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Handwerk wirbt verstärkt um Schulabgänger mit Migrationshintergrund

KÖLN. Die duale Berufsausbildung werde immer unbeliebter beklagen Handwerksvertreter. Das betriffe besonders Jugendliche aus Zuwandererfamilien. Grund ist oft, das die betriebliche Ausbildung in den Herkunftsländern fremd ist. Die Kölner Handwerkskammer will sich daher nun stärker mit Migrantenorganisationen vernetzen.

Eigentlich wollte Emre Eren Abitur machen, danach vielleicht studieren. Weil die meisten es so machen. Aber dann hatte er keine Lust mehr auf die Schule. Er wollte lieber praktisch arbeiten. Mit den Händen. Und so verließ der türkischstämmige Jugendliche die Schule nach der elften Klasse und tat das, was er wirklich tun wollte: Er begann eine Ausbildung zum Dachdecker.

Das Interesse an einer Ausbildung im Handwerk ist unter Jugendlichen aus Zuwandererfamilien gering. Um dem entgegenzuwirken hat die Handwerkskammer Köln den Beirat «Integration durch Ausbildung im Handwerk» gegründet. Foto: extranoise / Flickr (CC BY 2.0)

Das Interesse an einer Ausbildung im Handwerk ist unter Jugendlichen aus Zuwandererfamilien gering. Um dem entgegenzuwirken hat die Handwerkskammer Köln den Beirat «Integration durch Ausbildung im Handwerk» gegründet. Foto: extranoise / Flickr (CC BY 2.0)

Inzwischen ist der 19-Jährige im zweiten Lehrjahr in einem Betrieb in Köln. «Mir macht die Arbeit Spaß. Am meisten gefällt mir, so viel draußen zu sein», sagt er. Eren wurde in Köln geboren, seine Eltern stammen aus der Türkei.

Es klingt nach dem normalen Werdegang eines Jugendlichen. Doch Eren gehört zu der kleiner werdenden Gruppe derer, die sich für eine Ausbildung im Handwerk entscheiden. Laut Berufsbildungsbericht 2014 – die Zahlen beziehen sich auf 2013 – ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in NRW im Vergleich zum Vorjahr um 3,2 Prozent gesunken, im Handwerk um 3,5 Prozent.

Der Handwerkskammer zu Köln bereitet das Sorgen: «Die duale Berufsausbildung wird immer unbeliebter, speziell bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund», sagt Markus Eickhoff, Hauptabteilungsleiter Bildungspolitik bei der Kölner Handwerkskammer. So strebt laut Schulabgängerbefragung der Stadt Köln nicht einmal jeder vierte Zehntklässler eine Berufsausbildung an.

Ein Grund dafür ist Eickhoff zufolge die zunehmende Akademisierung: «Der Trend geht zum Abitur und zum Studium.» Die Zahlen des Berufsbildungsberichts bestätigen diese Vermutung: Erstmals haben sich im Jahr 2013 mehr Schulabgänger für ein Studium als für eine Berufsausbildung entschieden.

«Viele Jugendliche glauben, dass sie auch für eine Ausbildung Abitur brauchen. Aber das stimmt so pauschal nicht. Jeder zweite Auszubildende bei uns hat einen Hauptschulabschluss», sagt Eickhoff.

Bei Jugendlichen aus Zuwandererfamilien ist das Interesse an einer Ausbildung im Handwerk noch geringer. Derzeit werden in den Handwerksunternehmen in der Region Köln-Bonn 1139 ausländische Jugendliche ausgebildet, das sind 8,6 Prozent aller Auszubildenden. «Es könnten erheblich mehr sein», sagt Hans Peter Wollseifer, Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks und der Kölner Handwerkskammer.

So würden Zuwandererfamilien aus ihrem Herkunftsland häufig nur eine schulische Ausbildung kennen, erläutert Wollseifer. Die betriebliche Berufsausbildung sei für sie fremd. Der Dachdecker-Auszubildende Emre Eren bestätigt das: «Bei uns in der Türkei steigen die Kinder oft in den Betrieb der Eltern ein – ohne richtige Ausbildung.»

Doch nicht nur der ungewohnte Weg in die Ausbildung spielt eine Rolle. Auch die Menge der Möglichkeiten mache es kompliziert: Es gibt rund 350 Ausbildungsberufe, davon etwa 130 im Handwerk – «da ist es schwierig, den Überblick zu behalten», sagt Eickhoff. Um dem entgegen zu wirken, veranstaltet die Kölner Handwerkskammer seit einigen Jahren mehrsprachige Ausbildungsbörsen. Nun hat sie außerdem den Beirat «Integration durch Ausbildung im Handwerk» gegründet – zur besseren Vernetzung des Handwerks mit Migrantenorganisationen in der Region.

Obwohl das neue Ausbildungsjahr bereits begonnen hat, gibt es Wollseifer zufolge in den meisten Handwerksberufen noch freie Lehrstellen, etwa als Elektroniker oder Friseur, aber auch in den beliebten Berufen KFZ-Mechatroniker und Augenoptiker. Insgesamt seien noch rund 500 Stellen unbesetzt.

Emre Eren ist überzeugt, dass er den richtigen Weg eingeschlagen hat. «Früher dachte ich, ich muss Abitur machen, weil ich sonst keine Chance im Leben habe», sagt der 19-Jährige. Seine damalige Freundin wollte, dass Eren Abitur macht und war dagegen, dass er die Schule beendete. «Eine Ausbildung hat bei vielen Menschen einen schlechten Ruf.» Zu Unrecht, wie er findet. (Kathy Stolzenbach, dpa)

zum Bericht: Bildungsbericht: Jeder zehnte Gymnasiast scheitert – Erstmals gleiche Anfängerzahlen in Uni und Ausbildung

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