Anzeige


Startseite ::: Leben ::: Woher rührt die Verunsicherung der Eltern? Es fehlt an Werten

Woher rührt die Verunsicherung der Eltern? Es fehlt an Werten

Ein Kommentar von ANDREJ PRIBOSCHEK.

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Der Bildungsjournalist Andrej Priboschek. Foto. Alex Büttner

Mitunter ist es interessant, Nachrichten miteinander zu verknüpfen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben. Da heißt es in einer aktuellen tiefenpsychologischen Studie, nicht die Schule überfordere Kinder – sondern Eltern, und zwar bestimmte: verunsicherte und verängstigte. Deren Kinder erlebten die Welt als zunehmend brüchig; sie würden oft in die Rolle der Therapeuten ihrer Väter und/oder Mütter gedrängt. Ein anderer aktueller Bericht auf News4teachers trägt die Überschrift: „Grundschul-Empfehlungen bringen immer mehr Eltern in Rage.“ Tatsächlich nimmt der Kampf so mancher Erziehungsberechtigter um eine Gymnasialempfehlung für ihr Kind bizarre Züge an.

Meine These lautet: Wir sehen hier zwei Seiten derselben Medaille. Offenbar gibt es in der Gesellschaft einen wachsenden Kreis von Menschen, die ihre persönlichen Abstiegs- und Versagensängste auf ihre Kinder projizieren. Und für die eine Welt zusammenbricht, wenn der Nachwuchs nicht auf einem geraden und vermeintlich sicheren Weg über Abitur und Studium auf einen Managerposten oder eine Stelle als Oberarzt gleitet.

Das scheint zunächst nicht verwunderlich zu sein. Menschen, die in der Wirtschaft täglich ihren Mann oder ihre Frau stehen müssen, die dem enormen Druck unserer Leistungsgesellschaft ausgesetzt sind und die von Arbeitslosigkeit bedroht sind, möchten eben nicht, dass ihre Kinder Gleiches erleben müssen – könnte man meinen. Andererseits befinden wir uns, mal ehrlich, in einem der reichsten Länder der Erde mit vielerlei Möglichkeiten für junge Menschen, in den Beruf zu finden und ein selbstbestimmtes , ja glückliches Leben zu führen. Was sollen denn Eltern in Griechenland, Italien oder Spanien sagen – mit Jugendarbeitslosenquoten um die 70 Prozent?

Natürlich hat Angst nicht immer etwas mit einer realen Bedrohung zu tun. Die um sich greifende Verunsicherung vieler Eltern hierzulande scheint mir denn auch aus einer anderen Quelle gespeist zu werden: einem zunehmenden Verlust an Werten. In einem Land, in dem Religion zunehmend egal ist – außer für Moslems –, in dem Mitmenschlichkeit scheinbar kaum mehr zählt (die höchsten Einschaltquoten erzielen Fernsehshows wie Dschungelcamp oder DSDS, in denen Menschen vorgeführt werden), in dem Politiker alle als doof oder korrupt oder beides wahrgenommen werden – und damit natürlich auch die Politik –, in einem solchen Land klammert man sich eben an vermeintlich Beständiges wie formale Bildung. In einem solchen Land erlebt auch Latein einen Boom, obwohl der Sinn dieses Faches sich nicht unmittelbar erschließt. In einem solchen Land ist auch das Gymnasium erste und einzige Wahl, obwohl man eigentlich lieber G9 für sein Kind hätte und einen neunjährigen Bildungsgang zum Abitur über die Realschule oder die Gesamtschule auch wunderbar erreichen könnte.

Was lässt sich gegen diese unter Erwachsenen grassierende Unvernunft tun? Kinder bilden, und zwar mit Verstand und Herz, Kinder stärken, Kindern Optimismus mit auf den Weg geben. Dann werden sie ihren schon finden.

Zum Bericht: Grundschul-Empfehlungen bringen offenbar immer mehr Eltern in Rage

14 Kommentare

  1. Milch der frommen Denkungsart

    Sehr geehrter Herr Priboschek,

    Ihrem ansonsten durchaus zustimmenswerten Artikel steht freilich die billige, offenbar beifallsheischende Polemik gegen das Lateinische als offenbar immer noch wertgeschätztes – aber in Ihren Augen wohl bourgeois-bidungsbürgerliches – Schulfach nicht gut zu Gesicht, denn gerade ein Bildungsjournalist sollte nicht jedes wohlfeile Klischee bedienen.

  2. Milch der frommen Denkungsart

    Oder hab‘ ich Ihnen sogar Unrecht getan und Sie etwa als subversiv latinophil missverstanden ?!

    • Liebe/r Milch,

      man muss als Bildungsjournalist aber auch nicht jede Bildungstradition unreflektiert beklatschen. Ehrlich gesagt habe ich noch nie verstanden, warum so viele junge Menschen eine tote lateinische Sprache lernen, wenn sie in dieser Zeit doch ebenso gut eine lebendige lateinische Sprache lernen könnten. Zumal die immer wieder vorgetragene Behauptung, Latein schule das logische Denken, längst als Bildungsmärchen entzaubert ist. Wie sagt die Lernforscherin Elsbeth Stern so schön? „Man kann nur das, was man auch gelernt hat.“ Wer Mathe können wolle, müsse Mathe lernen; wer Latein lernt, kann hinterher – Latein.

      Aber das ist ein anderes Thema.

      Herzliche Grüße
      Andrej Priboschek
      Herausgeber News4teachers

      • Gut, dass Sie Mathe und Latein ansprechen. Schließlich sind das _die_ Schulfächer, die am meisten aufeinander aufbauen, und sich daher vorhandene Lücken am Schnellsten bemerkbar machen.

      • Milch der frommen Denkungsart

        Sehr geehrter Herr Priboschek,

        zunächst ist eine Sprache erst dann „tot“, wenn man sich nicht mehr mit ihr beschäftigt; genau das Gegenteil tut aber – auch wenn Sie dies nicht goutieren – immer noch eine stattliche Anzahl junger Menschen,
        denen man dies souverän auch lassen sollte.
        Im übrigen sollten Sie nicht der Versuchung erlegen
        sein, eine Sprache utilitaristisch gegen die andere auszuspielen, um zukünftig ebenso „nutzlose“ Fächer wie Kunst und Musik wohl gleichfalls abzuwracken.

        • Na, da sind die schüler bereits weiter als die Altphilologen.

        • Ich habe den Nutzen meines Lateins erkannt, als ich Kroatisch lernte. Alle slawischen Sprachen sind von der Grammatik dem Latein viel näher als den modernen westlichen Sprachen.

          • Das ist eine interessante Theorie. Ob sie stimmt, sei mal dahingestellt. Jedenfalls stammen die romanischen Sprachen vom Latein ab und nicht die slawischen. Können Sie Ihre Aussage mit irgendetwas belegen???

      • ZITAT „Liebe/r Milch“ … *lach* 😀

  3. Wenn sowieso fast alle Eltern ihre Kinder ans Gymnasium schicken, dann ist die beste Lösung eigentlich wohl die Gemeinschaftsschule, an der alle vom Anfang bis zum (jeweiligen) Ende gemeinsam lernen, also nach bestimmten Klassen einen Abschluss erwerben und in differenzierten Kursen Grundwissen oder vertieftes Wissen (und Können) erlangen.

  4. Ich finde auch, dass man Latein nicht mehr an den Schulen als reguläres (obligatorisches) Fach zu unterrichten braucht. Wer das für seinen Beruf braucht, kann das in einer IG/AG oder an der Volkshochschule lernen.

    • Latein ab Klasse 8 ist doch eher der Regelfall, in einigen Fällen ggf. noch Latein ab Klasse 11 bzw. der Einführungsphase. An welchen Gymnasien wird denn noch Latein als Pflichtfach ab Jg. 7 oder früher ohne Alternative im sprachlichen Bereich den Schülern oktroyiert?

      • latein als Pflichtfach ab klasse 5 oder 6 kann ich mir an vereinzelten sehr traditionsbewussten altsprachlichen gymnasien noch gut vorstellen. die regel sind ja latein oder französisch ab klasse 6.

        von latein als dritter fremdsprache ab klasse 8 oder gar ab klasse 10/ef habe ich noch nie gehört, halte beides bei entsprechender nachfrage aber durchaus für möglich.

Hinterlasse einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.Benötigte Felder sind markiert *

*