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Ein nicht ganz freiwilliges Publikum: Abiturienten füllen die Theater

MANNHEIM. Wer in Deutschland Abi machen will, Zentral-Abitur jedenfalls, muss «Homo faber» und «Dantons Tod» kennen. Anschauung bieten bundesweit die Bühnen – und der Zuspruch gibt ihnen recht: Die Schulstoffe ziehen regelmäßig ein großes Publikum an. Wenn auch zum Teil nicht ganz freiwillig.

Klassiker: "Dantons Tod" im Deutschen Theater Berlin 1981. Foto: Bundesarchiv / Wikimedia Commons / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

Klassiker: „Dantons Tod“ im Deutschen Theater Berlin 1981. Foto: Bundesarchiv / Wikimedia Commons / Rehfeld, Katja / CC-BY-SA

Für den einen sind sie interessant, für den anderen ein Grund, nervös zu werden. Jeder Oberstufenschüler kennt sie: Die sogenannten Sternchenthemen. Das sind Abitur-Schwerpunktthemen an den Gymnasien, die in den zwei Jahren bis zu den schriftlichen Prüfungen behandelt werden müssen. In Deutsch sind dies unter anderem die Romane «Agnes» von Peter Stamm, «Homo faber» von Max Frisch (1911-1991) und das Revolutionsdrama «Dantons Tod» von Georg Büchner (1813-1837). Viele Schüler ertragen die Pflichtlektüren – wie schon ihre Eltern – nur unter Qualen und benutzen Lesehilfen diverser Verlage.

Fast jedes Theater hat die Sternchenthemen einzeln oder komplett auf dem Spielplan. So auch in Baden-Württemberg: Im November gibt es beispielsweise im Mannheimer Nationaltheater eine Neuinszenierung von «Homo faber» zu sehen, am Pforzheimer Theater wird nun auch «Dantons Tod» gegeben. Viele Intendanten geben offen zu, dass mit den abirelevanten Stücken auch Zuschauer angelockt werden sollen.

So sagt der Ulmer Intendant Andreas von Studtnitz, dass «die Ansetzung eines Sternchenstückes immer noch ein paar Zuschauer mehr beschert». Eine «Übersättigung» sieht der Konstanzer Chefdramaturg Thomas Spieckermann nicht. «Wir sind das einzige Theater im Umkreis, und woraus sollte die Übersättigung auch bestehen – daraus, dass der Stoff in der Schule behandelt wird und man ihn dann auch im Theater sehen kann?»

In Regionen mit größerer Theaterdichte wie in Heilbronn wird diese Auffassung bestätigt. «Besonders bei «Homo faber» hatten wir in den vielen ausverkauften Vorstellungen im Großen Haus eine spannende Publikumsmischung aus Schülern und ganz «normalem» Theaterpublikum, die den Roman einmal gelesen hatten und ihn nun auf der Bühne erleben wollten», sagt Heilbronns Intendant Axel Vornam.

Burkhard C. Kosminski vom Mannheimer Schauspiel setzt auf «Sternchenthemen» unter vielen anderen: «Wir haben in der aktuellen Spielzeit im Schauspiel circa 35 Stücke im Repertoire.» Der Karlsruher Generalintendant Peter Spuhler hebt zudem hervor, dass «Dantons Tod» in der vergangenen Spielzeit in seinem Haus sogar die beliebteste Inszenierung bei den Abonnenten gewesen sei. «Und die Schüler sind ja immer wieder neue Jahrgänge – die «Agnes» und «Danton» brauchen!»

Der Tübinger Intendant Thorsten Weckherlin zeigt die Stücke dennoch nicht: «Diesmal sind die beiden Landesbühnen in Esslingen und Bruchsal dran, die abiturrelevanten Stücke aufzuführen. Wir drei Landestheater in Baden-Württemberg besprechen nämlich jedes Jahr die Spielpläne und verhindern damit Dopplungen für unsere Gastspielorte», sagt der Chef des Landestheaters Württemberg-Hohenzollern.

Nur in Stuttgart und Heidelberg werden die drei Stücke zurzeit nicht gezeigt. Der Spielplan konzipiere sich durch Themen und Stoffe, die für die Stadt Stuttgart und das Theater wichtig seien, betont Intendant Armin Petras vom Stuttgarter Schauspiel. «Ob ein Text dabei Sternchenthema ist, ist kein Grund ihn auf den Spielplan zu nehmen. Es wäre aber auch kein Hinderungsgrund.»

Auch mit Unterstützung von 38 Partnerschulen schafft es der Heidelberger Intendant Holger Schultze jährlich 60.000 Schüler mehr oder minder freiwillig in sein Theater zu locken. «Für uns ist es wichtig, dass die Kinder und Jugendlichen unterschiedliche Sparten kennenlernen und wir wollen uns nicht nur auf einzelne Theaterstücke, die sogenannten «Sternchenthemen» beschränken.»

Neben den normalen Vorstellungen gibt es beispielsweise vom Theater Baden-Baden noch einen weiteren Service für die Prüfungs-Zielgruppe: «Spezielle Vor- und Nachbereitungen gibt es gebündelt aber zuvörderst bei dem Abi-Festival im Februar jeden Jahres: Regisseure und Theaterpädagogen geben Workshops», sagt Intendantin Nicola May. Sie warnt aber die Schüler davor, zu glauben, Theater könnte den Unterricht ersetzen. Für sie bietet eine Inszenierung «nur eine mögliche Interpretation des Textes und gibt keine Lösungswege für eine Prüfung» vor. Christian Jung, dpa

Zum Bericht: Theater fordern mehr Unterstützung für Pädagogik

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