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Theologen: „Der religiöse Analphabetismus ist Fakt“ – auch bei muslimischen Schülern

TÜBINGEN. Islamischen Religionsunterricht gibt es in Baden-Württemberg bislang nur in einem Modellprojekt. Viele muslimische Kinder hätten denn auch wenig Ahnung von Ihrer Religion und auch die Eltern könnten diese nicht mehr vermitteln. Theologen sehen darin einen Nährboden für Extremismus und fordern mehr Islamunterricht an den Schulen. Den gibt es in Baden-Württemberg bislang nur in einem Modellversuch. Die Landesregierung hat den raschen Ausbau versprochen, doch noch sind nicht alle Voraussetzungen erfüllt.

Religionsunterricht als Waffe im Kampf gegen Fanatismus: Der Tübinger Theologe Ismail Yavuzcan hält den Ausbau von islamischen Religionsunterricht für einen wichtigen Baustein, um ein Abgleiten Jugendlicher in den Extremismus einzudämmen. «Der religiöse Analphabetismus ist Fakt, denn etwa 60 Prozent der jungen Muslime erhalten weder in der Schule noch in der Moschee religiöse Unterweisung», sagte der Experte vom Lehrstuhl Religionspädagogik des Zentrums für islamische Theologie. Er sieht eine große Nachfrage nach dem Unterrichtsangebot, das die Landesregierung rasch voranbringen will.

Muslime - hier betende Muslime in der Al-Jazzar Moschee in Israel- sollen in Hamburg mit Christen gleichgestellt werden. (Foto: David Ortmann/Flickr CC BY-NC 2.0)

Rund 60 Prozent der jungen Muslime in Baden-Württemberg erhalten weder in der Schule noch in der Moschee Religionsunterricht. (Das Bild zeigt betende Muslime in der Al-Jazzar Moschee in Israel). Foto: David Ortmann/Flickr CC BY-NC 2.0)

Auch eine muslimische Organisation räumt ein, dass viele muslimische Kinder wenig Ahnung von ihrer Religion hätten. Noch sind aber nicht alle Voraussetzungen für einen weiteren Ausbau des Islamunterrichts erfüllt.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) und Kultusminister Andreas Stoch (SPD) hatten mehr Tempo beim Ausbau des Unterrichts angekündigt, um «religiösem Analphabetismus» entgegenzuwirken und zu verhindern, dass junge Menschen von Islamisten in die Irre geleitet werden könnten. CDU-Fraktionschef Peter Hauk begrüßte den Ausbau des Islamunterrichts. «Religion ist kein Demokratieersatz, aber ohne religiöse Werte sind auch demokratische Werte viel schwieriger zu vermitteln.» CDU-Bildungsexperte Georg Wacker mahnte, die hohe Qualität des Islamunterrichts dürfe dabei nicht aufgeweicht werden.

Seit dem Schuljahr 2006/2007 gibt es im Südwesten ein Modellprojekt mit islamischem Religionsunterricht. Er soll an bis zu 20 Standorten pro Jahr ausgebaut werden. Bislang nehmen mehr als 2000 Kinder an 31 Schulen teil, darunter 24 Grundschulen, sechs Haupt- und Werkrealschulen sowie eine Realschule.
Der Wunsch der Eltern nach einem islamischen Religionsunterricht sei groß, sagte Yavuzcan. Im Südwesten gebe es 70 000 mögliche Teilnehmer. Insgesamt leben in Baden-Württemberg mehr als 600 000 Menschen islamischen Glaubens.

Grünen-Bildungsexpertin Sandra Boser sagte, nachdem die ersten Absolventen an der Universität Tübingen ihr Studium der islamischen Theologie abgeschlossen hätten, seien die Voraussetzungen geschaffen, um den Unterricht mit gut ausgebildeten Lehrerinnen und Lehrern weiter auszubauen. Die FDP ist ebenfalls für den islamischen Religionsunterricht. Ziel müsse aber ein flächendeckendes Angebot sein – die FDP will dies im Landtag beantragen. In Baden-Württemberg ist der Modellversuch zunächst bis zum Schuljahr 2017/2018 befristet.
Der Vorsitzende des Landesverbandes der Islamischen Kulturzentren, Yavuz Kazanc sagte, viele muslimische Kinder hätten tatsächlich wenig Ahnung von ihrer Religion. Auch die Eltern könnte die Kenntnisse häufig nicht vermitteln. Daher sei islamischer Religionsunterricht an den Schulen nötig.

Damit aus dem Modellversuch ein Regelunterricht werden kann, sind nach Angaben der Landesregierung bestimmte Voraussetzungen nötig. So müsse es unter anderem einen Ansprechpartner in Form einer anerkannten Religionsgemeinschaft geben. Diesen Status haben die islamischen Gemeinschaften aber bislang nicht – mit Ausnahme der alevitischen Gemeinde in Baden-Württemberg.

Unterdessen warnte Integrationsministerin Bilkay Öney (SPD) junge Menschen davor, sich Illusionen über den «Heiligen Krieg» zu machen. «Da geht es nicht nur um Religion, sondern vor allem um den Kampf um Boden und Ressourcen wie Gas, Öl und Diamanten», sagte die Ministerin der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Im Konflikt um die Macht zwischen islamistischen Gruppierungen würden fanatisierte Jugendliche als Kanonenfutter oder Selbstmordattentäter missbraucht. (Julia Giertz und Bettina Grachtrup, dpa)

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