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Zum Aus für die Odenwaldschule: Am Ende zu viel Vertrauen verloren

HEPPENHEIM. Seit der Missbrauchskandal an der Odenwaldschule 2010 ans Licht kam, ist die Schule nicht mehr zur Ruhe gekommen. Nun ist er Überlebenskampf vorbei, das Ende besiegelt: Zum Beginn der hessischen Sommerferien wird der Schulbetrieb eingestellt. Die Schule habe extrem viel Vertrauen verloren, es sei sich viel zu lange durchgewurschtelt worden, betonte der neue Schulchef Marcus Halfen-Kieper «Jetzt ist es zu Ende, das ist hart und bitter.»

Bekannte Namen wie Klaus Mann, Beate Uhse und Daniel Cohn-Bendit haben etwas gemeinsam: Sie waren Schüler der Odenwaldschule. Das Internat in Südhessen hat eine über 100-jährige Geschichte – und wird ab dem Sommer wohl selbst Geschichte sein. Der Schule fehlt das Geld, um sich die nächsten Jahre zu finanzieren. Daher werde der Betrieb zum Beginn der hessischen Sommerferien eingestellt, bekräftigte heute der Vorsitzende des Schul-Trägervereins, Gerhard Herbert. Am Vortag hatten die Verantwortlichen hatte am Vortag bekanntgegeben, keine sichere Finanzierung für die nächsten Jahre nachweisen zu können.

Am 27. Juni ist es vorbei. Nach 105 Jahren schließt eine der bekanntesten deutschen Reformschulen. Foto: Jakob Montrasio / flickr (CC BY 2.0)

Am 27. Juni ist es vorbei. Nach 105 Jahren schließt eine der bekanntesten deutschen Reformschulen. Foto: Jakob Montrasio / flickr (CC BY 2.0)

Der Missbrauchsskandal, der 2010 ans Licht kam, lag über der Reformschule wie ein Schatten. Sie hat ihn offensichtlich nicht mehr losbekommen. An mindestens 132 Schülern hatten sich Lehrer vor Jahrzehnten vergriffen. Die Aufarbeitung des Skandals kam erst spät. Dann im vergangenen Jahr ein neuer Schock: Ein Lehrer gestand, Kinderpornos besessen zu haben. Es folgten Missbrauchsverdächtigungen gegen einen Arzt. Sie bestätigten sich zwar nicht, doch es gab neue negative Schlagzeilen.

Die Behörden erhöhten den Druck und forderten ein schlüssiges Finanzkonzept von dem privaten Internat, das schon zuvor kontinuierlich Schüler verloren hatte. Derzeit sind es noch 149 – und damit deutlich zu wenig, um die Einrichtung zu retten. Die Odenwaldschule benötigte für die kommenden Jahre nach eigenen Angaben 2,5 Millionen Euro. «Jeder BWLer hätte erkannt, dass es bei diesem Schülerrückgang nicht lange gut gehen kann», sagte der Vize-Landrat des für die Schule zuständigen Kreises Bergstraße, Matthias Schimpf (Grüne).

Das Leitbild der Schule ist – oder war -, dem Einzelnen gerecht zu werden beim Lernen, den Austausch der Gemeinschaft zu pflegen, Lernen als Abenteuer zu entdecken. Dieses Abenteuer in der idyllisch gelegenen Schule mitten im Grünen soll nun mit Beginn der Sommerferien zu Ende gehen: «Morgen wird mit der Abwicklung angefangen», so Schimpf. Dazu gehöre auch ein Beratungsangebot für die Schüler und Eltern. Wie es für die verbliebenen Jugendlichen, Lehrer und sonstigen Mitarbeiter der Privatschule weitergeht, ist noch unklar.

Es ist aber nur vordergründig das Geld, das die Schule nun nicht in ausreichender Höhe vorweisen kann, um zu überleben. Es geht auch um Vertrauen, das aufgebraucht scheint. So sieht es auch der neue Schulchef Marcus Halfen-Kieper, der am Sonntag sichtlich frustriert vor die Journalisten trat: Die Schule habe extrem viel Vertrauen verloren, auch bei den Kreditinstituten, berichtete er von seinen vergeblichen Bemühungen, die leeren Kassen zu füllen.

Gleichzeitig äußerte er auch Kritik: «Es wurde sich viel zu lange durchgewurschtelt. Jetzt ist es zu Ende, das ist hart und bitter.» Bereits zuvor hatte er betont: «Die Schule steht, wo sie nun steht, durch eigene Fehler, durch die eigenen Strukturen, durch Wegsehen und Wegducken, durch eigenes Nichthandeln.» Weder den Medien, noch den Aufsichtsbehörden, der Politik, schon gar nicht den Missbrauchsopfern dürfe die Verantwortung zugeschoben werden.

Dabei hatte die Schule das Steuer nach dem Skandal herumreißen wollen. Ein Neuanfang sollte das Internat retten – es gab eine neue Rechtsform als gemeinnützige GmbH und ein neues Leitungsteam. «Wir wollen nicht nur von einem Neuanfang reden, es folgen auch die notwendigen Taten», hatte Halfen-Kieper noch im Februar erklärt. «Dazu zählt, dass wir alte Strukturen aufbrechen und mit einem völlig neuen Aufbau auf ein Miteinander setzen.»

Die Belegschaft verzichtete auf ein Zehntel ihres Gehalts, die Eltern mobilisierten Geld. Eine private Bürgschaft von 600 000 Euro und Immobilienverkäufe brachten Geld in die leeren Kassen. Doch es half alles nichts. «Ich habe mir die Füße wund gelaufen und die Finger wund telefoniert», fasste der Schul-Chef nun zusammen. «Leider ohne durchschlagenden Erfolg.»

Der Vorsitzende des Opfervereins «Glasbrechen», Adrian Koerfer, konnte sich unterdessen vorstellen, dass es am gleichen Ort eine neue Schule geben könnte. «Ich würde das sogar begrüßen», sagte er in einem Interview der «Frankfurter Rundschau» (Montag). «Das ist mit einem neuen Konzept, einem neuen Trägerverein, vielleicht sogar mit den Leuten, die ganz zum Schluss noch eingestellt wurden, durchaus denkbar.»

Die Odenwaldschule im südhessischen Heppenheim gilt als eine der bekanntesten deutschen Reformschulen. Sie wurde 1910 von dem Pädagogen Paul Geheeb (1870-1961) gegründet und stellt das Lernen in der Gemeinschaft in den Vordergrund. Geheeb ließ sich vom altgriechischen Lyriker Pindar leiten und dem Ansatz: «Werde, der du bist».

2010 kam ein lange vertuschter Missbrauchsskandal von Lehrern an Schülern ans Licht. Dafür wurde auch eine zu große Nähe zwischen Lehrern und Schülern verantwortlich gemacht, die in als «Familien» bezeichneten Internatsgruppen zusammenlebten. Dieses Konzept musste die Schule ändern. Es gab aber weiterhin Kritik an der Vergangenheitsbewältigung der Einrichtung. (Oliver von Riegen und Sabine Maurer, dpa)

zum Bericht: Odenwaldschule steht vor dem Aus

Ein Kommentar

  1. Jetzt müsste die baden-württembergische Landesregierung noch aus den Ereignissen lernen und akzeptieren, dass “innovative Sexualpädagogik” ihre anthropologischen roten Linien hat.

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