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Lernstress am Gymnasium stellt Vereine vor Nachwuchsprobleme

MÜNCHEN. Musikschulen und Vereine in Bayern beklagen einen Abwärtstrend bei den Mitgliederzahlen und machen das verkürzte Abitur verantwortlich. «Die Neigung von Jugendlichen, sich einem Verein anzuschließen, ist eh rückläufig.», kontert die Direktorenvereinigung.

Wenn Hildegard Bock entscheiden könnte – sie würde sofort zum Gymnasium in neun Jahren zurückkehren. Den Wechsel von G9 auf G8 hat sie mit ihren sechs Kindern mitgemacht und erlebt, wie die Schule immer mehr Raum einnahm. «Dabei ist das Leben außerhalb der Schule genauso wichtig», sagt sie. Ihre Kinder gehen in die Musikschule und engagieren sich auch sonst in Vereinen. Das ist Bock viel wert, auch wenn das hin und wieder auf Kosten guter Noten geht.

Aber nicht jeder setzt die Prioritäten so wie sie. «Viele Eltern sagen, ihr Kind sei mit Lernstoff überfrachtet», erklärt Claudia Wanner vom Verband deutscher Musikschulen. Der Verband sorgt sich um die Zukunft. Wenn sich Jugendliche von den Musikschulen abmelden, dann immer häufiger wegen des Drucks in der Schule.

Liegt es am G8 oder am gesellschaftlichen Wandel, wenn die Sportplätze immer öfter verwaist bleiben? Foto: lichtkunst.73 / pixelio.de

Liegt es am G8 oder am gesellschaftlichen Wandel, wenn die Sportplätze immer öfter verwaist bleiben? Foto: lichtkunst.73 / pixelio.de

Abiturient Tobias hat sein großes Hobby irgendwann aufgegeben. Bis vor zwei Jahren war der Münchner im Basketballverein. Dann wurde der Lernstress immer größer. «Ich will Medizin studieren und brauche gute Noten», erklärt er. Den Sport vermisst Tobias, aber seine Ausbildung geht vor.

Da immer mehr Schüler sich so entscheiden, machen sich auch die Sportvereine Sorgen um den Nachwuchs: «Es wäre fahrlässig, die gesellschaftliche Veränderung nicht zu beachten», meint Thomas Kern, Geschäftsführer des Bayerischen Landes-Sportverbands. «Einerseits jammern wir über unsere unfitten Kinder, andererseits streichen wir die Möglichkeiten, dass sie sich bewegen können», warnt er.

Noch sind die Mitgliederzahlen in den Musikschulen und Sportvereinen nicht dramatisch eingebrochen. Aber ein Abwärtstrend ist da. Bevor die ersten Schüler 2009 in Bayern in die neustrukturierte elfte Klasse eintraten, waren gut 121 000 von ihnen an den Musikschulen angemeldet. Im letzten Jahr waren es bayernweit nur noch 117 000. «Es wird immer schwieriger, Termine mit den Schülern zu finden, und auch die Leistung lässt nach», meint der Leiter der Musikschule Unterhaching, Wolfgang Greth. Es fehlt die Zeit zum Üben. Auch die Sportvereine kennen das Zeitproblem.

Karl-Heinz Bruckner ist Direktor des Neuen Gymnasiums in Nürnberg und Vorsitzender der bayerischen Direktorenvereinigung. Er meint, die Zeit, die die Schüler in der Schule verbringen, sei zwar umfangreicher geworden. Aber das sei nicht der Grund, warum immer weniger von ihnen in Vereinen oder Musikschulen seien. «Die Neigung von Jugendlichen, sich einem Verein anzuschließen, ist eh rückläufig. Überhaupt gilt das für unsere ganze Gesellschaft», meint Bruckner. Jugendliche heute gingen nicht mehr raus, um andere zu treffen. Sie verabredeten sich virtuell. «G9 würde die Schüler nicht in die Vereine zurückbringen.»

Am Donnerstag (5. Juni) berät der Landtag mit Experten über die Frage, ob das Gymnasium in acht Jahren bleibt oder ob Bayern zum G9 zurückkehrt. Bleibt es beim G8, dann muss nach Auffassung der Sport- und Musikverbände nach Lösungen gesucht werden. Eine könnte die bessere Kooperation der Gymnasien mit Sportvereinen und Musikschulen sein. «G8 ist kein Teufelswerk. Man muss nur vernünftig damit umgehen», meint Musikschulleiter Greth.

Doch mögliche Kooperationen scheitern häufig am Geld. Die Kommunen unterstützen die Musikschulen und Sportvereine finanziell, dazu kommen die Gebühren der Mitglieder. Wer aber soll den Musiklehrer oder Übungsleiter bezahlen, wenn er an einer Schule nachmittags Unterricht gibt? Die Kommunen, oder der Freistaat?

Solange diese Frage offen bleibt, werden sich manche Schüler zwischen außerschulischem Engagement und guten Noten entscheiden müssen. In der Familie Bock ist die Sache klar: «Es war nie eine Frage, ob jemand die Musik aufgibt.» (Rebecca Krizak, dpa)

zum Bericht: Musik- und Sportvereine fordern bessere Zusammenarbeit der Gymnasien

3 Kommentare

  1. Dieser Artikel passt wunderbar zu dem Artikel über den wachsenden Anteil der übergewichtigen Personen.
    Es darf nicht vergessen werden, dass die Vereine dafür sorgen, dass die Kinder nicht in Kontakt mit illegalen Substanzen kommen oder mit Personen aus der Welt der Illegalität (Kriminelle). Musikschulen regen zwar nicht den Bewegungsdrang der Kinder an, sorgen aber dafür das Spielmannszüge und Musikkapellen und evtl. auch Orchester und Posauenenchöre Nachwuchs haben und somit ebenfallls für eine gesunde Vereinslandschaft sorgen.

  2. Naja das mit den illegalen Substanzen würde ich nicht unterschreiben. Allerdings sieht man hier mal wieder, wie blindwütig und ohne Rücksicht auf Verluste das G8 durchgedrückt wurde.

    • Ich habe mich bewusst provokant ausgedrückt, um die Problematik zu verdeutlichen, die dahinter steckt. Es gibt sicher auch Jugendliche, die nicht oder wenn überhaupt nur sehr schwierig erreicht werden von den Vereinen.
      Im Bezug auf G8 gebe ich Ihnen recht.

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