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Ärztin Münch als Bildungsministerin abgesägt – jetzt kommt ein Lehrer

POTSDAM. „Die Brandenburgwahlen sind Geschichte – ganz herzlichen Dank an alle Unterstützerinnen und Unterstützer und an die Wählerinnen und Wähler, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben“, so schreibt Martina Münch (SPD) auf ihrer Homepage. „Ich werde mich auch im neuen Landtag mit aller Kraft für die Menschen in unserem Land und für mehr soziale Gerechtigkeit einsetzen.“ Für die Schulen nicht mehr, jedenfalls nicht mehr als Bildungsministerin: Münch hat im neuen rot-roten Kabinett von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) ihr Amt verloren. Ihren Job übernimmt der bisherige Sozialminister Günter Baaske (ebenfalls SPD).

Kein Standing beim Chef: Martina Münch, bislang Bildungsministerin in Brandenburg. Foto: Nicola / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

Kein Standing beim Chef: Martina Münch, bislang Bildungsministerin in Brandenburg. Foto: Nicola / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)

„Sie ist verheiratet und hat sieben Kinder. Die Kinder sind der Grund, warum sie in der Politik ist. Sie wird gern mit Ursula von der Leyen verglichen, aber sie ist Martina Münch. 1961 in Heidelberg geboren, aufgewachsen in Mannheim, Studium der Medizin in Hamburg, London und Amerika, Neurologin in Berlin, 1995 der Umzug nach Cottbus, weil ihr Mann als Kardiologe einem Ruf an das hiesige Herzzentrum folgt“, so beschreibt die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Politikerin.

Tatsächlich galt Münch seit geraumer Zeit als angezählt. Eine Episode aus dem vergangenen Jahr verdeutlichte die Distanz zu Ministerpräsident Woidke. Damals erklärte Münch im Landtag öffentlich, dass der Unterrichtsausfall an den Schulen in Brandenburg kein Problem sei und die Vertretungsreserve ausreiche – offenbar in vorauseilendem Gehorsam gegenüber dem Regierungschef. Dumm nur, dass der die Lage völlig anders einschätzte. „Meine Regierung wird für eine weitere Verbesserung an unseren Schulen sorgen“, so verkündete Woidke nur kurze Zeit später. „Wir erhöhen die Vertretungsreserve bei den Lehrern ab dem Frühjahr 2014 um 50 Prozent, ohne dass es Abstriche bei der Konsolidierung des Haushaltes gibt.“ Mit zusätzlich zehn Millionen Euro könnten die Schulen Unterrichtsausfall schneller und besser begegnen. Die brüskierte Ministerin durfte dann nur noch die Details des Investitionspakets erläutern. So wurde der Gewinn für ihr Ressort zu einer persönlichen Niederlage.

„Diese Episode verdeutlicht das Dilemma, in dem Martina Münch steckt und in dem auch ihre Vorgänger steckten. Auch sie hätte gerne schon früher mehr Geld in die Unterrichtsvertretung an die Schulen gegeben, sah aber bislang keine Chance, sich damit im rot-roten Kabinett durchzusetzen. Ihre Kritiker werfen ihr vor, dass sie es auch nicht genügend versucht habe“, so kommentierte seinerzeit die „Berliner Morgenpost“. Auch im eigenen Haus geriet Münch unter Druck. Die  Belegschaft in ihrem Ministerium äußerte laut „Potsdamer Neueste Nachrichten“ in einem offenen Brief die „Sorge um die Handlungsfähigkeit“ wegen Überlastung – und protestierte dezidiert gegen das Führungsklima unter der Ministerin.

Angekreidet wurden Münch, in deren Verantwortungsbereich auch die Jugendhilfe lag, ebenfalls schwere Versäumnisse bei der Heimaufsicht über die privaten Kinder- und Jugendheime der Haasenburg GmbH. Nach Misshandlungsvorwürfen und einem erschütternden Experten-Bericht schloss das Ministerium die Einrichtungen Ende 2013 – Mitarbeiter müssen sich bald vor Gericht verantworten. Bei der Aufarbeitung des Falles wurde deutlich: In den vergangenen Jahren waren in ganz Brandenburg nur drei Mitarbeiter für die Kontrolle von 400 Jugendhilfe-Einrichtungen eingesetzt.

Auch beim umstrittenen Großthema Inklusion hatte Münch nicht die politische Unterstützung, um zwischen den Mühlsteinen von Befürwortern wie Gegnern bestehen zu können. Sie selbst wollte die „Schule für alle“ möglichst schon bis 2015 landesweit einführen und die Inklusion ins Schulgesetz aufnehmen. „Bis 2019, so kündigte sie an, würden die Förderschulen enden. Zumindest wurde sie damals so verstanden“, berichtete die „Morgenpost“. Woidke allerdings bremste seine Stellvertreterin beim SPD-Landesvorsitz auch hier aus: Er meinte laut Bericht, dass die vollständige Einführung der Inklusion kein Automatismus sei. Zunächst werde ein Schulversuch an rund 90 Grundschulen zwei Jahre laufen und dann ausgewertet. Woidke: „Wir müssen realistisch bleiben.“

Für diesen neuen Realismus steht offenbar der neue Bildungsminister Günter Baaske. Immerhin, Fachkompetenz bringt er mit – und wohl auch ein Händchen für Zahlen: Baaske, der seit 2009 Sozialminister in Brandenburg war, ist von Beruf Lehrer für Physik- und Mathematik.

Zum Bericht: Doris Ahnen: Deutschlands dienstälteste Bildungsministerin steigt auf – zur Finanzministerin

Ein Kommentar

  1. Ich begrüße es sehr, wenn ein Lehrer Bildungsminister wird, also jemand, der weiß, wovon er redet (obwohl das natürlich alle glaube – so wie wir alle ja inzwischen dank Google und Internet „Hobbyärzte“ geworden sind). Es ist einfach wichtig zu wissen, wie sich bestimmte Dinge im Berufsalltag auswirken. Es ist immer so leicht, schöne Dinge zu fordern, wenn man es selbst nicht machen (= umsetzen) muss. Die Lehrbücher wimmeln nur so von Texten und Aufgaben, die nicht praxistauglich sind, weil sie von Leuten gemacht werden, die nie an einer Schule gearbeitet haben. Aber das ist schon ein anderes Thema.

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