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BLLV fordert Freigabe des Elternwillens – Übertrittszeugnisse sorgen für Verdruss

MÜNCHEN. Mehr Gelassenheit im Umgang mit den Übertrittszeugnissen wünscht sich der Präsident des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes, Klaus Wenzel. Die Zeugnisse werden jedes Jahr Anfang Mai an Kinder vierter Grundschulklassen vergeben und sorgten schon Wochen vorher für viel Aufregung, Verdruss und Stress, heißt es in einer Pressemitteilung des Verbands.

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In Bayern können Grundschüler nur mit dem richtigen Notendurchschnitt nach der vierten Klasse auf ein Gymnasium oder eine Realschule wechseln. Foto: twicepix / flickr (CC BY-SA 2.0)

Die Lehrkräfte müssen die Kinder mit Ziffernnoten bewerten, und dafür sind zahlreiche Prüfungen zu absolvieren. Das Verfahren stresse Schüler genauso wie Eltern und Lehrkräfte über Monate. Nur wenn ein bestimmter Notenschnitt erreicht wird, ist der Übertritt auf ein Gymnasium oder auf eine Realschule möglich. Und da sollen die Kinder hin – das wünschten sich jedenfalls die meisten Eltern. „Manche scheuen sich auch nicht, für dieses Ziel den Rechtsweg zu beschreiten“, sagt Wenzel. Jedes Jahr wiederhole sich das Prozedere und jedes Jahr würden die Beteiligten darunter leiden. Wenzel wünscht sich Reformen, die Kindern, Eltern und Lehrern helfen. Mit der vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) seit langem geforderten Freigabe des Elternwillens könnte die Situation eigenen Angaben zufolge deutlich entkrampft werden. „Wie kinderfeindlich das derzeitige Verfahren ist, und wie sehr es die Atmosphäre an den Schulen vergiftet, wissen diejenigen, die damit zu tun haben.“ An den bayerischen Grundschulen gebe es inzwischen viele Lehrkräfte, die sich davor scheuen, in einer vierten Klasse zu unterrichten.

Grundsätzlich sei die Grundschulzeit für viele Kinder zu kurz, um Defizite auszugleichen, so Wenzel. „Weil das so ist, helfen Eltern, die es sich leisten könnten, schon bei acht- und neunjährigen Kindern mit privat finanzierter Förderung nach. Oder sie geben ihren Nachwuchs gleich in Privatschulen mit besten Rahmenbedingungen.“ Sozial schlechter gestellte Kinder bekämen diese Förderung nicht. „Das ist auch der Grund, warum in Bayern die Bildungsungerechtigkeit unverändert hoch ist.“

Wenzel möchte den Eltern keinen Vorwurf machen: „Ich verstehe sie gut. Sie wollen nur das Beste für ihr Kind. Sie wissen, je höher der erreichte Bildungsabschluss ist, umso größer sind die Chancen für den beruflichen Erfolg.“ Leider würden viele engagierte Mütter und Väter aber übersehen, dass sie Druck auf ihr Kind ausüben. „Und der schadet mehr, als er nutzt.“ Nach wie vor gelte der Besuch eines Gymnasiums als „Königsweg“, was dazu führe, dass viele Mädchen und Buben einem jahrelangen Leidensweg ausgesetzt seien. Scharfe Kritik übte Wenzel am Kultusministerium: „Dort ist bekannt, was sich an den Grundschulen abspielt. Offenbar wird es aber billigend in Kauf genommen, um tatsächliche Reformen zu vermeiden.“ Letztendlich seien alle Beteiligten – Schüler, Eltern und Lehrer – Opfer eines Schulsystems, das zu früh aussortiere und zu spät fördere.

Eltern sollten dafür nicht die Lehrkräfte verantwortlich machen, sondern die zuständigen Politiker. Daran sollten Eltern denken, bevor sie den Rechtsweg beschritten: „Lehrerinnen und Lehrer sind Zwängen ausgesetzt. Sie müssen Kinder benoten und verteilen, auch wenn das viele von ihnen für pädagogisch überholt und ungerecht halten.“ Den Druck vermindern könnte laut Wenzel in einem ersten Schritt die Freigabe des Elternwillens, „nach eingehender Beratung durch die Grundschullehrkraft“.

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Titelbild: Felipe Lorente / Flickr (CC BY 2.0)

Ein Kommentar

  1. „Freigabe des Elternwillens“ heißt in der Regel, dass fast alle zum Gymnasium rennen und dass die Hauptschule (wo es sie noch gibt) oder die Realschule zur Restschule werden. Zumindest ist es hier in RLP so. Das sollte man vorher wissen und überlegen, ob man das will.

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