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Rechtschreibung: Schulexterne Experten raten Eltern, zur Selbsthilfe zu greifen

NEURIED. «Tso» statt «Zoo»: Auch nach der Grundschule fällt es vielen Kindern schwer, Wörter richtig zu schreiben. Manche Fachleute machen dafür die Methode „Schreiben nach Gehör“ des Pädagogen Reichen verantwortlich – und empfehlen Eltern, zur Selbsthilfe zu greifen. Die Experten versprechen: Mit ein paar Minuten üben am Tag könnten Kinder schnell sicherer werden. Zur Not gebe es ja Nachhilfe-Institute.

Anlauttabelle (mit Großbuchstaben und Kleinbuchstaben) für das Erstlesen in Grundschulen. Illu: Wolfram Esser / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Anlauttabelle (mit Großbuchstaben und Kleinbuchstaben) für das Erstlesen in Grundschulen. Illu: Wolfram Esser / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Sie «kempfen» mit den Hausaufgaben und sind «vertig» mit den «Nerfen», wenn ein «Dicktat» ansteht: Viele Schüler haben Probleme mit der Rechtschreibung. Was in der Grundschule noch mit Nachsicht behandelt wurde, sorgt auf der weiterführenden Schule für schlechte Zensuren. Fritz Jansen, Verhaltenstherapeut aus Neuried, macht besorgten Eltern Mut: «Mit gezieltem Training kann innerhalb eines Jahres das Rechtschreibproblem gelöst werden.»

«Schreiben nach Gehör»: Diese Methode, entwickelt in den 70er Jahren vom Pädagogen Jürgen Reichen entwickelt, ist eine Basis für das Rechtschreiblernen an deutschen Grundschulen. Mit Anlauttabellen lernen die Kinder, die Buchstaben der Wörter herauszuhören. Die Methode ist umstritten. Zu Recht, sagt Jansen: «Vieles, was sich gleich anhört, wird doch unterschiedlich geschrieben. Wie sollen Kinder beispielsweise hören, dass man Bus mit s und Kuss mit ss schreibt?» Wenn der Rotstift dann in der weiterführenden Schule durch das Heft sause, entstünden Angst und Frust: «Bin ich nicht gut genug fürs Gymnasium?», «War meine Realschulempfehlung nicht richtig?» Jansen rät Eltern, ihren Kindern deutlich zu machen, dass sie nichts dafür können. Es liege an der Methode, mit der sie unterrichtet wurden, nicht an mangelnder Intelligenz.

Aber: Stimmt das wirklich? Bei einer Anhörung zum Thema unlängst im nordrhein-westfälischen betonte Prof. Stefan Jeuck vom Sprachdidaktischen Zentrum an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, er kenne in Grundschulen niemanden, der rein nach “Lesen durch Schreiben” unterrichte. Der Mix unterschiedlicher Methoden und damit eine große Vielfalt von Lehransätzen sei die Regel. Daher mache es auch keinen Sinn, eine Methode isoliert ins Zentrum der Rechtschreibdiskussion zu stellen.

Solche Einwände fechten die Kritiker nicht an. Immer wieder heißt es: Ein Problem beim „Schreiben nach Gehör“ sei es, dass nicht gleich korrigiert werde. An vielen Schulen erfolge die Verbesserung der Fehler erst nach und nach ab Klasse 2. «Auf diese Weise bilden sich falsche Angewohnheiten», sagt auch Ruth Hölken, Diplom-Pädagogin aus Münster. Wer 100 Mal «bund» statt «bunt» schreibt, werde das beim 105. Mal wieder machen, meint die Expertin. Ein Kind entscheide sich im Zweifel immer für die Schreibart, die ihm am bekanntesten vorkomme. Und das sei dann häufig die falsche.

Wiltrud Richter vom Landesverband bayerischer Schulpsychologe in München empfiehlt klärende Worte: «Sagen Sie Ihrem Kind, dass das eine Übergangsphase ist, und es vielen anderen Kindern genauso geht.» Auf dieser Grundlage können die Kinder dann für das Lernen der richtigen Schreibweisen motiviert werden. Und zwar mit positiven Botschaften, wie «Du kannst daran arbeiten und es ändern» oder «Schritt für Schritt wirst du besser werden». Diese Signale der Eltern würden Kindern helfen, nach vorne zu schauen, und machten das Üben leichter.

Doch wer soll mit dem Kind üben? Die Eltern? «Wenn sie sich das zutrauen, auf jeden Fall», findet Hölken. Bei starken Rechtschreibschwierigkeiten empfiehlt sie aber zunächst eine Untersuchung beim Kinder- und Jugendpsychologen: «Eventuell steckt auch eine Lese-Rechtschreibschwäche hinter dem Problem und die kann man nicht mal eben zu Hause therapieren.»

Liegt es jedoch nur an der Methode, gilt es mit dem Lernen loszulegen. Zehn Minuten pro Tag reichen laut Jansen aus, am besten zu einer regelmäßigen Tageszeit. Komplizierte Rechtschreibregeln, könnten Eltern dabei ausblenden: «Dehnungs-H und Co. braucht kein Mensch. Die Kinder müssen die Wörter visualisieren. Das ist das Allerwichtigste.»

Damit die richtige Schreibweise vor dem inneren Auge erscheint, könnten Eltern zum Beispiel mit Karteikarten üben. Jedes falsch geschriebene Wort aus Hausaufgaben und Diktaten komme dabei richtig geschrieben auf eine Karte. Diese müsse sich das Kind einprägen und buchstabieren. Bei einem Fehler dürfe es auf die Karte schauen und das Wort erneut buchstabieren. Auf diese Weise visualisiere das Kind die richtige Schreibweise und speichere sie im Kopf ab, sagt Jansen. Ob ein Wort groß oder klein geschrieben wird, wird mit gesprochenen Sätzen geübt: Die Eltern sagen einen Satz und das Kind erklärt dazu Wort für Wort, ob es groß oder klein geschrieben wird.

Auch das Schreiben von Texten unter Zeitdruck, wie es in Diktaten der Fall ist, könne geübt werden. «Die Aufgabe des Kindes besteht darin, vor dem Schreiben eines Wortes kurz innezuhalten und die Visualisierung abzurufen,» erklärt Jansen. So schleiche sich der Automatismus des Schreibens nach Gehör langsam aus. 3000 bis 4000 Wörter beinhaltet der Grundwortschatz für die aktive Sprache. «Mehr als 1000 Wörter schreibt dabei kein Kind falsch», ist Jansen überzeugt. Wenn ein Kind jeden Tag drei falsch geschriebene Wörter richtig lerne und diese in den nächsten Wochen ausreichend wiederhole, habe es in rund einem Jahr seine Rechtschreibprobleme gelöst.

Wenn Wörter immer wieder falsch geschrieben werden, kann das Rechtschreibtraining für Eltern zur Geduldsprobe und für Kinder belastend sein. «Eltern sollten unbedingt Ruhe ausstrahlen», sagt Ruth Hölken. Sie empfiehlt, Verständnis für die Schwierigkeiten des Kindes zu zeigen. «Manche Schreibarten sind eben auch komplett unlogisch.» Wichtig sei außerdem, das Kind immer wieder positiv zu bestärken: «Nicht meckern, sondern loben. Und das am besten für jedes richtige Wort.» Gelinge das nicht, sei professionelle Hilfe, zum Beispiel durch Schülerhilfe, Lerntherapeuten oder Rechtschreibtrainings die bessere Wahl – kommerzielle Nachhilfe als Problemlöser. Zunächst mal mit den Lehrern zu sprechen? Für die externen Experten offenbar kein Mittel der Wahl. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Kommentar: Streit um „Schreiben wie Hören“: Pure Ideologie ist im Spiel

 

3 Kommentare

  1. Supi. Die Methode funktioniert offensichtlich bei immer mehr normalintelligenten Kindern nicht. Lösungsvorschlag: Eltern sollen die Arbeit der Schule mitmachen (bzw. sogar mit gegenläufigen Methoden nebenher arbeiten?!) oder ihr gesundes und normalbegabtes Kind gleich zum Psychologen schicken (nebenbei: Bildungsgerechtigkeit?!). Und das, obwohl es vielversprechende, linguistisch fundierte Alternativen längst gibt. Einfach furchtbar…

  2. Dem Himmel sei Dank, dass endlich diese hochgejubelte, aber gefährliche Lese- und Schreiblernmethode mit ihren defizitären Folgen nicht mehr verharmlost, sondern ernst genommen wird.
    Und wie gewöhnlich bleibt die Aufgabe, Fehler eines Methoden- und Lehrerversagens auszubügeln, bei den Eltern hängen. Trotzdem ist es richtig, den Eltern die Selbsthilfe zu empfehlen. Wer sonst würde wohl den vielen lese- und rechtschreibschwachen Kindern helfen, die es besser könnten, wenn sie nach bewährten Methoden unterrichtet worden wären.
    Es ist allerdings auch höchste Zeit, dem umstrittenen „Schreiben nach Gehör“ durch Anordnung von oben Einhalt zu gebieten, denn viele Lehrer kleben offenbar noch begeistert an der Reichen-Methode, die frühe und leichte Scheinerfolge (auch für den Lehrer) produziert und das dicke Ende in aller Deutlichkeit erst Jahre später präsentiert.

  3. Volkmar Kreuzer

    Ja welche Logik !!? – im Jahr 2015 , Comenius ist schon lange gestorben und Microsoft hat Windows 10 entwickelt. Da schreiben Sie tatsächlich „Anlauttabelle mit Großbuchstaben und Kleinbuchstaben“ – als wenn Großbuchstaben Kleinbuchstaben und Kleinbuchstaben Großbuchstaben wären …
    Wenn es NUR um Großbuchstaben ( = Anlaut ) geht, dann ist das Lernbild Apfel richtig – aber beim Kleinbuchstaben a ????? : Im Apfel ist kein kleines a ! Leselerner werden durch solche „Lauttabellen“ verunsichert, nicht ernst genommen, auf falsche Gedanken geführt ….. ! Wann beginnt der deutsche Erstleseunterricht dies einzusehen ??
    Ein Lösungsvorschlag : „Im Apfel ist kein kleines a“ – kleinesabilderbuch ( at ) gmx.de .
    V.Kreuzer, Erkerding 4, 94491 Hengersberg

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