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Besuch im Tierversuchslabor – “Tiere sind nicht nur ein Werkzeug”

JENA. Berichte über Tierversuche führen meist zu emotionalen Debatten. Bundesweit landeten zuletzt rund drei Millionen Wirbeltiere in den Laboren – einige in Thüringen.

Harald Schubert weiß, dass seine Arbeit polarisiert. Die letzten Drohbriefe an den Wissenschaftler liegen aber schon einige Zeit zurück. «Das war in den 90er Jahren und jemand schrieb, dass ich im KZ besser aufgehoben wäre», erzählt der studierte Biologe. Schubert (61) leitet das Institut für Versuchstierkunde und Tierschutz am Jenaer Universitätsklinikum. Für die Wissenschaft werden dort Versuche an Mäusen, Ratten, Kaninchen, Schweinen, Schafen und Meerschweinen gemacht.

«Wir testen etwa neue Herzklappen, die man falten und so dem Patienten über die Blutbahn einführen kann», erzählt Schubert. «Ziel ist, das OP-Risiko für die Patienten zu verringern.»

Forscher, die an Tieren experimentieren wollen, müssen sich dafür eine Genehmigung einholen – und der Antrag landet dann zunächst auf Schuberts Schreibtisch. Im Jahr sind es etwa 100. Er ist nicht nur für das Uniklinikum zuständig, sondern auch für die Universität sowie zwei Leibniz-Institute in Jena. «Meine Aufgabe ist es, Forscher bei ihren Vorhaben zu beraten; zu kontrollieren, dass die gesetzlichen Vorschriften eingehalten werden, und zu prüfen, ob der Versuch ersetzt werden kann», erläutert der Fachmann. «Denn wir wollen mit dem Einsatz von Tieren rücksichtsvoll umgehen, die Zahl der Versuchstiere und ihre Belastung so gering wie möglich halten.»

Schulhunde sind speziell ausagebildete Hunde: (Foto: Wikiwau/Wikimedia CC BY 3.0)

Auch Hunde werden für Tierversuche verwendet. (Foto: Wikiwau/Wikimedia CC BY 3.0)

Laut einer Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums ist die Zahl der Wirbeltiere in Tierversuchen in den vergangenen Jahren stark gestiegen: von 1,8 Millionen im Jahr 2000 auf zuletzt um die 3 Millionen bundesweit. Der Großteil waren Mäuse und Ratten, aber auch Fische, Kaninchen, Katzen, Hunde und Affen landeten in den Laboren. Vielen Tierschützern ist das ein Gräuel. «Tierversuche sind grausam und wissenschaftlich ungenau», kritisiert die Organisation Peta. Der Deutsche Tierschutzbund fordert, «auf Tierversuche zu verzichten und stattdessen bessere, tierversuchsfreie Verfahren zu verwenden».

Schubert kennt die Kritik und findet es richtig, dass auch um das Thema Tierversuche eine gesellschaftliche Debatte geführt wird. Seinen Kollegen rät er, sich dem zu stellen. «Wir müssen vonseiten der Wissenschaft her transparenter werden.» So streift er sich einen grünen OP-Kittel über und führt durch die Räume seines Instituts. Ein Mundschutz verdeckt seinen Drei-Tage-Bart. In einem Raum stehen Käfige, in denen braune Mäuse spielen. An ihnen werde in einer Verhaltensstudie untersucht, wie sich Veränderungen von Proteinen im Gehirn auch auf das Verhalten auswirken, erzählt er.

In einem anderen Raum liegen Schafe wiederkäuend im Stroh, während im Radio gerade Popmusik läuft. «Die Musik wirkt beruhigend auf die Tiere», sagt der Biologe. Dass sie eine Operation an der Wirbelsäule hinter sich haben, ist nur am kahlrasierte Rücken zu erkennen. «Wir testen Materialien, die osteoporotische Defekte an Wirbeln beheben sollen oder etwa bei Arthrose helfen, dass sich neuer Knorpel bildet und die Knochen stabilisiert.»

Zwar gibt es neue Methoden, die Tierversuche ersetzen oder ergänzen können. Doch der Fachmann glaubt nicht, dass in den nächsten drei Jahrzehnten auf Experimente am lebenden Tier ganz verzichtet werden kann. «Wir setzen Tiere letztlich aus ethischen Gründen ein, weil solche Versuche am Menschen unmöglich sind», betont der Katzenfreund und Vater dreier inzwischen erwachsener Kinder. «In Vorlesungen und Kursen versuchen wir den Studenten auch ein Gefühl für die Tiere zu vermitteln, dass sie das Tier nicht nur als ein Werkzeug sehen.»

So ist das Uniklinikum auch bei der Suche nach Alternativen zu Tierversuchen aktiv. Die Arbeit eines Forscherteams wurde im vergangenen Jahr mit dem Thüringer Tierschutzpreis ausgezeichnet: Ein Organbiochip, mit dessen Hilfe Stoffwechselprozesse untersucht werden können – etwa beim Versagen der Leber nach einer Blutvergiftung (Sepsis). In anderen Untersuchungen zu neuen Verfahren in der Sepsis-Therapie werde seit einiger Zeit eine Wärmebildkamera eingesetzt, berichtet Schubert. Mit ihrer Hilfe könne früher erkannt werden, wann der Punkt erreicht ist, dass die Maus zwangsläufig stirbt – um sie zu töten und so ihr Leiden zu verkürzen. Schubert: «Das ist auch im Sinne das Tierschutzes.» Andreas Hummel

Mehr Informationen

Institut für Versuchstierkunde
Deutscher Tierschutzbund zu Tierversuchen
Peta Deutschland zu Tierversuchen
Gesellschaft für Versuchstierkunde
Statistik des Bundeslandwirtschaftsministeriums zu Versuchstieren

3 Kommentare

  1. Elisabeth Petras

    Diesen Beitrag empfinde ich als einseitig.
    Völlig unter den Tisch gekehrt wird die Tatsache, dass sich Tierversuche schlecht auf den Menschen übertragen lassen – weil eben jedes Tier anders ist.

    Auch geht es allen Tieren im Beitrag gut. Das ist aber schon deshalb nicht die Realität, weil ja sehr viele an den gegebenen Substanzen oder infolge der Operationen sterben. Schmerzmittel würden da oft das Erbebnis verfälschen. Schafe leiden meist stumm – diese Eigenschaft ist ja schon sprichwörtlich geworden. Auch werden Tiere in Laboren in der Regel schon aus hygienischen Gründen nicht artgerecht untergebracht. Ein flüchtiger Blick kann kaum das Leiden der Tiere zeigen. Schafe müssen normalerweise raus auf die Weide, Ratten sind sehr intelligent. Und wir sind keine 70-kg-Ratten, wie auch kritische Forscher, Ärzte und Tierärzte bemängeln.

    Ein großer Teil der Versuche wäre zudem auch aus Sicht von Forschern, mit welchen ich sprach, entbehrlich. Doch ist eine bestimmte Ausstattung zumeist vorhanden, mit der wird gearbeitet. Un in Publikationen gilt der recht unzuverlässige Tierversuch immer noch zu Unrecht als Goldstandard ungeachtet der Tatsache, dass sich bei den tierfreien Methoden schon viel getan hat.

    Es gibt vielversprechende Alternativmethoden, wie z. B. Organchips oder gar Organismen in Form von Mikrochips. Diese funktionieren mit menschlichen Zellen und liefern oft genauere Ergebnisse als Tierversuche. An diesen muss natürlich weitergeforscht werden. Doch es macht Schülern sicher mehr Mut, wenn sie sehen, dass es auch diesen Weg gibt, anstatt sie ohnmächtig mit euphemistischen Darstellungen vom Tierglück im Labor zurückzulassen, die sowieso niemand glaubt – weil eben das Leiden und Sterben schlicht negiert wird.

    Eine Ergänzung und Erweiterung dieses Beitrages durch Artikel der Menschen für Tierrechte oder von Ärzte gegen Tierversuche e. V. halte ich daher für sinnvoll und nötig – natürlich angepasst an das Alter der Schüler. Diese Thematik ist wirklich sehr komplex.

  2. Ich bin gegen Tierversuche, soweit das nur irgendmöglich ist ! Ich bin aber auch gegen gewisse Traditionen, z.B. Tiere lebendig zu kochen, lebendig häuten, lebendig rupfen u.Ä. Das kann man doch nun wirklich vermeiden bzw. darauf verzichten !!!

    Querverweis (nichts für schwache Nerven): http://www.alltagsjournalismus.com/index.php/2014/08/17/7-tiere-die-in-china-lebend-gegessen-werden/

  3. Ob ein bestimmtes Tier auf eine bestimmte Substanz nun gleich, ähnlich oder völlig anders als der Mensch reagiert, weiß man derzeit erst, wenn diese Substanz auch am Menschen angewendet wurde. Die Erkenntnis, wie ein bestimmtes Tier auf einen bestimmten Stoff reagiert, ist daher völlig bedeutungslos für den Menschen. Vielmehr kann man mit Tierversuchen “beweisen” was man will; je nach ausgewählter Tierart kann man eine Substanz als harmlos oder schädlich hinstellen, so wie man es gerade möchte.

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