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“Boarderlines” Teil 1 – Lehrer Andi reist nach Bali

DÜSSELDORF/KÖLN. Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlicht er hier in den folgenden Wochen in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der Sommerlektüre.

Zusammenfassung der Geschichte: Andi wird auf Bali mit dem Surfvirus infiziert und plötzlich ist nichts mehr, wie es war. Ein spontaner Aufbruch führt in eine verrückte Geschichte, die kreuz und quer über den Planeten jagt. Mitten rein in herrlich naive Begegnungen mit echten Gangstern oder skurrilen Typen und in liebevolle Momente voller Reiseromantik.
Zwischen den Erlebnissen findet eine Entwicklung statt, denn die Reisen lassen das Innenleben des Protagonisten nicht unberührt. Zeit zum Nachdenken und sich inspirieren lassen. Das Dilemma zwischen Heim- und Fernweh sowie die Auseinandersetzung mit den zentralen Fragen im Leben, lässt den Leser eine neue, eine gefühlvolle Seite von Andi entdecken.

Andi unterwegs im südamerikanischen Gebirge. (Foto: privat)

Andi unterwegs im südamerikanischen Gebirge. (Foto: privat)

Teil 1:

Prolog
2004 – Freak Set
Zwölf junge Männer sitzen beisammen. Alleine hier draußen. Ein leises Rauschen weht durch die Luft. Keiner sagt etwas. Spannung und Nervosität liegen in den Gesichtern. Nein Angst. Alle sind freiwillig hier, hoffen auf großartige Momente und fürchten gleichzeitig den Untergang. Sie haben viel gesehen in der Welt, sich Jahre vorbereitet, auf einen Moment wie diesen. Der Tag ist gekommen, für alle zusammen und jeden einzelnen. Obwohl sie gemeinsam hier sind, bleibt jeder alleine, auf sich gestellt und ohne Hilfe von außen.
Die See ist spiegelglatt und das rettende Ufer ein paar hundert Meter entfernt. Das erste Dämmern verdrängt die Schatten der Nacht. Die Sonne beginnt zu glitzern. Verheißungsvoll nimmt der Tag Gestalt an, schickt ein paar Vögel an den Horizont und taucht das Tropenpanorama in zauberhaftes Licht. Palmen, türkis-blaues Wasser und der Dschungel Indonesiens dahinter. Der nächste Ort, die Zivilisation, eine Tagesreise entfernt.
Ich sitze mittendrin. Hocke auf dem Brett und meine Beine baumeln im Wasser. Die Ruhe ist trügerisch, die Stille vielsagend. Mein Herz hämmert in der Brust.
Dann passiert es. Wie aus dem Nichts türmt sich ein ungeheures Monster auf und rast auf uns zu. Überrascht und mit blankem Entsetzen paddeln wir um unser Leben, flüchten zum rettenden Horizont und beten um Gnade. Panik blitzt auf. Wird Gewissheit, denn nur wenige schaffen es, rudern die riesige Wasserwand hinauf, steil nach oben und gerade noch hinüber. Der Rest wird verschlungen, wird in Stücke gerissen. Die gigantische Welle tobt und trampelt alles nieder. Gewaltige Turbulenzen schleudern die
Überrollten umher und drücken sie in die Finsternis des Ozeans hinab. Arme Seelen und eine davon bin ich.
Während die Dampfwalze meine Glieder durch die Gegend wirbelt, verpufft die Luft in meinen Adern, wie Erinnerung an längst vergangene Träume. Alles um mich herum ist schwarz. Der Sauerstoff wird knapp. Und knapper. Ich kann nichts mehr tun. Muss aushalten. Muss Ruhe bewahren. Der Druck in meinen Lungen wird unerträglich, der Wunsch nach Luft, nach Leben, nach Sonne auch. Und in jedem Moment die Frage: Wie lange noch? Dann Hoffnung. Die Turbulenzen lösen sich auf, der Sog wird weniger, lässt mich los und dann endlich der ersehnte Moment zum Auftauchen. Ich kämpfe mich nach oben und mit jedem Zug weicht die Dunkelheit dem Licht der rettenden Wasseroberfläche. Ich werde es schaffen. Auftauchen und endlich wieder atmen.
Das Meer rauscht, das Weißwasser dampft. Überall schwimmen zerbrochene Bretter zwischen den weit aufgerissenen Augen der vor Erschöpfung keuchenden Gesichter. Weitere Wellen schlagen ein, reißen uns fort und unter Wasser. Wir werden herum geschleudert, durchgewaschen und schleppen uns mit den Armen rudernd wieder an die Oberfläche. Und zurück ans Ufer.
Endlich aus der Gefahrenzone setzt die Erleichterung ein.
Durchatmen. Der Kampf ist vorüber. Wir sind geschlagen, aber leben, und ziehen uns zurück. Für diesen Tag.

I. Köln, 1996
1996 ist eine Weile her. Helmut Kohl ist Bundeskanzler. Schon wieder. Es gibt weder ein richtiges Ozonloch noch Klimawandel. Bezahlt wird mit Deutscher Mark. Wirtschaftskrisen existieren nur in verstaubten Geschichtsbüchern, genau wie China, das irgendwo im Osten liegt. Man reist nach Italien oder Frankreich. Im Winter in die Schweiz. Exoten fliegen auf die Kanarischen Inseln und wer verrückt ist, wagt sich über den großen Teich in die Vereinigten Staaten von Amerika.

3. März, 11:47 Uhr
…nach vier Stunden Prüfung verlasse ich den Hörsaal I der Universität zu Köln. Mein Hirn ist leer. Destruktive Statistik adé! Endlich die verhasste Klausur absolviert, laufe ich hinaus, um meinen Kumpel Alex in der Mitschriften AG zu treffen. Der Laden liegt vorne an der Ecke, ist Treffpunkt, Epizentrum von Uni Klatsch und Tratsch sowie einer meiner Nebenjobs. Eine arbeitserleichternde Institution, die sich fest im Campusleben der größten Uni Deutschlands verankert hat, da wir uns der Vervielfältigung von aktuellen Vorlesungsinhalten widmen. Die Nachfrage ist groß, weil man nichts verpasst, auch wenn man mal verhindert ist.
Der schwarze Zeiger über der Ladentheke klettert auf 12 Uhr, als unsere Schicht beginnt. Ich beschäftige mich mit den Kopierern, während Alex Daten in einen Rechner tippt.
»Hey Andi, lass doch mal verreisen!«
Ich hebe den Kopf.
»Super. Bin dabei.« An die Alster in Hamburg oder zum Ballermann auf Mallorca, ganz egal.
»Und wohin?«
»Hauptsache weit weg!«
Logisch. Ich rücke einen Stapel Papier zurecht.
»Auto, Zug oder Flugzeug?«
»Australien, klingt doch nett!«
Müsste Flugzeug sein, aber ich hake sicherheitshalber nach.
»Gibt´s da Palmen?«
Mit dem Drücken der Starttaste werden die Seiten der Vorlage in meinen Kopierer eingezogen. Alex starrt den Bildschirm an. Ein paar Minuten Schweigen später lehnt er sich mit einem zufriedenen Ausdruck in den Augen zurück.
»Wir können auf dem Weg in Bali halt machen. Und Surfen.«
Vor mir verschwindet leeres DIN-A-4 Papier, um irgendwann als frisch bedruckte Seite voller Sinn und Inhalt wieder ausgespuckt zu werden. Mein Druckauftrag ist durch nichts in der Welt aufzuhalten. Zeit, der Sache auf den Grund zu gehen.
»Bali? Surfen?«
»Ja. Indonesien. Wellenreiten.«
An der linken Seite meines Kopierers füllen sich die Fächer mit den Mitschriften einer Vorlesung über dynamische Makroökonomie. Wellenreiten? Irgendwie ist mein übertriebenes Informationsbedürfnis immer noch nicht gestillt.
»Surfen? Im Wasser?«
Alex blickt auf.
»Bravo, Watson! Wo denn sonst? Und ja, es gibt jede Menge Palmen, aber wenn wir noch lange rummachen, ist die Aktion vorbei. Bei Garuda gibt es 40% Studentenrabatt in der ersten Märzwoche.«
Wir buchen den Flug um halb fünf, im Reisebüro an der Ecke. Das Ticket in die weite Welt. Nach Bali und Australien, zehn Tage zum warm werden und zwei Monate zum Durchstarten. Der Indische Ozean und die Wellen des Pazifiks. Mit »Garuda Indonesia« zum Bombenpreis – Unterschrift, Bankeinzug, Ersparnisse adé und fertig ist die Sause.
Wir treten hinaus und an die frische Luft, während hinter uns die Glastüren zufallen. Auf dem Weg zu unseren Fahrrädern treffen wir Meike und Thorsten, die zusammen für die Statistikklausur gelernt haben und wirklich immer Händchen halten müssen. Die haben sich echt gefunden, wobei man fragen kann, ob man nach so was suchen sollte. Naja, manche Dinge kommen ungefragt, andere passieren einfach. Schwer da den Überblick zu behalten. Weil ich Meike so irre hübsch finde, erwähne ich ganz beiläufig unseren Trip, worauf sie fragt, was man in Australien macht. Keine Ahnung. Surfen. Außerdem wollen wir nicht alles so rundum planen, denn man muss auch mal Schicksal und Abenteuermut ans Ruder lassen. Genau. Das ist es, darum geht es ja.

II. Reisegefährten: Wahre Helden, echte Weise oder arbeitsscheue Studenten
Alex habe ich bei einem Treffen für Erstsemester kennen gelernt, weil außer uns keiner erschienen ist. Vielleicht haben wir auch beide nicht den richtigen Treffpunkt, aber dafür eben uns gefunden.
Also ab in die nächste Kneipe, um Gemeinsamkeiten auszuloten. Pat und Patachon, weil er aus Hamburg stammt, fast zwei Meter misst, und ich im Rheinland groß geworden bin und an einen Meter achtzig heranreiche, wenn ich auf Zehenspitzen stehe. Ein Riese und ein Zwerg. Er studiert BWL, ich VWL. Wir haben uns auf Anhieb super verstanden, da wir in irgendwelche Manager-fußstapfen treten wollen. In die Chefetage, Geld verdienen, Entscheidungen treffen. Verantwortung tragen oder besser noch: Delegieren. Also folgen wir der Wirtschaftstheorie in den Vorlesungen, wie die Jünger dem Propheten. Ich studiere dazu noch Sportwissenschaft, weil ich Bewegung über alles liebe, aber für eine richtige Karriere, muss man in Marktmodelle eintauchen und große Unternehmen kennen lernen. Alex ist da Vorbild für mich, weil er schon Praktika absolviert hat, während ich noch von den lustigen Ideen der Sportstudenten abgelenkt werde. Von denen lässt sich Alex gerne mitreißen, besonders wenn es um Partys und Sportstudentinnen geht. Eine Schnittmenge, die uns verbindet. Gute Noten und Feiern. Also Alkohol, auf Studentenpartys oder Freibierveranstaltungen. Bis zum Filmriss und der totalen Erschöpfung, weil der Sinn des Lebens irgendwo am Boden einer Bierdose zu finden sein muss. Erscheint der Weg nach Hause dann zu weit, nächtigen wir unter einer Tischtennisplatte oder einfach im Dreck. Am nächsten Morgen den Kater niederkämpfen und frisch geduscht in die Bibliothek. Stundenlanges Lernen, um mit verkatertem Gewissen den Rausch zu legitimieren. Oder umgekehrt, mit saufroter Nase und Kopfschmerztabletten den Aufenthalt in der altehrwürdigen Lernanstalt schmücken. Feiern, nicht nur weil´s Spaß macht, sondern auch für das Gefühl, das Richtige zu tun. Mit Ausbruch aus gesellschaftlicher Norm und Spießigkeit ein bisschen gegen das System kämpfen und zeitgleich pflichtbewusst Auszeichnungen für die Bewerbungsmappe sammeln. Und natürlich auch, um der Welt zu beweisen, dass die Saufköpfe klüger sind als die Streber.

III. Bali, 1996
Auf dem Rollfeld von Denpasar machen wir unseren ersten Schritt ins Freie und rein in den Backofen. Zunächst fasziniert von der brutalen Hitze, nimmt meine Begeisterung rapide ab, als mir klar wird, dass dies weder Witz noch Heißluft der Turbinen ist, sondern Dauerzustand. Für einen Moment sehne ich mich zurück. In die engen Sitzreihen, zu den Plastikbechern, den zuvorkommenden Stewardessen, zurück in den Mutterleib aus Stahl und Flügeln mit seiner klimatisierten Fruchtblase. Doch dieser Traum ist geplatzt, als die Anschnallzeichen erloschen sind. Jetzt werden wir die Fluggasttreppe hinunter geschoben. Wie Gestrandete, die an Land gespült werden, wie Strafgefangene, die nach langer Haft endlich frei, endlich zurück in die Welt, endlich ins Leben entlassen werden. Noch zwei Stufen, dann ist es soweit. Touchdown. Ein kleiner Schritt für meine Turnschuhe, ein großer für uns.

Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

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