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Tierische Hilfspädagogen – Was Hunde im Unterricht leisten

STERUP. An vielen deutschen Schulen gehört der regelmäßige Besuch von speziell ausgebildeten Schulhunden zum pädagogischen Programm. Der Kontakt zu den Tieren baut Ängste ab und schult den richtigen Umgang im Alltag. Aber Schulhunde könne noch mehr. Auch im normalen Unterricht haben sie positiven Einfluss auf das Sozialleben des Klassenorganismus.

«Was macht das Stimmungsbarometer?» «Schläft!» Wenn man genauer sein will, dann liegt das Stimmungsbarometer der 5. Klasse an der Heinrich-Andresen-Schule in Sterup nahe Flensburg zusammengerollt im Transportkorb und linst ein wenig durch das fast geschlossene Auge. Es heißt Stableford, abgekürzt Stable, und ist wie Kollegin Dimple ein Schulhund.

Ein Nova Scotia Duck Tolling Retriever, wie er in Sterup zum Einsatz kommt. Foto: Christopher Woo / flickr (CC BY 2.0)

Ein Nova Scotia Duck Tolling Retriever, wie er in Sterup zum Einsatz kommt. Foto: Christopher Woo / flickr (CC BY 2.0)

Die rotblonden Tiere sind Nova Scotia Duck Tolling Retriever, kurz Toller. Besitzerin Gabi Orrù ist Lehrerin an der Schule und hat 2009 die AG «Fit for dogs» gegründet, in der Schüler den Umgang mit Hunden lernen. Seit 2012 kommen die Tiere auch in den Vormittagsunterricht an der Gemeinschaftsschule. Dafür hatte Orrù sich fortgebildet und am Arbeitskreis Schulhund in Nordrhein-Westfalen einiges abgeguckt. «Dann musste ich die Hunde so integrieren, dass sie die Kinder beim Unterricht unterstützen.»

Im Kollegium habe es großen Zuspruch gegeben, auch bei Eltern. Inzwischen wollen Kinder wegen der Hunde an der früher vier- und inzwischen zweizügigen Schule angemeldet werden, erzählt Orrù. Doch die Vierbeiner brauchen eine sorgfältige Ausbildung, und solche Tiere «wachsen nicht wie Pilze aus dem Boden», gibt die energische Frau zu bedenken, die ihre Tiere selbst züchtet und die Schulhunde einen Wesenstest absolvieren ließ.

Zudem sollten Hunde nur im Team mit «ihrem» Menschen zur Schule gehen und nicht von einem Lehrer zum anderen wandern. «Frau Orrù und Hunde» steht an der Tür des eigens für das Mensch-Tier-Team eingerichteten Raums. Da haben Dimple und Stable ihren Rückzugsort mit Kuscheldecke, denn auch sie brauchen eine Pause. 20 Prozent der Kinder in Orrùs Klasse haben Förderbedarf. «Die Hunde helfen dadurch, dass sie einfach nur anwesend sind, das ist eine andere Atmosphäre als in anderen Klassen. Wir haben unglaublich viel Probleme mit Lautstärke, Nicht-an-Regeln-Halten, Anschreien – das kann man über die Hunde offenlegen.»

Dimple stromert unter den Tischen hindurch. Manch ein Kind steht auf, streicht der Hündin durch das weiche Fell. «Wir konzentrieren uns mehr mit den Hunden als ohne», erzählt Jessica. «Es ist ruhiger, und zum Beruhigen können wir sie nach einer Arbeit streicheln.» Orrù setzt sich zu den Schülern, die aufmerksame Dimple auf dem Schoß. «Who has water for the dogs? Somebody must fill in water», mahnt Orrù, und Luca lässt sich breitschlagen und füllt den Napf.

Im Klassenraum gibt es viele Hinweise auf die tierischen Pädagogen: Am Fenster kleben selbstgebastelte papierene Weihnachtshunde, für einen Basar haben die Kinder Windlichter mit Hundemotiven hergestellt, links hinter der Tür hängt der Hundeknigge und mahnt: «Respektiere die Ruhezone des Hundes», «sorge für eine saubere Umgebung». «Kein wildes Gegrapsche nach dem Hund», bedeute das, sagt Orrù. «Die Hunde bleiben als Druckmittel auch mal zuhause.» Dann etwa, wenn der Putzdienst in der Klasse geschlampt hat. Orrù weist dann auf die Gefahren hin, wenn ein Vierbeiner ein Kaugummi verschluckt und Durchfall bekommen könnte. «Dann sollen Sie mal sehen, wie schnell geputzt wird!»

Da platzt Marie in die Klasse, zu spät, Bus verpasst. Es meckert aber keiner, schließlich wird sie von Dimple freudig begrüßt, wer will da lästern? In der alten Klasse waren die Mitschüler schon mal fies, erzählt Luca. «Hier ist alles ganz friedlich.» Er mag es, die Toller zu streicheln. «Da kann man Stress abbauen.» Das ist bei Merle zu beobachten, die mit einer Hand schreibt und mit der anderen, ohne hinzusehen, Dimple krault. «Süß» findet Aidan die Hunde. Wenn sie da sind, «fühle ich mich wohler». «Manchmal ist es witzig, wenn sie auf dem Tisch sitzt», findet Merle.

Auf den Tisch setzt Orrù die Tiere, «um Ruhe reinzubringen, wenn die Kinder das sonst nicht so hinbekommen». Aber Dimple muss auch inhaltlich ran, apportiert ein Täschchen mit Karten, auf denen englische Begriffe stehen. Während die Kinder laut «Christmas cake» und «chocolate» deklamieren, guckt die Hündin interessiert zu, ihr puscheliger Schwanz wedelt zwischen bunten Sweatshirts. Orrù gibt inzwischen selbst Seminare für den Schulhundeinsatz. Auch wegen der hundgestützten Pädagogik wurde die Schule mehrfach als «Zukunftsschule» vom Institut für Qualitätsentwicklung an Schulen Schleswig-Holstein ausgezeichnet.

Die Rückmeldungen zum Einsatz ausgebildeter Hunde durch Lehrer seien positiv, sagt Bernd Schauer, Geschäftsführer der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Schleswig-Holstein. Es zeige sich, dass sich etwa Kinder, die besonders laut sind, dann anders verhalten. Noch seien die Tiere nur sporadisch im Einsatz, es handele sich aber nicht um «eine absurde Geschichte», sondern verbreite sich weiter. Auch die GEW beschäftigte sich auf einem Erzieherinnentag mit dem Thema tiergestützte Pädagogik. (Martina Scheffler, dpa)

Vorstellung der Schlunde auf der Webseite der Heinrich Andresen Schule
Arbeitskreis Schulhund NRW

zum Bericht: Lehrer auf vier Pfoten: Schulhunde stärken soziale Kompetenz

3 Kommentare

  1. Das ist die Idee. Zur Verbesserung der Inklusion müssen „Tierische Hilfspädagogen“ her! Sie sind kostengünstig und könnten die Forderung der Lehrer nach besseren Rahmenbedingungen erfüllen.
    Wenn ich lese, was so ein Hund alles leistet, wundere ich mich, dass es noch keine Studie gibt, die beweist, dass Hunde die besseren Lernbegleiter sind. Mit geringen Kosten könnten sie die Inklusion zum Erfolgsmodell von zugleich Spar- und Menschenrechtspolitik machen.
    Hier hat die Firma Bertelsmann mit ihren aufklärenden und weiter helfenden Studien offensichtlich etwas verpasst.

    • Gefällt mir gut, schmunzel.

      Ich meine, das „tierische“ Angebot sollte noch um die äußerst intelligenten Borstenviecher erweitert werden. Immerhin gab’s in Niedersachsen mal eine äußerst erfolgreiche Drogensau. Schweine (vierbeinige) finde ich richtig knuffig.

  2. Eine Kollegin an unserer Schule (Bio) hat auch einen Schulhund. Mir leuchtet alles ein, was hier geschrieben ist. Der Hund ist klasse, brav, lieb, für Ganztagsklassen unerlässlich.

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