Startseite ::: Praxis ::: Auffällig schlechte Rechtschreibleistungen bei Drittklässlern im Nordosten – kein Grund zur Sorge?

Auffällig schlechte Rechtschreibleistungen bei Drittklässlern im Nordosten – kein Grund zur Sorge?

SCHWERIN. Bei der Vergleichsarbeit «Vera» erreichte im vergangenen Schuljahr mehr als ein Drittel der Drittklässler im Land nicht einmal den Mindeststandard in der Rechtschreibung. Sieht das Ministerium in Vera 3 auch kein geeignetes Instrument zur Überprüfung der Lernzielerreichung, kündigte die Landesregierung dennoch weitere Prüfungen an.

Viele Drittklässler in Mecklenburg-Vorpommern haben Probleme mit der deutschen Rechtschreibung. Das hat die Vergleichsarbeit «Vera 3» im vergangenen Schuljahr ergeben, an der mehr als 10 000 Schüler der dritten Klassen im Land teilnahmen. Mehr als ein Drittel von ihnen (37,4 Prozent) erreichte nicht einmal den von der Kultusministerkonferenz (KMK) festgelegten Mindeststandard. Die Kompetenzen von weiteren 25,9 Prozent entsprachen zwar dem Mindest-, aber nicht dem Regelstandard. Das geht aus der Antwort der Landesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linken im Landtag hervor.

Der Entwicklungssprung in der Rechtschreibung zwischen Klasse drei und vier sei gewöhnlich besonders groß, heißt es aus dem Schweriner Kultusministerium. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

Der Entwicklungssprung in der Rechtschreibung zwischen Klasse drei und vier sei gewöhnlich besonders groß, heißt es aus dem Schweriner Kultusministerium. Foto: dotmatchbox / flickr (CC BY-SA 2.0)

In dieser Antwort hebt das Bildungsministerium allerdings hervor, dass «Vera 3» zwar in der dritten Klasse geschrieben wird, dabei jedoch die Lernziele der vierten Klasse abgefragt werden. «Vera ist somit kein Instrument, mit dem das Erreichen der Lernziele überprüft werden kann», so das Ministerium. Es gebe vielmehr den Lehrern Hinweise, in welchen Bereichen noch eine besondere Förderung erforderlich ist, damit die Schüler die Lernziele im nächsten Jahr erreichen können.

Die Bildungsexpertin der Linken im Landtag, Simone Oldenburg, sieht dennoch Anlass zur Sorge. Mehr als der Hälfte der Drittklässler fehlten grundlegende orthografische Kenntnisse, sagte sie. Ein Drittel könne nicht flüssig lesen und sei nicht in der Lage, einen einfachen Text in seiner Gesamtheit zu erfassen. «Sie können lediglich einzelne Wörter richtig verstehen, es gelingt ihnen aber nicht, einem Text mehrere Informationen zu entnehmen.» Oldenburg forderte eine zusätzliche Stunde Deutschunterricht pro Woche in der gesamten Grundschulzeit.

Dass die Grundschüler bis zum Ende der vierten Klasse ihre Wissenslücken schließen, sei häufig nicht der Fall, so Oldenburg weiter. «Die gleichen Lücken zeigen sich im gleichen Ausmaß in Klasse acht.» Auch dort wurde ein landesweiter Vergleichstest geschrieben. Dabei wurden die Lernziele der neunten Klasse abgefragt.

Das Bildungsministerium räumte ein, dass die Orthografie-Ergebnisse bei «Vera 3» auffällig seien. «Eine Umfrage unter anderen Ländern bestätigte jedoch, dass Mecklenburg-Vorpommern hier keinesfalls eine Sonderposition aufweist», hieß es. Dies erkläre sich vor allem dadurch, dass der Entwicklungssprung in der Rechtschreibung zwischen Klasse drei und vier gewöhnlich besonders groß sei. Die Landesregierung werde den Befund dennoch zum Anlass für weitere Prüfungen nehmen. (Iris Leithold, dpa)

zum Bericht: Rechtschreibung: Schulexterne Experten raten Eltern, zur Selbsthilfe zu greifen
zum Bericht: VERA 3: GEW trommelt gegen “unsinnige Vergleichstests”

6 Kommentare

  1. Zitat: “Dies erkläre sich vor allem dadurch, dass der Entwicklungssprung in der Rechtschreibung zwischen Klasse drei und vier gewöhnlich besonders groß sei.”
    Warum “Vera”, wenn die Erklärung so einfach ist? Ich tippe eher auf eine verbreitete Vernachlässigung der Rechtschreibung, u. a. durch die ach so fortschrittliche und kreative Methode “Lesen durch Schreiben”.

    • genau das dachte ich mir auch. man müsste die auswertung trennen nach Schulen, die schreiben nach hören und die schreiben nach duden lehren.

    • “Lesen durch Schreiben” ist nur ein kleiner Teil des Problems. Es fehlt insgesamt in der Grundschul”didaktik” an der Anerkennung der Tatsache, wie wichtig konzentriertes Üben ist – und überhaupt, wie wichtig technische Normen sind. Und dass man nicht alles haben kann und Prioritäten setzen muss. Und dass Lesen und Schreiben neben Mathematik/Rechnen absolut zu priorisieren sind, weil hier Weichen für Jahrzehnte gestellt werden. (Anders als im Falle anderen Unsinns, vom GS-Englisch bis zu Präsentationen mit Powerpoint in der GS).

      Schön für alle pedigischen Vereinfacher, die sich ja gerne in Bildungsforen herumtreiben: Die orthographischen und die Leseschwächen treffen ein Bundesland, in dem es fast keine Migranten gibt. Damit greift die chauvinistische Standarderklärung interessanterweise nicht.

  2. Was soll dann dieser Vera-Test, wenn er als Test ungeeignet ist???

  3. Heute gelesen “Die Opfer der Reformpädagogik”:
    “Die jüngste Vera-3-Studie ergibt, dass mit 47 Prozent fast die Hälfte der brandenburgischen Jungen in der dritten Klasse an den Mindestanforderungen in Rechtschreibung scheitert. (…)
    Rot-Rot hat in der Vergangenheit Reformen am Rechtschreibunterricht konsequent abgeblockt. ‚Die Vera-3-Ergebnisse für Brandenburg geben ein erschreckendes Bild ab’, sagte Marie Luise von Halem, Bildungsexpertin der Grünen-Fraktion jetzt im Landtag. Die Auswertung habe ergeben, dass die Schüler nur ‚Wörter überwiegend lautgetreu schreiben’. Das ‚lautgetreue’ Schreiben haben rot-rote wie grüne Politiker indes stets verteidigt. Im September 2013 stand die CDU mit ihrer Kritik an der von Rot-Rot verteidigten Lehrmethode ‚Lesen durch Schreiben’ allein da – der Landtag lehnte nicht etwa die für mangelnde Rechtschreibkenntnis von Experten bundesweit verantwortlich gemachte Lehrmethode ab, sondern den CDU-Antrag, sie aufzugeben.
    Bei ‚Lesen durch Schreiben’ dürfen die Schüler zunächst die Wörter so schreiben, wie sie sie hören. Die Grünen wollen von ihrer Mitverantwortung für diesen Irrweg nichts mehr wissen. Sie verlangen nun, Rot-Rot solle darlegen ‚welche Maßnahmen ergriffen werden, um die Rechtschreibfähigkeiten der Brandenburger Drittklässler deutlich zu verbessern’. (…)
    Der wachsende Anteil an Zuwandererkindern in der Mark dürfte die Lage in der Grundschule weiter zuspitzen. Die mit Assoziationen und „Anlauttabellen“ arbeitende Methode „Lesen durch Schreiben“ laufe hier wie so manch andere reformpädagogische Idee bei Ausländerkindern noch mehr ins Leere, fürchten Experten”…
    http://www.preussische-allgemeine.de/nc/nachrichten/artikel/die-opfer-der-reformpaedagogik.html

    • Heißt diese — meiner Meinung nach vollkommen hirnrissige — Methode nicht “Schreiben durch Hören” statt “Lesen durch Schreiben” ?!?

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*