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Chemikerin und Pazifistin: Vor 100 Jahren verstummte Clara Immerwahr

KARLSRUHE/BERLIN. Er trieb den Einsatz von Giftgas voran. Sie lehnte das entschieden ab und erschoss sich mit seiner Dienstwaffe. Die Forscher-Ehe von Fritz Haber und Clara Immerwahr gibt bis heute Rätsel auf.

Es ist Zeit, sich an Clara Immerwahr zu erinnern: Vor 100 Jahren nahm sich die heute kaum bekannte Chemikerin das Leben. Präsenter ist ihr Mann Fritz Haber, der die Entwicklung von Giftgas vorangetrieben hat. Nach ihm ist in Berlin das Fritz-Haber-Institut (FHI) der Max-Planck-Gesellschaft benannt – eine Ehrung, die immer wieder kritisiert wird.

„Clara Immerwahr“ von Unbekannt - S. 127. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Clara_Immerwahr.jpg#/media/File:Clara_Immerwahr.jpg

„Clara Immerwahr“ von Unbekannt/Gemeinfrei Wikimedia Commons

Haber war nach Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 als Berater des Kriegsministeriums an der Entwicklung von Giftgaswaffen mit Chlor und Phosgen beteiligt. Er überwachte persönlich die Vergrabung von Chlorgasflaschen in Belgien und ihren ersten Einsatz am 22. April 1915. Seine Frau Clara wandte sich entschieden gegen diese Forschungen, die kürzlich im Blickpunkt eines internationalen Symposiums am Fritz-Haber-Institut standen.

«Wissenschaftliche Forschung sollte der Achtung vor dem Leben verpflichtet sein», sagt die Berliner Chemikerin Gudrun Kammasch, die sich seit Jahrzehnten mit Clara Immerwahr beschäftigt. «Das hat Clara Immerwahr sehr deutlich gesehen und darin liegt bis heute ihre bleibende Aktualität.» Die Frau Habers war entschiedene Gegnerin seiner Giftgasforschung. Das ihr zugeschriebene Zitat von der «Perversion der Wissenschaft» ist historisch allerdings nicht gesichert.

Clara Immerwahr kam am 21. Juni 1870 in der Nähe von Breslau zur Welt. Sie interessierte sich schon als Schülerin an der Höheren Töchterschule in Breslau für Naturwissenschaften. Schließlich schaffte sie es, 1896 zu Chemie-Vorlesungen an der Universität Breslau zugelassen zu werden. Mit einer Arbeit über «Löslichkeitsbestimmungen schwerlöslicher Salze des Quecksilbers, Kupfers, Bleis, Cadmiums und Zinks» wurde sie 1900 die erste Frau in Deutschland mit einem Doktortitel in Chemie.

Danach stimmte Immerwahr nach einigem Zögern der Ehe mit Haber zu, den sie in der Tanzschule kennengelernt hatte. Das Paar zog nach Karlsruhe, wo Haber seit 1898 Professor für Technische Chemie war. Dort wurde der Sohn Hermann geboren. Jetzt musste Clara ihre wissenschaftlichen Ambitionen hintenanstellen. Sie hatte sich um den Professorenhaushalt zu kümmern, um Empfänge, durfte allenfalls Vorträge vor Frauen über «Naturwissenschaften im Haushalt» halten.

Haber hingegen machte Karriere: Er wirkte ab 1904 an der Entwicklung eines chemischen Verfahrens zur Herstellung von Ammoniak mit. Dieses Haber-Bosch-Verfahren steht exemplarisch für «Dual Use» wissenschaftlicher Forschung, für die Verwendung sowohl zu zivilen als auch zu militärischen Zwecken. Die bahnbrechende Entdeckung kam sowohl bei der Produktion von Kunstdünger als auch von Sprengstoff zum Einsatz. Haber erhielt dafür den Chemienobelpreis 1918.

Haber und Immerwahr zogen 1910 nach Berlin, wo er im Jahr darauf Gründungsdirektor des Instituts wurde, das heute nach ihm benannt ist. Zeitzeugen schildern ihn als karrierebewussten Menschen. Clara – so ist es in Briefen belegt – litt hingegen darunter, dass ihr in der klaren Rollenzuordnung der Kaiserzeit kein Raum für eigene wissenschaftliche Arbeit blieb und dass sich ihr Mann ganz in den Dienst der Kriegsmaschinerie stellte. Wenige Tage nach dem ersten Einsatz von Giftgas erschoss sie sich am Morgen des 2. Mai 1915 mit der Dienstwaffe ihres Mannes.

«Die Frage, ob sich Clara Immerwahr in Verzweiflung über ihre Ehe oder aus Protest gegen die Giftgasforschung das Leben genommen hat, können wir heute nicht mehr sicher beantworten», sagt Kammasch. «Ich denke, beides kam da zusammen.»

So gibt die Beziehung des Chemiker-Ehepaars mit gemeinsamen jüdischen Wurzeln und gemeinsamer schlesischer Herkunft bis heute Rätsel auf. Ein Grund sei die schlechte Quellenlage, erklärt Kammasch. Die Familie habe nach dem Tod Immerwahrs alle Dokumente dazu vernichtet.

Als Mitveranstalter des Berliner Giftgas-Symposiums sagt der am FHI forschende Chemiker Martin Wolf, das Zusammenspiel von Wissenschaft, Militär und Industrie reiche bis in die Gegenwart. Habers Rolle bei der Entwicklung und dem Einsatz von chemischen Kampfmitteln im Ersten Weltkrieg sei nicht erst aus heutiger Sicht abzulehnen.

Mit der Namensgebung des Instituts verbinde sich aber keine einseitige Ehrung, sondern die kritische Würdigung eines exemplarischen Lebenslaufs. Sie sei Anstoß zum Nachdenken und zur Mahnung. Die Max-Planck-Gesellschaft lehnt eine Umbenennung des Fritz-Haber-Instituts ab.

Dort erinnert ein Gedenkstein an Clara Immerwahr – an diesem Ort erschoss sie sich. «Clara Immerwahr ist weder eine Heldin noch Friedenskämpferin im heutigen Sinn», heißt es in einer Würdigung der Internationalen Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges (ippnw). «Mit der ihr eigenen Sanftmut stand sie dem erdrückend nationalen Zeitgeist und dem militärisch-patriarchalen Selbstverständnis im wilhelminischen Kaiserreich fast wehrlos gegenüber.» Peter Zschunke

Fritz-Haber-Institut der Max-Planck-Gesellschaft

ippnw über Clara Immerwahr

2 Kommentare

  1. Interessant. Danke.

  2. Vor einiger Zeit lief bei den öffentlich-rechltlichen – ich meine im ZDF – eine Filmproduktion über das Leben der Klara Immerwahr, der die Stationen ihres Lebens bis zum Selbstmord in Berlin zeigte. Ich fand den ganz sehenswert.

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