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Wer tut sich das noch an? Schulleiterposten nur schwer zu besetzen

STUTTGART. Zunehmende Anforderungen bei nicht angemessener Bezahlung und mit dem Ansehen ist es auch nicht mehr so weit her wie ehedem. Auf freiwerdende Schulleiterstellen gibt es daher oft nicht mehr genug Bewerber. Gewerkschaften fordern mehr Geld und mehr Freistellungen.

Wer wird neuer Schulleiter? Wenn der oder die alte geht und ein Nachfolger gesucht wird, stehen viele Schulen vor einem großen Problem. Denn der Posten scheint längst nicht mehr so attraktiv zu sein wie noch vor einigen Jahrzehnten. «Vor 30, 40 Jahren standen Schulleiter Schlange, um das Amt zu bekommen. Heute ist man froh, wenn sich überhaupt jemand meldet», sagt Michael Gomolzig, Rektor der Grund- und Hauptschule Geradstetten in Baden-Württemberg. «Die Schulleitungen werden besetzt, wenn jemand nur «hier» schreit.»

Schulleiter - Einen Schulleiterposten zu übernehmen bedeutet einiges an persönlichem Engagement. Foto: Matt Buck / flickr (CC BY-SA 2.0)

Einen Schulleiterposten zu übernehmen bedeutet einiges an persönlichem Engagement. Foto: Matt Buck / flickr (CC BY-SA 2.0)

Das habe vielfältige Gründe. Zum Beispiel würden die Aufgaben eines Rektors immer komplexer – und das Ansehen der Berufsgruppe sei stark gesunken, erläutert Gomolzig, der auch Sprecher des Verbandes Bildung und Erziehung Baden-Württemberg ist. «Früher war es eine Auszeichnung, heute reibt sich der Schulleiter im Amt auf.» Die Zeiten, in denen ein Rektor per se eine Respektsperson war, seien lange vorbei. «Manche lassen ihm einfach keine Chance.»

Auch für die Lehrergewerkschaft GEW mit Sitz in Frankfurt am Main ist die Neubesetzung von Schulleiterposten ein großes Thema. Besonders an Grundschulen im ländlichen Raum gebe es Probleme, betont Gewerkschafterin Ilka Hoffmann. «Da gibt es oft nur eine Bewerbung und wenn die schlecht ist, muss man sie trotzdem nehmen.» Zu kämpfen hätten vor allem Mecklenburg-Vorpommern und das Saarland. «Die Posten bleiben zum Teil eine Zeit lang unbesetzt.»

Bei der Kultusministerkonferenz ist das Problem Schulleitermangel zwar bekannt. Es sei jedoch nicht koordinierbar, da die Anforderungen je nach Bundesland variierten, sagt ein Sprecher. Wie Weiterbildungen von Rektoren aussehen könnten, sei aber Thema in den Gremien.

Beispiel Baden-Württemberg: Hier sei es vor allem auf dem Land von jeher schwierig, Rektorenposten zu besetzen, sagt eine Sprecherin des Kultusministeriums. Es könne aber nur Schulleiter werden, wer bestimmte Kriterien erfülle. «Die Schulleitung muss geeignet sein, sonst bekommt sie den Posten nicht.» Es fühle sich auch nicht jeder Lehrer zu Führungsaufgaben berufen.

Gomolzig kennt die Anforderungen an Rektoren aus jahrelanger eigener Erfahrung. Die Amtsinhaber stünden im Spannungsfeld von Lehrern, Schülern, Eltern, der Schulaufsicht und den Kommunen. Sie müssten für alle Gruppen ein offenes Ohr haben, Verwaltungsaufgaben erledigen, unterrichten – und vor allem Schulentwicklung betreiben. «Da kommt schnell viel Zeit zusammen», betont er. Viele sagten sich da: «Für das Geld tue ich mir den Stress nicht an.»

Denn auch finanziell lohnt sich das Amt aus Sicht der Gewerkschaften für viele nicht. «Schulleiter verdienen nicht automatisch mehr», sagt Hoffmann von der GEW. Zum Teil müssten Lehrer, die zu Schulleitern aufstiegen, bis zu drei Jahre auf mehr Geld warten.

Der langjährige frühere Schulleiter Ulrich Knoll aus dem bayerischen Erlangen hat die Erlebnisse eines Rektors in dem Buch «Schuljahr» aufgeschrieben, das am Montag (1. September) erscheint. In ironisch-überspitzer Form schildert er den Alltag eines Schulleiters und dessen täglichen Kampf mit Verwaltungsaufgaben und überfürsorglichen Eltern. «Diese Konflikte auszuhalten, sie einzudämmen und sie – falls möglich – niederlagenfrei zu lösen, dafür wurden Schulleiter auch bezahlt», schreibt er. Aber genau deswegen wollten immer weniger qualifizierte Kollegen die Aufgabe übernehmen.

Die Anforderungen an Schulen seien insgesamt höher geworden, sagt Gewerkschafterin Hoffmann. Sie sollten auf gesellschaftliche Probleme reagieren, auf den Beruf vorbereiten und den gemeinsamen Unterricht von behinderten und nichtbehinderten Schülern stemmen. «Die Erwartungen sind sehr groß und das korrespondiert nicht unbedingt mit Anerkennung.» Die Rektoren würden auch viel zu wenig vom Unterricht freigestellt, um sich um Verwaltungsaufgaben zu kümmern – und das, obwohl die Kultusministerien die Schulen mit Statistiken geradezu bombardierten. «Es müsste eine politische Unterstützung von Schulleitern da sein, eine Anerkennung in Form von Zeit und Geld.» (Christine Cornelius, dpa)

Ein Kommentar

  1. PseudoPolitiker

    «Die Erwartungen sind sehr groß …» Das ist dreiste Untertreibung, denn sie sind ZU groß!
    Was hilft mehr Geld, wenn die Schule überfordert ist von Aufgaben, die nicht zu bewältigen sind? Allein die Inklusion geistig behinderter Kinder wird nicht ohne erhebliche Abstriche für alle Schüler (auch die inkludierten) zu machen sein. Sehr wahrscheinlich sind die Schulstunden mehr Betreuung als Unterricht.
    Dass es im Gegensatz zu früher kaum mehr Bewerber um einen Rektorenposten gibt, ist mehr als logisch. Welcher Idiot bewirbt sich denn noch gern für die Leitung eines Wolkenkuckucksheims?

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