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Studie bescheinigt: G8 nicht schlechter als G9 – Stoch sieht grün-roten Kurs bestätigt

STUTTGART. Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sieht angesichts einer neuen Studie seinen Kurs gegen ein Ausweiten der neunjährigen Gymnasialzüge bestätigt. Der Minister betonte mit Blick auf die Untersuchung des Tübinger Bildungsforschers Ulrich Trautwein, dass die grün-rote Koalition für den Rest der Legislaturperiode festgelegt habe, die Zahl der 44 G9-Modellschulen nicht zu erhöhen. «Für mich wäre das auch darüber hinaus gültig», sagte er in Stuttgart. Doch über Parteigrenzen hinweg, zwischen Regierung und Kommunalverbänden und Gewerkschaften bleibt das Thema ein Zankapfel.

Sieht sich bestätigt:  Baden-Württembergs Kultusminister Stoch. Foto: SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

Sieht sich bestätigt: Baden-Württembergs Kultusminister Stoch. Foto: SPD-Fraktion im Landtag Baden-Württemberg

Prof. Dr. Ulrich Trautwein vom Hector-Institut für Empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen kommt in seiner Studie „Konsequenzen der G8-Reform“,  die auf 5000 Daten der Absolventen des letzten rein neunjährigen, des einzigen gemischten und des ersten reinen achtjährigen Abi-Jahrgangs an 48 Gymnasien basiert, zu folgenden Ergebnissen:

  • keine Unterschiede bei den Abiturnoten von G8- und G9-Schülern,
  • keine oder nur geringfügige Unterschiede bei den Kompetenzen in Mathematik, Physik und Biologie,
  • eine als größer empfundene Beanspruchung
  • weniger gutes gesundheitliches Wohlbefinden bei den G8-Schülern.

Trautwein ermittelte ferner, dass G9-Schüler signifikant besser im Kompetenzbereich Englisch abschnitten als G8-Schüler. Dieser Unterschied sei jedoch nicht zwingend auf die Reform des gymnasialen Bildungsgangs zurückzuführen, sondern möglicherweise ein vorübergehender Effekt der Umstellung der Fremdsprachenkonzeption des Landes. „Der Vorwurf, G8-Schüler hätten in der Kursstufe keine Zeit mehr für außerunterrichtliches Lernen, für die Familie oder Freizeitaktivitäten im Orchester oder in Kirchengruppen, lässt sich durch unsere Daten nicht belegen“, sagte der Bildungsforscher, dessen Studie im Rahmen des Nationalen Bildungspanels (NEPS) von der Universität Bamberg erhoben wurde. Tatsächlich sei das Bild, das sich hier ergebe, uneinheitlich. Insgesamt kommt Trautwein zu folgender Einschätzung: „Aufgrund dieser Ergebnisse, der bildungspolitischen Ausrichtung und den angestrebten Verbesserungen bei der Unterrichtsqualität sollte eine neuerliche Debatte um G8/G9 vermieden werden.“ Neunjährige Gymnasien stellten unnötige Konkurrenz für Real- und Gemeinschaftsschulen dar. Diese Erkenntnis erinnert an Stochs frühere Bemerkung: «Man könnte das G9-Gymnasium als natürlichen Feind der Gemeinschaftsschule bezeichnen.»

In der SPD-Landtagsfraktion gibt es hingegen starke Kräfte – unter anderem deren Chef Claus Schmiedel und den Bildungspolitiker Stefan Fulst-Blei -, die Zahl der neunjährigen Züge zu erhöhen beziehungsweise sie ganz freizugeben. Auch Städtetag und Landeselternbeirat befürworten ein Ausweiten des Modellversuchs, die Grünen sind aber strikt dagegen.

Mit Blick auf die Angaben der G8-Schüler, trotz identischer Rahmenbedingungen unter mehr Stress und gesundheitlichen Problemen als die G9-Schüler zu leiden, erwägt Stoch ein Coaching-System. Lehrer, die Schülern der Klassen sieben bis neun bei schulischen und privaten Problemen beratend zur Seite stehen, hätten sich bei den bereits gut funktionierenden G8-Gymnasien bewährt.

Die von den G8-Schülern beschriebene Belastung, die sich in Kopf- und Bauschmerzen, Schlafstörungen und Erschöpfung äußert, führt Stoch auf das Fehlen der bislang auf die Kursstufe vorbereitenden 11. Klasse zurück. Deshalb solle nun in Klasse 10 versucht werden, die Kernfächer Deutsch, Mathe und eine Fremdsprache zu vertiefen und den Ganztagsbetrieb an Gymnasien auszubauen. Trautwein vermutet auch, dass das Empfinden der G8-Schüler die öffentliche Debatte über eine mögliche Überforderung widerspiegele. Übrigens fühlten sich Mädchen stärker belastet als Jungen.

Die Landtags-Grünen sehen sich durch die Studie bestärkt. Deren Bildungsexpertin Sandra Boser betonte, die CDU/FDP-Vorgängerregung habe bei der Umsetzung des achtjährigen Gymnasiums massive Fehler gemacht. Gerade wenn Schüler berichten, dass ihr gesundheitliches Wohlbefinden unter dem verkürzten Abitur leide, müsse reagiert werden. Der Berufsschullehrerverband forderte mit Blick auf die Studie, auf den weiteren Ausbau von G9-Zügen zu verzichten. Denn die beruflichen Gymnasien sowie die Berufskollegs und Berufsoberschulen böten im Verbund mit den Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen bereits den neunjährigen Weg zum Hochschulreife. Mit Blick auf diese Möglichkeiten erwarten auch die Arbeitgeber Baden-Württemberg, das «teure und überflüssige G9-Experiment» auslaufen zu lassen und freiwerdende Mittel in die Weiterentwicklung von G8 zu stecken. Die FDP im Landtag argumentierte ähnlich.

Stoch verwies darauf, dass bei G8 schon nachjustiert wurde – so durch die maximale Zahl von 32 Wochenstunden für die fünfte und sechste Klasse und die Begrenzung der Nachmittage mit Unterricht auf zwei (Klassen 5 und 6) beziehungsweise drei (Klassen 7 bis 9). Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) setzt sich dafür ein, Gymnasien schrittweise zu echten Ganztagsschulen auszubauen. «Die immer wieder festgestellte Belastung der Schüler lässt sich am wirksamsten durch eine bessere Verteilung des Unterrichts in einem guten Ganztagskonzept abbauen», sagte Landeschefin Doro Moritz.

Beim Weg zum Abitur gleicht Deutschland einem Flickenteppich. Während Niedersachsen komplett wieder auf neun Jahre umgestellt hat und in Bayern eine Aufweichung diskutiert wird, hält Ostdeutschland an den verkürzten Zügen fest. Rheinland-Pfalz wiederum hatte nie auf acht Jahre umgestellt. dpa

Zum Bericht: Löhrmann unter Druck: G8-Gegner mit Volksinitiative erfolgreich

7 Kommentare

  1. Bemerkenswert finde ich den Satz „Neunjährige Gymnasien stellten unnötige Konkurrenz für Real- und Gemeinschaftsschulen dar.“, weil er klar macht, dass die ganzen „brauchbaren“ Schüler das G9-Gymnasium den Real- zbd Gemeinschaftsschulen vorziehen. Durchaus nachvollziehbar (also der Vorzug, nicht die G9-Gymnasien).

    • Noch besser finde ich die Schlussfolgerungen, die aus den belegten Defiziten des G8 (Kopfschmerzen, Stress Schlafstörungen etc.) gezogen werden, z.B. das Fehlen der 11. Klasse.

      Ist das eigentlich ein seriöser Forscher oder redet er der Politik nach dem Munde?

      Auch der Hinweis der Berufschulleher, die WERKREALSCHULEN böten im Verbund bereits ein neunjähriges Abitur ist geradezu abenteuerlich, da BW gerade die Werkrealschulen platt macht.

      • Der Herr Professor scheint mir noch etwas weiter links zu stehen als der Herr Minister. Es geht um politische Dogmas, nicht um Wahrheiten oder Sachlagen.

  2. „Denn die beruflichen Gymnasien sowie die Berufskollegs und Berufsoberschulen böten im Verbund mit den Werkrealschulen, Realschulen und Gemeinschaftsschulen bereits den neunjährigen Weg zum Hochschulreife. “
    So kann nur argumentieren, wem es auf die Inhalte des Lernens gar nicht ankommt. Hauptsache: irgendwie Abitur …

  3. Es ist offensichtlich, dass dieses Gutachten bestellt wurde.

  4. Es ist wie immer. Ökonomie wird über Gesundheit gestellt.

  5. Logisch: was Schüler und Eltern erleben und wie sie die gedrängtere Schulzeit empfinden, ist ja nicht objektiv (im sinne von in Zahlen ausdrückbar) und von daher natürlich bedeutungslos.
    Der Herr Professor hat dagegen Zahlen (die vermutlich keiner nachgelesen hat) als eindrucksvollen Hintergrund für seine subjektiven Beurteilungen; das muss stimmen.

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