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Ministerium will Gefängnisstrafe für Schulschwänzer abschaffen – Direktoren sind dagegen

MAGDEBURG. Schulschwänzer landen in Sachsen-Anhalt weiter hinter Gitter – obwohl Kultus- und Justizministerien das eigentlich abschaffen wollten.

Der umstrittene Schulschwänzer-Arrest ist in Sachsen-Anhalt entgegen Ankündigungen aus der Landesregierung nicht abgeschafft. Das vor einem Jahr angekündigte Moratorium, mit dem der Arrest für zwei Jahre ausgesetzt werden sollte, sei nicht umgesetzt worden, teilte das Justizministerium auf Anfrage mit. Hintergrund sei, dass sich Schuldirektoren gegen die Abschaffung ausgesprochen hätten.

Zelle (in der JVA Wuppertal-Ronsdorf)

Schon seit 2012 brodelt die Debatte um den Jugendarrest als letztes Mittel gegen Schulschwänzen in Sachsen-Anhalt. Foto: Morty / Wikimedia Commons (CC-BY-3.0)

Allein in Magdeburg wurden im vergangenen Jahr 28 Mal Arreste von drei bis sieben Tage verhängt, weil Schüler notorisch in der Schule fehlten, wie die Landeshauptstadt mitteilte. Freizeitarreste fänden nach wie vor als letztes erzieherisches Mittel bei Schulverweigerung Anwendung. Auch in anderen Regionen gebe es weiterhin Arreste für Schulschwänzer, sagte die Sprecherin des Justizministeriums, Ute Albersmann.

Landesweite Zahlen liegen bislang nur für 2013 vor. Demnach waren 1246 Jugendliche zu einer Jugendhaftstrafe vorgeladen worden, wie das Ministerium mitteilte. Etwa die Hälfte davon (651 Schüler), weil sie notorisch die Schule geschwänzt haben. Das sind in etwa so viele wie in den Jahren zuvor. Den Arrest angetreten hatten 115 Schulschwänzer (2012: 182 Schulverweigerer.)

Schulschwänzen ist rechtlich gesehen eine Ordnungswidrigkeit. Wenn betroffene Jugendliche die dann fällige Geldstrafe nicht zahlen und auch nicht zu sozialer Arbeit erscheinen, landen sie hinter Gittern. Kritiker bemängeln vor allem auch, dass zwischen dem Zeitpunkt des Schulschwänzen und der Strafe oft Jahre vergehen – und damit keine erzieherische Wirkung entsteht.

Im Dezember 2013 hatten sich Justiz- und Kultusministerium eigentlich auf ein zweijähriges Moratorium verständigt. «Das Bestreben generell muss sein, Schulversagen oder Schulabwesenheit so früh wie möglich und so gut wie möglich zu verhindern», hatte Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) damals erklärt.

Das Ministerium ist weiter gegen die Strafe. «Aus Sicht des Ministeriums ist der Arrest kein geeignetes Mittel», sagte Kultusministeriums-Sprecherin Karina Kunze. «Der Schulschwänzer-Arrest beseitigt die Ursachen der Schulverweigerung nicht.» Seit der Debatte um den Arrest sollen nun Förderungsangebote stärker ausgebaut werden, sagte Kunze.

Das bekommen Hilfsangebote vor Ort zu spüren. «Größer geworden ist im vergangenen Jahr sicherlich der Zustrom an Jugendlichen, die zu uns kommen», sagte Kerstin Heft, Leiterin des Projekts „Werk-statt Schule“ in Halle, ein kommunal unterstütztes Projekt. «Aber das Geld für die Betreuung ist weniger geworden.»

„Werk-statt Schule“ will Jugendlichen durch handwerkliche Übungen und Beratung helfen, zurück in den Schulalltag zu finden. Aber: «Wir sind überlastet», sagte Heft. Für zwölf Schüler gebe es Betreuungsplätze. Der harte Kern der Schulschwänzer habe im vergangenen Jahr in Halle aber 241 Schüler umfasst.

«Neu ist die Qualität des Schulschwänzens», sagte Heft. «Inzwischen zieht es auch immer mehr Mädchen und sogar Grundschüler in die Spirale des Schulverweigerns.» Eigentlich sei das Angebot für 11- bis 14-Jährige eingerichtet. Mit Grundschulkindern oder Über-30-Jährigen Schützlingen steht das Team zunehmend vor neuen Herausforderungen.

Gründe für das Schulschwänzen gebe es viele, heißt es von Seiten der Lehrergewerkschaft GEW. Die meisten davon im privaten Umfeld der Schüler, weshalb die Lehrer oft machtlos seien. «Bei älteren Schülern liegt oft eine Sucht- oder Heimkarriere hinter den Jugendlichen», sagte Kerstin Heft von der Gewerkschaft. Doch das typische Klischee, dass nur sozial benachteiligte die Schule schwänzen, sei falsch.

Oft verschlimmere Mobbing die Situation. Bei den Mitschülern seien Schulschwänzer schnell unten durch, wie die Schülervertretung in Sachsen-Anhalt erklärte. «Natürlich reden die Schüler darüber, dass jemand aus den eigenen Reihen fehlt», sagte die Geschäftsführerin des Landesschülerrates, Silke Stegemann. «Die Achtung vor der Person sinkt sehr.» Charlotte Mack

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