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Lösung im Streit um Inklusion: Jetzt darf Henri doch auf die Realschule

Zum aktuellen Bericht: “Fall Henri”: Junge mit Down-Syndrom darf auf die Realschule – Streit um Inklusion flammt wieder auf

WALLDORF. Ist es richtig, einen geistig behinderten Jungen – der auch nach Meinung seiner Eltern keine Aussicht auf einen mittleren Schulabschluss oder ein Abitur hat – auf eine Realschule oder gar ein Gymnasium zu schicken? Der „Fall Henri“ wurde im vergangenen Jahr bundesweit zum Politikum. Selbst in der Sendung „Günther Jauch“ wurde deshalb über das Thema Inklusion diskutiert. Jetzt scheint eine Lösung gefunden worden zu sein: Das Kind mit Down-Syndrom, das derzeit die 4. Klasse wiederholt, darf nach den Sommerferien doch auf die Realschule – in eine besondere Klasse.

Henri darf - jetzt doch - auf die Realschule. Foto: Benjamin Klack, pixelio.de

Henri darf – jetzt doch – auf die Realschule. Foto: Benjamin Klack, pixelio.de

Im Streit um die schulische Zukunft des geistig behinderten Henri aus Walldorf in Baden-Württemberg ist eine Lösung gefunden. Der Zwölfjährige werde nach den Sommerferien auf eine örtliche Realschule wechseln, sagte seine Mutter Kirsten Ehrhardt. Dort werde er eine Klasse besuchen, in der behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam unterrichtet werden. Vergangenes Jahr habe die Schule es noch abgelehnt, Henri aufzunehmen. «Wir sind sehr glücklich», sagte Ehrhardt.

Der Fall des Kindes mit Down-Syndrom hatte vor einem Jahr bundesweit für Schlagzeilen gesorgt. Henris Eltern wollten erreichen, dass ihr Sohn nach der 4. Klasse mit seinen Freunden auf das örtliche Gymnasium oder die Realschule wechselt. Doch die Wunschschulen lehnten es ab, Henri aufzunehmen – und das Kultusministerium entschied, den Beschluss des Gymnasiums und der Realschule nicht aufzuheben. Eine erfolgreiche Inklusion sei darauf angewiesen, dass auch die Lehrer diesen Wunsch tragen. Doch in diesem Fall fehle die Bereitschaft, auch weil Unsicherheit herrsche, so hieß es zur Begründung. Die Lehrer fühlten sich nicht gut vorbereitet.

Das Thema wurde bundesweit zum Aufreger – für beide Seiten. Viele Unterstützer von Henris Eltern warfen Skeptikern Behindertenfeindlichkeit vor und dem Walldorfer Gymnasium Dünkel. Eine Petition für den Gymnasialbesuch des Jungen hatte mehr als 25.000 Unterstützer. Die Gegenpetition brachte es auf immerhin gut 3.700. Hier heißt es: «Henri sollte für sein und das Wohl aller nicht auf das Gymnasium gehen.» Viele sahen in dem Fall einen Gradmesser, wie weit die Gesellschaft in Sachen Inklusion schon ist. News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Mit Down-Syndrom aufs Gymnasium? Der „Fall Henri“ spaltet Deutschland

 

5 Kommentare

  1. Hoffen wir, dass diese Entscheidung tatsächlich die richtige für das Kind und nicht für seine Mutter ist. Das Argument “Freunde” kann jetzt nicht mehr zählen, weil sie erstens auf das Gymnasium gehen und zweitens die vierte Klasse nicht wiederholen. In wie fern ein Kind, das die vierte Klasse wiederholt mit dem Unterrichtsstoff einer Realschule mitkommt, wird die Zukunft zeigen.

    • Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Klassenziel der 4. Klasse erreicht wurde. So weit ich informiert bin, muss es das auch nicht; auch die Notengebung ist nach meinen Informationen nicht dieselbe. Es geht ja mehr um die soziale Integration. Bleibt abzuwarten, ob es dieser Realschule gelingt und ob sie den Schüler weiter fördern kann mit den ihr zur Verfügung stehenden Möglichkeiten. Das wird sehr schwer sein, weil die Lehrer dort vom Lernstoff her einen anderen Blickwinkel haben müssen und die Klasse langfristig auf die mittlere Reife hinführen müssen. Außerdem herrscht hier das Fachlehrersystem im 45 Minuten -Takt vor, der Klassenlehrer hat nicht viel Möglichkeiten. Da bin ich gespannt.

      • eine Lehrerin aus einer der ersten integrativen Schulen (in Bochum) erzählte mir, wie seit Jahren von Seiten der Landesregierung versucht wird, ihr erfolgreiches Modell durch Einsparung der zweiten Lehrkraft pro Klasse “billiger” zu machen. Bisher konnten sie es abwehren …

    • Obwohl ich ein großer Anhänger der Inklusion bin, habe ich bis jetzt nur wenige Schulen gesehen / von ihnen gehört, an denen wirklich sinnvoll die Inklusion umgesetzt wird. In der Regel handelt es sich um ein vom Staat verordnetes Kostensparmodell unter welchem jedoch Schüler, Eltern und Lehrer leiden und mit vielen unangenehmen Erfahrungen bezahlen müssen.
      Es ist sehr schön, wenn Schüler mit differenten kognitiven Fähigkeiten die Möglichkeit erhalten, mit ihren Freunden zusammen in eine Schule zu gehen. Aber gehen die Freunde nach der 4. Klasse nicht ohnehin unterschiedliche Wege. Bis zur 5. oder 6 Klasse geht es auch noch gut, mit den Freunden in eine Schule zu gehen, doch dann setzt sukzessive die Pubertät ein, die Schüler nehmen sich zunehmend in ihrer Einzigartigkeit und damit auch mit ihren Besonderheiten wahr. Hier setzt oft ein schmerzhafter Prozess ein: Die Schüler möchten so sein wie die anderen, wie ihre Freunde, haben jedoch zum Teil nicht die Möglichkeit, dies jemals zu erreichen. Auch die Freunde nehmen dies zunehmend wahr und die Freundschaften stehen auf einem harten Prüfstein. Wie viele schaffen das? Möchten die Eltern dies ihren Kindern antun? Ich arbeite selber an einer inklusiven Schule. Ich habe 2 Freundinnen mit Kindern, die mit Trisomi 21 geboren wurden und die ersten 4 Grundschuljahre mit viel Erfolg auf einer regulären Grundschule waren. Aus dem vorgenannten Grund haben sich die Eltern jedoch dann für einen spezielleren Weg als den regulären Schulwerdegang entschieden.

  2. Der wahnsinn an der macht

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