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Zu viel versprochen? Rheinland-Pfalz setzt Verkleinerung von Schulklassen aus

MAINZ. In kleineren Gruppen können sich Lehrer mehr um einzelne Schüler kümmern. Trotzdem legt Rheinland-Pfalz die weitere Verkleinerung von Klassen auf Eis. Aus Spargründen?

Rheinland-Pfalz setzt die Verkleinerung der fünften und sechsten Klassen von Gymnasien und Integrierten Gesamtschulen (IGS) aus. Bildungsministerin Vera Reiß (SPD) begründete dies am Donnerstag in Mainz mit weniger stark sinkenden Schülerzahlen als noch in einem Gutachten 2012 erwartet. Wegen Bürgerkriegen und EU-Erweiterungen gebe es mehr Flüchtlings- und Einwandererkinder. Zudem blieben mehr Schüler länger an den Schulen, um einen höheren Abschluss zu erhalten. Von der CDU-Opposition im Landtag und Lehrerverbänden kam Kritik.

Reiß sagte, der vorläufige Verzicht auf eine weitere Senkung der maximalen Schülerzahl von derzeit 28 auf 25 in den Klassen der Orientierungsstufe von Gymnasien und IGS sei pädagogisch verantwortbar. Denn der jetzige Richtwert gehöre immer noch zu den niedrigsten im deutschen Ländervergleich.

Die Ministerin wertete das gebremste Sinken der Schülerzahlen als positiv: «Die Schülerinnen und Schüler von heute sind die Fachkräfte von morgen.» Die kommunalen Spitzenverbände seien nach der Entscheidung der rot-grünen Landesregierung erleichtert. Gerade in größeren Städten wie Mainz, Trier, Koblenz, Speyer und Worms müssten die Schulträger sonst Schulen um neue Klassenräume vergrößern.

Es dürfe nicht vergessen werden, dass auch die Schulen auf Unterstützung angewiesen sind Foto: DFID - UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

Die gestiegenen Flüchtlingszahlen sind einer der Gründe für die Entscheidung gegen kleinere Klassen. Foto: DFID – UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

Auf die Frage, ob die Entscheidung mit dem Sparkurs des hoch verschuldeten Landes zusammenhänge, sagte Reiß: «Das ist ein Beitrag zur Vernunft. Wir haben jetzt Mehrbelastung vermieden für den Haushalt und die Schulträger.»

Den strukturellen Unterrichtsausfall, also ohne Fehlzeiten von Lehrern wegen Krankheiten und Fortbildungen, wolle das Land weiterhin von derzeit 1,6 Prozent auf 1,2 Prozent bis 2016 senken. Reiß sicherte auch zu, dass die ursprünglich für die weitere Verkleinerung von Klassen veranschlagten, bereits bestehenden 200 Lehrerstellen nun einer besseren Unterrichtsversorgung zugutekommen sollen.

Im Schuljahr 2012/13 drückten laut Bildungsministerium 557 274 Mädchen und Jungen die Schulbank. Gegenwärtig sind es 541 624. Damit sei der Rückgang um 8600 Schüler geringer ausgefallen als vermutet, erklärte Reiß. In Rheinland-Pfalz gibt es 150 Gymnasien und 55 IGS. «Wir setzen (die Klassenverkleinerung) aus, bis wir wissen, wie sich die Schülerzahlen weiter entwickeln», ergänzte die Ministerin.

Die CDU-Opposition warf der rot-grünen Koalition zugunsten von deren «Prestigeprojekten» wie Energieagentur und Friedensakademie einen Bruch des Koalitionsvertrags vor. Dieser sieht die Verkleinerung von Klassen vor. «Die Leidtragenden sind unsere Kinder», kritisierte die CDU. Allerdings war die maximale Schülerzahl in den Klassen der Orientierungsstufe in Gymnasien und IGS in den vergangen zwei Schuljahren bereits von 30 auf 28 Schüler gesunken.

Der Verband Reale Bildung (VRB) sprach von einem schöngeredeten Rückgang der Schülerzahl zur Finanzierung pädagogischer Verbesserungen. Nun merke das Bildungsministerium, dass das nicht reiche. Aus Sicht des Philologenverbands ist die neue Entscheidung «allein schon aus pädagogischen Gründen äußerst bedauerlich». Jens Albes

6 Kommentare

  1. … war es aber nicht die unsägliche hessische CDU-Kultusministerin Karin Wolff, die tönte, dass die Qualität des Unterrichtes nicht von der Klassengröße abhinge, um mit diesem Argument Lehrerstellen einzusparen…

    • Diese Aussage ist Ergebnis internationaler Bildungsstudien. International gesehen sind ja Klassen von 30 – 70 Schülern normal. Dass es bei solchen Größen nicht mehr auf die Zahl ankommt – weil eh nur Lehrervortrag möglich ist – ist wohl einsichtig.

      • eben. für wirkliche individuelle Förderung sind auch klassen mit 10 Schülern noch zu groß.

        • In meiner Erfahrung ist es gut, wenn eine Klasse weniger als 20 hat. Dann fällt kaum noch jemand durchs Wahrnehmungsraster, denn das ist bei großen Klassen das Hauptproblem. Es gibt eben auch hier biologische Gesetzmäßigkeiten.
          Einzelunterricht wäre natürlich noch schöner, aber das bleibt weiterhin Prinzessinnen vorbehalten.

      • …bedarf es tatsächlich internationaler Bildungsstudien, um zu der Erkenntnis zu gelangen, dass die Qualität eines Vortrages/eines Frontalunterrichtes/ einer Vorlesung von der Anzahl der Zuhörer unabhängig ist?…

  2. Die Klassenmesszahl ist eine reine Rechengröße; aus ihr ergibt sich, wie viele Lehrer das Land den jeweiligen Schulen bereitstellen muss. Frau Reiß will also nicht sparen, sondern Mehrbelastungen des Haushalts vermeiden …

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