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„Kinderknast“ will offenere Therapie

SINNTAL. Für kriminelle aber strafunmündige Kinder gibt es in Hessen seit rund zwei Jahren ein geschlossenes Kinderheim. Die Nachfrage nach Plätzen ist hoch. Drei Jahre wird der Versuch wissenschaftlich begleitet. Erste Erfahrungen zeigten, das die Kinder schon meist nach wenigen Wochen offenere Therapie-Formen besuchen könnten, zum Beispiel Schulunterricht. Doch Kritiker bleiben skeptisch.

Das einzige geschlossene Kinderheim Hessens therapiert seine Klienten offener als geplant. «Wir bekommen positive Rückmeldungen, dass wir damit auf einem guten Weg sind», sagte Heimleiter Pater Christian Vahlhaus am. Die von Kritikern als «Kinderknast» bezeichnete Einrichtung war vor rund zwei Jahren eröffnet worden.

Geschlossene Türen bringen die pädagogische Arbeit nicht weiter, lautet eine der Erkenntnisse der Betreuer in Hessens einzigem geschlossenen Kinderheim (Symbolbild). Foto: mueritz / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Geschlossene Türen bringen die pädagogische Arbeit nicht weiter, lautet eine der Erkenntnisse der Betreuer in Hessens einzigem geschlossenen Kinderheim (Symbolbild). Foto: mueritz / Flickr (CC BY-SA 2.0)

Erste Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Kinder nicht lange hinter verschlossenen Türen leben müssten. Sie könnten schon meist nach wenigen Wochen offenere Therapie-Formen besuchen, zum Beispiel Schulunterricht oder Sport- und Freizeitangebote, sagte Vahlhaus. Er resümierte damit Zwischenergebnisse einer auf drei Jahre angelegten wissenschaftlichen Beobachtung.

Die intensivpädagogische Wohngruppe ist mit acht Kindern voll belegt, wie Vahlhaus sagte. Kriminelle, aber strafunmündige Kinder zwischen 10 und 13 Jahren können in Sinntal-Sannerz untergebracht werden. Nach Angaben des hessischen Sozialministeriums gibt es von Jugendämtern in Hessen und anderen Bundesländern Nachfrage nach Plätzen.

Die Kinder, die nach Sinntal kommen, sind etwa wegen Gewaltdelikten, Diebstählen und Raub aufgefallen. Sie haben zuweilen auch Drogenprobleme und fallen wegen Schuleschwänzen auf. «Die Biografie der Klienten wirkt oft ziemlich desaströs», erklärte Vahlhaus.

Um die Wirksamkeit des geschlossenen Kinderheimes zu überprüfen, wird das Konzept vom Institut für Kinder- und Jugendhilfe (IKF) in Mainz begleitet, wie Vahlhaus sagte. «Wir werden die Begleitung über die ersten drei Jahre hinaus verlängern, damit wir weitere Erkenntnisse gewinnen.»

Um die Kinder auf die Zeit außerhalb des geschlossenen Heims vorzubereiten, sei es wichtig, frühzeitig Realbedingungen der Lebenswirklichkeit zu schaffen. «Statt wie geplant nach zwei Monaten, können sie sich nun schon nach ein, zwei Wochen freier bewegen», sagte Vahlhaus. Zur Flucht über den Ort hinaus habe noch kein Kind die Freiräume missbraucht.

Die Arbeit der Pädagogen- und Betreuerteams stelle eine große fachliche Herausforderung für die Mitarbeiter dar, sagte eine Ministeriumssprecherin. Zur Wirksamkeit des geschlossenen Kinderheims könne das Ministerium noch keine Angaben machen. Den Ergebnissen der Evaluation solle nicht vorgegriffen werden. Die Einrichtung sei aber schon damit befasst, Praxiserfahrungen ins Konzept einzuarbeiten.

Die Deutsche Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfen sieht in der geschlossenen Unterbringung von Kindern ein «hochkontroverses Thema». Der Verband sei kein Befürworter dieser Methode, sondern sehe sich als «kritischer Beobachter». Die geschlossene Unterbringung könne nur letztes Mittel der Jugendhilfe sein, sagte Geschäftsführerin Nadine Bals in Hannover.

Die Einschätzungen zur Wirksamkeit gingen weit auseinander. «Das kann man nicht eindeutig sagen. Bei einigen wirkt es tatsächlich stabilisierend, bei anderen nicht.» Zudem gebe es keine eindeutige Indikation, in welchen Fällen eine geschlossene Unterbringung als sinnvolles Mittel angesehen wird. «Ich warne vor allzu hohen Erwartungen. Das ist nicht das finale Rettungskonzept.» (Jörn Perske, dpa)

Porträt des Jugendhilfezentrums

zum Bericht: Über 30 Millionen Euro für die Kinder- und Jugendhilfe

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