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Flüchtlinge: Bayerische Lehrerverbände fordern neue Schul- und Betreuungskonzepte

MÜNCHEN. „Die unvermindert hohe Zahl von Flüchtlingen und die damit verbundenen notwendigen Aufgaben erfordern gesonderte Wege der Finanzierung. Mit der Regelausstattung an Lehrpersonal, Verwaltungskräften, Räumen und Mitteln kommen wir in den Schulen nicht mehr zurecht“, konstatiert die Präsidentin der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände, Ursula Lay, in einer Pressemitteilung.

Für Flüchtlingskinder soll es in Thüringen bald mehr Lehrer geben, die sie im Fach Deutsch als Zweisprache unterrichten können. Foto: DFID - UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

Die abl fordert zusätzliche Mittel, um Flüchtlingskindern in Schulen die nötige Förderung zukommen lassen zu können. Foto: DFID – UK Department for International Development / Wikimedia Commons (CC-BY-2.0)

„Vor allem die Grund- und Mittelschulen, die Berufsschulen, aber auch die anderen weiterführenden Schularten leisten seit Monaten Enormes, um junge Menschen in sehr schwierigen Situationen zu unterrichten und ihnen in Bayern Chancen zu eröffnen.“ Ministerpräsident Seehofer habe gegenüber der Bundesregierung dargestellt, dass die Bewältigung der damit verbundenen Herausforderungen eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darstelle und dies müsse auch für Bayern gelten. Die vielfältigen Maßnahmen im schulischen Bereich würden derzeit aus den regulären Haushaltsmitteln bestritten, was unmittelbar zu Einsparungen bei anderen längerfristigen Projekten führe. Das könne auf Dauer nicht so bleiben. Mühsam erreichte Verbesserungen bei der Unterrichtsversorgung, der Inklusion und eine Reduzierung des Unterrichtsausfalls seien gefährdet.

Die Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände (abl) fordert, dass es für Sonderaufgaben auch Sondermittel geben muss. Sie schlägt vor, für diese längerfristige gesamtgesellschaftliche Aufgabe Organisations- und Finanzierungsmodelle mit einem gesonderten Budget zu schaffen, an dem sich neben Kultus- und Sozialministerium auch alle anderen Ministerien beteiligen. Die Aufgabe betreffe alle Ministerien und Behörden mit unterschiedlicher Intensität und unterschiedlichem Spektrum.

Die einzelnen Ministerien müssten die Möglichkeit haben, aufzulisten, welche Erwartungen sie haben und welche Maßnahmen für sie wichtig sind. Diese neben den bisherigen Angeboten zur Beschulung und Eingliederung zu leistenden Aufgaben seien im bestehenden System nur unvollständig und extrem schwierig zu leisten. Die abl schlägt deshalb eine zeitlich befristete Taskforce vor, die über speziell auf diese Anforderungen hin weiterqualifizierte Bewerberinnen und Bewerber der Wartelisten verschiedener Lehrämter gebildet werden könnte. Für diese Qualifizierungsmaßnahmen zur Betreuung der Flüchtlinge und deren Beschulung gebe es bereits jetzt Beispiele an Universitäten und auch im regulären System bestens qualifizierte Lehrkräfte (z.B. LEMIS), auf deren Expertise und Fachwissen man zurückgreifen könne. Nach Ansicht der Arbeitsgemeinschaft kämen insbesondere Lehrkräfte von der Warteliste mit Weiterqualifizierung für Deutsch als Zweitsprache und für eine moderne Fremdsprache dafür infrage.

Diese Experten sollen dann zunächst für zwei Jahre in bestimmten Regionen je drei Monate lang jeweils an Brennpunktschulen und -einrichtungen das Kollegium unterstützen und ihre Erfahrungen auch an diese weitergeben. Jedes Ministerium müsse einen Beitrag zu dieser Task-Force leisten, weil dies eine extrem wichtige gesamtgesellschaftliche Aufgabe sei, wie schon Ministerpräsident Horst Seehofer festgestellt habe. Die Finanzierung dieser Task-Force von zunächst zehn Personen für jeden Regierungsbezirk sei unter Beteiligung der Haushalte aller Ministerien sicher leistbar. Flüchtlingskinder – wie auch deren zu integrierende Eltern – seien keine Menschen zweiter Klasse, sondern sicherten mittelfristig bei erfolgreicher Integration auch den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Dazu präsentiert die abl in ihrem Schreiben „eine kurze Bestandsaufnahme“:

  • „1600 Förderlehrkräfte stehen an Grund- und Mittelschulen zur Verfügung, die eine Differenzierung und Sprachförderung von Kindern mit Migrationshintergrund ermöglichen. Diese Förderlehrkräfte sind aber eigentlich mit ihrem regulären Einsatz zur differenzierten und individualisierten Förderung mehr als ausgelastet; es sind keine zusätzlichen Kräfte.
  • An 75 Standorten in rund 260 Klassen werden rund 4500 berufsschulpflichtige Flüchtlinge und Asylbewerber beschult. Sie nehmen an einem zweijährigen Programm teil mit dem Ziel, Deutschkenntnisse zu erwerben und sich auf eine Berufsausbildung oder den weiteren schulischen Weg vorzubereiten. Mit den vorhandenen Kapazitäten können derzeit nur gut 30 Prozent der berufsschulpflichtigen Asylbewerber und Flüchtlinge beschult werden.
  • Vorkurse zur Sprachförderung im Vorschulalter finden in Zusammenarbeit mit dem Bayerischen Sozialministerium statt. Dies sind aber keine zusätzlichen Kurse, sondern wurden auf die Zahl 260 für Migrantenkinder und deutsche Kinder mit Sprachdefiziten ausgeweitet.“

Die jüngsten Ereignisse im Mittelmeer und die Ankündigungen der Europäischen Union ließen erwarten, dass der Strom der Flüchtlinge und Asylbewerber in den nächsten Jahren noch wachsen werde. Die Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände sieht daher die Notwendigkeit des Handelns.

Der abl gehören der Bayerische Philologenverband (bpv), der Bayerische Realschullehrerverband (brlv), die Katholische Erziehergemeinschaft in Bayern (KEG) und der Verband der Lehrer an beruflichen Schulen in Bayern (VLB) an. Die in der abl zusammengeschlossenen Verbände vertreten nach eigenen Angaben die Interessen von 50.000 Lehrkräften an allen Schularten.

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