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Aus der Geschichte nichts gelernt? Schulen bekommen mehr Geld für den Besuch von Gedenkstätten

ERFURT. Eine Reise in die deutsche Vergangenheit erzeugt bei vielen Schülern ein mulmiges Gefühl. Das Land Thüringen will die Konfrontation mit der Geschichte finanziell stärker fördern.

Die rot-rot-grüne Landesregierung will mehr Geld für Schülerfahrten zu historischen Gedenkstätten ausgeben. Wegen der steigenden Nachfrage würden die Zuschüsse für Besuche in Erinnerungsorten zum Naziterror, Stalinismus oder zum DDR-Regime deutlich aufgestockt, teilte das Bildungsministerium in Erfurt mit. Wie viel Geld zusätzlich bereitgestellt wird, stand noch nicht fest.

In den Jahren 2013 und 2014 wurden die bereitgestellten Mittel zwar nicht ausgeschöpft. Das liege aber vor allem daran, dass das Programm neu sei, sagte Ministeriumssprecher Gerd Schwinger. Erst seit dem Schuljahr 2013/14 fördert das Land die Besuche. Von den pro Jahr eingeplanten 20 000 Euro wurden 2013 nur 4500 Euro ausgegeben, 2014 waren es 10 000 Euro.

Das Lager Laura, hier die Scheune, die als Hauptgebäude benutzt wurde, gehörte zum KZ-Buchenwald. (Foto: Peter Braun74/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Das Lager Laura, hier die Scheune, die als Hauptgebäude benutzt wurde, gehörte zum KZ-Buchenwald. (Foto: Peter Braun74/Wikimedia CC BY-SA 3.0)

Insgesamt 77 Schulklassen machten davon Gebrauch. «Der Besuch einer Gedenkstätte kann die Schüler dafür sensibilisieren, dass die Würde jedes einzelnen Menschen ein hohes Gut ist», sagte Rebekka Schubert vom Erinnerungsort Topf & Söhne. Die Erfurter Firma belieferte die SS seit 1939 mit eigens für die Konzentrationslager entwickelten Leichenverbrennungsöfen.

Weitere wichtige Erinnerungsorte in Thüringen sind die Gedenkstätte Buchenwald, die Mahnstätte Mittelbau-Dora und das Prager-Haus Apolda.

Lehrer, die mit dem Besuch in einer Gedenkstätte mehr als Wissen vermitteln wollen, werden durch eine aktuelle Studie der Universität zu Köln ernüchtert. Wie die Kölner Psychologin Silviana Stubig zeigt, fördert Geschichtsunterricht zu Nationalsozialismus und Holocaust nicht automatisch Toleranz und Weltoffenheit. In fünf Untersuchungen mit Schülern, Lehrern und Studierenden ging Stubig der Frage nach, welche Effekte der gymnasiale Geschichtsunterricht zu Nationalsozialismus und Holocaust bei Schülern erzeugt. Der Nationalsozialismus ist zwar das Thema, das Schüler im Unterricht am meisten interessiert. Schüler vermuten jedoch teilweise, dass sie sich bei diesem Thema Faktenwissen sowie eine sozial erwünschte Denk- und Redensweise hierüber aneignen sollen.
Dabei zeigte sich außerdem, dass sich die Schüler nach dem Unterricht zu diesem Thema weniger mit Deutschland verbunden fühlen als zuvor. Besonders bei Mädchen sind nationale Zugehörigkeitsgefühle nur sehr gering ausgeprägt. Wie in den Befragungen mit Studierenden gezeigt werden konnte, halten diese Effekte über Jahre an und dringen kaum ins Bewusstsein vor. All dies sind eher ungünstige Voraussetzungen, um Heranwachsende bei der Erarbeitung eines reflektierten und weltoffenen, nationalen Selbstbildes zu unterstützen. Auch Lehrkräfte scheinen unsicher zu sein, in welche Richtung sich ihr Unterricht auf die Identitätsentwicklung von Jugendlichen auswirkt, heißt es in der Studie.

Die Kultusministerkonferenz hat das Thema zurzeit ganz oben auf ihre Agenda gesetzt. Am 11. Dezember 2014 hat sie das Positionspapier „Erinnern für die Zukunft – Empfehlungen zur Erinnerungskultur als Gegenstand historisch-politischer Bildung in der Schule“ verabschiedet. Jetzt soll weiter daran gearbeitet werden, wie die Empfehlungen in den Schulen umgesetzt werden können. Ende April fand dazu die erste Tagung statt. Eine Nachberichterstattung dazu finden Sie hier. nin mit dpa

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3 Kommentare

  1. Auch wenn ich damit einen Sh*tstorm auslösen dürfte, habe ich eine aus meiner Sicht durchaus berechtigte Frage:

    Wurde in der Studie eigentlich berücksichtigt, dass für die heutigen Schüler die NS-Zeit — so schrecklich sie auch war — so weit zurück liegt, dass sehr viele von ihnen keine lebenden Verwandten mehr haben, die diese Zeit aktiv erlebt haben und ihnen davon aus eigenen Erfahrungen erzählen könnten ?!?

  2. “Es besteht nicht das Risiko, dass der Holocaust vergessen wird, sondern dass er einbalsamiert und mit Denkmälern umgeben und dazu genutzt wird, alle zukünftigen Sünden zu vergeben.” (Zygmunt Bauman)

    • PseudoPolitiker

      Welch wahres Wort! Neue Sünden werden kaum bemerkt und erst recht vergeben, wenn sie denn als “Anti-” und Erinnerung an den Holocaust geschehen.

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