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PISA & Co. – 2015 wird ein Super-Testjahr für die deutschen Schulen

BERLIN. Was bringen die vielen Schultests tatsächlich für den Unterrichtsalltag? Die Kultusminister diskutieren eine neue Gesamtstrategie – und die Zweifel an den angeblichen deutschen Leistungsverbesserungen bleiben.

Schultests am laufenden Band: Im Mai kommt PISA 2015 für die 15-Jährigen. Zeitgleich werden zudem über 40.000 Neunklässler für einen neuen Bundesländer-Leistungsvergleich ihre Kenntnisse in Deutsch und Englisch unter Beweis stellen müssen. Und schon für den Februar sind flächendeckende VERA-Vergleichsarbeiten für die 8. Klassen angesagt. Die kleinen Grundschüler der dritten Klassen sind im April dran.

2015 steht die deutsche Schule erneut mit den vielfältigsten Tests auf dem Prüfstand der empirischen Bildungsforschung – und zwar so umfangreich wie lange nicht mehr. Dabei fällt der neue Testmarathon ausgerechnet in eine Zeit, in der die Kultusminister intensiv über eine neue Gesamtstrategie zur Qualitätssicherung in den Schulen der 16 Länder nachdenken.

Reiht man allein nur die innerdeutschen Studien nach dem miserablen deutschen Abschneiden beim ersten PISA-Test 2000 aneinander, dann reichen inzwischen drei Meter Platz im Bücherregal kaum aus. Und die anderen ständigen internationalen Studien wie TIMSS (Mathematik), IGLU (Grundschule) und PIRLS (Lesen) kommen noch hinzu. Das Fazit: Über die deutsche Schule gibt es heute kein wissenschaftliches Erkenntnisdefizit mehr – wohl aber ein Handlungsdefizit.

Nicht nur Hamburgs Schulsenator Ties Rabe (SPD) wünscht sich von der Wissenschaft künftig weniger beschreibende Berichte – sondern mehr Ursachenforschung und Hinweise, wie Mängel abgestellt werden können. Genau aber das hatte die Politik bisher bei der Auftragsvergabe der Studien stets vehement abgelehnt – um nicht die Deutungshoheit über die Ergebnisse zu verlieren. Und oft genug krachte es hinter den Kulissen, wenn die Forscher in ihren Analysen die engen Grenzen zwischen Problembeschreibung und Handlungsempfehlung auch nur ansatzweise überschritten.

Doch jetzt heißt die neue Devise der Kultusministerkonferenz (KMK): Weg von den bisher rein «deskriptiven Diagnosen» der Bildungsqualität in den Ländern – hin zu konkreteren Aussagen über mögliche Ursachen und praktischen Hilfen für den Unterrichtsalltag. Die Forschung soll mehr anwendungsbezogenes Wissen für bildungspolitisches wie pädagogisches Handeln erbringen – «insbesondere zu der zentralen Herausforderung, wie eine erhöhte Bildungsqualität bei gleichzeitiger Verbesserung der Bildungschancen für alle Schüler erreicht werden kann», heißt es in einem KMK-Papier.

An dem bisherigen Leistungsranking der 16 Bundesländer soll zwar festgehalten werden – und Südländer wie Bayern oder Sachsen werden voraussichtlich weiter mit Spitzenplätzen medial glänzen dürfen. Zudem will man aber mehr Aufklärung über die Gründe für Auf- und Abstieg einzelner Bundesländern, mehr Wissen über die soziale Struktur, über die Quote der Spitzenschüler wie der Schwachen, über den Migrantenanteil und auch über den Stand der Inklusion.

Doch es gibt Zweifel, ob das jahrelange und viele Millionen Euro teure Wiegen und Vermessen der deutschen Schulen tatsächlich konkrete Verbesserungen für den Schulunterricht gebracht hat. Die ehemalige GEW-Vize Marianne Demmer vertritt in einer aktuellen Expertise die These, dass die von den deutschen PISA-Forschern seit 2006 immer wieder herausgestellten besseren Leistungen beim Lesen und in der Mathematik vor allem auf eine günstigere soziale Zusammensetzung der getesteten Schüler-Stichprobe zurück zu führen sei.

Das heißt, es waren weniger Migrantenkinder und Schüler aus besonders bildungsfernen Familien beim Test dabei als noch bei PISA 2000 und 2003. Hinzu kämen bei den Lehrern mehr Testroutine und inzwischen ein «Teaching to the Test», schreibt Demmer in ihrer Analyse für den Deutschen Gewerkschaftsbund.

Ähnliches hatten bereits 2013 Forscher des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) behauptet – und ansatzweise auch die Autoren der internationalen PISA-Ausgabe der OECD. Die deutschen PISA-Forscher widersprachen damals vehement. Sie werden es auch diesmal wieder tun. Gleichwohl bleibt der Streit um die Zahlen und ihre Interpretation. Karl-Heinz Reith, dpa

Zum Kommentar: Die PISA-Studie – nicht schön, aber notwendig

Ausschnitt aus der neuen PISA-Rangliste. Quelle: OECD

Ausschnitt aus der letzten PISA-Rangliste. Quelle: OECD

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