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Antisemitismus in der Schule: Religionen werben für friedliches Miteinander – Sunniten außen vor

STUTTGART. Religiöse Konflikte lassen auch Kinder und Jugendliche in den Schulen nicht kalt. Antisemitische Beleidigungen will Baden-Württembergs Kultusminister Stoch nicht länger hinnehmen. Er hat eine bundesweit einmalige Initiative verschiedener Glaubensgemeinschaften auf den Weg gebracht, mit der für ein friedliches Miteinander geworben werden soll. Allerdings: Sunnitische Moslems sind nicht dabei.

Die Neue Synagoge in Berlin. Foto: Andreas Praefcke / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)

Symbol für jüdisches Leben in Deutschland: die Neue Synagoge in Berlin. Foto: Andreas Praefcke / Wikimedia Commons (CC BY 3.0)Syna

Ausdrücke wie «Du Jude», «Du Christ» und «Du Ungläubiger» werden heute als Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen gebraucht. Internationale Auseinandersetzungen spiegeln sich in Konflikten zwischen Schülern verschiedener Glaubensrichtungen wider. Der krasse Fall einer Neu-Ulmer Grundschule, in der die Polizei wegen islamistischer Parolen eingriff, ist aus Sicht des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nur die Spitze des Eisbergs. Religiöse Differenzen seien nicht an allen 42 000 Schulen in Deutschland gang und gäbe. «Die Probleme haben wir, wo die Deutschen in der absoluten Minderheit sind», sagt Kraus.

Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt eine Erklärung für ein friedvolles Miteinander an Schulen, die Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sowie Vertreter der christlichen Kirchen, der Israelitischen Religionsgemeinschaft, des Zentrums für Islamische Theologie und der Alevitischen Gemeinde am Mittwoch unterschrieben haben. Stoch versteht das als Signal an Schulen und Gesellschaft: «Wir wollen weltoffene Schulen, in denen Kinder mit unterschiedlichem Glauben friedlich zusammen leben und lernen können.» Mit der Fellbacher Erklärung verbunden ist ein Wettbewerb unter dem Motto «Verschieden glauben – zusammengehören». Bis Anfang nächsten Jahres können Schulen Projekte zum Thema weltanschauliche Toleranz und Abbau von Vorurteilen einreichen. Die Gewinner dürfen nach Jerusalem reisen, wo das Christentum, das Judentum und der Islam gleichermaßen zu Hause sind.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, weiß um die verbalen Übergriffe: «Bedauerlicherweise erhalten wir immer wieder Meldungen aus unterschiedliche Schulen sowie Sportvereinen über die Verwendung des Wortes “Jude” als Schimpfwort unter Kindern und Jugendlichen.» Dies geschehe gerade in Schulen mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund.

Aggressionen äußern sich nach Kraus’ Beobachtung auch in respektlosem Verhalten männlicher Schüler. Sie ließen sich von Lehrerinnen nichts sagen und bezeichneten sie nicht selten als «Schlampen»: «Denen wird zu Hause vorgelebt, dass die Frau an zweiter Stelle kommt.» Schulleiter seien damit vor eine Herausforderung gestellt, die sie ohne Eltern, Vertreter der muslimischen Vereine vor Ort und gegebenenfalls Dolmetschern gar nicht bewältigen könnten. Lehrerfortbildungen zum Thema religiöse Toleranz sind im Südwesten überbucht.

Weitere Beispiele für religiöse Radikalisierung sind Jugendliche, die auf dem Weg zur Schule auf Stolpersteine zur Erinnerung an im KZ getötete Juden herumtrampeln und herausposaunen, später einmal Juden umbringen zu wollen. Aber auch in umgekehrter Richtung gehen die Schmähungen: Eine Gymnasiastin mit Vater aus dem Mittleren Osten muss sich anhören: «Dein Vater ist ein Terrorist.» Nicht nur zwischen Christen und Muslimen verlaufen Konfliktlinien, sondern auch zwischen sunnitischen Muslimen und Aleviten. Schüler dieser Glaubensrichtung werden nach Worten der Vize-Generalsekretärin der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Melek Yildiz, als «Abtrünnige» beschimpft. «Die Kinder wissen viel zu wenig voneinander. Dadurch bilden sich Ängste und Vorurteile.»

Dass sunnitische muslimische Verbände wie die Ditib die Stuttgarter Erklärung nicht unterzeichnen, bedauert Yildiz. Die seien doch die einzigen, die noch Zugang zu radikalen Vertretern ihres Glaubens hätten. Im Neu-Ulmer Fall stellte sich heraus, dass die Kinder viel Zeit in bestimmten Moscheen oder Gebetsräumen verbringen; dort wurden sie von extremistischen Geistlichen so aufgehetzt, dass sie den blutigen Anschlag auf das französische Satiremagazin «Charlie Hebdo» in Paris rechtfertigten. Mangels eines zentralen Ansprechpartners hat das Stuttgarter Ministerium aber darauf verzichtet, sunnitische Verbände ins Boot zu holen.

Dies bedauerte der Landeschef der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib), Erdinç Altuntaş, mit Hinweis auf knapp 70.000 muslimische Schüler in Baden-Württemberg. Insgesamt leben in dem Bundesland mehr als 600.000 Menschen islamischen Glaubens. Dass eine der größten Religionsgruppen nicht vertreten sei, überrasche und enttäusche ihn, sagte Altuntaş. Ditib untersteht der türkischen Regierung. Stattdessen unterschrieb ein Vertreter des Zentrums für islamische Theologie in Tübingen die Erklärung.

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland bedauert, dass antijüdische Beleidigungen vielerorts einfach so hingenommen und als Bagatelle abgetan würden. «Für mich ist und bleibt es jedoch ein Ausdruck von Antisemitismus auf dem Pausenhof», sagt Schuster. Eltern und Lehrer stünden gemeinsam in der Pflicht;  auch muslimische Verbände sollten Judenhass entschiedener bekämpfen.

Lehrerverbandspräsident Kraus rät Schulen, Probleme nicht aus Angst vor Imageschäden oder falscher Toleranz unter den Teppich zu kehren. «Ich empfehle das Thema offensiv anzugehen, denn es sickert doch immer etwas durch.» Die Stuttgarter Erklärung dürfe nicht reine Symbolpolitik bleiben, fordert der Schulleiter aus dem bayrischen Vilsbiburg. Es müssten Projekte folgen, etwa Besuche in Synagogen, Moscheen oder Konzentrationslagern, wie er sie an seinem Gymnasium zur Pflicht gemacht hat. Julia Giertz, dpa

Zum Bericht: Stadt Offenbach relativiert Antisemitismus-Vorwürfe ihres Schülersprechers

Ein Kommentar

  1. In anderen Zeitungsbericht wurde die Nichtbeteiligung der DITIB anders dargestellt. Z.B. die Stelle aus der Münchener Abendzeitung, “Dass sunnitische muslimische Verbände wie die DITIB die Stuttgarter Erklärung nicht unterzeichnen, bedauert Yildiz. Die seien doch die einzigen, die noch Zugang zu radikalen Vertretern ihres Glaubens hätten.”, klingt für mich so, als hätte sich die DITIB aktiv verweigert.

    Dann möchte ich noch meinen Ärger über den Vorschlag äußern, Synagogen, Moscheen und KZs zu besuchen. Warum werden nicht auch Kirchen besucht und was bewirkt die Besichtigung von KZs in diesem Zusammenhang? Meines Erachtens eine Relativierung des hier vorliegenden Antisemitismusproblems und damit eine moralische Entlastung ihrer eigentlichen Verursacher. KZ-Besichtigungen haben ihre Berechtigung im Kontext des Geschichts- oder Politikunterricht, aber darum geht es hier schließlich nicht.

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