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Nachwuchssorgen bei den Knabenchören – Domspatzen-Gymnasium stellt Unterricht um

REGENSBURG/LEIPZIG. Von Regensburger Domspatzen bis Leipziger Thomanerchor – Kabenchöre in Deutschland leiden unter Nachwuchssorgen. Immer weniger Eltern entscheiden sich für die Doppelbelastung aus Schule und Singen.

Sie stellen einen Jahrzehnte bewährten Tagesablauf völlig auf den Kopf, passen ihre Ferienzeiten denen anderer Schulen an und geben sogar den Schulunterricht am Samstag teils preis – bisher Alleinstellungsmerkmal des Domspatzen-Gymnasiums in Regensburg. Mit radikalen Änderungen und einer millionenteuren Generalsanierung seiner in die Jahre gekommenen Gebäude will sich der älteste Knabenchor der Welt gegen Nachwuchssorgen wappnen. Und die Domspatzen sind nicht die einzigen, die sich etwas gegen Mitgliederschwund einfallen lassen müssen.

Auch für renommierte Knabenchöre ist es schwerer geworden, Nachwuchs zu finden. Foto: tgoldkamp / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Auch für renommierte Knabenchöre wie die Leipziger Thomaner ist es schwerer geworden, Nachwuchs zu finden. Foto: tgoldkamp / Flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Immer weniger Eltern sind offenbar bereit, ihre Kinder für mehrere Wochen am Stück in ein Internat zu geben und dort der Doppelbelastung von Schule und täglichen Chorproben auszusetzen. Jeden Sonntag singt eine Gruppe im Regensburger Dom – schließlich sind die Domspatzen mit ihrer tausendjährigen Tradition in erster Linie katholischer Domchor. Tourneen im In- und Ausland, CD-Aufnahmen und Fernsehauftritte kommen hinzu. Dafür opfern die Buben und jungen Männer im Alter zwischen 12 und 18 Jahren sogar Ferien – ein hoher Preis für den Beifall im Konzert.

Doch zeigen die Anmeldungen fürs neue Schuljahr, dass vielen Eltern dieser Preis zu hoch erscheint. Gerade einmal 37 neue «Spatzen» fangen dieser Tage im Musischen Gymnasium mit seinen rund 400 Schülern an. In guten Zeiten waren es doppelt so viele. Die Gesellschaft sei eben im Wandel, erklärt sich Domkapellmeister Roland Büchner den Rückgang. Eltern und Kinder hätten heutzutage eben andere Ansprüche und Wünsche. «Darauf müssen wir reagieren.» Es gehe darum, Familienleben und Domspatzenalltag besser zu vereinbaren.

Von der Umstellung der Abläufe profitieren vor allem die Tagesschüler aus Regensburg und Umgebung. Dauerten die Chorproben bisher oft bis in den Abend, ist jetzt für die kleinen Sänger um 16.30 Uhr Schluss, für die Männerstimmen um 18.00 Uhr. Zudem ist künftig jeden zweiten Samstag schulfrei. «Viele hält der Samstagsunterricht davon ab, zu uns zu kommen», weiß Büchner. Vom Schuljahr 2015/2016 an sollen zudem die Ferienzeiten an den bayerischen Schulkalender angepasst werden.

Mit 24 Neuanmeldungen zum Schulbeginn muss der protestantisch geprägte Windsbacher Knabenchor auskommen. «Das ist ok, aber 30 plus wäre besser», sagt Direktor Thomas Miederer. 130 Knaben- und Männerstimmen zählt der 1946 gegründete Chor derzeit, 110 leben im angeschlossenen Studienheim. Eine eigene Schule wie in Regensburg haben die Windsbacher Sänger nicht.

Auch Miederer stellt fest, dass sich die Lebensqualität von Eltern und deren Kindern stärker als früher an der Freizeit bemisst. Daher sei es schwieriger geworden, junge Menschen für einen Knabenchor samt Internatserziehung zu begeistern. Mit gezielter Werbung vor allem in der Region Nürnberg versuchen die Verantwortlichen gegenzusteuern.

Der Thomanerchor aus Leipzig – sein berühmtester Kantor war Johann Sebastian Bach – tritt dem Nachwuchsproblem schon seit Jahren entgegen. Nach der Wiedervereinigung habe es einen starken Rückgang der Bewerberzahlen gegeben, berichtet Sprecher Roman Friedrich. «Unsere Versuche, auf uns aufmerksam zu machen, Anzeigen zu schalten oder Tage der offenen Tür zu veranstalten, waren von mäßigem Erfolg gekrönt.» Mitte der 1990er Jahre begann der Chor, in einer nahen Grundschule selbst Nachwuchs auszubilden. Inzwischen beschäftigt er zwei Musikpädagoginnen, die in Leipziger Kindertagesstätten Talente suchen. Zum neuen Schuljahr nahm der Chor 14 Jungen auf.

Keine Nachwuchssorgen kennt dagegen der Dresdner Kreuzchor. «Wir freuen uns über eine konstante Nachfrage, die sicherlich in unserem besonderen Bildungsangebot begründet liegt», meint Kreuzkantor Roderich Kreile. «Der Zulauf ist ungebrochen.» Pro Jahr treffen bis zu 50 Bewerbungen ein. Etwa 20 Knaben werden als Kruzianer in die 4. Jahrgangsstufe aufgenommen. Einige Jungen ohne familiäre Vorprägung würden auch in den 1. Klassen der Dresdner Grundschulen gecastet, ergänzt Chorsprecher Christian Schmidt. «Zu Pessimismus besteht kein Anlass.»

Ganz andere Sorgen hat der Tölzer Knabenchor. Sein Gründer Gerhard Schmidt-Gaden, der noch immer die Fäden in der Hand hält, setzte seinem Nachfolger Ralf Ludewig nach einem Zerwürfnis über die künstlerische Ausrichtung den Stuhl vor die Tür. Ein neuer Leiter muss gefunden werden. An jungen Talenten hat der besonders für seine Solisten in Opernpartien bekannte Chor indessen keinen Mangel. Peter Schulz vom Management sagt, es stünden genügend junge Buben aus dem Großraum München zur Verfügung: «Wir haben keine Nachwuchsprobleme.» (Paul Winterer und Jörg Schurig, dpa)

zum Bericht: Studie: Singen im Chor wirkt ähnlich wie Yoga

3 Kommentare

  1. „Immer weniger Eltern sind offenbar bereit, ihre Kinder in ein Internat zu geben“, hätte der Satz in dem Artikel heißen müssen Für Dresden scheint das bisher nicht zu gelten. Dort besteht wohl auch nur für die Neulinge eine vorübergehende Internatspflicht, wenn ich richtig informiert bin.

    Übrigens müssen die Eltern für die musikalische Ausbildung ihrer Kinder im Tölzer Knabenchor – in der Regel – einen monatlichen Beitrag in Höhe von 200 € aufbringen. Der Chor hat nämlich im Gegensatz zu so einigen bekannten anderen Knabenchören keinerlei finanzielle Unterstützung von Seiten der Kirche. Dazu kommt noch die grundsätzliche Entscheidung, nicht zu geringe Gagen zu verlangen, die natürlich höhere Eintrittspreise bewirken. Die Konzerte sind regelmäßig trotzdem gut besucht.

    Für mich ein altes Thema: Die besten Plätze bei Knabenchorkonzerten sind stets als erste ausverkauft, egal wieviel die Eintrittskarten kosten. Das gilt z.B. auch für Konzerte der Wiener Sängerknaben, wo z.B. im Dezember 2012 in der Hamburger Laeiszhalle 60 € gezahlt werden mussten. Die billigsten Tickets kosteteten dort ca. 30 €. Trotzdem waren ca. 1600 ZuhörerInnen anwesend. Vorher hingen aber auch Veranstaltungsplakate z.B. in sämlichen U – Bahnhöfen aus ! Meine Erfahrung ist, dass die Werbung für die Veranstaltungen oft sehr im Argen liegt.

  2. Gilt das nicht für alle außerunterrichtlichen Tätigkeiten von Schüler, seit G8?

    • Faszination Knabenchor

      In Sachsen (Thomanerchor, Kreuzchor) gab es nie etwas anderes als G8 – das kann also nicht der Grund sein. Tatsächlich ist es wohl eher so: Windsbach hat ein zu kleines Einzugsgebiet und ist damit auf viele Jungs von weiter weg angewiesen (welche dann ins Internat müssen), beim Thomanerchor besteht Internatspflicht und die Domspatzen waren bisher einfach riesig! In Dresden (Internatspflicht nur im ersten Jahr) und bei Knabenchören ohne Internat bestehen weniger Nachwuchssorgen obwohl der Aufwand für die Familien ja viel, viel größer ist Schule, Chor und Alltag unter einen Hut zu kriegen, wenn die Jungs zu Hause wohnen.

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