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Tschüß Deutsch! Indiens Regierung will doch keine Fremdsprachen

Das Interesse indischer Schüler an der Fremdsprache Deutsch war groß. Foto: melgupta / flickr (CC BY-SA 2.0)

Das Interesse indischer Schüler an der Fremdsprache Deutsch war groß. Foto: melgupta / flickr (CC BY-SA 2.0)

NEU DELHI. An indischen Schulen tobt ein Kulturkampf – und Deutsch steckt mittendrin. Die Traditionalisten, unterstützt von der Regierung, wollen den Kindern Sanskrit beibringen. Doch diese möchten lieber die «Sprache der Forschung und Lehre» lernen.

 

Es war ein großer Plan: Bis zum Jahr 2017 sollten eine Million Inder Deutsch können. Doch das Vorhaben darf als gescheitert gelten. Nur wenige Jahre nach der Einführung des Deutschunterrichts an Hunderten staatlichen Schulen wurde die Fremdsprache dort wieder vom Lehrplan gestrichen. Rund 79.000 Schüler lernten an der Schulkette Kendriya Vidyalaya (KV), auf die vor allem Beamten- und Soldatenkinder gehen, zuletzt Deutsch.

Die Entscheidung fiel, kurz nachdem in Neu Delhi eine hindu-nationalistische Regierung das Ruder übernommen hatte. Die neue Bildungsministerin Smriti Irani erklärt nun plötzlich, indische Schüler könnten nur Hindi, eine weitere Regionalsprache sowie Englisch lernen – was nicht als Fremdsprache gilt. Deutsch sei nicht drin. «Das verstößt gegen die Verfassung», meint Irani.

Eine Brüskierung für Deutschland – schließlich wurde der Vertrag dazu im Jahr 2011 von den KV-Schulen und dem Goethe-Institut unterzeichnet, im Beisein von Staatssekretären beider Länder. Mehr als zwei Millionen Euro hat die Bundesregierung in das Projekt gesteckt. Und sowohl Bundespräsident Joachim Gauck als auch Außenminister Frank-Walter Steinmeier ließen sich bei Indien-Besuchen von Schülern auf Deutsch begrüßen.

Der deutsche Botschafter in Indien ist momentan fast täglich im indischen Fernsehen zu sehen, um zu retten, was noch zu retten ist. Beharrlich wirbt Michael Steiner um eine «praktische Lösung». Deutsch könnte zum Beispiel als Hobby-Fach weitergeführt werden, oder nach dem Erlenen von drei Sprachen als weitere Option in höheren Klassen unterrichtet werden.

Doch längst geht es auf dem Subkontinent um mehr als den Deutschunterricht. Tiefe Gräben werden sichtbar in dem Riesenland, das sich in rasender Geschwindigkeit wandelt. Auf der einen Seite stehen dabei die Traditionalisten, die lieber die für Hindus heilige Sprache Sanskrit fördern möchten. Auf der anderen Seite die Modernisierer, die ihre Kinder fit machen wollen für eine globalisierte Welt.

«Es gibt doch heutzutage überhaupt keinen Nutzen mehr für Sanskrit», schimpft etwa der Anwalt Ashok Aggarwal, der auch einer landesweiten Elternorganisation vorsteht. «Damit kann man höchstens noch mit dem Priester im Tempel reden.» Indiens Premierminister Narendra Modi reise um den Globus und zeige sich weltoffen, aber Zuhause spiele er ein anderes Spiel. «Das gefährdet unsere Entwicklung.»

Die Goethe-Institute in Indien, wo die Lehrer für den Deutschunterricht ausgebildet werden, warten erst mal ab. «Laufende Kurse stoppen wir jetzt nicht», sagt Alicia Padrós, Leiterin der Bildungskooperation Deutsch in Indien. Schließlich lernten auch rund 30.000 Schüler an Privatschulen Deutsch – Tendenz steigend. «Die jetzige Entscheidung muss kein Verlust für die deutsche Sprache sein, wenn sie einen anderen, gesicherten Platz bekommt», meint Padrós.

Doch der ist so sicher noch nicht. Und das, obwohl sogar Bundeskanzlerin Angela Merkel Indiens Regierungschef Narendra Modi jüngst auf die Sache ansprach. Denn die Sanskrit-Lehrer-Vereinigung Sanskrit Shikshak Sangh SSS, auf deren Initiative Deutsch vom Lehrplan der KV-Schulen flog, will nun auch gegen Fremdsprachen an Privatschulen vorgehen.

«Nein!», rufen die Elftklässler der privaten Delhi Public School in Gurgaon entsetzt im Chor, als sie das hören. «Die Schüler werden dann eine großartige Gelegenheit verpassen, etwas mehr von der Welt zu verstehen», sagt Aanavi Gupta. An ihrer Schule vor den Toren der Hauptstadt wird als dritte Sprache Sanskrit, Deutsch, Französisch, Spanisch, Japanisch und bald auch Mandarin angeboten. Deutsch sei am Beliebtesten, meint ihre Klassenkameradin Moumita Sen. «Deutschland ist bekannt für Forschung und Lehre. In Indien wird nur unterrichtet, was alt ist, in Deutschland hingegen, was im Moment passiert.» Doreen Fiedler, dpa

Zum Bericht: Russland – Deutschunterricht in der Krise

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