentatoren hier vorwerfen die Schuld bei den Kindern zu suchen, sie also zu Verantwortlichen ihrer Misere zu machen. Das wird aber nicht deutlich.
          Ohne Zweifel geben sich viele Kinder heute Mühe und versuchen das zu erreichen, was von ihnen erwartet wird. Dass diese Erwartungen andere sind als noch vor über 10 Jahren, können Sie nicht bestreiten. Dass die Kinder sich an diese Erwartungen angepasst haben, können Sie auch nicht dementieren.
          Die Meinungen, die hier mit Argumenten belegt werden, dass diese Erwartungen den Kindern insoweit nicht gerecht werden, dass sie ihre Entwicklung hemmen und in falsche Bahnen lenken, können sie teilen oder nicht, aber sie auf diese profane Art mit drei Sätzen abzulehnen, ist herablassend.

          • Der Tenor, der meisten Beiträge hier, kurz zusammengefasst ist doch, das Kinder und Jugendliche unfähig zu allem sind. In einem Beitrag hieß es sogar, sie könnten nicht mal mehr hinfallen. Lesen Sie den Beitrag unter mir, da brauche ich nichts mehr zu schreiben. Ich habe 3 Kinder im Jugendlichen/Erwachsenenalter, daher kenne ich die Anforderungen an Abitur und Studium, aber wir leben in BaWÜ, vielleicht ist es da anders. Außerdem bin ich Grundschullehrerin, seit fast 30 Jahren. Ich kann mich nicht über heutige Kinder beklagen. Aber ich habe das auch an anderer Stelle hier kundgetan. Die mit der anderen Meinung sind hier in der Mehrheit.

          • Liebe Mississippi,

            nur weil die Kulturpessimisten hier in diesem Forum die Oberhoheit haben, heißt das noch lange nicht, dass das für die gesamte Gesellschaft gilt – ich wage mal die These, dass sich hier vor allem ältere Semester zu Wort melden, die sich mit all den Klagen über die schlimme Jugend natürlich auch ein Stück weit selbst auf die Schulter klopfen (weil sie ja anders, also „gebildeter“ sind). Ist ein zutiefst menschlicher Reflex.

            Ein Beispiel: Fragen Sie doch mal, wer von den Endzeit-Propheten hier flüssig Englisch und/oder Französisch spricht – aktuelle Studien zeigen auf, dass die Sprachkenntnisse im Lauf der Jahrzehnte immer besser geworden sind, bei älteren Deutschen im Schnitt aber überaus mau ausfallen.

            Oder lesen Sie den Jugendforscher Hurrelmann. Der spricht von der heutigen Generation als derjenigen, die besser ausgebildet ist als jede vor ihr.

            Quelle: http://www.faz.net/aktuell/beruf-chance/arbeitswelt/generation-y/interview-mit-jugendforscher-zur-gen-y-13148663-p2.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2

          • Dass viele Kinder nicht mehr geschickt hinfallen können, habe ich auch schon beobachtet, mississippi, und muss darum der Aussage, die Sie erwähnen, zustimmen.
            Nicht gefährlich hinzufallen wie ein nasser Sack, hat nämlich viel mit Körperbeherrschung und -geschick zu tun, und dass es um diese bei unseren Kindern immer schlechter bestellt ist, steht außer Zweifel. Jedenfalls werden diesbezügliche Defizite auffallend oft thematisiert.

            Den Beitrag von Snapshot finde ich im Gegensatz zu Ihnen auch richtig und gut. In ihm werden ebenfalls nicht die Kinder schlechtgeredet, sondern die Zustände kritisiert, denen Kinder (Schüler) heute ausgeliefert sind und die sie narzisstisch, anspruchsvoll und untüchtig machen.
            Wir beide verstehen Kommentare offenbar sehr unterschiedlich.

          • @Bernd:

            Alles Auftragsforschung. Können Sie vergessen.

            Wir werden alle sterben. Und nicht nur wir, nein, auch Deutschland wird untergehen. Mit dieser Jugend ist in 10 Jahren Schluß.

            Ich bau mir schon mal nen Bunker.

          • @ Bernd: Kulturpessimisten, Endzeit-Propheten… Ach ja, was sonst. Also, diese Sprache verstehe ich auf jeden Fall. Aber ich klopfe mir dafür nicht auf die Schulter. Ist ja schließlich keine fremde, sondern eine vertraute Sprache.

            @ Georg: Nur noch zehn Jahre? Na, Sie sind mir einer.

        • @ mississippi Sie haben Recht, es entsteht hier ein negatives Schülerbild, das betrifft auch meine Beiträge.
          Als Ergänzung: Es gibt Schüler, die, wie ich offen zugebe, für ihr Alter erfreulich reif und vernünftig sind und auch Fähigkeiten haben, die über das hinausgehen, was man von ihnen erwartet – nur, falls Sie geglaubt haben, ich sei ein frustrierter, gehässiger, arroganter Weißichwas, dem es eh niemand recht machen könnte. In dieser Rolle gefalle ich mir hier aber, denn:
          – Was an den heutigen Schülern und am Bildungssystem so toll sein soll, wird anderswo genügend betont (z. B. von dem Autor, dem wir unseren schönen Schlagabtausch hier zu verdanken haben). Also braucht man das hier nicht auch noch. Denn dadurch entsteht genau das verzerrte Bild, das es geradezurücken gilt, bevor man der Situation angemessen begegnen kann. Nun können Sie natürlich sagen: Durch eine einseitige Darstellung wird eine andere einseitige Darstellung nicht legitimiert. Sicherlich. Aber das hier ist kein braver Deutschaufsatz, in dem alles gut ist, wenn nur sauber abgewogen wird. Hier geht es erstens um mehr und zweitens um etwas anderes. Nur, wenn das, was bisher übersehen oder anders dargestellt wurde, einmal möglichst umfangreich und konkret ausgebreitet wird, lassen sich auch die Augen dafür öffnen. Irgendwo muss doch auch einmal die ungeschminkte Wahrheit stehen. Die Leute, denen wir die Misere zu verdanken haben, glauben doch immer nur, was sie wollen. Würde man hier nur ein wenig mehr Positives einräumen, hieße es gleich wieder: Na sehen Sie, dann kann es doch nicht so schlimm sein. – Eben doch, ergo noch lange kein Grund, die Ausnahme mit der Regel zu verwechseln. Es wäre töricht, die kritische Entwicklung zu ignorieren, aber ausgerechnet dazu scheint man uns verantwortungsloser Weise bringen zu wollen, und sei es, indem man sie glattweg abstreitet.
          – Die wenigen Schüler, die sich selbst Ehre und den Lehrern Freude machen, sind natürlich genau so Opfer! Weil die anderen, über die hier so „ketzerisch“ hergezogen wird, leider die dominierende Kraft sind. Man möchte als Lehrer natürlich möglichst oft das erhebende Gefühl haben, man könne den Schutzbefohlenen etwas mit auf den Weg geben; etwas Nützliches und Faszinierendes, jedenfalls etwas, das wenigstens auf ein bisschen fruchtbaren Boden fällt. Dieses Gefühl stellt sich dank größtenteils falscher Erziehung der Jugend, dysfunktionalem System und den entsprechenden Resultaten aber immer weniger ein. Das bringt natürlich nur Unlust mit sich, wodurch ausgerechnet auch die guten Schüler immer weniger das bekommen, was sie brauchen und verdienen. So sollte es eben nicht sein, und das kann ich nur bedauern.

          Wie PeterPan314 angemerkt hat, besteht ein Teil des Problems darin, dass die Klassen heutzutage sehr heterogen sind. Das sind sie allerdings, und zwar in weit mehr als nur einer Hinsicht. Hauptsächlich sieht das so aus, dass die Guten noch weniger werden, als sie ohnehin schon sind und der Rest immer mehr kuriose Defizite zu generieren scheint, die einen Binnendifferenzierungs-Spagat fordern, den kaum eine Lehrkraft konstant leisten kann, auch nicht mit trendigem Schmu wie Kuschelpädagogik und Allesverstehertum (heißt offiziell natürlich anders). Aber nicht nur einzelne Gute sind betroffen. Manche regelrecht oktroyierte Inklusionsmaßnahmen z .B. bewirken sogar vollends eine gewaltsame Benachteiligung der Mehrheit. Und da soll man sich realitätsferne Lobgesänge anhören, ohne mit der Wimper zu zucken?

          @ Bernd
          Ihre Großzügigkeit, uns Kritikern menschliche Reflexe zuzugestehen, beschämt einen ja geradezu. Ich spreche jetzt mal nur für mich selbst, nochmals kurz zur heutigen Situation:
          – Das Leistungsniveau auf der einen und die Ansprüche auf der anderen Seite sinken (die These bleibt, kann man natürlich munter weiter drüber streiten)
          – Der Respekt vor den Lehrkräften sinkt ebenfalls (auch seitens der Eltern der Schüler)
          – Die pädagogischen Anforderungen an die Lehrkräfte steigen: Man muss mehr differenzieren, mehr Empathie zeigen, die Leute bloß nicht „in die Pfanne hauen“

          Thema Respektlosigkeit: Einmal fragte mich eine Klasse, wohin es bei mir denn in Urlaub geht (ja, so ganz offen und ungeniert, so geht das heute, ist ja hip).
          Meine Antwort: „Nach England.“
          Schüler: „Und sprechen Sie da dann Englisch?“
          Ich: „Sicher, was denn sonst?“ (Am liebsten hätte ich noch ergänzt: Auf die sprachliche Anpassungsbereitschaft der Deutschen, ob im fremden oder im eigenen Land, darf man sich doch immer verlassen.)
          Ungläubig aufgerissene Augenpaare.
          Ein Schüler schließlich: „Und das können Sie??“

          Es geht also nicht nur um Respektlosigkeit, sondern auch um Geringschätzung (ist nicht dasselbe). Könnte man das vielleicht mit simpler Westentaschenpsychologie erklären, von wegen Projektion und Neid: Ich kann nix, darf der andere auch nix können? Falls ja: Seltsam, dass das viele Schüler nicht an konstanter Selbstüberschätzung hindert.

          Und nun der Witz: All das soll man auch noch loben?
          Wenn ich zum Vergleich an meine Schulzeit zurückdenke: Da wurde gute Leistung als selbstverständlich angesehen (sowohl von Lehrern als auch von Eltern, da standen Schüler noch allein da) und Kritik seitens der Lehrer war nicht kritisierbar. Wer auf Sozialromantik à la „David Copperfield“ steht (nein, ich meine nicht den Zauberer): Auch meine Eltern stammten aus einfachsten Verhältnissen, spätestens mit Eintritt ins Gymnasium konnte ich von dieser Seite mit keinerlei fachlicher Hilfe mehr rechnen, schon Wurzeln und Potenzen waren für sie ein Buch mit sieben Siegeln.

          Glauben Sie’s oder nicht: Es geht mir weniger darum, mir selbst auf die Schulter zu klopfen. Es geht mir eher um das Ausdrücken eines Empfindens von Unverhältnismäßigkeit und Ungerechtigkeit. Sich davon dauerhaft beeinflussen oder gar runterziehen zu lassen, wäre natürlich unprofessionell (Stichworte ungelöster Konflikt und Rückkopplung – au Backe, Vorsicht, Vorsicht!). Aber es hin und wieder mal zu erwähnen, sollte nicht schaden, sondern nützen. Ich lebe noch in der Hoffnung.

        • Was auch sehr gut zum Thema passt:
          http://www.faz.net/aktuell/gesellschaft/abitur-noten-werden-immer-besser-die-bildung-schlechter-12990647.html

          @ Sabine. Das mit dem Hinfallen war mir nicht bekannt, kurios. Dafür erzählte einer meiner ehemaligen Kollegen, der einen 16-jährigen Sohn hat, dass in dessen Klasse kaum jemand schwimmen kann. Man sollte es nicht glauben. Hoffentlich steht das nicht für eine ernstzunehmende Tendenz.

          Next… der Ehemann einer Kollegin, älterer Jahrgang, unterrichtet Latein. In der ersten Lateinstunde nach den Sommerferien liest er mit einer sechsten Klasse einen Satz und fragt, wo sich darin das Prädikat befinde.
          Betretenes Schweigen.
          Kurz darauf stellt sich heraus, dass das Problem bereits bei dem Wort „Prädikat“ beginnt.
          Natürlich aber waren dieser und andere Begriffe direkt das Schuljahr vorher eingeführt und ausgiebig gebraucht worden, gerade in der Praxis beim Strukturieren von Sätzen (z.B. Lokalisieren bestimmter Satzglieder) zwecks Übersetzung.
          Mysteriös, mysteriös.
          In einigen Science Fiction Filmen gibt es doch kuriose Methoden zur Löschung des Gedächtnisspeichers. In der Realität ist es anscheinend nicht so kompliziert. Man lasse einfach sechs Wochen Sommerferien ins Land gehen, und schon haben wir die totale Lobotomie. Nice!

        • @ Bernd: Ob manche Hochschulen die Nachhilfekurse für Abiturienten zum Spaß eingerichtet haben? Irgendeinen Grund wird es dafür wohl geben. Und was das Thema Sprachen angeht: Ich kann mir kaum vorstellen, dass es unter den älteren Lehrern proportional weniger Kandidaten gibt, die flüssig Englisch und/oder Französisch sprechen als unter den heutigen Schülern (um die proportionale Quote unter den Schülern abzudecken, dürften allein die Englisch- und Französischlehrer schon reichen). Abgesehen davon geht es nicht um ein intellektuelles Kräftemessen zwischen Heute und Gestern, sondern um angemessenes Benehmen und das Erfüllen zumutbarer fachlicher Ansprüche. Ansonsten wüsste man ohnehin nicht, wo da die Grenze zu ziehen wäre. Die älteren Lehrer liegen bspw. zwangsläufig technisch zurück, sind im Extremfall sogar digitale Analphabeten. Sollten sie allein aus solchen Gründen gegen die heutigen Schüler nichts mehr sagen dürfen, oder wie? Aber danke für den Hinweis, denn daran sieht man schön, wie sich die Spielregeln geändert haben: Früher reichte es, älter zu sein, um etwas zu gelten. Heute muss man sich mit der Jugend messen können. Das mag in mancher Hinsicht ein Fortschritt sein (als Überwindung autoritärer Atavismen), aber eben nicht in jeder.

  16. @ Beate S.: Sie haben’s gut… und stehen mit Ihrer Meinung unter Ihresgleichen hoffentlich nicht allein da.

    Auch ich kann PeterPan314 nur zustimmen. Das „Werkzeug“, das bei heutigen Lehrern zuoberst im Kasten liegen muss, sind die Glacéhandschuhe. Diese „Wohlfühlkultur“ an deutschen Schulen ist natürlich nicht zielführend, sondern ein Eigentor. Wie sollen Schüler jemals ihr Leistungsniveau richtig einschätzen, wenn man sie quasi dazu erzieht, sich durch jede kritische Rückmeldung beleidigt fühlen zu dürfen? Und sobald man auf eine ihrer Fragen antwortet, das Betreffende müssten sie eigentlich längst wissen, entmutigt man sie nur, so dass sie noch weniger Fragen stellen und dann natürlich noch weniger lernen, anstatt einen solchen Hinweis dankbar als konstruktive Ermahnung aufzufassen, erlernten Stoff auch mal ein bisschen länger im Kopf zu behalten. Stattdessen sinken außerdem die Hemmungen zu verleumderischer Übertreibung: „Immer wenn wir was fragen, sagt der, wir wärn blöd, wenn wir das noch nicht wissen.“ Da weiß wohl jemand ganz genau, mit wie viel Rückendeckung er rechnen kann und von wem, und der Lehrer steht wieder dumm da.

    Mich würde wirklich einmal interessieren, wie die heutigen Schüler mit den autoritären Lehrern von damals zurechtkämen, die von Berufs wegen noch keine vornehme Zurückhaltung üben mussten, wenn es darum ging, mitzuteilen, wie Leistungen und Verhalten zu bewerten sind, im Gegenteil. Vermutlich würden Justin-Marcel und Zoë-Chantal bei jeder Gelegenheit heulend zusammenbrechen, einen Tobsuchtsanfall erleiden, sich wochenlang krankmelden und unter multiple Medikation setzen, einen Therapie-Marathon veranstalten oder ihre Eltern apodiktisch anweisen, die Existenz des betreffenden Lehrers mit Hilfe des bewährten Familienanwalts zu vernichten oder am besten gleich das Kultusministerium zu verklagen. Und die Abiturschnitte… ja, die würden wohl ganz plötzlich aufhören, auf wundersame Weise immer besser zu werden! Da haben wir den Salat: Bei konservativem Unterricht lernen sie nichts, bei einem Laissez-faire anti-autoritaire (haha) auch nicht, wie man sieht. Was bleibt da noch?

    Was Batman und Kivas Fajo ausführen, ist für mich nichts Neues, aber allemal bemerkenswert, da es immer noch zu wenig durchgedrungen ist. Nicht am Gymnasium, aber immerhin am Berufskolleg habe ich erlebt, dass es zuweilen nicht einmal funktioniert, den Schülern einen Klassensatz Arbeitsblätter auszugeben, indem man sie diesen in Eigenregie über die Bänke verteilen lässt. Da stockt es plötzlich mittendrin, und manche bringen es sogar fertig, erst nach 20 Minuten zu merken, dass sie das Blatt, mit dem man längst arbeitet, noch immer nicht haben. Langsam glaube ich, der Schüler der Zukunft ist der „Wachkomapatient“: Er ist weder blind noch taub, aber er sieht und hört trotzdem nichts.
    Da die Schüler keinen Respekt mehr haben, sind sie nicht nur schlechte Zuhörer, sondern auch ungehorsam. Sie verweigern Arbeitsaufträge und Handlungsanweisungen, verlernen dabei immer mehr, diese überhaupt zu verstehen und in Extremfällen proben sie sogar den Aufstand um des Aufstandes willen, indem sie sich mit stolzgeschwellter Brust darauf berufen, ein freier Mensch zu sein und sich von einer Lehrkraft nichts sagen lassen zu müssen. Ja, Narzissmus lässt grüßen, auch das ein wichtiges, ja überfälliges Stichwort von PeterPan314. Der moderne Narzissmus unserer Gesellschaft unter-gräbt deren fortschrittsbildende Werte schon des Längeren, alles Gegenwärtige ist nur die Konsequenz. Das allein wäre ein eigenes Forum wert.

    In Sachen Schönreden ist der Seitenhieb von mehrnachdenken auf die Flüchtlingskrise nur allzu angemessen. Alles verwandelt sich in einen schludrigen niveaulosen Einheitsbrei. Das Bildungssystem scheint sich mit seinem Abwärtstrend letztendlich auch nur an der durch die Migrantenwelle veränderten Situation zu orientieren. Soll heißen: Egal, ob die niedrig Qualifizierten aus den eigenen Reihen oder aus dem Ausland kommen, wenn man’s nur richtig dreht, ist bald überhaupt keine Qualifikation mehr nötig und damit verschwindet dann auch das Qualifikationsproblem an sich. Ist das wirklich von der Politik so gewollt? Das ist kein Unfug mehr, sondern reiner Irrsinn, genau genommen eine Art nationaler Selbstmord. Ja, Deutschland schafft sich ab… So weit der Teufel, den ein gewisser, dafür unvermeidlich fleißig gescholtener bekannter Herr vor nicht allzu langer Zeit an die Wand malte, und schon haben wir’s schlimmer denn je.

    • @Snapshot
      Ich bin sicher, dass ich im Kreis der Ruheständler mit meiner Meinung nicht allein bin. Wir Alten betonen allerdings zu selten, dass unsere Erinnerung an positive Seiten früherer Schulzeiten nicht eine Kritik an den heutigen Lehrern darstellt, sondern an ihren Vorgesetzten bzw. am Schulmanagement von “Experten” und Politikern, die Lehrern und Schülern seit mindestens 20 Jahren das Leben immer schwerer machen und für eine kontinuierliche Verwüstung des einstmals recht gut funktionierenden Bildungssystems mit seinem Leistungsniveau sorgen.
      Übertüncht wird diese Barbarei mit der Einführung des nebulösen Kompetenzbegriffs, dem sich alle möglichen Fantasie-Gewinne unterstellen lassen, und mit moralischen Ansprüchen, die jeden Unsinn rechtfertigen und Kritiker mundtot machen.
      Danke, dass Sie auf ein wichtiges Versäumnis von uns Alten hinweisen. Wir sollten in der Tat bei aller Kritik an dem, was sich heute in den Schulen abspielt, nicht vergessen zu betonen, dass wir darin kein Versagen der heutigen Lehrer sehen und dankbar sind für das Privileg, bessere Zeiten als sie erlebt zu haben.

      • mehrnachdenken

        Ich hörte kürzlich von einer noch recht jungen Gymnasiallehrkraft diesen wenig ermutigenden Satz:

        „Es wird nicht mehr gelernt, sondern es werden nur Kompetenzen erworben, die dazu dienen, die Leere zu kaschieren, damit keiner merkt, dass da nichts ist.“

        Sollte da was dran sein, frage ich mich, warum überhaupt noch unterrichtet wird.

        • wenn man die Schüler fragt, was genau die Kompetenzen sind, kommt sehr wahrscheinlich nichts oder nur die heiße Luft, die die Kompetenzen in Wirklichkeit sind …

          • mehrnachdenken

            In meiner Ausbildung und Lehrerzeit mussten Lernziele formuliert werden.
            Im Grobziel wurde dargelegt, was die SuS in der Stunde lernen sollen.

            Anschließend wurden die einzelnen Lernziele aufgeführt:

            Beispiele:
            Die SuS sollen
            … erarbeiten und verbalisieren können,
            … ausführen können,
            usw.

            Schließlich wurden die permanenten Lernziele aufgelistet:

            Die SuS sollen
            … den Geräteaufbau selbstständig durchführen können,
            … selbstständig Gruppen bilden können,
            … sich selbstständig in Gruppen aufwärmen können,
            usw.

            Jetzt werden SuS kompetenzorientiert unterrichtet.
            Kann mir bitte jemand Kompetenzen an Beispielen verdeutlichen?
            Worin besteht der Unterschied zwischen einem lernzielorientierten und einem kompetenzorientierten Unterricht?
            Warum sind die Kompetenzen überhaupt eingeführt worden? Warum stehen Kompetenzen in der Kritik?

          • @mehrnachdenken
            Es werden jetzt nicht mehr die LernZIELE formuliert, sondern der Prozess, den die Schüler „ausführen“. Diser Prozess ist in der Regel dann die Kompetenzerwartung. Eine Kompetenz ist also sehr oft prozessorientiert. Jetzt ist ausdrücklich erwünscht, was in Ihrer und auch in meiner Ausbildung verboten war.
            Ich formuliere einmal um:
            Die Schüler führen den Gerätebau selbstständig durch indem sie in Gruppen zu zweit zusammenarbeiten.
            Die Schüler wärmen sich selbstständig in Gruppen auf.

            Hier ein paar Beispiele aus dem bayerischen Grundschullehrplan:
            – Die SuS üben und sichern erworbenen Wortschatz. (E)
            – Die SuS äußern sich zu ihrem Lern- und Arbeitsprozess sowie dem eigenen Lernfortschritt. (E)
            – Die SuS setzen den Heimatort in Beziehung zu größeren räumlichen Einheiten (HSU)
            – Die SuS überprüfen und begründen die Stabilität selbst gebauter Brückenmodelle und beschreiben die Merkmale stabiler und instabiler Bauweisen (HSU)
            – Die SuS lesen Texte sinnerschließend, indem sie aus ihrem Repertoire an Lesestrategien geeignete auswählen und sie routiniert und bewusst zur Texterschließung anwenden (D)
            – Die SuS beschreiben Lernerfahrungen und Lernfortschritte (z.B. in einem Lern- oder Lesetagebuch) (D)
            – Die SuS zeigen beim Schreiben eigener Texte Rechtschreibbewusstsein (z.B. indem sie Schreibungen überprüfen und berichtigen) 8D)
            —–
            Wie man aus den Beispielen erkennt, sind in den Kompetenzerwartungen einige Methoden eingebaut, das Ziel ist aber nicht mehr einengend angegeben. Das Augenmerk liegt also auf dem Prozess und auf den Kompetenzen.
            Logischerweise ergibt sich daraus, dass ebenso der Prozess benotet werden kann.
            Übrigens, so schlecht finde ich den neuen Ansatz nicht.
            Wenn man mehr auf die Kompetenzen achtet, werden manche Inhalte austauschbar. Allerdings formuliert zumindest der neue bayerische Lehrplan sowohl Kompetenzen als auch Inhalte.
            Ich selbst finde, dass in den Kompetenzen sehr viel mehr steckt als nur in den Zielen. Gerade im bayerischen Lehrplan (die anderen kenne ich nicht) scheint immer wieder die Eigenverantwortung und Selbstreflexion (ein großes Thema in der Grundschulpädagogik) durch.
            Übrigens: Je mehr ich im kompetenzorientierten Lehrplan eingearbeitet bin, desto weniger verstehe ich die negative Kritik an den Kompetenzen. Gerade die Selbstreflexion und die Erziehung zur Eigenverantwortlichkeit finde ich in der heutigen Zeit ein wichtiges Element im modernen Unterricht. Zumindest finde ich es einen Versuch wert, wenn es vielleicht nicht immer so fruchtet, wie man sich das vorstellt.

          • mehrnachdenken

            @ysnp
            Vielen Dank für Ihre Erläuterungen.
            Ich gebe ehrlich zu, dass ich noch nicht alles verstanden habe.

            Z.B. ist mir nicht klar, warum sich von der Lernziel-Orientierung verabschiedet wurde, die ich für transparent und in der Praxis gut anwendbar hielt.
            Ich ändere doch nur etwas, wenn ich eine klar bessere Alternative habe. Trifft das auf die Kompetenzen zu?

            Zunächst werde ich mich aber mit besagter Lehrkraft austauschen, die trotz der relativ jungen Jahre die Kompetenzorientierung im Gegensatz zu Ihnen deutlich kritischer beurteilt.

          • Manchmal habe ich das Gefühl, dass viele Lehrkräfte nicht wissen, was ein kompetenzorientierter Lehrplan ist. Ich selbst kann dies jetzt erst besser beurteilen, nachdem ich mit diesem arbeite.
            Es wäre allzu fair, wenn die Lehrkräfte, die noch nicht mit einem solchen Lehrplan arbeiten, mit der Vorverurteilung sich zurückhalten könnten. Er ist nämlich – und da haben Sie das richtige Gefühl – nicht leicht von der Intention zu verstehen, man muss dahin hineinwachsen. Der Umdenkprozess dauert erfahrungsgemäß etwas länger.
            Ich habe den Eindruck, dass von manchen dieser Lehrplan vorverurteilt wird (da war ich zugegebenermaßen auch erst einmal misstrauisch, bevor ich die Intention kannte) ohne auf Erfahrungen zurückgreifen zu können. (So nach dem Motto: was der Bauer nicht kennt, isst er nicht.)
            Nach ein paar Jahren wird man sehen, ob die etwas andere Art, Lernen zu definieren, die bessere Alternative ist.
            Ein kompetenzorientierter Lehrplan hat den Vorteil, wie ich schon oben erwähnte, dass er unterschiedliche Methoden in die Definition mit einfließen lässt. Also ist die Methodenvielfalt festgeschrieben. Die Prozessgerichtetheit ermöglicht auch die Individualisierung, da ja nicht jeder Schüler auf das gleiche hohe Ziel hingeführt werden muss. Es ist ein Unterschied, ob jemand im Wörterbuch nachschlägt oder ob er im nachschlagen kann. Beim Nachschlagen können ist es egal, wie oft der Schüler das Wörterbuch benutzt, Hauptsache er kann nachschlagen. Beim Nachschlagen will man, dass er dieses Nachschlagen immer dann nutzt, wenn es angebracht ist. Außerdem eröffnet die kompetenzorientierte Formulierung der Weg zur Individualisierung. Hier können die Schüler auf ihren Niveaus arbeiten und daran ansetzen. Man richtet das Augenmerk auf den Lenrfortschritt. Das halte ich für sehr pädagogisch.
            Wenn der Lehrplan – wie in Bayern geschehen – viele Inhalte mit definiert, dann finde ich das eine gute Sache.

        • Es ist ein Märchen, dass es früher ein „recht gutes Bildungssystem“ gegeben habe, das heute in Trümmern liege – die Mängel waren seit den 60er Jahren (Picht: Bildungskatastrophe) offenkundig. Mädchen/Frauen beispielsweise wurden systematisch ausgegrenzt. Als klassischer Bildungsverlierer galt das katholische Mädchen vom Lande – was sich in der damaligen Beschäftigungsquote von Frauen ausdrückte: 1970 lag sie bei gerade mal 45 Prozent, 1980 bei 48 Prozent – heute bei immerhin 67 Prozent.

          Überhaupt: Wir haben aktuell eine so hohe Beschäftigungsquote in Deutschland wie noch nie.

          Dazu kommt: 70 Prozent aller Schulabgänger schafften 1970 gerade mal den Hauptschulabschluss – was nicht so schlimm war, weil es genügend einfache Arbeiten zu erledigen gab. Die gibt es aber heute nicht mehr.

          Trotzdem kommen die jungen Menschen heute offenbar recht gut im Job zurecht: Die Jugendarbeitslosigkeit ist so niedrig wie noch nie. Spricht alles nicht dafür, dass früher alles toll und heute alles furchtbar ist.

          • Lieber Bernd,
            natürlich gab es in früheren Zeiten systematische Probleme. Über diesen Teil der Geschichte wird im Lehramtsstudium auch informiert. Dass mittlerweile Änderungen diesbezüglich eingeführt worden sind, indem man zum Beispiel besondere Förderung für Mädchen veranlasste, wird ja auch nicht bezweifelt. Es handelte sich um Änderungen in Bereichen, die aber das Leistungsprinzip und das Leistungsniveau nicht betrafen, sondern nur dafür gesorgt haben, dass gewisse Gruppen keine Vor- oder Nachteile auf ihrem Bildungsweg erleben sollten. Diese Änderungen sind erfolgreich, wie Sie dargelegt haben.
            So widersprechen hier aber nicht den Argumente wie der Einführung eines Kompetenzbegriffs, die empirisch betrachtet keine nachträgliche Legitimation genießt, weil sie objektiv betrachtet bislang keine qualitativen Vorteile vorzeigen kann.
            Auch das scheinbare Argument der Beschäftigungsquote und der niedrigen Jugendarbeitslosigkeit ist meiner Ansicht nach fadenscheinig und blendend, wenn man über den Tellerrand hinausschaut:
            1. In der heutigen Zeit erwerben mehr Menschen eine Zugangsberechtigung zu einer Universität. Daher besuchen auch mehr Menschen eine Universität und versuchen dort einen Abschluss zu erhaschen. Das bedeutet aber in der Folgerung, dass diese Menschen dem Arbeitsmarkt nicht zur Verfügung stehen. Wenn man das so betrachtet, fallen also alle Menschen, die nach Erfüllung ihrer Schulpflicht arbeitlos wären, aus der Statistik heraus, wenn sie studieren. Im Endeffekt ist ihr Argument der geringen Jugendarbeitslosigkeit nur insoweit tragbar, wenn man nicht weiß, wann jemand nicht mehr als junger sondern als erwachsener Arbeitloser gilt. So könnte es doch möglich sein, dass man nach dem Studium ohne Stelle als Arbeitsloser gilt, aber nicht als „Jugendarbeitsloser“.
            2. Haben Sie mal die hohe Beschäftigungsquote betrachtet, die in der heutigen Zeit ja so positiv ist? Wenn man das mit den hohen Abschlüssen der heutigen Zeit vergleicht, ist das eine echte Lachnummer, wenn Sie mir diesen Ausdruck erlauben. Fangen wir mal der Reihe nach an:
            – Die Arbeitslosenstatistik und die damit in Verbindungstehende Beschäftigungsquote sind eine Beleidigung für alle Menschen in der BRD. Wer einen 400€-Job hat, ist bereits in Beschäftigung. Wer einen Mini-Job oder Zeitarbeit hat, ist in Beschäftigung. Unter dem Stichwort „Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“ wurden mehr Stellen geschaffen, aber es sind Stellen, die Profit für die Unternehmen bedeuten und für die Arbeitnehmer ein Leben ohne Aussicht auf Aufstieg oder finanzielle Sicherheit.
            – Bleiben wir dabei und sprechen mal darüber, dass jemand, der über 55 und arbeitslos ist, nicht in der Arbeitslosenstatistik auftaucht. Ist der etwa beschäftigt? Wenn jemand so wenig Geld verdient, dass er zu Hartz-IV aufstockt, ist der dann beschäftigt im Sinne des Wortes, dass er was zu tun hat, oder zählt das als echte Arbeit, von der man leben kann? Man sollte nicht vergessen, dass Deutschland Exportweltmeister ist bzw. war und das nur durch die Opfer der echten Arbeiter erreicht hat, die im europäischen Vergleich ganz unten sind, wenn es um die Bezahlung geht.
            Folglich kann man also sagen: Ja, immer mehr Menschen haben heute immer bessere Abschlüsse und immer mehr Menschen fallen heute nicht mehr unter den Begriff arbeitslos, aber ob die guten Abschlüsse zu besseren Berufen führen, das steht auf einem ganz anderen Blatt und widerspricht Ihren Ausführungen erheblich.

      • Das mit den Kompetenzen sehe ich im Prinzip genauso.
        Ich formuliere es mal so:
        Das Bildungssystem gibt Ziele vor, also das, was die Schüler können sollen, nachdem sie einen bestimmten Schultyp durchlaufen haben. Diese Ziele sind das „Was“.
        Der Weg dorthin ist das „Wie“, also die Methoden.
        Die Einführung von „Kompetenzen“ bzw. Kompetenzorientierung schien mir bereits ein Verlegenheits-Kompromiss zugunsten des „Wie“ auf Kosten des „Was“ zu sein, zumal die Ziele gemäß des Kompetenz-Gedöns angepasst wurden.
        Und warum das alles? Weil es immer schwieriger wird, überhaupt noch was an die Schüler ranzubringen (insofern finde ich die begriffliche Kasuistik heutiger Didaktik einfach nur lächerlich – wenn einer farbenblind ist, ist es wurscht, welche Farbe ich ihm vor die Nase halte). Aber so darf man das ja wieder mal nicht sehen. Man nehme also das vielversprechende Wort „Kompetenzen“, und der Wertverlust auf Kosten des „Was“ wird übertüncht, ja gar eine Verbesserung vorgegaukelt, weil Kompetenzen ja so viel praxisnäher sein sollen. Das mag zum Teil ja stimmen, aber der Vater des Gedankens war, wie ich glaube, ein genereller höherer Lehrerfolg (zumindest auf der Ebene des Scheins anstatt Seins) und nicht die angebliche Überzeugung von Höherwertigkeit oder Qualifikationsgewinn durch Verlagerung der Schwerpunkte, weil man immerhin erkannt hat, dass sich mit dem Althergebrachten dieser Erfolg bei der heutigen Schülergeneration nicht erzielen lässt. Man nenne es, wie man will, letztlich passt sich das Bildungssystem immer weiter nach unten an. Die ganze Augenwischerei der tonangebenden Gutmenschen-Mischpoke gipfelt in den Bachelor-Studiengängen, die einen Qualifikationserwerb vorgaukeln, den der Arbeitsmarkt nicht bestätigt. So setzen viele doch noch den Master drauf, und auch der erfüllt die Erwartungen nicht garantiert im gestellten Maße. Im Grunde wird hier eine ganze Generation verheizt, und das lediglich aus elender unverantwortlicher Realitätsflucht – bloß nicht die Dinge beim Namen nennen, sondern anders. Und schon fallen alle zuerst drauf rein und dann auf die Nase. So erfüllt man kurzfristig auf falsche, in Sachen Lobhudelei aber einträgliche Weise den Handlungsbedarf und schafft sich langfristig einen Augias-Stall, den kein Herkules mehr ausmisten kann.
        Dass Kompetenzen auf freier Wildbahn allerdings wirklich mehr zählen als Bildung und Fachwissen, erweist sich schon seit Alters her. Fragt sich nur, welche: Opportunismus; Bauernschläue; nach oben buckeln, nach unten treten; andere durch Schein Statt Sein überzeugen und sich dadurch ein Image konstruieren, das einem alle Türen öffnet; Kopieren und Plagiieren; immer nur das Beste für sich rausholen ohne Rücksicht auf Verluste, notfalls über Leichen gehen; immer eine billige Arbeitskraft und einen Sündenbock finden, statt Fleiß und Unrechtsbewusstsein zu bemühen… Klappt bei den passenden Typen wunderbar, die kommen alle durch (survival of the „Kompetentest“, *lach*). Nicht, dass es solche „Kompetenzen“ nicht schon an der Schule gäbe, aber so stellt man sie sich dort offiziell nun einmal nicht vor.

  17. Die Einführung des Kompetenzbegriffs ist ja erst in den letzten Jahren erfolgt – in Bayern beispielsweise erst unlängst mit dem Lehrplan Plus. Insofern kann das, worüber Sie berichten („die Entwicklung der letzten Jahre, die weit über ein Jahrzehnt hinauszugeht“), damit nichts zu tun haben.

    Und was Ihre Schilderung des Arbeitsmarktes angeht: Vergleichen Sie mal mit dem übrigen Europa – wir leben hier auf einer Insel der Seligen. und zwar auf einer Wohlstandsinsel.

    Tut mir leid – ich kann Ihrer Schwarzmalerei wenig abgewinnen. Klar gibt es Probleme im deutschen Bildungssystem; die sind seit PISA 2000 offensichtlich (auch wenn sich seltdem viel bewegt hat): Rund 15 Prozent der Schüler erreichen kein Bildungsniveau, das sie zur späteren Teilhabe an Wirtschaft und Gesellschaft befähigt. Und natürlich müssen wir auch über eine Leistungsethik sprechen – in einem Zeitalter, in dem Doku-Soaps jungen Menschen vorspiegeln, dass Erfolg vor allem mit hübschem Posing zu erreichen ist. Kann man alles tun.

    Aber früher war die Schule nicht eine einzige „Feuerzangenbowle“, und heute ist nicht alles dort „Fuck ju Göhte“ – es gibt ganz viel dazwischen. Zur Erbauung (und Relativierung manch‘ schlechter Erfahrung) empfehle ich wirklich mal die Lektüre von Hurrelmann: „Die heimlichen Revolutionäre: Wie die Generation Y unsere Welt verändert“.

  18. Lieber Bernd,

    die Entwicklung der letzten Jahre ist nicht nur anhand des Kompetenzbegriffs festzumachen, sondern er ist ein Merkmal des Problems, welches Sie anhand Ihrer Antwort – die der Kritik an „Kompetenzen“ nicht widerspricht – indirekt ebenfalls kritisch sehen, wie ich ableite bzw. vermute. Widersprechen Sie mir einfach, wenn ich Sie da falsch verstanden habe 🙂

    Die Probleme fingen zum Beispiel mit G8 an, das in NRW bereits seit 10 Jahren „verschlimmbessert“ wird, wenn man die Reformen diesbezüglich und die zugehörigen (und nicht vorhandenen) Ergebnisse vergleicht. Dazu zählen die Reduktion der Hausaufgaben und der damit verbundenen Übung und die „Entrümpelung“ der Lehrpläne, die zu einer Aushöhlung des Bildungsniveaus führte.
    Daneben sind Punkte wie die Inklusion, die individuelle Förderung und die indirekte und direkte Abschaffung des Nachsitzens zu nennen.
    Alles das führt in der Konsequenz zu einer Schule, die weniger Verantwortung und weniger Engagement von der Schülern hinsichtlich des Bildungsniveaus fordert.

    Sie sprechen hier sehr blumig von einer Insel der Seligen und verweisen auf Wohlstand. Welchen Wohlstand meinen Sie denn? Wo ist der durchschnittliche Deutsche bitte vom Wohlstand gesegnet?
    Und mit dem durchschnittlichen Deutschen meine ich nicht, dass man das Gesamtvermögen nimmt und durch die Bevölkerungszahl teilt. Die Hälfte der Deutschen hat keine Mittel Geld anzuspraren und nur ein minimaler Bruchteil vereint mehr als die Hälfte des Vermögens. Bitte nennen Sie konkrete Argumente ohne die Worte von Angela Merkel zu wiederholen, die trotz aller Widrigkeiten stets zu sagen pflegt: „Deutschland geht es gut. Das ist ein grund zur Freude.“

    Es ist schön, dass Sie auf Pisa verweisen. Die Ergebnisse werden immer wieder gerne angeführt, aber nicht zu Ende gedacht:
    Die Länder Asiens, die sehr gut abgeschnitte haben, tun dies durch extremen Leistungsdruck, der hier in Deutschland abgelehnt wird. Man verweist dann lieber auf die Länder nördlich von Deutschland. Erstaunlicherweise gab es bei diesen nach dem ersten Pisa-Schock Deutschlands teilweise einen Einbruch, was entweder bedeutet, dass ihr gutes Abschneiden nur Zufall war oder die Pisa-Prüfung nicht so gut ist, wenn es um den Vergleich von Leistungen geht. Beide Möglichkeiten legen aber den Schluss nahe, dass der internationale Leistungsvergleich in dem Sinne schwachsinnig ist, weil man sich mit Schulsystemen vergleicht, die auf einer ganz anderen Basis stehen, weil sie mehr von den Kindern verlangen (Asien) oder finanziell und personell besser aufgestellt sind. Die entsprechenden Änderungen gab es in Deutschland aber nicht – wir sind mit einem Sparmodell gefahren.
    Es wurde hier alles getan, um eine Einheitsschule zu etablieren, in der Klassen mit Leistungsschwachen und Leistungsstarken zum Abitur geführt werden, während Kinder mit speziellem Förderbedarf sie begleiten. Das nennt man dann individuelle Förderung und Inklusion, bei der in der Regel eine Lehrkraft das leistet, was früher Sozialarbeiter, Integrationshelfer und Lehrer gemeinsam getan haben. Gelingt das nicht, ist die Lehrkraft verantwortlich, weil die Schulen sonst ihrem Bildungsauftrag nicht gerecht werden.
    Betrachten Sie doch die Inklusion. Teilweise sind Integrationshelfer an 5 Schulen gleichzeitig tätig. Es gibt viele Fälle (, beispielsweise in der WAZ), in denen betroffene Schulen erfolgreich Integration betrieben haben, aber um flächendeckende Integration zu gewährleisten, ihre Integrationshelfer mit anderen Schulen teilen müssen, wodurch alle beteiligten Schulen nur halbherzig versorgt sind.

    Für die Diskussion ist es immer wieder schön ein Argument zu hören, das lautet: „Früher war auch nicht alles besser.“ Natürlich gab es früher auch Probleme und Missstände. Das haben Sie bereits ausgeführt und dem habe ich zugestimmt. Sie geben mir in dem Sinne ja auch recht, dass einige Missstände in der heutigen Zeit inakzeptabel sind.
    Und natürlich verfügt die heutige Generation auch über Stärken, die in dem von Ihnen genannten Werk sicherlich erläutert werden. Das widerspricht aber dennoch nicht den bisher genannten Argumenten, dass die Kinder in der heutigen Schule teilweise „in Watte gepackt“ und „geführt“ werden, so dass sie Hindernisse erst im Studium oder der Ausbildung kennenlernen oder „Scheitern“ aus ihrem Wortschatz streichen.

  19. Lieber Peter Pan314,

    erst mal: Respekt für die ausführliche und nachvollziehbare Darlegung Ihrer Standpunkte – anderer Meinung bin ich trotzdem, zum Teil jedenfalls.

    Erst mal grundsätzlich: Es gibt keinen Beleg für die These, dass die Bildung in der Breite früher besser war. Es gibt schlicht keine empirischen Leistungsstudien, die einen breiten Vergleich der 60er bis 80er Jahre zu heute erlauben könnten. Deutschland hatte sich aus internationalen Studien, die es damals durchaus schon gab, abgemeldet. Wahrscheinlich, das lassen kleinere Untersuchungen erkennen, gab es damals im internationalen Vergleich in (West-)Deutschland eine hohe, aber sehr schmale Leistungsspitze, die sich schon (ohne großes Zutun der damaligen Lehrerschaft) durch das Aussortieren einer stark leistungsorientierten bürgerlichen Elite ergab. Einwandererfamilien gab es nicht. Nicht zu vergessen auch der motivationale Aspekt: Damals waren Abitur und, dann stets folgend, Studium immer gleichbedeutend mit einer ökonomisch höchst auskömmlichen Karriere. Andererseits gab’s auch keine nennenswerte soziale Mobilität: Arbeiterkinder wurden Arbeiter, Handwerkerkinder Handwerker – und Bürgerkinder eben Bürger. Erst die 70-er Jahre mit ihrer Bildungsexpansion, die auch damals schon von Konservativen massiv bekämpft wurde, erlaubten einen Aufstieg durch Bildung (vgl. http://www.wiwi.uni-rostock.de/fileadmin/Institute/ISD/Lehrstuhl_Makrosoziologie/Lehrmaterialien/Prof._Berger/Vorlesung_Sozialstrukturanalyse/Texte/Berger_Mobilitaet_01.pdf). Der elitäre Ansatz der (bürgerlichen) Bildung in Deutschland war damit allerdings dahin.

    Das bekommen die Schulen natürlich bis heute zu spüren. Das Gymnasium ist nicht mehr der Hort einer geschlossenen gesellschaftlichen Oberschicht, in der man sich auf einen gemeinsamen Kodex und einen einheitlichen Bildungsbegriff verlassen konnte. Die gymnasiale Schülerschaft ist (fast) so bunt geworden wie die Gesellschaft – nicht zuletzt auch aufgrund eines stetig wachsenden Anteils von Migrantenkindern. Nun könnte man einwenden, dass doch der Leistungsgedanke für eine Institution wie das Gymnasium verbindend und grundlegend sein sollte – nur: der Leistungsgedanke spielte bei der Auswahl, wer aufs Gymnasium durfte, ja nie die entscheidende Rolle. (Hat PISA eindrucksvoll nachgewiesen.) Wäre das so gewesen, hätte es stets nur einen fairen Zugangsweg gegeben, den die Asiaten beispielsweise wählen: ein Leistungstest. Der wäre aber nie und nimmer dem Bürgertum in Deutschland zu vermitteln gewesen.

    So, jetzt haben wir das grundsätzliche Problem, dass wir schulische Strukturen haben, die mit den gesellschaftlichen Strukturen allenfalls noch lose zusammenpassen. Mit Leistung auch nur sehr grob. Wir haben darüber hinaus die Situation, dass wir mit der Digitalisierung eine technische und gesellschaftliche Revolution erleben, gegen die die Industrialisierung des 19. Jahrhunderts ein laues Lüftchen war – und auf die die deutschen Schulen so gut wie nicht eingestellt sind. Dazu kommen natürlich auch Probleme, die ich gar nicht leugnen will: zurückgehende Lernmotivation (kein Wunder, wenn Menschen wie Kim Kardashian als Vorbilder dienen), fehlende (Leistungs-)Disziplin, fehlende Erziehung … gibt’s alles.

    Diese vielen Probleme werden sie mit einer Beschimpfung der Schülerklientel oder dem Einfordern von Respekt gegenüber Lehrpersonen aber nicht aus der Welt schaffen.

    Herzliche Grüße
    Bernd

    • Milch der frommen Denkungsart

      @Bernd:

      Zum einen gab es den von Ihnen geforderten Leistungstest vor dem Gymnasialübertritt schon zu meiner Schulzeit; dieser wurde freilich beizeiten als unangängige Negation des Elternwillens verschrien und – außer
      in Bayern – als vorgebliches Selektionsinstrument peu à peu abgeschafft; damit einhergehend wurde auch der genuin positiv besetze Elitebegriff perfide mit der Rampe von Auschwitz-Birkenau gleichgesetzt.

      Und obschon ich einräume, daß diese Eignungsprüfung gewiß nicht der Weisheit allerletzter Schluß ist, so
      konnte er doch in der Breite verlässliche Aussagen treffen, zumal man seinerzeit den Lehrkräften noch jene
      Expertisekompetenz zugestand, die heute allzu oft beliebig jedem zugemessen wird, der je auch nur eine Schulbank gedrückt oder Kinder in schulpflichtigem Alter hat.

      Im Übrigen entstammten nicht wenige meiner Klassenkameraden dem Arbeiter- bzw. Migrantenmilieu; freilich besaßen sie eben jene gymnasiale Eignung, die heute nahezu flächendeckend zugunsten eines in meinen Augen verlogenenen Egalitarismus als quantité négligable geopfert wird. Nota bene: Darunter gab es eine asiatische Mehrheit, der der Leistungsgedanke als selbstverständlich vertraut war.

      Schließlich darf ich nochmals einen Gedanken wiederholen, den ich quasi als des Pudels Kern erachte:
      Die aktuelle Schülergeneration ist keineswegs per se qualitativ minderwertiger; allerdings ist sie dem Stre- ben nach sogar der soliden Leistungsmitte durch fortgesetzte Wattierung wie Pardonierung entwöhnt worden, woran nicht zuletzt die Elternschaft, die inzwischen beispielsweise bereits zwei Klassenarbeiten innerhalb einer Woche als unzumutbare Belastung erachtet, ein gerüttelt Maß an Schuld trägt.

      Und zuletzt halte ich folgende Wahrheit erneut für unausweichlich: Würde man tatsächlich damit fortfah- ren, jedes Kind pauschal der Gymnasial- oder in Konsequenz der Hochschuleignung zu verdächtigen, so gaukelte man ihm wie seinen gewiß wohlmeinenden Eltern ein trügerisches Wolkenkuckucksheim vor.
      Daß die Fallhöhe äußerst schmerzhaft ist, zeigt die horrende Zahl an derart betölpelten Studienabbrechern, die zu vermindern bezeichnenderweise hie und da den Universitäten als nivellierende Bringschuld attestiert wird.

      • Der Grund (oder einer der Gründe), warum man Deutschland nicht ernst nehmen kann, ist, dass jeder Trend (egal, welcher) immer durch einen diametral entgegengesetzten Gegentrend abgelöst wird, der dermaßen sonderliche Blüten treibt, dass man froh sein muss, wenn rechtzeitig vor dem Eintreten einer Katastrophe schon die nächste Trendwende kommt. Das Einpendeln auf ein gesundes Mittelmaß will uns anscheinend auch nach über 1000jähriger Geschichte nicht gelingen, ja nicht einmal, die Notwendigkeit dazu zu erkennen. Ein Beispiel: Der Nationalsozialismus disrespektierte die Menschen außerhalb einer postulierten „Herrenrasse“, der anschließend neurotisch-prohibitiv initiierte und seitdem herrschende Nationalmasochismus (anders kann man es wirklich nicht nennen) disrespektiert die menschliche Natur, der es aufgrund eines gesunden Unbehagens und Misstrauens allem Fremden gegenüber nach individualistischen und separatistischen Strukturen verlangt anstatt nach einer diffusen aufdringlichen Beliebigkeit, die aus ethnischer, kultureller und religiöser Durchmischung resultiert.

        @ Milch der frommen Denkungsart Genau dasselbe Prinzip zeigt sich nun beim Thema Bildung: Früher waren Kinder Menschen zweiter Klasse und es wurde übertrieben streng selektiert. Heute, wie Sie erwähnen, wird wattiert, pardoniert und ihnen ein Maß an Aufmerksamkeit geschenkt, von dem frühere Generationen nur träumen konnten. Selbstüberschätzung, Geltungssucht, Konfliktunfähigkeit und niedrige Frustrationstoleranz sind die Folge (oder besser: der Preis). Eine unangemessen zugesprochene Gymnasialeignung ist da noch harmlos. Besonders in ist die Unterstellung einer „Hochbegabung“, gerne auch unter fragwürdigen Indikatoren wie allen möglichen Verhaltensauffälligkeiten oder gar Defiziten, wie sie angeblich nur ein „Hochbegabter“ haben kann. So weit – eben typisch deutsch – der Trend, auf dem wir ins Ungewisse reiten, was wie üblich eher negativ enden dürfte.

        Warum sollte man es eigentlich zwingend ausschließen, dass die heutige Schülergeneration „per se qualitativ minderwertiger“ ist? So abwegig scheint mir das inzwischen nicht mehr. Aber natürlich darf man so ja nicht denken, es noch weniger aussprechen. Auch diese Augenwischerei ist Bestandteil des Trends und daher – man möge mir verzeihen – wieder mal nicht ernst zu nehmen. Schwindende Qualifikationen (Eignungen, Kompetenzen, whatever…) mit einer erhöhten Durchlässigkeit der Gesellschaft, sprich geringeren Widerständen zu kompensieren, wie es momentan geschieht, kann und darf für dieses Problem nicht die Lösung sein; die Universitäten vornerum ausgleichen lassen zu wollen, was hintenrum fehlt, ist, wie Sie andeuten, natürlich auch Unsinn. Aber wo Wunschdenken, Hypertoleranz und Antidiskriminierungshysterie regieren, haben Wahrheit, Vernunft und Weitsicht nun einmal keine Chance.

  20. Milch der frommen Denkungsart

    @ysnp:

    Auch auf das Risiko hin, daß Sie mich ebenso mangelnder Sachkenntnis zeihen möchten, erlaube ich mir die Eingangsbemerkung, daß es bereits vor der sog. Kompetenzorientierung sehr wohl unterrichtliche Metho- denvielfalt gab.

    Zum anderen stört mich, daß eine so definierte Art von Kompetenzerwerb in meinen Augen allzu einseitig auf eine praktische Anwendung hin fixiert ist, d.h. selbst musisch-künstlerische oder philosophische Inhalte nur unter dem Aspekt handlungsorientierter Nützlichkeit traktiert werden sollen.

    Apropos „Inhalt“: Ich halte es wahrlich für eine geistige Wüstenei, wenn man im Sinne solcher Kompetenz- berschreibungen etwa das Phänomen einer Revolution nur mehr an einer beliebig herausgegriffenen linear wie eine Naturgesetzlichkeit vermitteln zu können glaubt oder einen Lektürekanon zugunsten von Pröb- chenliteratur im zweifelhaften Rang eines medizinischen Beipackzettels für verzichtbar erklärt, anhand des- sen sich – zugegeben pointiert formuliert – durchaus ja auch „Textkompetenz“ erlernen ließe.

    Im Übrigen entziehen sich gewisse Fächer a priori dieser Form von, wie ich sie sehe, organisierter Verwahr- losung: Wie nämlich sollen Schüler sich „selbstgesteuert“ beispielsweise grammatikalische Besonderheiten einer Fremdsprache aneignen, wenn sie nicht der erfahrene – tatsächlich kompetente – Lehrer anleitet wie ein Vater, der seinem Sohn doch selbstverständlich das Schuhebinden beibringt ?

    Schließlich erachte ich es als eine geistige Verödung, indem das gewachsene Verhältnis zwischen dem Leh- rer und seinem Schüler vor lauter „Selbsthuberei“ zu einer rein sozialpädagogischen Betreuungsbeziehung degradiert wird.

    Und noch eine letzte spitze Bemerkung sei mir gestattet: Ein Folterknecht muß, um seinen „Job“ gut zu machen, gewiß über basale medizinisch-anatomische Kompetenzen verfügen – von Bildung wird man hier allerdings wohl nicht sprechen können.

    • @ Milch
      Bitte nennen Sie mir Stellen aus kompetenzorientierten Lehrplänen, woran Sie Ihre Thesen festmachen. Die Lehrpläne sind alle im Internet zu finden.
      Hier der Lehrplan, mit dem ich arbeite:
      http://www.lehrplanplus.bayern.de/schulart/grundschule
      http://www.lehrplanplus.bayern.de/schulart/grundschule/inhalt/fachlehrplaene

      • @Milch. Ich hatte diesen Kommentar früher (20:46) geschrieben. Da er aber nicht erschien, dachte ich, er wäre untergegangen. Sie müssen auf diesen Kommentar nicht antworten, sehen Sie diesen also als gestrichen an, da ich stattdessen einen Kommentar um 22:23 geschrieben habe.

    • Der durchaus schülerorientierte Arbeitsauftrag „Recherchiere nach und erkläre damit XY. Stelle die Ergebnisse in einer Präsentation, einem Plakat, einem Aufsatz etc. dar“ funktioniert in den meisten geisteswissenschaftlichen Fächern wie Erdkunde oder Geschichte noch ganz gut, vorausgesetzt als Lehrer akzeptiert man die häufig eher oberflächlichen Zusammenfassungen, weil es dabei nicht auf den Weg der Ergebnisfindung an sich ankommt und das Thema selbst meistens nicht so abstrakt ist. Mit Recherchekompetenz kann man das Ganze noch halbwegs treffend beschreiben.

      In den Naturwissenschaften oder der Mathematik kommt es häufig auf den genauen Weg an sich an, nicht nur auf das Ergebnis. Diesen Weg können bzw. wollen sich die meisten Schüler nicht in Eigenarbeit aneignen, weil es in Mathematik erstens Arbeit, zweitens schwer, drittens langweilig ist (z.B. Päckchenrechnen mit quadratischen Gleichungen). Experimente sind aus rein logistischen Gründen nicht so oft, aber sehr sorgfältig durchzuführen. Insbesondere müssen Schüler dabei die Anleitung genau lesen und befolgen, ggf. sogar aus Sicherheitsgründen. Daher ist selbstgesteuertes Arbeiten in solchen Situationen häufig zum Scheitern verurteilt, selbst wenn man dieses Scheitern noch in irgendeine erreichte Kompetenz übersetzen kann.

      • @xxx
        Ich habe es zwar unten schon vermerkt; selbstgesteuertes oder selbstentdeckendes Lernen ist eine Methode unter vielen und diese ist je nach Unterrichtssituation nicht immer sinnvoll. Wenn man selbst gesteuert noch ganz eng gefasst sieht, ist es sehr schwer durchzuführen, denn in der Reinform den Schüler selbst steuern lassen, was er lernt, das gibt es ganz wenig. Doch ich denke, wir sprechen von dem selbstgesteuertem Lernen im Hinblick auf das entdeckende Lernen. Wenn es zu offenen Aufgaben, die geschickt gestellt werden, differenzierte Hilfsangebote/Tipps gibt, dass eben der von Ihnen geschilderte obige Fall nicht eintritt, geht das schon ganz gut, zumindest gibt es da in der Grundschule einige gute Ideen.

    • Ich verstehe Ihre Kritikpunkte. So einseitig sehe ich den kompetenzorientierten Lehrplan nicht. Klar, gibt es die Methodenvielfalt schon länger – ich gehöre schließlich auch zu den älteren Lehrern – der Methodenpool ist im Laufe der Jahre immer weiter gewachsen, aus dem der Lehrer seinen Unterricht zusammenbasteln und wesentlich besser den Gegebenheiten anpassen kann. Gut finde ich, dass man jetzt durch den Lehrplan verpflichtet wird, Methodenvielfalt anzuwenden.
      Inhalt: Es ist die Kunst der Lehrplanmacher, die Inhalte dazu so festzuschreiben, dass es eine klare Gliederung gibt. Ich betone allerdings, dass ich für die Grundschule und den Lehrplan meines Bundeslandes spreche. Kompetenzorientiert ist nicht gleichzusetzen mit selbstgesteuertem Lernen. Ich selbst gebe Englisch; der Lehrplan fordert nicht die Kompetenz, dass die Schüler sich die Wörter selbst erarbeiten sollen.
      Dass ein kompetenzorientierter Lehrplan nicht mehr bilden soll, wie Sie in den letzten beiden Abschnitten vermerkt haben, kann ich so nicht erkennen.
      Link zum kompetenzorientierten Lehrplan Plus (Grundschule) – vielleicht schauen Sie einmal exemplarisch in die Fachlehrpläne hinein:
      http://www.lehrplanplus.bayern.de/schulart/grundschule
      Ich habe auch schon, seit über 30 Jahren Schuldienst verschiedene Lehrpläne und Bildungsideen mitgemacht, wie einige hier ebenfalls geschrieben haben. Zurückschauend kann ich sagen, dass jeder Bildungsplan/Lehrplan ein Kind seiner Zeit war und versucht hat, gewisse Dinge voranzutreiben oder eine Antwort auf aktuelle gesellschaftliche Zustände zu geben. Jeder Lehrplan hatte seine Berechtigung eben in seiner Zeit. Heute gilt es mehr denn je eine junge Generation zu bilden, die so konsumorientiert wie nie zuvor ist, über Internet über Dinge informiert ist, von denen ich in meiner Jugend keine Ahnung hatte und die bevorzugt über Medien zu kommuniziert, der immer mehr das soziale Feeling verloren geht durch lockere Erziehung und – das darf nicht untergehen – die einen Gewöhnungseffekt an Gewalt in Film, Fernsehen und Computer/Handyspiele zeigt. Es geht um junge Menschen, die von Haus aus immer weniger Lust auf Lernen haben, weil es eben so viel andere verlockende Angebote gibt. Darauf muss Bildung/Schule eine Antwort finden. Warum es dann nicht mit einem kompetenzorientierten Lehrplan versuchen, wo viele Kompetenzen ein Gegenpol dazu setzen?

      • Milch der frommen Denkungsart

        Zunächst anerkenne ich Ihre Erläuterungen, die gewiss auf gefühlt guten Erfahrun- gen gründen. Sie werden’s mir aber nicht verübeln, wenn ich Ihnen dennoch mit Joschka Fischer entgegne:
        „I’m not convinced“

  21. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass Lehrer immer Gefahr laufen, Schülerleistungen aus der „Projektionsfalle“ heraus zu bewerten. D.h., sie denken „Das müssten die doch wissen“ oder „Das werden die schon wissen“ (oder noch naiver: „Nee, die wollen mich jetzt nur verarschen. In Wirklichkeit wissen die das.“), verbunden mit Beschwichtigungs-Denkmechanismen wie „Gut, sieht momentan etwas kritisch aus, aber das gibt sich bestimmt noch“ (selbst, wenn dies realiter dann nicht eintritt, so wird es aber doch projiziert). Auf diese Weise verlieren sie das Gefühl bzw. die realistische Einschätzung dafür, wie weit die Schüler von dem, was man an sie ranbringen will, eigentlich immer noch entfernt sind und setzen ständig mehr voraus, als tatsächlich da ist. Anstatt sich aber durch einen Realitätsschock wie eine unerwartet durchgehend schwache Leistung bei einer Klassenarbeit eines Bessern belehren zu lassen (Tja, Ärzte sind die schlimmsten Patienten; Lehrer sind die schlimmsten Schüler), sind sie auch in der Bewertung milder, weil sie auch da projizieren („Ist bestimmt nicht so dumm gemeint wie geschrieben“ o. Ä.). Da Empathie und Schülerzentriertheit relativ moderne Lehrtugenden sind, bestand für ältere Lehrergenerationen diese Gefahr weniger. Die Leistung wurde bewertet, nicht der Schüler, knallhart eben – friss oder stirb. Ich denke, das spielt heutzutage bei dem sinkenden Qualifikationsgehalt der Abschlüsse auch eine Rolle, nicht nur, dass das Abi an sich leichter geworden ist, was ich übrigens nicht anzweifle.

  22. zwei Anmerkungen zum leichteren Abitur:
    1) Das Experiment mit den Abiturklausuren Biologie in Klasse 9 vor und nach dem Zentralabitur:

    http://www2.ibw.uni-heidelberg.de/~gerstner/AF-Kompetenzorientierung.pdf

    2) wenn vor 30 jahren der Anteil Abiturienten halb so groß war wie heute, die Schüler damals keineswegs dümmer aber gefühlt fleißiger waren, dann sind Niveau oder Umfang oder beides das einfachste Mittel das zu erreichen.

    Die Anmerkungen möchte ich als Korrelation und nicht als Kausalität verstanden wissen. eine Tendenz sind sue aber auch so.

  23. Es ist sicher richtig, dass die einzelnen Aufgaben im Zentralabitur leichter sind, als sie es im früheren dezentralen Abitur waren. Nur: Früher konnte der Lehrer seine Schüler auf den Punkt hin vorbereiten, weil er ja wusste, was er selber prüfen würde – also konnte er ein höheres Spezialisierungsniveau voraussetzen. Heute müssen sich Schüler wie Lehrer auf eine viel breitere Palette möglicher Prüfungsthemen vorbereiten – ist das leichter? Doch wohl kaum.

    • Es wäre nicht leichter, wenn die Aufgaben nicht auf eine Gleichmacherei auf niedrigem Niveau hinauslaufen würden. Abitur bedeutet für mich nach wie vor Studierfähigkeit, nicht Studierberechtigung. Oberstufenschüler müssen meiner Meinung nach auch nicht auf die Vorzüge einer betrieblichen Ausbildung hingewiesen werden, weil sie nach dem Abitur an die Universität wechseln werden und daher keine betriebliche Ausbildung benötigen. Eine Abiturquote von 50% und mehr ist viel zu viel. Nennen Sie mich ruhig gestrig.

  24. Wieder was fürs Nähkästchen:

    http://www.focus.de/regional/duesseldorf/prozess-in-duesseldorf-behinderter-lehrer-ever-14-jaehrige-muss-wegen-facebook-post-vor-gericht_id_5570127.html

    Wortlaut des Anstoßes: „behinderter Lehrer ever“
    Bei dieser Schülerin passt alles gut zusammen: Ihr charakterliches Niveau, aufgrund dessen sie eine solche Beleidigung zusammen mit einem Bild der gemeinten Person auf facebook postet sowie ihr sprachliches Niveau (Adjektiv + „ever“ erfordert den Superlativ, aber woher soll man das schon wissen, wenn man a) auf der Schule Besseres zu tun hat als zu lernen und b) so etwas natürlich auch sonst nicht mitkriegt – ja, auch Neudeutsch ist nicht frei von Regeln, wie lästig; wie leicht müsste das Abitur erst werden, damit auch so jemand es packt?)

    Schön, dass man hier also sofort sehen kann, wer hier in Wirklichkeit der, ääh, die Behinderte ist. Ein rundum gelungener unfreiwilliger geistiger und moralischer Offenbarungseid in kürzester Form. Würde so etwas bei allen Schülern dieses Niveaus derart offensichtlich anstatt größtenteils verdeckt zu bleiben, müssten sich die damit Konfrontierten wieder mal äußerst überrascht geben.

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