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Kolumne „Boarderlines“ Teil 11: Lehrer Andi kommt nach Hause

DÜSSELDORF/KÖLN. Lehrer Andreas Brendt hat viele Jahre damit verbracht, durch die Welt zu reisen. Heute unterrichtet er in Köln und hat sich einen weiteren Traum erfüllt: Ein Buch über seine Erfahrungen zu schreiben. Es geht um Reisen, um Begegnungen auf der ganzen Welt und wie diese den Blick auf Zuhause verändern. Für die News4teachers.de-Leser veröffentlichte er hier in elf Folgen Teile seiner Geschichte. Viel Spaß bei der letzten Folge.

Teil 11 Andi kommt nach Hause

Mir fallen so viele glanzvolle Momente ein, dass ich unmöglich nur zwei Monate in diesem Land gewesen sein kann. Ich bin mit dem Zug Richtung Feuerland gefahren, habe ein Auto gemietet und mit ein paar Mädels, die ich irgendwo aufgelesen habe, einen Vulkan bestiegen. Mit Eric einen Secretspot nach endloser Suche gefunden und den nächsten Wundertag genossen.

Dann habe ich Daniela kennengelernt. Sie wohnt in Santiago de Chile, aber kommt so oft nach Pichilemu wie sie kann. Wir teilen die Liebe zu den Wellen. Das verbindet. Nach ein paar Wochen in Pichilemu hat sie mir Chile gezeigt, mich in die Anden gefahren und wir haben uns an einem Bergsee direkt vor ein paar wilden Pferden geliebt. So viel Freiheit habe ich noch nie erlebt.

Die Gebirgslandschaft hat mich verzaubert. Ich kenne plötzlich nichts schöneres als den weiten Blick über Täler und schneebedeckte Gipfel. Dann haben wir die heißen Quellen mit dem heilsamen Schlamm gefunden, gebadet, uns eingeschlammt und sind am späten Nachmittag zurück in ihr Appartement nach Santiago de Chile gefahren.
Wie immer kam plötzlich der letzte Tag. Spontan habe ich beschlossen, mich nochmal an die Küste aufzumachen. Die letzte Gelegenheit. Fünf Stunden hin und fünf Stunden zurück, um noch einmal kurz in die Fluten zu springen. Der ganze Akt war über die Bühne zu bringen, ohne das Flugzeug am Abend zu verpassen. Daniela hat gelacht, aber mich verstanden. Abends habe ich meine Sachen bei ihr abgeholt und mit Salzwasser in den Ohren und Sand im Haar ein Taxi zum Flughafen genommen. Sie hat mich begleitet.

Dann der unvermeidliche Moment. Ich mag Verabschiedungen nicht. Weil man nie weiß, ob man sich wiedersehen wird. Das ist irgendwie wie Sterben. Also stehe ich blöd rum und weiß nicht, was ich sagen soll. Ungünstig für einen Menschen, der sich am laufenden Band von seinen Mitmenschen trennen muss. Reisen ist immer Verabschiedung. Und das hier ist eine große, aber auch eine herzliche, eine liebevolle Umarmung. Ein wunderbarer Augenblick, weil nichts voneinander erwartet wird und wir uns beiden so sehr alles Gute wünschen, dass keine Worte passen. Farewell! Ich drehe mich zu dem großen Flughafengebäude um. Erst der rechte Fuß, zögernd, dann folgt der linke, fast von selbst. Ich betrete die Halle und verlasse Lateinamerika, den Pazifik, die Anden, Daniela, Pisco, Punta Lobos, meine Gastfamilie in Pichilemu, meine Surfbretter, Seehunde, Wachs und alle Wassertropfen, die mir in den letzten zehn Jahren über den Bauch gekullert sind.
Am Gate muss ich warten und überlege, wie es weitergeht.

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Autor Andi: Porträt mit einem Lama. (Foto: Privat)

Am ersten Februar werde ich um Viertel vor Neun im Studienseminar Wuppertal meinen Eid schwören. In 39 Tagen. In der Zwischenzeit muss ich nach Hause fliegen, übermorgen Weihnachten feiern, eine Winterjacke kaufen, Kracher für Silvester besorgen, irgendwie eine Wohnung in Köln finden, umziehen und mich für das Leben in Deutschland einrichten. Ein paar Möbel, Stifte, Collegeblock und was man sonst noch so gebrauchen kann.
Wir werden aufgerufen, die Maschine wird pünktlich abheben.

12.000 Fuß über dem Nordatlantik hüllt das sachte Brummen der Turbinen die engen Reihen der Economy Class in eine angenehme Ruhe. Ich sitze auf der rechten Seite neben einem Mann mit seiner Frau, wie immer am Gang. In der Mitte befinden sich fünf Plätze und auf der linken Seite liegen noch mal drei.

Mit dem hektischen Einsammeln der Plastiktabletts werden die Tische hochgeklappt und die Stewardessen ziehen sich hinter die Vorhänge zurück. In der Kabine kehrt Frieden ein. Jeder macht sich auf seine Weise fertig. Einige lesen Zeitung, um nachzuarbeiten, was sie verpasst haben, oder um sich vorzubereiten, für das, was auf sie wartet. Andere versinken vor der Glotze und manche beginnen, in ihren Romanen zu lesen.

Der Mann neben mir kramt die Decke hervor und kuschelt sich hinein. Ich blättere durch das Bordmagazin, in dem wie immer nichts Interessantes zu finden ist. Das Streckennetz von Iberia ist da noch das Spannendste. Die Weltkarte verrät, wo man landen kann und welchen Kurs der Flieger nimmt.
Unsere Route verläuft erstaunlich weit nach Norden, bis an den unteren Rand von Grönland und wieder hinunter Richtung Zentraleuropa. Noch 7.000 Meilen bis zu meiner Rückkehr nach Deutschland. Was erwartet mich? Freunde, Familie, ein geregeltes Leben? Ich horche in mich hinein und merke:
Ich freue mich.

Ich will zurück. In diesem Flugzeug sitze ich nicht wegen dem, was vor mir liegt, sondern wegen dem, was hinter mir liegt. Chile und all die anderen Orte, die mich mit Glück, Spaß, der besten Zeit, Niederlagen und Einsamkeit, so vielen Erinnerungen und was weiß ich noch alles überhäuft haben, sind der Grund, warum ich in dieser Maschine hocke. Jetzt bin ich soweit, weil ich genug unterwegs gesehen habe. Bilder von Sonnenuntergängen, kristallklaren, perfekten Wellen, großen Tubes und saftig grünen Palmen schwirren in meinem Kopf herum. Ich will alles nochmal vor mir sehen. Aber diesmal mit der Gewissheit, dass ich nach Hause fahre, weil ich das möchte. Wasserfälle und holprige Schotterwege, die ich auf einem klapprigen Moped entlang geheizt bin. Das Schöne und das Lustige, das Gefährliche und das Traurige und die lieben Menschen, die mir geholfen haben. Das möchte ich alles zusammenpacken und in eine große Tasche stecken, aus der ich jederzeit ein Päckchen nehmen kann, wenn mir mein buntes Leben fehlen wird. Aber Erinnerungen sind wie Worte und schwache Bilder.

Eigentlich sehe ich gar nichts vor mir. Die aufgehende Sonne ist orange, aber eigentlich ist das ein Witz, weil sie in Wirklichkeit glüht, aus Feuer besteht und lebendig ist. Diese Momente sind genauso einzigartig wie flüchtig.
Habe ich irgendetwas gelernt auf meinen Reisen?
Hat sich etwas verändert?
Vielleicht bin ich entspannter geworden, weil ich lernen musste, die Dinge so zu nehmen, wie sie sind. Als Gast in einem fremden Land regt man sich nicht auf. Immer höflich lächeln: Nicht ärgern, sondern wundern.

Die komischen Gegebenheiten, die vielen Worte, denen keine Taten folgten, haben einen lehrreichen Effekt. Ein bisschen Gewichtsverlust für die Schwere im Leben. Weil unterwegs das Wahnsinnige witzig ist (während Zuhause derselbe Umstand unzumutbar ist). Weil man alles andere, alles Sonderbare voller Neugierde sieht. Weil man Kuriositäten sucht und sie würdigen kann. Das muss ich mir für Deutschland beibehalten, denn auch dort warten die Gemütsprüfungen auf mich.

Ich drücke meinen Sitz in die Schlafposition und packe die Decke aus der Plastikhülle. Ich habe viele Länder gesehen und die Menschen dort getroffen. Das Leben ist so unterschiedlich auf dieser Welt. Wellblechhütten, Hängematten, Wohnzimmercouch, Deckenventilator, Heizungskörper, Nasi Goreng und Miracoli. Menschen, die gar nichts haben, sind glücklich, aber wissen es nicht. Menschen, die im Überfluss leben, müssen auf die sprichwörtliche Couch. Und die Armen wünschen sich nichts sehnlicher, als zu tauschen, während die Reichen nicht im Traum daran denken, ihre geheimen Wünsche wahr zu machen. Manche träumen von einem gefliesten Badezimmer mit einer Warmwasserdusche. Andere wünschen sich eine Holzhütte am Meer. Meine Kumpels würden alles für ein paar Monate am Wasser geben, während ich zurück zum Alltag und in die Gewöhnlichkeit fliege.

Vielleicht sollten wir die Welt auf den Kopf stellen, so dass alle Leute durch die Gegend purzeln und in einer neuen Ecke weiterleben.
Ich gähne, und weil nichts auch zu nichts führt, schlafe ich ein.

 

Zum 10. Teil Andi entdeckt Indonesiens einsame Orte

Zum 9. Teil Andi hat Sehnsucht nach zu Hause

Zum 8.Teil Andi trifft den Hai

Zum 7. Teil Andi lernt Salsa lieben

Zum 6. Teil Andi trifft eine Entscheidung

Zum 5. Teil Andi findet Edelsteine auf Sri Lanka

Zum 4. Teil Andi landet auf Sri Lanka

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Zum Interview mit Andreas Brendt geht es hier

Zur Webseite des Buchs geht es hier

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