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Singend Deutsch lernen – wenn Musik den Weg zur Integration ebnet

REGENSBURG. Spring – Sprechen und Singen ein Projekt in Bayern vermittelt Kindern in Übergangsklassen die ersten Schritte zur deutschen Sprache über Gesang und nutzt die therapeutische Wirkung der Musik. Lehrerverbandspräsident Josef Kraus fordert mehr Investitionen der Politik.

Mit übertriebenen Gesten verstärkt der Professor seine Worte auf Deutsch. Hochkonzentriert folgen die acht bis elf Jahre alten ausländischen Kinder in der Von-der-Tann-Schule in Regensburg Magnus Gaul. Der Leiter des Lehrstuhls für Musikpädagogik an der Uni Regensburg singt den Kindern auf Deutsch vor, und sie singen den Text nach, obwohl sie eigentlich kaum oder gar nicht Deutsch können. Seit fast einem Jahr läuft die Kooperation «Spring» (Sprechen und Singen) des Musiklehrstuhls der Uni Regensburg und der Grundschule in Bayern. In der Übergangsklasse lernen die Kinder die ersten Schritte auf Deutsch mit Hilfe der Musik. «Ein Gefühl für Ton und Takt bringt jedes Kind, egal aus welchem Land, mit», betont Gaul.

Musik sei eine hervorragende Methode, um das Innere der Kinder rasch zu erreichen, befindet Musikpädagoge Magnus Gaul. Foto: dankreider / pixabay (CC0 1.0)

Musik sei eine hervorragende Methode, um das Innere der Kinder rasch zu erreichen, befindet Musikpädagoge Magnus Gaul. Foto: dankreider / pixabay (CC0 1.0)

«Der Text wird über Akustik gelernt. Die Kinder begreifen grammatische Strukturen über den Gesang», erläutert Klassenlehrerin Eva Nagel. 19 Kinder aus 14 Ländern unterrichtet sie in der Übergangsklasse – ein Junge ist erst seit einer Woche in Deutschland. Die Kinder kommen aus allen sozialen Schichten. Kinder von ausländischen Professoren, die in Regensburg arbeiten, sitzen neben Flüchtlingskindern aus Kriegsgebieten. Eines haben sie gemeinsam – Deutsch als Zweitsprache und die Freude an der Musik.

Als die Lehrerin den zweiten Teil der Stunde übernimmt und die Kinder zu sich bittet, um im Kreis zu singen, bleibt Sofia aus dem Kosovo an ihrem Platz stehen, weil sie die 38-Jährige nicht versteht. Ihre Nachbarin sieht das zögernde und leicht verunsicherte Mädchen, nimmt es an die Hand und führt es mit sich. «Wir helfen uns gegenseitig. Ich frage eine Freundin, und sie übersetzt dann», sagt die neunjährige Quene aus Mosambik. Viele der Kinder sprechen zwei oder drei Sprachen, nur noch kein Deutsch.

«Das soziale Gespür bei den Kindern ist enorm. Jeder kennt das Gefühl, das erste Mal in die Klasse zu kommen, wenn alles neu ist», erklärt Schulleiter Bernd Paulus. Sein Büro liegt direkt neben dem Klassenraum. «Ich kann jedes Mal die Begeisterung von den Lehrern und den Schülern hören.» Die Schule sei für viele Kinder das, was noch am Normalsten läuft in ihrem Leben.

220 Kinder gehen auf die Von-der-Tann-Schule – in zwei Übergangsklassen lernen 40 ausländische Kinder die ersten Schritte Deutsch, zehn Stunden in der Woche. «Wenn sie dem Unterricht auf Deutsch folgen können, kommen sie in die Regelklassen», erklärt Paulus. Manche Kinder können bereits nach wenigen Monaten wechseln. Die Musik, sind sich Professor, Schulleiter und Lehrerin einig, ist dabei der Schlüssel.

«Mir ist ein solches Projekt in Deutschland nicht bekannt. Dabei hat die Musik auch eine therapeutische Wirkung», sagt der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, aus Landshut. Zum Glück gebe es solche Initiativen motivierter und engagierter Lehrer. «Die Politik hat sich der Problematik nämlich noch nicht angenommen», betont Kraus. Nach seiner Einschätzung gibt es derzeit in Deutschland allein 40 000 schulpflichtige Flüchtlingskinder. «Diese Kinder brauchen Betreuung und Unterricht von professionellen Teams.» Hier müsse die Regierung deutlich mehr investieren.

«Musik ist eine hervorragende Methode, um das Innere der Kinder rasch zu erreichen, Hemmungen in der Sprachanwendung abzubauen und sprachliche Muster unverkrampft zu trainieren», betont Professor Gaul. Musik in Verbindung mit Mimik und Gestik eröffne den Zugang zu einer neuen Sprache. Hinzu komme die Leidenschaft, die Kinder und Lehrer in den Übergangsklassen zeigten. «Ohne Emotionen ist die Lehre vergebens.» Er ist so sehr von der Kooperation überzeugt, dass im April einige seiner Studenten den Unterricht in der Übergangsklasse begleiten werden. «Ich habe ein wenig vorgeschnuppert und bin sicher, dass diese Art der Praxis perfekt für angehende Lehrer ist.»

Auch die Familien profitieren von den raschen Fortschritten der Kinder. «Die Kinder übersetzen Briefe und sie managen die Gespräche der Eltern, die oftmals kein Deutsch können, bei der Bundesagentur für Arbeit», erklärt Lehrerin Nagel. (André Jahnke, dpa)

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