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Hin zur Einheitsschule? Grün-rotes «Gymnasium 2020» in der Kritik – FDP: Kriegserklärung

Zum aktuellen Bericht: Kretschmann bremst Stoch beim „Gymnasium 2020“ aus

STUTTGART. Grün-Rot in Baden-Württemberg hat die eine Säule des Zwei-Säulen-Modells mit Gemeinschafts- und Realschule vorerst definiert. Nun nimmt sich Kultusminister Stoch die zweite, das Gymnasium, vor. Kritiker befürchten eine Schwächung dieser Schulart.

Bekommt Gegenwind für seine Reformpläne: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Bekommt Gegenwind für seine Reformpläne: Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD). Foto: Staatskanzlei Baden-Württemberg

Wie sieht das Gymnasium der Zukunft aus? Welche Folgen hat die heterogene Schülerschaft für diese Schulart? Was müssen die Schüler künftig im Abitur können? Kultusminister Andreas Stoch (SPD) hat einen Arbeitskreis (AK) mit Fachleuten eingesetzt, um Antworten auf diese Fragen zu finden. Seit kurzem kursiert ein Papier des AK unter dem Schlagwort «Gymnasium 2020», das für Aufregung sorgt. Es liegt der Deutschen Presse-Agentur vor.

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke spricht von einer «Kriegserklärung» an das Gymnasium: «Das Papier atmet den Geist der Einheitsschule.» Schleichend werde damit eine bewährte Schulart ausgehöhlt. Der Landeschef des Philologenverbandes (PhV), Bernd Saur, befürchtet eine deutliche Absenkung des gymnasialen Niveaus. Der Altphilologenverband fehlen in dem Papier «Auskünfte zu der Frage, welche Aufgaben die Gymnasialbildung angesichts absehbarer künftiger Herausforderungen zu erfüllen hat». Die CDU-Landtagsfraktion will das bisherige Niveau der Ausbildung sichern.

Das Ministerium verweist darauf, dass noch nichts beschlossen sei. «Was allerdings feststeht ist, dass die pädagogische Qualität der Gymnasien absolute Priorität hat», betont Stoch. Die Ideen des AK würden derzeit diskutiert und bewertet – aus Sicht des Landeselternbeirates aber nicht öffentlich und transparent genug. Laut dem AK mit Vertretern des Ministeriums, des Landeseltern- und -schülerbeirates, der Direktorenvereinigung, des Landesschulbeirates und des Landesinstituts für Schulentwicklung sollen die Vorschläge im Schuljahr 2016/17 umgesetzt werden.

Der AK orientiert sich unter anderem an einer Studie des neuseeländischen Pädagogen John Hattie. Demnach sind Lehrkräfte und Unterricht weit wichtiger als strukturelle Merkmale wie Klassengrößen, Sitzenbleiben oder jahrgangsübergreifender Unterricht. So schlägt der AK vor, dass Coaches, also Lernentwicklungsberater, die Schüler von Klasse 5 bis 12 begleiten. Mit ihnen können sie Lernziele und -schritte in ihrer Schullaufbahn erörtern.

Saur verweist auf das bereits bestehende Unterstützungssystem – vom Klassen- über den Verbindungs- bis hin zum Beratungslehrer. «Ist das nicht ein bisschen viel?» Schließlich wolle man die Kinder doch nicht überbetreuen, sondern sie zur Selbstständigkeit erziehen, sagt Saur, der nicht zur Mitarbeit im AK eingeladen war. Dass Stoch den Vorschlag fallen lässt, ist allerdings nicht zu erwarten. Jüngst berichtete er öffentlich von seinem positiven Eindruck eines Coachingsystems in Kanada. Laut dem AK müssten dafür aber 456 Lehrerstellen bereitgestellt werden.

Besonders viele Neuerungen kommen womöglich auf die gymnasiale Oberstufe zu. Die von Schülern oft als Ende der Mittelstufe empfundene Klasse 10 soll zur Eingangsklasse in die Oberstufe umfunktioniert werden. Für diese neue OS1 sollen die festen Lerngruppen bestehenbleiben. Damit würden die Probleme beim Übergang von der Mittel- in die Oberstufe im achtjährigen Gymnasium entschärft, meint der Chef des Landeselternbeirates, Carsten Rees.

Die vom AK anvisierten Neuerungen bei den Fremdsprachen stoßen dem PhV-Landeschef sauer auf. So soll es nicht nur für Wechsler von Gemeinschafts- und Realschule ohne zwingende zweite Fremdsprache auf das Gymnasium möglich sein, ab Klasse 10 eine neue Fremdsprache aufzunehmen, sondern auch für die genuinen Gymnasiasten. Dafür sollen diese ihre zweite Fremdsprache nach Klasse 9 abwählen können.

«Vier Jahre Französisch oder Latein sind zu wenig», wettert Saur. Alleinstellungsmerkmal des Gymnasiums sei, dass zwei Fremdsprachen vertieft gelernt würden. «Mit dem krampfhaften Versuch, Gemeinschaftsschüler auf das Gymnasium schleusen zu können, nimmt das Kultusministerium womöglich in Kauf, das Niveau für alle abzusenken.» Der AK hingegen sieht darin ein «sehr anspruchsvolles Angebot» für sprachbegabte Schüler.

Hintergrund ist, dass Gemeinschaftsschulen nur eine Oberstufe anbieten können, wenn sie dafür mindestens 60 Schüler haben. Das wird in den wenigsten Schulen der Fall sein. Haben Gemeinschaftsschüler aber keine Aussicht darauf, das allgemeinbildende Abitur ablegen zu können, gelingt es nicht, den notwendigen Anteil von Schülern mit Gymnasialempfehlung für diese «Schule für alle» zu erwärmen.

Für den Liberalen Rülke ist der angeregte Wegfall des vierten Prüfungsfachs ein Indiz für eine geplante Abwertung des Abiturs. Saur wiederum kritisiert den Vorschlag, dass das vierte vierstündige Kernfach nicht mehr eine Naturwissenschaft oder eine weitere Fremdsprache sein muss. Was für den AK ein Mehr an Wahlfreiheit ist, bezeichnet Saur als «Schlag gegen die Naturwissenschaften».

Der Altphilologenverband Baden-Württemberg, ein Fachverband für Lehrende der klassischen Sprachen, bemängelte am Sonntag die Vorgaben für die zweite Fremdsprache. Außerdem wird eine Absenkung des gymnasialen Unterrichtsniveaus befürchtet. Ähnlich äußerte sich der bildungspolitische Sprecher der CDU-Landtagsfraktion, Georg Wacker. «Die Landesregierung will das Gymnasium mit aller Macht in das grün-rote Einheitsschulsystem zwängen.» Er forderte die Landesregierung auf, das bisherige Niveau beizubehalten.

Ob sich Stoch die Vorschläge weniger als ein Jahr vor der Landtagswahl zu eigen macht und damit der Opposition eine Steilvorlage für weitere Kritik an grün-roter Schulpolitik gibt, ist fraglich. Möglicherweise wird er sich an den Rat erinnern, den Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) einmal erteilt hat: «Wer sich am Gymnasium vergreift, überlebt das politisch nicht.» Von Julia Giertz, dpa

Zum Bericht: Inklusion – Philologenverband lehnt schwer geistig behinderte Schüler am Gymnasium ab

6 Kommentare

  1. Gleich, gleicher, Kommunismus. Die rot-grüne Verbrecherbande verwechselt Bildungspoltiik mit linker Gesellschaftsideologie. Koste es, was es wolle. Die Schulen, Schüler, Eltern und alle Lehrer werden in Geiselhaft genommen für eine linke Ideologie, in der Leistungsdenken, Ehrgeiz und Erfolgsstreben keinen Platz mehr haben. Darüber hinaus ist das Ziel die Gleichschaltung aller Menschen in diesem System zu sozialistischen Charakteren. Das ist ein verrat an der Demokratie und an unserer liberalen, offenen Gesellschaft.

    • Milch der frommen Denkungsart

      Die Negation des Leistungsprinzips a la Marx soll also nun in einem einst bildungspolitischen
      Musterländle durchgedrückt werden – eigentlich müsste dies zu einem öffentlichen Aufschrei führen;
      freilich steht zu befürchten, dass ihn nur jene als
      bildungsbürgerlich diskreditierten Kreise der Ge-sellschaft ausstoßen werden; der überwiegende
      übrige Teil aber wird sich davor hüten, da dessen
      Nachkommenschaft ja selbst auf dem – allerdings inhaltlich ausgehöhlten – Gymnasium bequemen, möglichst anspruchslosen Unterschlupf finden soll.

  2. Wir haben ein etabliertes und was die Studierfähigkeit angeht, sehr erfolgreiches Fachoberschulsystem, das auch Nichtgymnasiasten über den Weg zum Abitur ermöglicht. Daher ist das Mantra von der unveränderlichen Weichenstellung nach der Grundschule eh Schall und Rauch. Das Profil der Gymnasium soll erhalten bleiben.

    • Das System mag ja bewährt sein – nur ist es nicht halb so angesehen wie der Weg über die Gymnasien. Es fehlt schlicht und ergreifend an Akzeptanz für das (zweitklassige) Fachabitur. Hinzukommt dass es ein allgemeinbildendes Gymnasium in den Regionen (zumindest hier in NRW) direkt um die Ecke gibt, während der Besuch einer spezialisierten FOS mit weiteren Anfahrtswegen zu den jeweiligen BK verbunden sein kann. Dies stellt für die im Regelfall 16-jährigen dann ein Problem dar.

      Im übrigen sollten die GY einmal ihr Profil überdenken und schärfen, um nicht als Vorstufe für die berufliche Ausbildung im kaufmännischen Bereich (Handel, Banken und Dienstleistungen) zu enden. Es fangen heute schon mehr Inhaber einer AHR eine Ausbildung als ein Studium an. Dass die Studentenzahlen dennoch so hoch sind, liegt z.T. daran, dass die meisten nach der Ausbildung an eine Hochschule flüchten. Wer Abi hat und dann in der Berufsschule den gleichen Stuss noch einmal in den allgemeinbildenden Fächern auf niedrigerem Niveau wiederholen muss, der hat den Kaffe schlichtweg auf. Das Anforderungsprofil der Fachschulklassen und das jeweilige individuelle Profil der Berufsschüler mit Abitur oder fachabitur oder möglicherweise abgebrochenem Studium verträgt sich nicht wirklich.

      • Ich schreibe als Baden Württemberger, wo die FOS langsam die gleiche Verbreitung hat, wie in Bayern, wo ich auch viele Kontakte habe. Dass die FOS einen schlechteren Ruf hat als das klassische Gym., kann ich nicht bestätigen. Außerdem kann ich immer nur lachen, wenn sich Bildungspolitiker über den geringen Abiturientenanteil in Bayern mokieren. Dort ist es noch üblich, mit Realschulabschluss eine kaufmännische Lehre und mit Hauptschulabschluss z.B. eine Ausbildung zur Arzthelferin oder Altenpflegerin zu machen, während man in vielen anderen Bundesländern bereits für Realschüler schwierig ist, einen entsprechenden ausbildungsplatz zu finden.

        • Nun in bayern – wie es in BaWü ist weiß ich nicht – heißen die FOS ja auch berufliche Gymnasien – also Technisches oder Kaufmännisches GY.

          Den beruf der Arzthelferin gibt es nicht mehr, vermutlich meinen Sie medizinische Fachangestellte (MFA). Für viele Berufe ist der Hauptschulabschluss – gemeint ist tatsächlich der nach Klasse 9 – formal ausreichend. Nur wenn viele sich mit formal höheren Bildungsabschlüssen bewerben, dann ist der HA nichts wert.

          In BY ist es ja auch durchaus üblich die HS nach Klasse 9 zu verlassen, die Landwirtschaftsschule zu besuchen und mit dem so gewonnenen MSA weiter zu gehen, auch über die FOS.

          In einigen Bundesländern müssen die Schulabgänger am Ende der 10. Klasse auch nicht gegen so viele Abiturienten antreten und um ausbildungsplätze konkurrieren. Folglich sind die Situationen nur bedingt vergleichbar.

          In NRW besuchen doch nur die Schüler eine FOS, die einen MSA, keinen Ausbildungsplatz und keinen Q-Vermerk für die GOSt haben, um einen SekII-Abschluss zu erhalten. Das ist der Grund warum dieser weg als second best bezeichnet wird. Aus meiner sicht zu unrecht; das fachabitur hat ganz einfach einen zu geringen Stellenwert in den Augen der allermeisten Eltern und Personalentscheider. Der große Vorteil beim Fachabitur an einer FOS ist doch, dass die zweite fremsprache wegfallen kann. Hinzukommt dass es eine größere Auswahl an Spezialisierungen bei den FOS gibt, die mit den eingeschränkten Möglichkeiten der GOSt an allgemeinbildenden Schulen GeS und GY) nicht zu vergleichen ist.

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