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Inklusion: Immer mehr Schulen kapitulieren – zwei neue Brandbriefe

BERLIN. Erst war es das Kollegium einer Gesamtschule aus dem hessischen Kassel, das sich mit einem Brandbrief in Sachen Inklusion an die Politik wandte. Jetzt sind zwei weitere Fälle bekannt geworden, in denen sich Schulen mit Hilferufen an ihre jeweiligen Bildungsbehörden wenden: In Berlin warnen Grundschulleiter eindringlich vor dem Scheitern der Inklusion. In Hamburg forderten Lehrer- und Elternschaft einer Stadtteilschule gemeinsam mehr Unterstützung. Tenor: immer mehr verhaltensauffällige Kinder und eine Lehrerschaft, die auf dem Zahnfleisch geht.

Die Briefe der Lehrer an ihre Dienstherren enthalten Zündstoff. Foto: Wurfmaul / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Briefe der Lehrer an ihre Dienstherren enthalten Zündstoff. Foto: Wurfmaul / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Die Inklusion von behinderten Kindern drohe in Berlin an der mangelhaften Personalausstattung zu scheitern, so schreiben laut „Berliner Zeitung“ fast alle Grundschulleiter des Bezirks Tempelhof-Schöneberg in einem Brandbrief an Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD). Unter den gegenwärtigen Bedingungen sei es ihnen nicht mehr möglich, Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf an ihren Regelschulen erfolgreich zu betreuen. „Eine Weiterentwicklung des Unterrichts und der Schulen in Richtung inklusive Schulen ist so nicht möglich“, so heißt es.

Vor 15 Jahren hätten nur 28 Prozent der Kinder mit Behinderung Regelschulen besucht, in diesem Jahr sind es dem Bericht zufolge über 58 Prozent. Die Zahl der dafür zur Verfügung gestellten Lehrerstellen sei im gleichen Zeitraum aber nur um gut 200 auf 1415 Stellen gestiegen. Zuletzt erhielten sprach- und lernbehinderte sowie verhaltensauffällige Kinder an Regelschulen nicht mehr die von der Verwaltung zugesicherten wöchentlichen 2,5 bis 3 Förderstunden pro Woche, sondern nur noch 1,5 Stunden. „Das reicht nicht aus, um den Kindern die Förderung zukommen zu lassen, die sie benötigen“, heißt es in dem Brandbrief aus Tempelhof-Schöneberg. Ein Schulleiter berichtete dem Blatt: „Wenn ein auffälliges Kind austickt, ist keiner mehr da, der es beruhigen kann.“ Lothar Semmler von der GEW-Schulleitervereinigung erklärte: „Gerade diejenigen Lehrer, die wirklich die inklusive Schule wollen, sind nun frustriert.“

Lehrer und Eltern der Hamburger Stadtteilschule in Langenhorn kritisieren in ihrem Brief an Bildungssenator Ties Rabe (SPD), dass die ihnen zugewiesenen sonder- und sozialpädagogischen Ressourcen nicht ausreichen, um eine erfolgreiche Inklusion umsetzen zu können. „Aufgrund der hohen Zahl verhaltensauffälliger Schüler ist ein halbwegs normaler Unterrichtsalltag in vielen Klassen nur möglich, weil unsere engagierten Kollegen über ihre Belastungsgrenzen hinaus in vielen Stunden unbezahlter Mehrarbeit für das Gelingen der Inklusion in den Klassen kämpfen“, heißt es in dem Schreiben laut „Hamburger Morgenpost“. Und weiter: „Unzureichende Ressourcen gehen nicht nur zulasten der Schüler mit Förderbedarf, sondern zulasten aller Schüler der Stadtteilschule.“ Mit Inklusion habe der Schulalltag nicht mehr viel zu tun, heißt es in dem Brief. Die Hamburger Schulbehörde teilte laut „Morgenpost“ mit, sie würde das Anliegen sehr ernst nehmen.

Das Kollegium einer Gesamtschule in Kassel hatte unlängst an den hessischen Kultusminister Alexander Lorz (CDU) geschrieben: Es müsse klar sein, dass Inklusion scheitere und „zur Schädigung aller Beteiligten führt, wenn nicht erkennbar mehr finanzielle Mittel und damit einhergehende Ressourcen zur Verfügung gestellt werden“. News4teachers

Zum Kommentar: „Rütli“ ist jetzt überall: Schulen kapitulieren vor der Inklusion

Zum Bericht: „Eklatante Mängel“: Kollegium schreibt Brandbrief zur Inklusion ans Kultusministerium

 

19 Kommentare

  1. Es ist schon ohne behinderte Kinder nicht einfach, in einer Klasse mit 30 Schülern zu bestehen und auf die Starken wie die Schwachen Rücksicht zu nehmen. Förderschulen gibt es nicht ohne Grund. Die Förderung, die diese Kinder dort bekommen können, bekommen sie an einer normalen Schule nicht. Sie gehen dort unter zum Nachteil aller!

  2. Nachtrag: Es ist auch sehr seltsam, für Inklusion zu plädieren, weil alle gemeinsam besser lernen, aber das gemeinsame Lernen von der 1. bis zur letzten Klasse abzulehnen. Warum noch mal?

    • Selektion wird von den Inklusionsbefürwortern als behindertenfeindlich ausgelegt. Im Zuge der momentan angesagten Gleichmacherei springt die Politik auf den Zug auf.

      Ist gleichzeitig gemeinsames Lernen und individuelle Förderung / Betreuung überhaupt möglich ?!?

  3. DerSonderpädagoge

    Wenn nicht umfassend interveniert wird, sowohl personell, wie auch finanziell, wird „Inklusion“ scheitern. Ich habe mir ein Jahr Abordnung in einer inklusiven Realschule „angetan“. Nicht länger und nicht noch einmal… Für alle Beteiligten bedeutet dass jetzige System nur Stress und Unzufriedenheit. Und in diesem Schuljahr haben sich die Bedingungen nochmals verschlechtert… Kleiner Seitenhieb und zum Nachdenken anregend: es passt den Verantwortlichen prima in den Kram, dass im Zuge der Inklusion sehr viele Förderschulen, vor allem mit dem Förderschwerpunkt „Lernen“ geschlossen werden konnten und weiterhin geschlossen werden. Somit spart man in den Haushalten viel Geld ein für Kinder, die nur Kosten verursachen während ihrer Schullaufbahn, und dem System in der Regel nichts zurück geben können nach ihrer Schulzeit, häufig Hartz 4 Bezieher werden.

  4. Den Vergleich kennen wir zwar schon; ich möchte ihn dennoch wieder hervorkramen.
    Stellen wir uns vor, die Tumor-, Darm-, Herz-, Lungen-, Zahn- oder Augenpatienten werden ab sofort nicht mehr von den Spezialisten, sondern von Allgemeinmedizinern behandelt. Gut, auf diese wahnwitzige Idee kommt niemand. Nur im Bereich Schule wird so etwas ausprobiert.

    Immer wieder liegt es angeblich an den unzureichenden Rahmenbedingungen, dass die Inklusion nicht klappt.
    Nein, die totale Inklusion an sich kann eben nicht funktionieren. Noch wird das aber nicht eingesehen. Der Zug muss offensichtlich erst so richtig gegen die Wand fahren.
    Deshalb hält sich mein Mitleid mit den jammernden und klagenden Schule SEHR in Grenzen!!

    • …nur dass es nicht die Schulen sind, die so entschieden haben. Es sind die Ämter.

      • Die Schule haben aber begeistert zugestimmt. Nennenswerten Protest habe ich jedenfalls nicht mitbekommen.

        • Die Schulen konnten sich aber auch nicht groß dagegen stellen, weil sie dann als behindertenfeindlich gebrandmarkt worden wären. Der Fall Henri hat es ja gezeigt.

          • Doch, zumindest könnten sie ihren Unmut über die Lehrerverbände kundtun. Passiert das? Nein, alle labern nur von den Rahmenbedingungen.

            Das tut Frau Braun in ihrem Kommentar ebenfalls.

  5. Die Inklusion wird nie klappen. Das liegt in der Natur der Sache und nicht in der mangelhaften Personalausstattung. Viel Personal hilft nur, das Schlimmste zu verhindern.
    Hoffentlich wird das eingesehen, bevor das Förderschulwesen endgültig verloren ist. Ideologien sind allerdings zäh, weil sie auch dann noch im Mantel der Barmherzigkeit auftreten, wenn dieser längst fadenscheinig und löchrig ist.

    • Nehmen wir mal an, dass alle Schulen alles gewünschte Personal bekämen, sowohl in der Anzahl als auch in der Ausbildung (illusorisch, ich weiß). Wie würde dann Inklusion in der Praxis ablaufen? Als Schulleiter, der am Wohl all seiner Schüler und den guten Ruf seiner Schule interessiert ist, würde ich wie folgt vorgehen:

      Die Inklusionskinder werden in eigene Förderklassen zusammengefasst und so individuell wie nur irgend möglich betreut und beschult. Wenn pädagogisch vertretbar, findet vereinzelt gemeinsamer Unterricht in ausgewählten Fächern statt. Das lässt sich auch sehr positiv im Schulprogramm darstellen. Bei geistig behinderten Kindern dürfte nicht viel mehr als Sport, Kunst (praktischer Teil), Musik (praktischer Teil) und vereinzelte Stunden in anderen Fächern in Frage kommen, spätestens ab Klasse 8 wird auch das schwierig.

      Frage an die Mitleser: Was unterscheidet diese Art von Inklusion vom Erhalt der Förderschulen? Aus meiner Sicht abgesehen vom Schulgebäude wenig bis nichts.

      • Sie haben genau das gesagt, was ich auch denke. Herzlichen Dank!
        Im vielgepriesenen Finnland wird die von Ihnen beschriebene Mogelpackung inklusiven Unterrichts übrigens längst praktiziert, weil Inklusion nach reiner Lehre ein Ding der Unmöglichkeit ist.
        Und wie heißt es dann in Deutschland so schön? „Nehmen wir uns ein Beispiel an Finnland! Dort funktioniert inklusiver Unterricht bestens, doch bei uns stößt er noch immer auf Abwehr.“

      • Finnland wird immer zitiert, wenn es um um Vorbildliches geht. Man sollte sich aber auch mal alle nicht geglückten Experimente ansehen. Im Bereich der Inklusion wird es, wenn es überhaupt so weit kommt, eines Tages so aussehen, wie es xxx beschreibt. Inklusion im Idealfall wird sowohl am Geld scheitern als auch an den Lebensrealitäten. Wir sollten einfach vor Ort alle gegebenen Möglichkeiten nützen, ein Miteinander im Rahmen des Möglichen zu gestalten.Verständnis füreinander wird besser gelingen, wenn sich keiner benachteiligt fühlt. Deswegen ist für mich eine vernünftige Integration, ein Miteinander im Gemeinwesen sinnvoller als eine Inklusion auf “ Teufel komm raus „.

  6. In dem Brandbrief der Schulleiterinnen aus Berlin Tempelhof und Schöneberg steht am Schluss: „Durch unzureichende personelle und sächliche Rahmenbedingungen können erprobte und bewährte Integrationskonzepte nicht mehr umgesetzt werden.“
    Diese „bewährten“ Konzepte würden mich doch näher interessieren. Beruhen sie auf realer Erfahrung oder sind sie das gewohnte Nachplappern leerer Behauptungen?

    • Vorweg: Ich kenne weder den Brief noch die Schule noch die Konzepte.

      Unter Integration als Schul(programm)sprech verstehe ich in erster Linie die Ausländer“problematik“, also ausdrücklich nicht die Inklusion behinderter Kinder. Wenn diese dann als zweite, vielleicht sogar noch größere Baustelle hinzu kommt, kann ich den Brandbrief nachvollziehen. Leider wird sich die Politik daran kaum stören, sondern höchstens medial aufgeblasene Tropfen auf dem heißen Stein verteilen (z.B. 10000 zusätzliche Förderstunden, die umgerechnet maximal 0,5 Wochenstunden pro betroffenen Schüler unabhängig von der Art der Behinderung entsprechen.)

      • Kleiner Nachtrag: Den letzten Satz mit den 0,5 Wochenstunden pro Schüler möchte ich an einem Extrembeispiel verdeutlichen:

        Ein hoch intelligenter, autistischer Rollstuhlfahrer, ein blindes lernbehindertes Kind und zwei körperlich gesunde erziehungsschwierige „Rabauken“ bekommen an zwei Wochenstunden von einer voll ausgebildeten Förderschullehrkraft, Schwerpunkt Hören und Sprechen, Förderunterricht. Die politische Maßgabe 0,5 Stunden pro Kind und Woche sind dadurch voll erfüllt, allerdings haben weder die Kinder noch die Lehrkraft etwas davon.

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