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Großes Finale für Klassikprojekt – doch Musiklehrer sehen ihr Fach an den Rand gedrängt

HAMBURG/BERLIN/LEIPZIG. Wenn rund 22.000 Schüler in 360 Schulen sich an einem Musikvermittlungsprojekt beteiligen, dann ist das eine gute Gelegenheit, jungen Menschen klassische Musik nahe zu bringen. Doch wie steht es um den Musikunterricht an deutschen Schulen? Nicht zum Besten klagen Musiklehrer.

«Hören Sie mal das Flimmern der Streicher! So ein Hornruf könnte auch an die deutsche Romantik erinnern, aber mit den flimmernden Streichern bekommt es so ein bisschen Prärieweite», erklärt Dirigent Thomas Hengelbrock und lässt das Orchester die entsprechende Stelle aus Antonin Dvoráks Sinfonie «Aus der neuen Welt» spielen. Rund 300 Schüler im Rolf-Liebermann-Studio in Hamburg lauschen dem «Allegro» – zusammen mit 22 000 Schülern in 360 Schulen, die das Konzert bundesweit live übers Internet in ihren Klassenzimmern verfolgen.

Ein Sinfonieorchester - Schüler lassen sich auch für klassische Musik begeistern, aber stimmen die Rahmenbedingungen an den Schulen? Foto: MITO SettembreMusica / flickr (CC BY 2.0)

Schüler lassen sich auch für klassische Musik begeistern, aber stimmen die Rahmenbedingungen an den Schulen? Foto: MITO SettembreMusica / flickr (CC BY 2.0)

Mit einem Konzert des NDR-Sinfonieorchesters unter Hengelbrocks Leitung ist am Freitag das «Dvorák-Experiment» zu Ende gegangen. Mit dem Musikvermittlungsprojekt, das im kommenden Jahr vom Bayerischen Rundfunk fortgesetzt werden soll, will die ARD bei Schülern die Lust auf klassische Musik wecken. Seit dem Frühjahr hatten sich Schüler in ganz Deutschland mit Antonin Dvorák und seiner Sinfonie «Aus der neuen Welt» beschäftigt und Ideen entwickelt, wie sie die Musik in ihr Leben integrieren können.

So gab es im Saarland einen Flashmob auf dem Schulhof, es wurde getanzt, gefilmt und gerappt. Die Schüler des Albert-Schweitzer-Gymnasium in Hamburg entwickelten ein Pantomimentheater, andere dichteten oder entwarfen eine klingende Postkarte, die Dvorák aus der neuen Welt nach Hause schickte. Besonders viel Applaus erhielt die Schulband, die den 2. Satz auf Bierflaschen interpretierte.

Beim größten deutschen Panflötenorchester in Berlin spielten die Kinder auf selbst gebauten Panflöten die Anfangsmelodie aus dem 2. Satz. In Frankfurt haben sich Profi-Musiker und Schüler zum «Super-Dvorák-Orchester» zusammengefunden. In Köln spielten Schüler aus Brühl und Erftstadt gemeinsam mit Musikern der WDR Big Band eine Jazz-Version des 4. Satzes.

«Das war schon eine Herausforderung, die musikalische Spannung zu erzeugen und aufrechtzuerhalten», sagt Hengelbrock nach dem Konzert. «Ich bin total glücklich, dass sich so viele Schüler beteiligt haben. Ein besonderer Dank gilt den Musiklehrern, die diese tollen Projekte auf die Beine gestellt haben.» Für Hengelbrock ist besonders wichtig, dass junge Menschen erfahren, wie Gemeinschaft stiftend Musik sein kann. «Ich glaube, dass die Kultur generell die Basis unseres Zusammenlebens ist», meint der Dirigent.

Weniger schöne Töne klngen indes aus Leipzig vom Bundeskongress Musikunterricht. Die Musiklehrer in Deutschland sehen ihr Fach in den Schulen zusehends an den Rand gedrängt. Die Bildung von Kontingenten für die Stundentafeln, in denen mehrere Fächer zusammengefasst werden, führe mancherorts dazu, dass es überhaupt keinen Musikunterricht mehr gebe, kritisierte Michael Pabst-Krueger, Vorsitzender des Arbeitskreises für Schulmusik (AfS), in Leipzig zum Beginn des Bundeskongresses Musikunterricht.

Zudem zeichne sich auch bei den Musiklehrern ein Mangel ab. Davon seien besonders die östlichen Bundesländer betroffen, in denen in den nächsten Jahren eine Welle von Eintritten in den Ruhestand bevorstehe. Die Politik habe es versäumt, rechtzeitig gegenzusteuern. «Es besteht ein grundsätzlicher Widerspruch», sagte Prof. Ortwin Nimczik, Bundesvorsitzender des Verbandes Deutscher Schulmusiker (VDS). «Sie werden keinen Politiker finden, der sagt, musikalische Bildung braucht man nicht. Aber es bleiben Sonntagsreden. Montags machen sie dann alles anders und kürzen.»

Der Bundeskongress Musikunterricht ist nach Angaben der Organisatoren eine der größten musikpädagogischen Veranstaltungen in Europa. 1800 Teilnehmer haben sich dazu angemeldet. Sie können 420 Kurse zur Lehrer- und Erzieherfortbildung besuchen.

Zudem wollen während des Kongresses die beiden Verbände AfS und VDS zum gemeinsamen Bundesverband Musikunterricht fusionieren. (Carola Große-Wilde, dpa, News4teachers)

Dvorák-Experiment

Bundeskongress Musikunterricht 2014

zum Bericht: 2. Bundeskongress Musikunterricht startet im September

6 Kommentare

  1. Musiklehrer sehen ihr Fach an den Rand gedrängt? Meine 9.- und 10.-Klässler haben mehr Musikstunden als Geschichte. Das finde ich z.B. empörend.

  2. Ich schlage ein joint venture der Fachschaften vor, soll doch Musikgeschichte unterrichtet werden, dann sind beide Fächer gleich mäßig abgedeckt.

    PS Genau lesen – ist nämlich kein Rechtschreibfehler eingebaut.

    • genau: gleich mäßig, nicht gleichmäßig …

    • gerüchteweise wurde das fach Naturwissenschaft auch nur eingeführt um den physikermangel zu kaschieren …

      • Das ist doch kein Gerücht. – Hinzukommt dass so die anderen “Naturwissenschaftler” den gesamten MINT-Bereich mit Ausnahme des Fachs Mathematik auch fachfremd abdecken können. Da kann der Biologielehrer eben auch Physik und Chemie.

        Gleichzeitig kann die SL 3 WS NW in den Stundenplan schreiben und muss nicht ständig in den Doppeljahrgangsstufen die einzelnen Fächer rotieren lassen.

        Ist in Geselschaftslehre (GL) auch nicht anders. Historiker in der Kombi D/Ge gibt’s wie Sand am Meer – nur Erdkunde und SoWi-/Politiklehrer sind weit rarer. Auch da ist die eiermilchlegende Wollmilchsau – der GL-Lehrer – das Maß der Dinge.

  3. ich bin ehrlich: musik und kunst fand ich die beiden langweiligsten schulfächer. meiner erfahrung nsch entspricht die im unterricht behandelte musik nicht der Lebenswelt der Schüler, aucb die popmusik ist ihnen bereits zu alt.

    generell wird der musikunterricht wie auch die musikschulen inter gem ganztag leiden …

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