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Kita-Streiks starten: «Da geht eine Familie schon mal auf dem Zahnfleisch»

KÖLN/HAMBURG/KASSEL. Es könnte einer der längsten Streiks an den kommunalen Kitas in Deutschland werden. Das bringt auch diejenigen Eltern in Schwierigkeiten, die sonst schon mal den ein oder anderen Fehltag ihrer Sprösslinge ausgleichen können. Trotzdem unterstützen die meisten noch die Forderung der Erzieherinnen. Die Gewerkschaften zeigen sich nach dem ersten Streiktag zufrieden.

Es geht los. Unbefristete Streiks in den kommunalen Kitas. Für Hunderttausende Familien in Deutschland sind nun starke Nerven gefragt und Plan B muss in Gang kommen. Diesmal könnte der Nachwuchs über Wochen vor verschlossenen Türen stehen. «Erst war es ein Schock mich, jetzt haben wir ein Alternativprogramm entwickelt, mit dem wir uns von Tag zu Tag durchhangeln», schildert Christine Jackson, Mutter von drei Jungs.

Vielfach bleibt die Betreuung der Kleinen in der Streikzeit an den Müttern hängen. Aber nicht jede hat die Gelegenheit, zu Hause zu bleiben. Foto: Chris_Parfitt / flickr  (CC BY 2.0)

Vielfach bleibt die Betreuung der Kleinen in der Streikzeit an den Müttern hängen. Aber nicht jede hat die Gelegenheit, zu Hause zu bleiben. Foto: Chris_Parfitt / flickr (CC BY 2.0)

«Meine Chefin lässt mich Computerarbeiten zu Hause machen. Mein Mann darf zwischendurch mal einen Home-Office-Tag einlegen. Und wir haben Oma und Freunde mobilisiert», erzählt die Kölnerin, die im Einkauf arbeitet. «Es wird eine spannende Kombination aus allem.» Eine Notgruppe für ihren jüngsten Sohn Dylan (3) gibt es nicht.

Jennifer Weise berichtet: «Es ist eine Riesen-Herausforderung, so schnell eine Alternative zu organisieren. Wir jonglieren – Partner, Großeltern, Freunde.» Die 30-Jährige arbeitet in Bonn in der Suchthilfe und hofft, ihre vierjährige Tochter auch mal ins Büro mitnehmen zu dürfen. «Über Wochen am Stück geht das nicht, aber sicher wird mein Arbeitgeber zur Not mal für ein, zwei Tage kulant sein.» Und: «So schwierig die Organisation jetzt für uns Familien ist: den Streik finde ich richtig. Eine anständige Wertschätzung und Bezahlung der Erzieherinnen ist auch in unserem Eltern-Interesse.»

Zu den häufigen Lösungen – oft unter großem Zeitdruck arrangiert – gehören Leih-Omas aus Nachbarschaft oder Bekanntenkreis, weiß Elisabeth Müller, Vorsitzende des Verbands kinderreiche Familien. Man hoffe aber, dass auch «innovative Lösungen vonseiten der Arbeitgeber» kommen. Beispiel: Eine Tagesmutter, die im Betrieb für die Kinder aller betroffenen Eltern organisiert wird.

Das Verständnis bei den Eltern sei groß, glaubt Müller, selbst Mutter von sechs Kindern. «Gerade die Familien mit mehreren Kindern sehen ja, was für eine oft schwierige Arbeit Erzieherinnen in den großen und altersgemischten Gruppen leisten.» Sie meint: «Mit unseren kleinen Kindern vertrauen wir ihnen eine große Aufgabe an. Das müssen wir entsprechend würdigen und bezahlen.»

Attila Gümüs, engagiert im Elternbeirat-Vorstand auf kommunaler wie landesweiter Ebene, sorgt sich um die Jüngsten. «Gerade im U3-Bereich kann man die ganz Kleinen nicht einfach so verpflanzen, sie brauchen ihre vertrauten Bezugspersonen. Die Kleinen werden am meisten leiden», befürchtet der Vater von zwei Kindern. «Viele Erzieherinnen streiken schweren Herzens, das wissen die Eltern. Aber ihr Verständnis wird schwinden, falls der Arbeitskampf lange dauert.» Und: «Ist wieder Bahnstreik, nimmt man eben das Auto. Hier geht es aber um den Dienst am Menschen, also eine andere Dimension.»

Katrin Lefkes aus Mönchengladbach – Mutter von vier Kindern und mit einem Säugling in Elternzeit – kommt ins Schwitzen. Ihre zwei Mädchen im Kita-Alter betreut sie nun daheim, stemmt dazu mit der Ältesten das übliche Schulprogramm. «Da geht eine Familie schon mal auf dem Zahnfleisch.» Trotzdem: «Die Erzieherinnen bespaßen unsere Kinder ja nicht, sie haben einen wichtigen Anteil an ihrer Entwicklung und dokumentieren diese genau. Und dann der hohe Aufwand mit den U3-Kindern.» Lefkes betont: «Sollte es in unserer Kita Notlagen geben, würde ich auch noch Kinder aufnehmen.»

Betroffen vom Streik ist auch Martin Teuber aus Kassel, wo am Freitag insgesamt 7 von 33 Kitas geöffnet hatten. Er nimmt sein Kind mit an seinen Arbeitsplatz. «Der Arbeitgeber war erst irritiert», erzählt der Zweite Vorsitzende des Stadtelternbeirats. «Wir stehen hinter den Erziehern.» Allerdings: «Die Ungeduld der Eltern wächst. Langsam muss es zu einer Einigung kommen.»

Die Gewerkschaften wolle mit dem Streik eine finanzielle Aufwertung der für die bundesweit rund 240 000 Erzieher und Sozialarbeiter in kommunalen Einrichtungen erreichen, unter anderem durch eine höhere Eingruppierung.

Die Kommunen als Arbeitgeber halten die Forderungen für nicht bezahlbar. Nach Angaben der kommunalen Arbeitgeberverbände würde eine Umsetzung der Gewerkschaftsforderungen in Deutschland insgesamt 1,2 Milliarden Euro kosten. Der schleswig-holsteinische Landesvorsitzender Olaf Tauras sagte im NDR, im öffentlichen Dienst seien die Erzieherinnen gut eingruppiert. Die Gehälter seien in den letzten Jahren auch deutlich gestiegen.

«Es ist unser Auftrag, die Forderungen gegenüber den Arbeitgebern durchzusetzen», entgegnet Verdi-Sprecher Frank Schischefsky. «Wir fordern auch die Eltern auf, Druck auf die Kommunen auszuüben.» Er gehe nicht davon aus, dass in den kommenden Wochen weniger Teilnehmer streiken werden, sagte Schischefsky. «Es ist eine kämpferische Stimmung und ein gutes Signal an die Arbeitgeber», meinte GEW-Landesgeschäftsführer Bernd Schauer zum ersten Streiktag. In Schleswig-Holstein beteiligten sich rund 1.500 Erzieherinnen. Rund ein Drittel der Kitas blieb am Freitag geschlossen

Ähnliche Töne schlug der hessische Landesverband der Gewerkschaft Verdi an. Die große Beteiligung am Streik sei «ein Aufschrei der Erzieherinnen. Jetzt ist der Punkt, wo wir mehr Geld wollen», sagt Gewerkschaftssekretärin Gisela Horstmann. Man wisse um die Schwäche der Kommunalfinanzen, deshalb erwartet sie eine «harte Auseinandersetzung – und möglicherweise auch eine lange».

Auch Arbeitgeber reagieren auf den Streik. So hat der Hamburger Versandhändler Otto mitgeteilt das es für die Kinder der rund 2200 Mitarbeiter eine kostenlose Kinderbetreuung von 8.00 bis 18.00 Uhr auf dem Firmengelände gibt – Verpflegung inklusive. Wenn der Vorgesetzte nichts dagegen habe, dürften Kinder auch mit an den Arbeitsplatz der Eltern genommen werden. Ein Notfallservice vermittle Tagesmütter für Kinder unter drei Jahren.

Das Eltern die Ausfallzeiten auf die Kita-Gebühren anrechnen können ist indes unwahrscheinlich. «Zumindest haben Eltern keinen Rechtsanspruch darauf», sagt Ronald Richter, Rechtsanwalt in Hamburg. Allenfalls könnten Eltern auf die Kulanz ihrer Kommune hoffen. Im Zweifel sollten Mutter und Vater in die Gebührensatzung ihrer Kommune schauen. Fast immer lässt sie sich im Internet einsehen. «Dort kann drinstehen, wie viele Tage die Kita im Jahr schließen darf, beispielsweise wegen Ferien.»

Wird die Zahl wegen eines langen Streiks überschritten, könnten Eltern theoretisch Ansprüche geltend machen. «Wenn die Kita zwei, drei Tage zu hat, sehe ich da aber wenig Chancen», erklärt Richter, der Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Sozialrecht im Deutschen Anwaltverein (DAV) ist. Anders könnte es aussehen, wenn sich der Streik über Wochen hinzieht. (News4teachers mit Material der dpa)

Kommentar von Andrej Priboschek: Der berechtigte Streik der Erzieherinnen: Es geht ums Geld – und um viel mehr
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