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In der arabischen Welt wird der Ruf nach Bildung lauter

Eine Analyse von ANDREJ PRIBOSCHEK

BERLIN. Endlich: Mit Königin Rania von Jordanien hat eine Repräsentantin eines arabischen Staates erstmals den Wert von Bildung beschworen, um extremistischen Bewegungen wie dem „Islamischen Staat“ die Grundlage zu entziehen. Auch andere liberale Muslime setzen auf Bildung.

Vertreterin eines moderaten Islam: Königin Rania von Jordanien. Foto: World Economic Forum / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Vertreterin eines moderaten Islam: Königin Rania von Jordanien. Foto: World Economic Forum / flickr (CC BY-NC-SA 2.0)

Ich muss mich korrigieren – zumindest ein Stück weit. „Die islamische Welt hat ein Problem mit Bildung“, so überschrieb ich unlängst einen Kommentar, in dem ich fragte: „Wo sind die Islamgelehrten, die eine bessere Bildung für die Kinder in der muslimischen Welt fordern? Wo sind die muslimischen Politiker, die auf massive Investitionen in Bildung setzen? Wo ist die breite Bewegung innerhalb der muslimischen Welt, die dem Treiben der Terrorgruppen im Namen des Islam ein entschiedenes ‚Nein‘ entgegenstellt?“

Anlass der Feststellung, dass es sie nicht gibt, waren die international kaum wahrnehmbaren Reaktionen von Muslimen auf die Entführung von 200 Schülerinnen in Nigeria durch „Boko Haram“ („Bildung ist Sünde“) sowie die unwidersprochenen Verleumdungen der 17-jährigen Schülerin Malala Yousafzai, die für Bildung insbesondere von Mädchen kämpft und nun mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde, durch Islamisten in Pakistan. Aber die Feststellung ist falsch. Zumindest teilweise. Einige Wochen später lässt sich feststellen: Es gibt sie, die Islamgelehrten und muslimischen Politiker, die sich für Bildung einsetzen – auch wenn tatsächlich noch nicht von einer breiten Bewegung gesprochen werden kann.

So hat Jordaniens Königin Rania in dieser Woche für den Nahen Osten Investitionen in mehr Bildung und Arbeitsplätze gefordert. „Entweder entwickeln wir unsere Region oder wir lassen andere sie zerlegen“, sagte sie mit Blick auf den Terror des Islamischen Staates. „Bildung sei nicht billig zu haben“, betonte sie auf einem Mediengipfel im Golfemirat Abu Dhabi, „aber der Preis der Ignoranz ist sehr viel höher“.

Rania gab moderaten Arabern eine Mitschuld an dem Erfolg der Dschihadisten – insofern bestätigte sie den Eindruck, der auch zum Kommentar auf News4teachers geführt hatte. „Eine Geschichte wird durch die Rede erzählt – aber auch durch das Schweigen.“ Durch ihr Schweigen machten sich gemäßigte Muslime zu „Komplizen“ des IS-Erfolgs. Doch die Auseinandersetzung mit dem IS müsse weit über die arabische Welt hinausgehen. „Es ist ein Kampf zwischen Moderaten und Extremisten auf der ganzen Welt“, so erklärte die Königin.

Rania kritisierte vor Medienvertretern: „Eine Minderheit ungläubiger Extremisten benutzt die sozialen Medien, um unsere Geschichte neu zu schreiben.“ Die arabische Welt müsse sich wehren. «Sie rauben unsere Identität.» Bilder von Gewalt und Zerstörung repräsentierten nicht die Mehrheit der Araber. «Sie wirken fremd und abstoßend auf die Mehrheit der Araber, Muslime und Christen. Sie sollten jeden Araber in der Region vor Wut brodeln lassen. Sie sind ein Angriff auf unsere Werte und auf unsere gemeinsame Geschichte», sagte sie.

Tatsächlich gibt es auch islamische Glaubensrichtungen, die den Wert von Bildung betonen – so die Ahmadiyya Muslim Jamaat, die in Deutschland über 30 Moscheen und 70 Gebetszentren verfügt. „Das erste offenbarte Wort im Heiligen Koran heißt ,lies‘ und die darauf folgenden Verse lenken die Aufmerksamkeit des Menschen über die Bedeutung des Lernens und Lehrens“, so heißt es auf der Homepage der Bewegung. Und weiter: „An zahlreichen Stellen im Heiligen Koran wird der Mensch aufgefordert, seinen Verstand und seine geistigen Fähigkeiten zu benutzen und durch Beobachten den Zweck der Schöpfung kennen zu lernen.“

Zitiert wird der arabische Physiker und Nobelpreisträger Abdus Salam (1926 – 1996) , selbst Mitglied der Ahmadiyya Gemeinde, der – mit Blick auf die Weltgeltung der arabischen Wissenschaften im Mittelalter – in einem Vortrag erklärte: „Warum hatten die Muslime in den Wissenschaften die Oberhand gewonnen? Die Frühmuslime befolgten die Anweisungen des Heiligen Buches und des Propheten. Nichts könnte die Notwendigkeit der Wissenschaften besser unterstreichen als der Hinweis, dass rund 750 Verse des Heiligen Koran – das ist beinahe ein Achtel – den Gläubigen empfehlen, die Natur zu studieren darüber nachzudenken, den Verstand zum äußersten anzuwenden und die wissenschaftliche Arbeit zum integrierenden Bestandteil des gemeinschaftlichen Lebens zu machen.“

Welch hohen Stellenwert Bildung für viele Muslime in Deutschland hat, wurde in der vergangenen Woche deutlich. Mit Avicenna hat eine vom Bund geförderte Studienförderung für muslimische Studenten (in Ergänzung existierender Studienwerke für katholische, evangelische und jüdische Studenten) ihre Arbeit aufgenommen – und 65 Stipendien ausgeschrieben. Der Andrang war riesig: Mehr als 600 Bewerbungen waren eingegangen. „Wir waren von der Nachfrage überrascht“, sagte Hakan Tosuner, Geschäftsführer von Avicenna. „Aber der Ansturm zeigt, wie viele muslimische Studierende an unseren Universitäten eingeschrieben sind. Das freut uns sehr.“

Offenbar bedarf es vor allem der Bildungsangebote.

Zum Kommentar: Der Fall Malala zeigt: Die islamische Welt hat ein Problem mit Bildung

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