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Bildungsdebatte: Warum der Deutsch-Unterricht fast nur noch tote Autoren behandelt

DÜSSELDORF. „Iphigenie auf Tauris“ von Goethe, „Kabale und Liebe“ von Schiller, „Hiob“ von Joseph Roth, „Der Prozess“ von Franz Kafka und schließlich „Tauben im Gras“ von Wolfgang Köppen: Das sind die Stoffe, mit denen sich ein heutiger Abiturient in seinem Deutsch-Leistungskurs zu beschäftigen hatte. Der „jüngste“ aus dieser Autorenriege, Köppen, starb 1996. Das aktuelle Beispiel stammt aus Nordrhein-Westfalen, es beschreibt aber offenbar ein bundesweites Phänomen: Zeitgenössische Literatur kommt in den Schulen kaum (noch) vor. Warum eigentlich nicht? Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) hat dazu eine Diskussion angestoßen, die an die grundsätzliche Bildungsdebatte um den Tweet der Schülerin Naina anschließt.

Johann Wolfgang von Darf in der Oberstufe nicht fehlen: Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, Quelle: Wikimedia Commons

Darf in der Oberstufe nicht fehlen: Goethe, Ölgemälde von Joseph Karl Stieler, Quelle: Wikimedia Commons

Wie alltagstauglich muss Schule machen? Und was ist wichtiger: Literaturkenntnisse – oder über Versicherungen Bescheid zu wissen? Die 17-jährige Naina hatte mit einer kurzen Notiz im sozialen Netzwerk Twitter eine Bildungsdiskussion in ganz Deutschland ausgelöst. „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ‘ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen”, so lautete die Kurznachricht, die in Medien von „Bild“ bis zur „Süddeutschen“ breit diskutiert wurde und in die sich selbst die Bundesbildungsministerin einschaltete.

Die Debatte lässt sich konkret auch auf den Deutsch- (oder Fremdsprachen-)Unterricht beziehen: Warum müssen sich heutige Schüler fast ausschließlich mit Werken herumschlagen, deren kultureller und sprachlicher Hintergrund mit ihrer eigenen Lebenswelt kaum mehr etwas zu tun hat? Ist es richtig, dass Jugendliche Shakespeare im Original lesen – aber womöglich kaum in der Lage sind, sich in London nach dem richtigen Weg zu erkundigen? Macht es Sinn, Heranwachsende – die gerade ihre ersten eigenen romantischen Erfahrungen machen – mit einem „bürgerlichen Trauerspiel“ wie Schillers „Kabale und Liebe“ zu traktieren statt sie beispielsweise Gerhard Henschels „Liebesroman“ lesen zu lassen, in dem es um eine Schülerbeziehung in den 70er Jahren (immerhin) geht?

„Ein Blick in die Oberstufenlehrpläne deutscher Gymnasien zeigt, was vor Jahren schon eine Studie des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung ergab: dass die Gegenwart im Literaturunterricht kaum je eine Rolle spielt. Natürlich lässt sich der Befund in einem föderalen System nicht generalisieren. Ausnahmen gibt es, doch der Befund trifft auf die Mehrheit der Bundesländer zu“, heißt es in dem FAZ-Beitrag von Sandra Kegel unter der ironischen – und treffenden – Überschrift „Der Klassenzimmer-Club der toten Dichter“.

Eine Ursache macht die Autorin im Zentralabitur fest. Seit dessen Einführung in den meisten Bundesländern seien die sogenannten Leselisten für den Deutschunterricht das Maß aller Dinge. „Sie sind für die Oberstufen verbindlich, und sie werden ohne öffentliche Beteiligung hinter verschlossenen Türen der Kultusministerien erstellt. Sie bestimmen seither in Ländern wie Hessen, was die Schüler bis zum Abitur gelesen haben müssen. Und als habe man in den Ministerien auf die Kanon-Debatte der neunziger Jahre wie auch auf das schlechte Pisa-Abschneiden reagiert, herrscht das Primat traditioneller literarischer Texte vor“, heißt es.

Interessanterweise war das mal anders. Während die Schulen nach 1945 in der Lage gewesen seien, damals aktuelle Werke wie Alfred Anderschs „Sansibar oder Der letzte Grund“, Max Frischs „Homo Faber“ oder Friedrich Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ bald nach Erscheinen auch in den Klassenzimmern rezipierten, sei die Bereitschaft heute, sich am literarischen Gespräch der Gegenwart zu beteiligen, deutlich geringer, weiß der Literaturdidaktiker Clemens Kammler von der Universität Duisburg-Essen. Er vermisst wichtige Gegenwartsautoren wie Reinhard Jirgl, Elfriede Jelinek oder Botho Strauß im heutigen Unterricht.

FAZ-Redakteur Tilman Spreckelsen ficht das offenbar nicht an. Er bricht in einem Beitrag eine Lanze für die Klassiker. Wie solle die Schule heute – in Zeiten sich stetig wandelnder Anforderungen – die Schule auf ein erfolgreiches Leben vorbereiten, so fragt er. Was sei das überhaupt, ein erfolgreiches Leben? Es komme doch wohl vor allem auf die Grundlagen an, und die seien nun mal am besten anhand der Klassiker zu vermitteln. „Wie weit reicht das Verständnis für eine Novelle oder ein Gedicht überhaupt, wenn man sie außerhalb der Literaturgeschichte betrachtet? Natürlich geschieht eine solche Einordnung nicht anhand einer Vielzahl von Texten, sondern an beispielhaften Werken, die man ‚Klassiker‘ nennt und die einen Kanon bilden“, schreibt Spreckelsen.

Sein Fazit: „Es ist nicht einzusehen, warum im Deutschunterricht, der sinnvoll nur als Literaturunterricht zu denken ist, nicht auch Weltliteratur gelesen werden soll, die im Original in einer anderen Sprache als das Neuhochdeutsche verfasst worden ist.“

Viele Lehrer, so Sandra Kegel, sehen das anders – sie hätten gerne mehr Freiheiten, eigene literarische Schwerpunkte zu setzen. „Auch wenn die zeitgenössische Literatur keinesfalls gegen das literarische Erbe ausgespielt werden darf: Das korsetthafte Programm gibt vielen Lehrern zu wenig Gestaltungsspielraum, weil an den Leselisten nun einmal kein Weg vorbeiführt“, so schreibt sie. Und weiter: „Deshalb empfinden viele Lehrer die Listen weniger als Entlastung denn als Demotivation, weil sie darin eine Form der Misstrauenserklärung sehen, die ihnen kaum eigene Auswahlentscheidungen zugestehen. Es lässt sich darin zugleich eine Linie ziehen zu Standardisierung und Modularisierung im Studium, in dem das Sammeln von Kreditpunkten immer mehr zur höchsten Tugend gerät.“ News4teachers

Zum Kommentar: Nainas Tweet löst eine breite Debatte um Bildung aus – leider eine zu flache

5 Kommentare

  1. Milch der frommen Denkungsart

    Was spricht eigentlich dagegen, daß Jugendliche, zumal auf dem Gymnasium, ihren Horizont jenseits der eigenen „Lebenswirklichkeit“ (Definition, bitte !) erweitern ?

    • Gar nichts. Die Frage stellt sich aber, ob sich Schüler NUR mit Literatur beschäftigen sollen, die mir ihrem Leben hier und jetzt kaum noch etwas zu tun hat. Die Herausforderungen heute lauten: Globalisierung, Digitalisierung, Wertewandel, Pluralität, Dynamik, Terror – und da wäre es m. E. schon nicht schlecht, wenn sich Schullektüre auch mal mit solchen Fragen beschäftigen würde. Dazu kommt: Wenn ich mir die Literaturliste im Beitrag so anschaue, dann sind das ja nur Trübsalsstoffe – die Welt, ein Jammertal. Und damit allein sollen junge Menschen für Literatur gewonnen werden? Dass das gelingt, wage ich bezweifeln.

      • Es gibt eine lange Liste von Fächern, die sich mit Ihren „Herausforderungen“ befassen. Daran herrscht in der Schule kein Mangel. Sehen sie sich Politik- und Sozialwissenschaft, Geographie, Geschichte, den Religions- und Ethikunterricht, den Englischunterricht (nein, hier wird nicht in erster Linie Shakespeare gelesen!) an, z. T. auch die MINT-Fächer.

        Und: Gute Literatur handelt selbstverständlich von Leiden und Dunkelheit. Fast immer. Weshalb das so ist, ist unklar, aber es ist so. Und zwar unabhängig davon, wann die Autoren gestorben sind. Und unabhängig davon, ob es sich um Klassiker für Erwachsene oder Kinder- und Jugendliteratur handelt.

        Im Übrigen ist der ganze Artikel wieder einmal relativ ahnungslos. Es gibt keine zwangsläufige Dominanz „toter Autoren“ in der Schule. Abiturtexte sind nicht gleich Schultexte. Aber dann wiederum geht es ja vermutlich gar nicht um Deutschunterricht oder Literatur, sondern darum, Ressentiments ventilieren zu können. (Im Fall von Leuten wie Herrn Kammler kommt dann noch Nostalgie und ein verklärtes Bild der Vergangenheit hinzu. Und natürlich der realitätsferne Wunsch, pro Schuljahr 20 bis 30 Bücher behandeln zu können.)

  2. Andererseits gingen Mittelstufenklassen zuhauf in den (aus meiner Sicht völlig überbewerteten) Film „Fack ju Göhte“. Ich halte allerdings generell nicht viel von der deutschen Komödie.

    Was sollen die Oberstufenlehrer auch anders machen? Es ist sicherlich aus rein fachlicher Sicht möglich, an Stelle des vorgeschriebenen Dramas ein ähnlich geartetes zu lesen, nur sind dann Einsprüchen nach dem Zentralabitur Türen und Tore geöffnet. Mehr als ein „Teaching to the Test“ ist in den meisten Fächern in der Praxis nicht mehr möglich. Mit den Humboldt’schen Bildungsidealen oder interessanten Themen hat das nicht mehr viel zu tun.

  3. Milch der frommen Denkungsart

    Abgesehen davon, daß die „toten Klassiker“ auch auf aktuelle Fragen der Moderne Antworten geben können, ist es absurd, etwa Goethe gegen Grass auszuspielen.
    Das entscheidende Fakt ist doch, daß jedweder literarische Text erarbeitet und durchdrungen werden will,
    seine Genüsse also in den seltensten Fällen sofort und ohne Mühe darbietet.
    Das Problem hierbei ist freilich, daß ebendieses Kreuz ein immer größerer Teil unserer Schüler gar nicht mehr
    auf sich nehmen mag oder schlichtweg kann; selbst an noch anspruchsvollen Gymnasien müssen etwa in
    Geschichte immer öfter bereits übersetzte Quellen nochmals bearbeitet werden, da die Schüler den Wort-schatz ihrer Muttersprache nur noch fragmentarisch beherrschen.

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