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Wie Flüchtlingskinder in den (Schul-) Alltag finden

SCHWELM. Viele Schulen fühlen sich angesichts steigender Flüchtlingszahlen überfordert. Etablierte Integrationswege gelangen an ihre Kapazitätsgrenzen. Aber wie gestaltet sich jenseits der politischen Diskussion die praktische Integration? Ein Beispiel aus Nordrhein-Westfalen.

Im September verzeichnete das Bundesamt für Migration die höchste Zahl an Asylanträgen seit 1995. Schon ein kurzer Blick auf die Statistik zeigt, das die Zahl der Flüchtlinge, die in Deutschland Schutz suchen in den Jahren 2013 und 2014 deutlich über denen der Vorjahre liegt. Jeder dritte davon ist ein Kind oder ein Jugendlicher schätzt Unicef. Und für die gilt die Schulpflicht.

Hilfe beim Lernstoff ist bei der Unterstützung von Flüchtlingskindern nur das Eine (Symbolbild). Foto: VNN Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e.V.

Hilfe beim Lernstoff ist bei der Unterstützung von Flüchtlingskindern nur das Eine (Symbolbild). Foto: VNN Bundesverband der Nachhilfe- und Nachmittagsschulen e.V.

Viele Schulen fühlen sich überfordert und mit der Entwicklung alleingelassen. Viele Flüchtlingskinder sind traumatisiert und sprechen kaum Deutsch. Ein Beispiel aus Schwelm zeigt, wie sie unterstützt werden, sich in den Alltag einzuleben:

«Das ist Gemüse. Welche Gemüse kennst du?», will die Sozialarbeiterin Claudia Haar von Fatima wissen. «Das ist ein Karott», antwortet das syrische Mädchen. «Moment, was ist das?» – «Äh, das ist ein Gurke.» Fatima lacht. Vor ihr liegt eine Karte, auf dem buntes Gemüse abgebildet ist. Dann nimmt ihr Bruder Mohammad eine Karte von dem Stapel. «Das ist ein…» «Käse!», ruft Islam dazwischen.

Die Sozialarbeiterin leitet die Schul- und Lernhilfe beim Kinderschutzbund in Schwelm am südlichen Rand des Ruhrgebiets und betreut auch eine Gruppe von vier syrischen Flüchtlingskindern. Mit ihnen lernt sie Deutsch und hilft ihnen bei den Hausaufgaben.

Derzeit leben in Deutschland nach Angaben des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge mehr als 40 000 Flüchtlingskinder. In Nordrhein-Westfalen sind es gut 9000 – Tendenz stark steigend. Die meisten kommen ohne Deutschkenntnisse. Und trotzdem sollen sie möglichst schnell in die Schule.

In Nordrhein-Westfalen sind Kinder von Asylbewerbern schulpflichtig, sobald sie die Erstaufnahmeeinrichtung verlassen haben, erklärt Christoph Söbbeler, Pressesprecher der Bezirksregierung Arnsberg, die in NRW für die Flüchtlinge zuständig ist. Das heißt, schon wenige Wochen nach ihrer Ankunft in Deutschland sollen sich die Kinder in einer normalen Schulklasse zurechtfinden. Das funktioniert nicht ohne Unterstützung.

Der große Raum im Kinderschutzbund Schwelm ist voll von Kindern, die zur regulären Lernhilfe kommen. Der Lärmpegel ist hoch, doch Fatima, Mohammad, Islam und Ayat arbeiten hoch konzentriert. Fatima und Mohammad gehen zur Realschule, Islam und Ayat noch in die Grundschule.

Das Mädchen Islam ist schon seit acht Monaten in Deutschland und kann sich mit den anderen Kindern problemlos auf Deutsch unterhalten. Die drei Geschwister Fatima, Mohammad und Ayat sind erst seit August in Deutschland und verstehen manches noch nicht.

Das Angebot der Kinderschutzbundes sei ergänzend zur Schule gedacht, betont Haar. Nicht in allen Städten gibt es eine solche Einrichtung für die Kinder. Eigentlich sollten die Flüchtlingskinder in der Schule eine spezielle Förderung bekommen, in der es hauptsächlich um das rasche Erlernen der deutschen Sprache gehe.

Doch das klappe längst nicht überall, stellen der Kinderschutzbund und der Verband Bildung und Erziehung NRW fest. In anderen Bundesländern ist es für Kinder oft nicht einmal verpflichtend, überhaupt in die Schule zu gehen, wie die Kultusministerkonferenz mitteilt.

Doch Hilfe beim Lernstoff aus der Schule ist nur das eine. Durch die Erlebnisse in ihrem Heimatland seien sie sehr traumatisiert, berichtet Claudia Haar. In den Familien sei der Krieg oft noch sehr präsent, zumal wenn Verwandte weiter im Krisengebiet lebten.

«Wenn traumatisierte Kinder kommen, brauchen sie eine starke psychologische Unterstützung», fordert auch der Vorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung NRW, Udo Beckmann. Die Lehrer an den Schulen seien darauf nicht vorbereitet, die Schulpsychologen ohnehin zeitlich überlastet. «Das kann nicht die einzelne Schule lösen», sagt Beckmann. Mehr Lehrer- und Psychologenstellen an den Schulen müssten her.

Beim Kinderschutzbund in Schwelm sollen die Kinder deshalb auch ein wenig Normalität finden. «So ein Stückchen Kindheit» will Haar den Kindern in der Lernhilfe geben. Deshalb hat sie auch ein festes Tagesziel, das nichts mit Lernfortschritten zu tun hat: Alle müssen einmal am Tag herzlich lachen.

Islam wühlt in dem Stapel mit den bereits besprochenen Lernkarten und zieht eine Karte mit verschiedenen Obstsorten hervor. «Wie heißt das nochmal?», fragt sie Claudia Haar und zeigt auf die Weintrauben. «Weintrauben», spricht Haar noch einmal langsam vor. Die Kinder haben Probleme mit diesem Wort. Sie sprechen es immer wieder nach.

Islam wiederholt es besonders oft. Dann ist Islam wieder an der Reihe. Sie dreht ihre nächste Karte um – darauf sind Weintrauben zu sehen. Das Mädchen hat vorher heimlich drunter geguckt und deswegen nochmal nach dem Wort gefragt. Alle lachen. Das Tagesziel ist erreicht. (Julia Däumling, dpa)
Bundesamt für Migration und Flüchtlinge: Aktuelle Zahlen zu Asyl (September 2014)

zum Bericht: Beckmann mahnt: Schulen sind derzeit mit Flüchtlingskindern überfordert

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