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Stockwerk statt Klassenraum – Deutscher Lehrerpreis für ein besonderes Unterrichtskonzept

BIBERACH. Unterricht in offenen Klassenzimmern, Lehrer als Lernbegleiter – und ein eigenes Filmstudio für die Schüler: Die Mali-Schule im baden-württembergischen Biberach hat ein ungewöhnliches Lernkonzept entwickelt. Dafür ist sie jetzt ausgezeichnet worden.

Im Stockwerksmodell können sich die Schüler frei bewegen. Foto: Deutscher Lehrerpreis

Im Stockwerksmodell können sich die Schüler frei bewegen. Foto: Deutscher Lehrerpreis

Die Türen zu den Klassenzimmern im dritten Stock der Mali-Gemeinschaftsschule in Biberach stehen offen. 60 Schüler aus drei Klassen lernen hier – trotzdem ist es erstaunlich ruhig. Lehrer Dieter Maucher schreibt im Foyer der Etage die Deutschaufgabe an eine Tafel, ein paar Meter weiter geht sein Kollege Roland Luschkowski mit drei Schülerinnen die Geometrie-Aufgaben durch. Getrennte Klassen, getrenntes Lernen findet man hier nicht. Für diesen innovativen Unterricht hat die Schule nun den Deutschen Lehrerpreis erhalten.

Das Modell sei ein «Lernkonzept der Zukunft», sagt Rektor Karl Schley. Ziel sei es, die Schüler zu mehr Selbstständigkeit und Eigenverantwortung zu bringen. Lehrer müssten sich dagegen mehr als Lernbegleiter auf dem individuellen Weg des Schülers verstehen.

Das Konzept besteht unter anderem darin, dass der Unterricht räumlich und personell auf das gesamte Stockwerk ausgedehnt ist. «Wir haben den Klassenverband aufgelöst», sagt Luschkowski, der das Modell Stockwerksunterricht mit seinen Kollegen Maucher und Thomas Kunemann entwickelt hat. «Das konnten wir umsetzen, als wir vor drei Jahren drei Klassen der achten Jahrgangsstufe bekamen. Die Idee des klassenübergreifenden Unterrichts hatten wir schon lange.»

In der Praxis sieht das so aus: Die Türen aller Klassen sind offen, das Foyer ist beheizt wie ein Klassenraum. In einer Ecke büffeln die Schüler Deutsch, im nächsten Raum lösen sie Matheaufgaben. Zudem erhalten alle Schüler am Anfang der Woche einen Wochenplan, dessen Aufgaben sie – je nach Lerntempo – bearbeiten. Dabei helfen sich die Schüler gegenseitig, die Lehrer stehen als Ansprechpartner zur Seite. In einem Lerntagebuch halten die Jugendlichen fest, wie weit sie mit ihren Aufgaben gekommen sind.

In einem eigenen Filmstudio liest eine Schülerin ihre Gedichte wie eine Nachrichtensprecherin ins Mikrofon. Das Studio gehöre als Arbeitsmittel zum Unterricht dazu, heißt es in der Schule. Die Schüler könnten darin Vorstellungsgespräche üben, Lesetraining machen, Schulnachrichten schreiben oder Referate proben.

Dieses Konzept überzeuge, heißt es bei der Jury des Deutschen Lehrerpreises. «Geringe Fehlzeiten, ein freundlicher Umgangston und sehr gute Ergebnisse machen die Mali-Gemeinschaftsschule zum kreativen Lern- und Lebensort.»

Wer neu dazukommt, muss allerdings erst mal umdenken – das hat auch der Siebtklässler Leonardo erfahren: «Wir können uns hier frei bewegen», sagt er. «Und beim Wochenplan entscheiden wir selbst, was gerade ansteht. Das klappt.» Und auch das Selbstverständnis der älteren Schüler verändere sich, sagt der Zehntklässler Anas: «In anderen Schulen disziplinieren Lehrer die Schüler, müssen für Ruhe sorgen. Hier übernehmen auch wir teilweise die Rolle des Lehrers und erklären jüngeren Schülern die Aufgaben, helfen bei Lösungen. Wir sind eben Mentoren. Das bringt uns schon große Selbstständigkeit.»

Jetzt soll das Stockwerkskonzept sprichwörtlich Schule machen, zunächst mal in der eigenen Schule. «Mit der fünften und sechsten Klasse setzen wir das schon auf einer anderen Etage um», sagt Rektor Schley. «Das Modell macht es möglich, Schüler auf unterschiedlichem Niveau zu unterrichten.» Von Felix Kästle, dpa

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