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Studie: Studenten interessieren sich immer weniger für Politik – und immer mehr für sich

BERLIN. Immer weniger Studierende in Deutschland interessieren sich laut einer Befragung für Politik. Sehr starkes Interesse am allgemeinen Geschehen hat nur noch knapp ein Drittel. Das ergab eine am Dienstag vom Bundesbildungsministerium vorgestellte Studie. Auch studentische Politik an der eigenen Hochschule interessiert nur ein Drittel (33 Prozent) der Studenten. Ministerin Johanna Wanka nannte dies sehr bedauerlich. «Gerade zum 25. Jahrestag des Mauerfalls möchte ich eindringlich an die junge Generation appellieren, die politische Freiheit in unserem Land zu nutzen.»

Wanka machte keinen Hehl aus ihrer Enttäuschung. «Das ist ein ganz gravierender Befund», sagte die CDU-Politikerin bei der Präsentation der Erhebung, für die Antworten von knapp 4900 Studierenden ausgewertet wurden. Im Lauf der 20 Jahre von 1993 bis 2013 schmolz der Anteil der «sehr stark» politisch Interessierten um 14 Punkte auf eine neue Negativmarke von 32 Prozent zusammen. An Universitäten sind es immerhin 35 Prozent, an Fachhochschulen nur 25 Prozent. Wanka denkt in diesem Zusammenhang auch an ihre Erfahrungen in der DDR. Schon bei der Wende 1989 habe sie sich geärgert, dass sich Studenten relativ wenig engagiert hätten.

Welche Erklärungen gibt es? Die Studien-Autoren der Universität Konstanz verweisen auf mehrere Erklärungen für Desinteresse, die wohl ineinandergreifen: größere Unübersichtlichkeit der Politik, ein allgemeiner Trend zu politischer Passivität und neue, striktere Studienverhältnisse. Da bleibe weniger Platz für anderes. Die Zeit für Vorlesungen, eigenes Arbeiten und so weiter ist mit durchschnittlich 33 Stunden in der Woche jedoch recht stabil. Auf noch geringere Resonanz stößt politisches Engagement an der eigenen Hochschule, für das sich nur fünf Prozent stark erwärmen. Dabei gehe es nicht nur um Hochschulgruppen der Parteien, sagt Wanka. Sondern etwa darum, gemeinsam für eine bessere Bibliothek zu kämpfen.

Denken Studenten nur an sich? Angehende Akademiker setzen stark auf die eigene Zukunft, wenn es um die Mühen eines Studiums geht. Egoistische und idealistische Motive würden in der jetzigen Generation aber von vielen nicht mehr als ein Widerspruch gesehen, erläutert Mitautor Tino Bargel. Als Nutzen der Hörsaal-Jahre erhoffen sich die Befragten eine interessante Arbeit (79 Prozent) und ein gutes Einkommen (58 Prozent). Inzwischen nennen aber auch 43 Prozent, zur «Verbesserung der Gesellschaft» beitragen zu wollen – ein Plus von 17 Punkten im Vergleich zu 2001. Wanka rief die Studierenden gerade zum 25. Jahrestag des Mauerfalls dazu auf, die Freiheit zu nutzen und sich einzumischen – schließlich seien sie die Führungskräfte in Wirtschaft und Verwaltung von morgen

Für ihr Studium wünschen sich die Befragten vor allem einen stärkeren Praxisbezug. Die Qualität der Lehre wird inzwischen besser beurteilt. So schätzen nun 67 Prozent den Aufbau und die Struktur ihres Studiengangs positiv ein, nachdem es 2001 nur 54 Prozent waren. Lehrveranstaltungen empfinden 65 Prozent (2001: 46 Prozent) als gut. Wanka sagte, die Ergebnisse zeigten, in welchen Bereichen Hochschulen noch nachsteuern sollten. Insgesamt sei die Zufriedenheit bei neueren Bachelor- und Masterstudiengängen höher als etwa bei traditionellen Staatsexamens-Studiengängen. dpa

Zum Bericht: Studie: Jugendliche interessieren sich immer weniger für Politik

8 Kommentare

  1. Wenn man sieht, was die Politik allgemein für das Umfeld der Studenten tut (Armut beginnt bei 979€/Monat, und der BaFöG Höchstsatz liegt akutell bei 670€) kann ich das nachvollziehen. Die Eltern (wenn sie aus dem Mittelstand kommen oder gar der unteren Bildungsschicht angehören) können ihren Nachwuchs nicht immer unterstützen, so sehr sie es auch wollten: Unsichere Arbeitsplätze auf Grund von befristeten Verträgen, Umschulungen, die selbst getragen werden müssen, oder Arbeitslosigkeit, weil schon zu alt für den Arbeitsmarkt oder nicht gut genug qualifiziert. All das spielt beim Desinteresse für Politik auch eine Rolle, ebenso wie die Unsicherheiten in der studenteneigenen Zukunft: schaffe ich das Studium in der Regelzeit oder brauche ich länger, bekomme ich nach dem Studium überhaupt einen Job oder muss ich mich unter Wert “verkaufen” (hier als bewerben um einen Job in einem Niedriglohnsektor), sind die Arbeitsbedingungen gut, kann ich mit meinem Gehalt eine Familie ernähren?

    • Man muss auch bedenken, mit was für Politikern die aktuellen Studenten aufgewachsen sind:

      Kohl mit seiner Aussitz-Mentalität
      Schröder mit den Hartz-Reformen
      Merkel mit ihrer Suche nach der gemeinsamen Lösung

      All das führte zur Politikverdrossenheit nicht nur bei den Studenten, sondern in der ganzen Bevölkerung.

    • Ich denke, dass die von Ihnen vermuteten Gründe weniger ausschlaggebend sind, Biene. Außerdem glaube ich, dass von den Steuergeldern schon ein sehr großer Teil in den Sozialbereich fließt, sogar der größte, wenn ich nicht irre. Darum gibt es Zungen, die behaupten, in Deutschland ließe es sich manchmal in der sozialen Hängematte zu gut leben, weshalb für niedrig bezahlte Arbeit zu wenig Anreiz mehr bestünde und sich der ein oder eine lieber trickreich von Mühe und Fleiß fernhalten würde.
      Es gilt auch immer zu bedenken, dass jeder Euro an Staatsausgaben von der arbeitenden Bevölkerung erst einmal erwirtschaftet werden muss.
      Ich glaube eher, dass politisches Desinteresse heutzutage eher an der zu einheitlich gewordenen Meinung von politischen Vertretern und Medien liegt. Wo gibt es denn noch aufrüttelnde Meinungsunterschiede und leidenschaftlich geführte öffentliche Debatten? Es herrscht die Langeweile des sog. politisch korrekten Mainstreams und wenn alle denselben Standpunkt vertreten, schafft das den Eindruck, dass dieser wohl richtig ist und man sich selbst keine Gedanken mehr zu machen braucht.
      Kontroverse weckt Interesse, aber nicht Berieselung mit einhelliger Meinung.

    • In Demokratien sind die Parteien scharf darauf, sich vor Wahlen gegenseitig mit weiteren sozialen Wohltaten zu überbieten, die später nicht mehr zurückgedreht werden können, weil das Empörung und Verluste in der der Wählergunst bedeutet.
      Immer weitere Geschenke zu verteilen und Wünsche angeblich Benachteiligter zu erfüllen, wie Sie das für die Studenten fordern, geht nur mit weiterem Schuldenmachen auf Kosten der nachfolgenden Generationen, die für die Altlasten irgendwann mal gerade stehen müssen und dies vermutlich wegen der gigantischen Höhe gar nicht mehr können. Der große Knall ist jetzt schon vorprogrammiert und trotzdem nehmen wehleidige Forderungen kein Ende.

  2. Sacht mal, Leute … Kann man sich nur für Politik engagieren, wenn’s vorher genügend Kohle vom Staat gab? Haben wir Politiker, die größenwahnsinnig, korrupt oder debil sind? Wir leben in einer funktionierenden Demokratie in einem der wohlhabendsten Länder der Erde – mit hervorragenden Zukunftsaussichten für junge Menschen (nur mal zum Vergleich: Jugendarbeitslosigkeit in Italien: 44 Prozent, Spanien: 55 Prozent – Deutschland: 7,6 Prozent). Meiner Meinung nach kommt das sinkende Politikinteresse unter Jugendlichen vor allem durch das ewige Genöle der Erwachsenen. Stichwort: Vorbild. Wenn ihr meint, dass unsere Politiker so schlimm sind – dann macht’s doch besser. Schließlich kann sich jeder hierzulande engagieren.

    • Die Demokratie funktioniert so gut, dass bei den vergangenen Landtagswahlen über die Hälfte der Wahlberechtigten nicht das getan haben, wofür tausende Menschen in anderen Ländern mit ihrem Leben bezahlt haben. Markus hat schon Recht mit seinem Kommentar.

      (À propos Geld vom Staat: Wer aktuell 1800€ brutto oder weniger im Monat verdient, bekommt nach aktuellem Stand im Rentenalter Geld vom Staat, weil die erarbeitete Rente unterhalb der Grundsicherung liegt. Wer als Single unter 1000€ netto im Monat verdient, kann es auch gleich sein lassen. Über Hartz IV gibt es das gleiche.)

      • Ja und? Die Politik kann nur das verteilen, was erwirtschaftet wird. Und wenn die Demographie künftig so aussieht, dass 2040 auf jeden Beitragszahler ein Rentner kommt (derzeit Verhältnis von etwa 2:1), dann heißt das logischerweise, dass das Rentenniveau sinken muss – oder die Beitragszahler bluten. Aber mit dem Befund beginnt doch erst die politische Auseinandersetzung: Was tun wir denn dagegen? Mehr Einwanderung? Geburten fördern? Renteneinstiegsalter erhöhen? Berufseinstiegsalter senken? Darüber lässt sich doch trefflich streiten, und wer sich damit beschäftigt, wird schnell feststellen, dass es dazu durchaus unterschiedliche Positionen in der Politik gibt. Genau das ist der Punkt: Man muss sich schon die Mühe machen, sich mit den Themen zu beschäftigen. Wer das nicht tut und meint, Politik müsse ruckzuck einfache Lösungen für komplexe Probleme liefern, für den sind Politiker natürlich alle doof. Leider meinen das hierzulande immer mehr.

  3. Ich denke wir haben alle recht. Insbesondere in den überlaufenen Fächern wie BWL oder VWL evtl auch Jura wird es für die Studenten schwierig einen Job nach dem Studium zu bekommen, was mir von Komilitonen bestätig worden ist.
    Unsere lieben Politiker haben viel mehr Angst vor ihren Gönnern aus den unterschiedlichen Wirtschaftsbereichen, weshalb sonst dürfen Banken immer noch überzogen hohe Boni an ihre Mitarbeiter verschleudern?
    Politik und das aktuelle Weltgeschehen interessieren mich in soweit, dass ich wissen will, was davon könnte mich betreffen, wie die Konfliktherde in der Welt. Wir Lehrkräfte werden mit den traumatisierten, kaum bis gar nicht deutschsprechenden Flüchtlingen (egal ob Kind oder Erwachsener) früher oder später konfrontiert. Oft bleibt es an den Lehrern hängen, diese in die Gesellschaft zu integrieren, was bei Leibe nicht einfach ist. Ich habe großen Respekt vor Lehrkräften, die sich mit dieser Aufgabe beschäftigen.
    Ich selbst lasse die Finger von der Politik, das ist ein Haifischbecken in dem nur Haie überleben können, für andere Fische ist da nicht unbedingt Platz. Es sei denn sie sind giftig. Wer politisch aktiv sein möchte, soll es sein, aber wer nicht zur Wahl geht soll sich nicht über die Politik beschweren, die er/sie durch seine/ihre Nichtteilnahme an der Wahl gewählt hat.

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