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Kolumne Stammestrommel: Lehrer Fileccia probiert den „Activity Tracker“ aus

OBERHAUSEN.Unser Kolumnist Marco Fileccia ist für fast jeden neuen Techniktrend zu haben. Mit dem „Activity Tracker“, der seine Aktivität zählen soll, läuft es aber nicht besonders gut.

Nun steht Friedemann Schulz von Thun schon namentlich nicht auf einer Ebene mit Steve Jobs und seine Verdienste liegen auch nicht in der Mensch-Maschine-Interaktion, aber man könnte meinen, dass er mit seinem Bestseller „Miteinander reden, Störungen und Klärungen“ von 1981 sehr weitsichtig ein kleines digitales Gerät meinte, das ich seit sechs Wochen an meinem Arm trage. Darin, in seinem Buch, nicht in meinem Gerät, erklärt der Psychologe das Vier-Seiten-Modell, welches wir in der Schule immer hübsch visualisiert und anschaulicher als Vier-Ohren-Modell bezeichnen. Die Idee dahinter ist einfach: „Du faule Socke!“ in Richtung eines Schülers entlarvt sich schnell als Botschaft mit vier Seiten: dem Appell sich mehr anzustrengen, einem Sachaspekt schlechter Schulleistungen, dem Beziehungsaspekt als Lehrer einen Schüler, nennen wir es motivieren und nicht ermahnen, zu dürfen / müssen / sollen und schließlich einer Selbstaussage, dass ich offensichtlich nicht zufrieden mit der Leistung bin. So oder so ähnlich. Wozu diese Einleitung in Form einer Wiederholung pädagogischer Binsen? Das erwähnte kleine Gerät an meinem Arm redet mit mir und offensichtlich haben wir Kommunikationsstörungen. Friedemann, pass auf!
Gerät: (brummt) „Na los, du faule Sau!“ (Appell: Bewege dich! Sachaspekt: Du bewegst dich zu wenig, Selbstaussage und gleichzeitig Beziehungsaspekt: Ich Gott-Maschine und Du Mensch!)
Ich: „Wie? Was?“
Gerät: „Du hast dich seit exakt 60 Minuten nicht bewegt, also los, steh auf, tu was, du verfettest sonst und wirst früh sterben ohne die Früchte deiner hart erarbeiteten Pensionszahlungen genießen zu können!“
Ich: „WAS?“
Gerät: „Also nochmals. Für die Beamten unter uns. Stehe auf! JETZT! Bewege dich! Du hast heute erst 7145 Schritte gemacht und du wolltest jeden Tag 10.000 Schritte tun. Es fehlen dir also noch genau – lass mich nachrechnen – 2855 Schritte! Dein Kalorienverbrauch war bis jetzt erbärmliche 1870.“
Ich: „Aber die Zahl habe ich doch einfach willkürlich…“
Gerät: „Interessiert mich das? Hier steht: Marco will jeden Tag 10.000 Schritte machen. Also zähle ich bis 10.000. Und da fehlen heute noch 2855 Schritte. Außerdem war gestern auch nicht gut, da fehlten 679 Schritte.“
Ich: „Sei doch nicht so kleinlich, ich bemühe mich ja…“
Gerät: „Gut gemeint ist nicht gut gemacht. Soll ich dir mal die Wochen-Bilanz zeigen? Setz dich doch lieber wieder hin!“
Ich: „WAS?“

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Wohin entwickelt sich das Internet? Diese und andere Fragen treibt unseren Kolumnisten Marco Fileccia um. (Foto: privat)

Gerät: „Also. Montag 7819 Schritte… minus 2181“
Ich: „Da war Lehrerkonferenz…“
Gerät: „Dienstag 10.002, Mittwoch 7189, Donnerstag 5991…“
Ich: „Woher weißt du das alles so genau?“
Gerät: „Deshalb hast du mich gekauft. Schon vergessen? Ich soll deine Schritte zählen und messen und dich erinnern und in den Arsch treten und Challenges aussprechen und dir gratulieren und dich mit anderen vernetzen, damit du die Früchte deiner…
Ich: „Ach ja. Aber so habe ich es mir nicht vorgestellt…“
Gerät: „Wie denn? Vielleicht als kleinen Automatismus? Du ziehst mich an und läufst los – ganz ohne Anstrengung?“ Oder indem ich mal so grob schaue und nicht jede Bewegung analysiere? Nicht weiß, ob du schläfst, ruhst oder in Bewegung bist? Nicht deine Kalorienzahl berechne, deine Tagesaktivität in Form von Diagrammen darstelle, miteinander vergleiche und Durchschnittszahlen berechne, genau weiß, ob oder ob nicht?“
Ich: „Stumm?! Mehr als intrinsische Motivation…?“
Gerät: „Das wird ja immer besser! Jetzt soll ich schweigen, nur weil der feine Herr sich nicht bewegen will. Keine Chance, mein Lieber! Wenn du nicht sofort aufstehst, melde ich dein Tagesergebnis deiner Gruppe!“
Ich: „Gruppe? Welcher Gruppe?“
Gerät: „Schon vergessen? Du bist mit Markus, Gero, Jana, Miriam und Ismail in einer Gruppe! Jeder eurer Schritte wird miteinander verglichen. Es werden Tagessieger ermittelt und Wochen-Beste und du bist immer ganz weit hinten!“
Ich: „Aber woher? Wie?“
Gerät: „Spielst du diese Naivität eigentlich? Wie bist du an ein Staatsexamen gelangt?“
Ich: „…“
Gerät: „Bluetooth? Schon mal gehört? Ich zähle deine Schritte, übertrage sie auf dein Handy und von dort ins Internet und schon sind wir eine große Familie!“
Ich: „Ich will das nicht…“
Gerät: „Pech gehabt. Zu spät. Hättest du dir vorher überlegen sollen. Übrigens solltest du jetzt wirklich aufstehen und losgehen. Deine Krankenkasse könnte sonst auf dumme Gedanken kommen!“

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