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Leserkritik zu Liessmanns „Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift“

DÜSSELDORF. Konrad Liessmanns Buch „Geisterstunde“ ist eine giftige Kritik an Zeiterscheinungen wie Katastrophendenken oder allgemein einer Alles oder Nichts-Orientierung, die er in Bildungsheilslehren und bei einigen von ihm so genannten Bildungsexperten erkennt. Soweit betrachtet, möchte man ihm gerne zustimmen, wenn da nicht das ungute Gefühl entstehen würde, dass er selber Opfer eines Zeitgeistes geworden ist. Weil er extrem polarisiert und damit die realen Probleme leider etwas im Nebel belässt.

Natürlich kann man Bologna-Reform und Pisa-Test kritisch sehen und auch eine Diskussion darüber ist dringend erforderlich, dennoch fördert eine bissige Polemik nicht einen notwendigen Dialog. Noch weniger hilfreich oder sinnvoll erscheinen mir die persönlichen Entwertungen einiger Autoren aus dem Bildungsbereich. Ganz sicher kann man an Gerald Hüthers oder Richard David Prechts Darstellungen Kritisches erkennen. Nur die scharfzüngigen Angriffe, die Polarisierung die Liessmann im Buch immer wieder betreibt, scheinen mir aus einer ähnlichen Haltung heraus zu kommen wie Liessmann sie bei den Bildungsexperten verurteilt.

So geht es dann weiter in seiner äußerst scharfzüngigen „Streitschrift“, wenn er das Verschwinden des Wissens beklagt und die immer mehr sich ausbreitende Kompetenzorientierung kritisch betrachtet oder wenn er die Fächerdämmerung aufs Korn nimmt. Bei jedem Thema kann ich ihm teilweise zustimmen. Nur wäre es konstruktiver, einen guten mittleren Weg anzustreben oder eine dialektische Synthese zu entwickeln.

Auch PowerPoint kann er nicht auslassen und bezeichnet es als „das Symptom einer Entwicklung, die die Technisierung und Medialisierung des Bildungswesens von Anfang an begleitet und die sich vor allem in dem Glauben ausdrückt, dass beliebige Defizite durch ihre Technisierung gelöst werden können“. Ganz heftig wird es meiner Ansicht nach, wenn er sich über Suchmaschinen und allgemein über das Netz äußert. Gerne will ich mich seinen kritischen Gedanken annähern, jedoch sind solche Sätze wie: „In der gläubigen Hingabe an das Netz zeigt sich die Praxis der Unbildung in ihrer religiösen Gestalt“ einfach nicht hilfreich für den ernsthaften Diskurs. Jedes Kapitel endet übrigens mit einem derartigen Satz als polemische Zusammenfassung und mit dem Zusatz: „Dabei wäre alles so einfach:“ Liessmann diskutiert dann teilweise auch sehr vernünftige Ansätze, nur die sich wiederholenden polemischen Zuspitzungen machen wieder zunichte, worum er sich doch so bemüht.

So sieht er die orale Phase als Lebensprinzip und beschreibt wie die im Bildungsbereich propagierte Selbstkompetenz gerade ein anderer Ausdruck für die Unfähigkeit ist, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Besonders hier stimme ich ihm zu und kann seine Ausführungen auch empfehlen, besonders wenn er dann am Ende des Kapitels wieder feststellt, dass „in der Infantilisierung einer Gesellschaft sich die Praxis der Unbildung in ihrer entwürdigenden Gestalt zeigt“. Diese Infantilisierung möchte ich dann aber auch wirklich ausgedehnt auf viele Bereiche der Gesellschaft diskutiert wissen und die oft dazugehörigen Entwürdigungen, die mangelnde Achtung und Anerkennung sowie die in unserer Kultur der scheinbaren Schamlosigkeit die Problematik der grundsätzlich fehlenden Scham miteinbeziehen.

Ich möchte hier noch einmal einige Zitate für sich selbst sprechen lassen. Da ist von Analphabetismus als geheimes Bildungsziel die Rede, von didaktischer Missachtung des Buches und von der Universität nach Bologna, die er als Praxis der Unbildung in ihrer korrumpierten Gestalt bezeichnet. Auch das letzte Zitat welches man als eine Art Resümee sehen könnte und worüber man sicher wieder gründlich diskutieren müsste, passt zur extremen Sprache von Konrad Paul Liessmann. Da heißt es dann: „In der konsequenten Ausrichtung auf gesellschaftlichen und ökonomischen Nutzen zeigt sich die Praxis der Unbildung in ihrer barbarischen Gestalt“.

geisterstundecover

„Geisterstunde“ ist keineswegs eine sachliche Auseinandersetzung, findet unser Kritiker.

Ich fasse zusammen. Für Menschen die im Bildungsbereich tätig sind, ist dieses Buch nur begrenzt zu empfehlen, denn man muss sich die vernünftigen Argumente und sachlich wichtigen Inhalte gewissermaßen unter seiner entwertenden und meist giftigen Sprache immer wieder herauspicken. Dennoch halte ich diese gerade für sehr wichtig im Diskurs über unser Bildungssystem.

Wer allerdings Interesse und vielleicht sogar Freude an scharfzüngiger Polemik hat, für den kann diese Streitschrift ein wirkliches Vergnügen sein. Mir persönlich, nicht nur in meiner Rolle als Psychologe, ist die Einbeziehung des gesellschaftlich fortschreitenden Narzissmus in diesen Fragen besonders wichtig und obwohl Liessmann diese Auswüchse treffend kritisiert, bleibt er durch seine Sprache in der Kritik gefangen. Wolfram Kölling

Mehr über das Buch: Konrad Paul Liessmann. Geisterstunde. Die Praxis der Unbildung. Eine Streitschrift. Zsolnay Verlag, 1790 Euro.

2 Kommentare

  1. Hartmuth Koelling

    Themen wie Infantilisierung der Gesellschaft und Orale Phase als Lebensprinzip sind dermaßen schwierige
    Felder, so dass ich denke, das kann man nicht in einem so weitgefassten Buch wie diesem Buch von Liessmann
    umfassend bearbeiten. Ich finde es aber wichtig, das diese Themen in die Diskussion eingebracht werden und
    unter dem Aspekt “ Die schizoide Gesellschaft“ nach H.J. Maaz diskutiert werden. Seit Jahrtausenden verhalten
    wir Menschen uns infantil und wenn unsere Kinder jetzt so früh von den Müttern getrennt werden und in Krippen
    aufgezogen werden, dann wird es mit der Infantilisierung kein Ende nehmen, bedeutet doch die frühe Trennung
    von der Mutter Defizite in allen menschlichen Bereichen, hauptsächlich Bindungslosigkeit: Keine innere Bindung
    zu dem Leben in all seinen wunderbaren Formen.

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