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Lehrerverbände in NRW kritisieren Umgang mit Haupt-, Real- und Förderschulen

DORTMUND/DÜSSELDORF. Nordrhein-Westfalen steuert nach Angaben des Lehrerverbands für den Sekundarbereich, lehrer nrw, immer stärker Richtung Einheitsschule. Für die neuen Gesamt- und Sekundarschulen würden vor allem Haupt- und Realschulen geopfert. Vor dem Hintergrund des starken Schülerrückgangs an beiden Schulformen fordert der Verband Bildung und Erziehung NRW bessere Rahmenbedingungen für sie.

25 neue Gesamtschulen und 25 neue Sekundarschulen beginnen laut Schulministerium mit dem Schuljahr 2014/2015 ihre Arbeit. Bezeichnend dabei sei, so lehrer nrw, dass die neuen Sekundarschulen fast durchgängig teilintegriert arbeiten. Das heißt Schüler gehen ohne Versetzung in die Klassen 6 bis 9 über. Die kooperative Variante mit getrennten Bildungsgängen unter einem Dach kommt überhaupt nicht vor. „Die Sekundarschule ist nichts anderes als eine Gesamtschule ohne Oberstufe. Es passt ins Bild, dass die Schulministerin nur noch pauschal von ‚Schulen des längeren gemeinsamen Lernens’ spricht“, sagt Brigitte Balbach, Vorsitzende von lehrer nrw. „Derweil verschlechtern sich die Rahmenbedingungen an den Hauptschulen und Realschulen zusehends. Lehrkräfte werden durch lukrative Funktionsämter, eine geringere Stundenverpflichtung und kleinere Klassen gezielt zu den neuen Schulformen gelockt. Vor diesem Hintergrund ist die Reduzierung der Klassengrößen für Realschulen und Gymnasien bloße Augenwischerei.“

Mahnt zum Augenmaß: VBE-Chef Beckmann (hier auf einer Grünen-Veranstaltung). Foto: Grüne NRW / Flickr (CC BY-SA 2.0)

VBE NRW-Chef Udo Beckmann, hier auf einer Veranstaltung der Grünen, fordert bessere Rahmenbedingungen für Haupt- und Realschulen. Foto: Grüne NRW / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) NRW fordert vor dem Hintergrund des Schülerrückgangs bei Haupt- und Realschulen Verbesserungen der Rahmenbedingungen: „Längeres gemeinsames Lernen liegt im Trend“, sagt VBE NRW-Vorsitzender Udo Beckmann, „aber das heißt nicht, dass die anderen bestehenden Schulen im System vergessen werden dürfen.“ Im vergangenen Schuljahr wechselten nach Daten des Schulministeriums 5,4 Prozent aller Grundschüler auf die Hauptschule und 22,9 Prozent auf die Realschule. 2011 entschieden sich noch 9,9 Prozent, 2012 7,6 Prozent für die Hauptschule sowie 28,9 und 25,5 Prozent für die Realschule. „Der drastische Schülerrückgang beim Übergang von der Grundschule zur Hauptschule macht erforderlich, dass die Landesregierung schnellstmöglich ein Konzept vorlegt, mit dem die Qualität der verbleibenden Hauptschulen sowie die notwendige Fachlichkeit gesichert werden kann, dies vor allem vor dem Hintergrund, dass die Hauptschulen Kinder mit besonders hohem individuellen Förderbedarf haben“, so Beckmann. Zudem würden Realschulen in Gegenden, in denen es weder eine Hauptschule noch eine Schule des längeren gemeinsamen Lernens gibt, immer mehr zum Basisbildungsgang. Das müsse sich in den Rahmenbedingungen widerspiegeln.

Darüber hinaus bemängelt der nordrhein-westfälische VBE-Vorsitzende die fehlende Einheitlichkeit in der Weiterentwicklung des Schulsystems, insbesondere in der Sekundarstufe I: „Dies ist darauf zurückzuführen, dass jede Kommune die Hoheit über ihre Schulentwicklung hat und der Blick über den Gartenzaun der eigenen Kommune in der Regel fehlt.“

Tausende Lehrer zusätzlich werden laut Bertelsmann-Stiftung bundesweit benötigt, wenn in Deutschlands Schulen inklusiv - wie hier an der Gesamtgrundschule Eitorf - gelernt wird. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Der Verband lehrer nrw fordert eine durchgängige Doppelbesetzung “Lehrer – Förderschullehrer” für inklusiv arbeitende Klassen – wie für diese hier an der Gesamtgrundschule Eitorf. Foto: Bertelsmann Stiftung / Ulfert Engelkes

Weiteren Verbesserungsbedarf sehen VBE und lehrer nrw auch hinsichtlich der Inklusion. Der Widerspruch zwischen rechtlichem Anspruch und Verwirklichung in den Schulen werde trotz zusätzlicher Investitionen der Landesregierung zum neuen Schuljahr mehr als deutlich werden, sagt Beckmann: „Inklusion wird eingeführt, aber die benötigten Ressourcen hinken noch immer hinterher. Die von der Ministerin vorgestellten Zahlen bezüglich der berufsbegleitenden Qualifizierungsmaßnahme zum Sonderpädagogen beziehungsweise zur Sonderpädagogin machen deutlich, dass die avisierte Zahl von 2500 nicht erreicht werden wird. Dies wird den Mangel an dringend benötigten Sonderpädagogen verschärfen. Eine hohe Qualität, wie sie bisher an den Förderschulen gewährleistet worden ist, kann aber nicht ohne die ausreichenden Rahmenbedingungen an den Regelschulen erreicht werden.“

Nach Informationen von lehrer nrw haben bisher 149 Lehrkräfte die 18-monatige berufsbegleitende Qualifizierungsmaßnahme zur sonderpädagogischen Lehramtsbefähigung absolviert. 736 haben sich dafür beworben. „Das ist weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein. Das Fortbildungsangebot insgesamt ist quantitativ und qualitativ ungenügend. Die Lehrerinnen und Lehrer werden allein gelassen. Inklusion darf nicht zu einer Worthülse verkommen“, so Verbandsvorsitzende Balbach. Aus Sicht des Verbands sei eine durchgängige Doppelbesetzung „Lehrer – Förderschullehrer“ in inklusiv arbeitenden Klassen unbedingt erforderlich, um die Qualität inklusiven Unterrichts zu sichern.

Zudem werde der wachsende Inklusionsanteil laut lehrer nrw zu einer Schließungswelle bei den Förderschulen führen. Zwar wiederhole die Ministerin gebetsmühlenartig, dass von Landesseite keine Schule geschlossen werde. Die Rahmenbedingungen würden jedoch so verändert, zum Beispiel durch die Erhöhung der Mindestschülerzahlen an Förderschulen, dass viele Standorte nicht zu halten seien, so der Verband. Laut VBE-Chef Beckmann werde dadurch das Wahlrecht der Eltern zwischen Förderschule und sonderpädagogischer Förderung an der Regelschule de facto ausgehöhlt.

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