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Wachsende Unzufriedenheit mit Bachelor-Absolventen in der Wirtschaft

BERLIN. Mit der «Bologna-Reform» wurde vor 15 Jahren der Bachelor-Abschluss auch in Deutschland etabliert. Die Wirtschaft ging freudig davon aus, dass damit mehr gute junge Mitarbeiter bereitstehen. Doch die Euphorie hat sich stark abgekühlt, wie eine neue Umfrage zeigt.

In der deutschen Wirtschaft regt sich Unzufriedenheit mit der Praxistauglichkeit von Bachelor-Absolventen. Bei einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) gaben nur noch 47 Prozent der Unternehmen an, dass Berufseinsteiger mit diesem Hochschulabschluss ihre Erwartungen erfüllten. 2007 waren 67 Prozent aller Firmen mit den Absolventen zufrieden, 2011 noch 63 Prozent. Für die Erhebung, über die zunächst die Zeitung «Die Welt» berichtete, wurden 2000 Unternehmen befragt.

Besonders kleine Firmen, Tourismus- und Service-Unternehmen wie Gesundheitsdienstleister sind demnach von den Fähigkeiten der Bachelor-Absolventen enttäuscht. Etwa jedes dritte Unternehmen aus diesen Wirtschaftszweigen wünscht sich eine stärkere Praxisorientierung der Studiengänge.

Der Bachelor ist ein mit der Bologna-Reform 1999 in mittlerweile 47 Ländern eingeführter akademischer Grad. Er soll der erste berufsqualifizierende Hochschulabschluss sein. In den meisten Fällen hat das Bachelor-Studium nur drei bis vier Jahre Regelstudienzeit.

Dozent vor Tafel

Enttäuscht von der Kurzausbildung an der Uni sind viele Betriebe. (Foto: tyo/Flickr CC BY 2.0)

DIHK-Präsident Eric Schweitzer nannte die Entwicklung besorgniserregend. «Nur 15 Prozent der Betriebe sagen, dass die Bachelor-Absolventen gut auf den Arbeitsmarkt vorbereitet sind.» Lediglich große Firmen könnten sich «eine Nachqualifizierung in der Regel auch zeitlich und finanziell leisten. Kleine Unternehmen stoßen da schnell an ihre Grenzen.» Die Universitäten müssten «in erster Linie dafür sorgen, dass die Bewerber für den Arbeitsmarkt gerüstet sind», sie dürften das nicht auf die Wirtschaft abschieben.

Der DIHK-Chef forderte unter Hinweis auf hohe Abbruchquoten gerade auch bei Bachelor-Studenten Konsequenzen: «Die Zahl der Studienplätze kann nicht grenzenlos steigen. Ich bin sogar dafür, sie wieder zu verknappen.» So sollten die Hochschulen «mit sinnvollen Zulassungsbeschränkungen, die sich nicht nur an Abiturnoten orientieren dürfen, geeignete Kandidaten für die richtigen Fächer finden».

Er könne sich vorstellen, «dass die wachsende Unzufriedenheit mit den Bachelor-Kandidaten auch mit dem sinkenden Alter der Absolventen zusammenhängt», sagte Schweitzer. Dagegen seien nämlich die Betriebe mit – in der Regel älteren, weil länger studierenden – Master-Absolventen sehr zufrieden: «78 Prozent sehen ihre Erwartungen in sie erfüllt, 2011 waren es nur 65 Prozent», so die DIHK-Befragung. dpa

10 Kommentare

  1. was machen die Amis und Briten anders?

    • Bei Amis und Briten dauert ein Bachelor-Studiengang 4 Jahre, nicht 3 wie in Deutschland. Die 3 Jahre hat Deutschland nur deswegen anerkannt bekommen, weil sie mit einer 13-jährigen Schulzeit argumentierten, die dann aber gleich abgeschafft wurde.

  2. Man sollte bloß nicht wieder auf DIE Wirtschaft hören. Die Wirtschaft wollte unbedingt G8, die wollte unbedingt jüngere Absolventen und schon vor 3 Jahren stand in der WIWO, nun sind DER Wirtschaft die Absolventen zu jung und unerfahren und ihnenn fehlt Lebenserfahrung – ja, aber sie wollten doch jüngere Absolventen haben und der Staat hat wie immer geliefert.

    ich finde, die Wirtschaft hat in DE viel zu großen Einfluss auf die Bildung, hat selber aber keinen Überblick, weil eben DIE Wirtschaft viel zu vielfältig ist, als das man die Bildung an deren Partikularinteressen ausrichten kann.

    Bei Studienplätzen ist die Abbruchquote bei 28 bis 30%, bei Ausbildungsplätzen aber auch bei ca 25%.

    Was bei den Amis anders ist, ist ja das ganze System: hab mal in einer amerikanischen Zeitung die CEOs Amerikas gesehen von den größten Firmen: ein Großteil hatte NUR einen Bachelor. In DE machen 70% ja den Master. Das ist überhaupt nicht vergleichbar, weil es eine andere Kultur ist. In den USA dauert ein Bachelor ja 4 Jahre, aber da sind sehr stark allgemeinbildende Inhalte drin und nicht nur fachspezifische.

    ein Unterschied könnte sein, dass deutsche Firmen mit stärkeren Kündigungsschutz eben ihre Mitarbeiter früh binden und eben selbst ausbilden wollen, weil sie dann besser die Kontrolle haben. In Ländern mit schwächeren Kündigungsschutz wo man selbst weniger ausbildet, nimmt man die, die man am Markt kriegen kann. Daher nimmt man in den USA ja auch eher mal fachfremde Quereinsteiger und eben eher den Bachelor. Selbst Google hat vor kurzem jemand mit nur Highschoolabschluss als Entwickler eingestellt. Der hatte aus deutscher Sicht ja gar keinen Abschluss, in Amerika reicht der allgemeinbildende Abschluss Highschool zum arbeiten.

    natürlich kann man kritisch hinterfragen, ob man Bildung international wirklich vereinheitlichen kann, da eben Bildungssysteme immer kulturspezifisch ist. Es kommt durchaus vor, dass der Bachelor mittlerweile Personen mit Ausbildung verdrängt, zumindest teilweise. Weil er eben kulturfremd ist.

    auf jeden Fall haben viele andere länder auch in Skandinavien weniger Probleme mit dem System als DE – aber auch, weil eben das Schulsystem als Basis anders organisiert ist als in DE. Da ist DE doch international ein Sonderfall.

  3. Kein Wunder: Ein Bachelor ist konstruktionsbedingt nur ein besseres Vordiplom …

    • Im Gegensatz zum Vordiplomen ist der bachelor ein berufsqualifizierender Abschluss.

      • stimmt. fachlich trotzdem nicht (viel) mehr als ein vordiplom.

        • Nein, nicht einmal das. Um spezifische Inhalte in den Bachelor zu bekommen, mussten eben tlw. Grundlagen geopfert werden. So stehen die experten jetzt vor dem Dilemma, dass der Bachelor weder für eine direkte berufsbezogene Anschlussverwendung noch für wissenschaftlich analytisches Arbeiten als Grundlage taugt.

          Aber so lange die Wünsche der freien Wirtschaft sich schneller ändern als Studien- und Ausbildungsordnungen angepasst und umgesetzt werden können, lässt sich die Politik und vor allem die Exekutive so schön am Nasenring durch die Arena ziehen.

          • lustig, wenn es nicht so traurig wäre. die titel etlicher bachelor-arbeiten aus mathematikbereich bestätigen ihre aussage.

          • Die Wirtschaft weiß ja noch nicht mal, was sie will.

          • Gut – nur wer ist die “Wirtschaft”? Der BDI/BDA ist als Lobbygruppe ja bereits eine eierlegende Wollmilchsau. Ich kann mir nämlich nicht vorstellen, dass das handwerk, der klassische Mittelständler und er global operierende Konzern die gleichen Anforderungsprofile an ihre Mitarbeiter in Ausbildung anlegen wollen – außer vllt. bei den sekundärtugenden. Aber für diedie Vermittlung dieser ist Schule nicht alleinverantwortlich.

            Mittlerweile klagen zwar alle über den Akademisierungswagn – nur welche Karrierechancen bietet die Wirtschaft ihren dual Ausgebildeten? Der Gesellen-/Facharbeiterbrief nach der Ausbildung ist ja nicht das non-plus-ultra. Nur der Meisterkurs neben der eigentlichen Arbeit am wochenende ist auch nicht das reine Vergnügen. Bleibt nur die Möglichkeit den Meister in Teilzeit oder in Vollzeit zu machen. Bei der ersten variante muss der Betrieb mitspielen, bei der zweiten muss der Mitarbeiter kündigen und seinen Arbeitsplatz aufgeben. Super in wirtschaftlich unsicheren zeiten. Größere Unternehmen mögen vllt. Bildungsurlaub anbieten, nicht aber die Masse der kleineren Unternehmen. Und Meister ist ja nicht das Ende der Fahnenstange, spätestens bei der technikerausbildung wird der Betrieb den Mitarbeiter “freistellen”, damit er staatliche Transferleistungen empfangen kann.

            Das Duale System – von vielen hoch gepriesen – siecht allmählich seinem Untergang entgegen. Viele Betriebe sind heute so spezialisiert, dass sie überhaupt nicht mehr alle Tätigkeiten, die zu einem Berufsfeld gehören, unterrichten könnten. Größere Unternehmen haben dafür extra Lehrwerkstätten. Aber kleinere Handwerks-/Industriebetriebe oder sonstige Gewerbetreibende haben da ein Problem, dass auch die Kammern mit ihrer überbetrieblichen Ausbildung nicht ausgleichen können. Dies wird zunehmend über die staatlichen Berufsschulen abgedeckt werden müssen, so wie im Ausland heute schon, wo die beruflichen Schulen für die tertiäre (Aus-)bildung verantwortlich zeichnen und die Betriebe lediglich Möglichkeiten für längerfristige Praktika bieten.

            Im übrigen weiß die wirtschaft sehr genau, was sie will. Sie will den mindestens 18-jährigen, der schnell ohne größere Schwierigkeiten sich in die täglichen geschäftsabläufe einbinden lässt, ohne groß zu stören und selbständig und eigenverantwortlich Wertschöpfung generiert. Dabei ist jede Abteilung streng darauf bedacht, dass der Auszubildende die eigene Kostenstelle für überbetriebliche Ausbildung nicht allzusehr belastet.

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