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Knigge-Expertin wünscht sich Schulunterricht für bessere Tischmanieren

HAMBURG. Kindergeschrei, Kartoffelbrei fliegt durch die Luft, Messer und Gabel scheinen nicht zu existieren oder dienen nur dazu, ein Gefecht mit dem Tischnachbarn auszutragen. Nicht an jeder Ganztagsgrundschule geht es beim Mittagessen so chaotisch zu, aber wer schon einmal an so einem Essen teilgenommen hat, weiß, dass es mit den Tischmanieren vieler Kinder nicht weit her ist. Gleichzeitig boomen Benimmtrainings schon für die Kleinen. eltern können aber schon zu Hause viel dazu tun, damit ihre Kinder manierlich zu Essen lernen.

Emil patscht mit seinen Fingern ins Karottengemüse. Nebenan entdeckt seine Schwester Laura, wie wunderbar sich ein Löffel dazu eignet, Nudeln über den Tisch zu katapultieren. Dazwischen sitzen die Eltern und schauen sich ratlos an: Sind ihre Schätzchen reif für Tischmanieren?

Kinder können schon frühzeitig gutes Benehmen bei Tisch lernen, Foto: makelessnoise / flickr (CC BY 2.0)

Kinder können schon frühzeitig gutes Benehmen bei Tisch lernen, Foto: makelessnoise / flickr (CC BY 2.0)

«Dass ein Kleinkind mit den Fingern ins Essen geht, ist normal», sagt Nandine Meyden. Die Benimmtrainerin aus Hamburg rät, das nicht weiter zu kommentieren, aber auch nicht positiv mit Lachen zu reagieren. «Einfach Finger abwischen und weiter füttern», lautet ihre Empfehlung. Strenger sollten Eltern bei Laura durchgreifen: «Essen herumzuwerfen oder als Spielzeug zu benutzen, ist in keinem Alter in Ordnung.» Ab wann Kinder Besteck nutzen sollten, hängt mit ihren motorischen Fähigkeiten zusammen. «Die meisten wollen genauso essen wie die Erwachsenen», sagt Meyden. Sobald sie nach Mamas Gabel greifen, kann man damit anfangen, ihnen Kinderbesteck zu geben.

«In der Grundschulzeit kann und sollte ein Kind Tischmanieren entwickeln», sagt die Benimmtrainerin. Denn nur wenn sie früh erlernt werden, würden sie zur Selbstverständlichkeit. Zum guten Benehmen gehört, mit gewaschenen Händen an den Tisch zu gehen, die Ellenbogen nicht auf den Tisch zu legen und die Arme parallel zum Körper zu bewegen. «Keinen Matsch auf dem Teller machen, nicht herummäkeln und nicht schmatzen», zählt Meyden auf. Sobald Kinder kein Lätzchen mehr brauchen, sollten sie eine Serviette benutzen.

Um Kindern diese Regeln beizubringen, hat Linda Kaiser von der Deutschen Knigge-Gesellschaft einen Tipp: «Kinder lernen am besten durch Vorbilder», betont sie. Eltern sollten sich bewusst sein, dass sich der Nachwuchs genau abschaut, wie sie sich verhalten. Doch an guten Vorbildern mangelt es oft, bestätigt Meyden. In vielen Familien werde zu selten gemeinsam gegessen. Und wenn, nehmen Eltern die Tischmanieren häufig selbst nicht so ernst.

Kaiser wünscht sich mehr Aufmerksamkeit dafür: «Es wäre sinnvoll, sie im Schulunterricht zu vermitteln», findet die Knigge-Expertin. Verschiedene Organisationen bieten mittlerweile Knigge-Kurse für Kinder an. «Oft ist es hilfreich, eine dritte Person mit der Vermittlung der Feinheiten zu beauftragen und dem Kind Ideen mitzugeben, mit denen es die Eltern beeindrucken kann», sagt Kaiser.

«Ob ein Knigge-Kurs wirklich notwendig ist, halte ich für fraglich», sagt Marlis Müller. Die Leiterin einer Kindertagesstätte in Hamburg freut sich, wenn die Kinder berichten, dass sie zu Hause mit ihrer Familie essen. Eine gesunde Tischkultur sei wichtiger als perfekte Manieren. «Mit Eltern, die sich Zeit nehmen und ihren Kindern fast nebenbei mitgeben, wie ein gutes Verhalten am Tisch funktioniert.»

Kinder möchten einbezogen werden. «Warum nicht die Tischregeln gemeinsam aufstellen?», schlägt Müller vor. Sie empfiehlt dieses Vorgehen mit Kindern ab vier Jahren. Dabei sei wichtig, die Regeln positiv zu formulieren: «Am Tisch sitzt jeder auf seinem Stuhl» sei besser als das Verbot «Ihr dürft am Tisch nicht aufstehen». Außerdem sollten Regeln sinnvoll sein. Beispielsweise dürfen Kinder den Tisch verlassen, wenn alle Kinder fertig sind und müssen nicht unbedingt auf die Erwachsenen warten, rät sie. So können die in Ruhe weiter am Tisch bleiben, und die Kinder lernen trotzdem, aufeinander zu achten.

Störfaktoren wie Fernseher sollten während des Essens keine Chance bekommen. Bilderbücher haben bei Tisch genauso wenig verloren wie Smartphones. «Beim Essen sollte aus gesundheitlichen Gründen ebenso wie aus Wertschätzung gegenüber den Nahrungsmitteln, gegenüber dem, der sie zubereitet hat und gegenüber den anderen Menschen am Tisch die Aufmerksamkeit beim Tisch sein», sagt Meyden. Damit Essen Spaß macht, können Eltern auch ab und an Pizzaessen mit den Händen vor dem Fernseher erlauben. «Das sollte aber die Ausnahme bleiben, nur dann ist es spannend und effizient», rät die Knigge-Expertin.

Ein spielerischer Zugang hilft, um Kindern Freude am Thema zu vermitteln: Von «Essen wie eine Prinzessin» bis zum «Wer kleckert am wenigsten»-Wettbewerb seien der Fantasie keine Grenzen gesetzt, sagt Meyden. In ihrem Ratgeber «Jedes Kind kann sich benehmen» empfiehlt sie, sich auch mal zum Kirschkernweitspucken zu treffen oder Kindern mithilfe von Mottos wie «Essen wie die Nomaden», bei dem alle am Boden sitzen und mit der linken Hand aus einer Schüssel essen, etwas über andere Kulturen beizubringen.

Manchmal setzen Eltern ihre Kinder an einen Kindertisch. «Das ist kein Freibrief für den Missbrauch von Besteck oder Nahrungsmitteln», warnt Kaiser. Diese Tische seien dazu gedacht, den Kleinen gleichgesinnte Gesellschaft zu vermitteln, damit sie sich nicht bei den Großen langweilen. Tischmanieren sollten auch dort eingehalten werden. Bei Fehlern sollten Eltern ruhig bleiben, die Regeln noch einmal erklären und den richtigen Umgang gemeinsam wiederholen. Meckern oder Strafen sind die falsche Reaktion: «Sie verderben die Freude und sind nicht zu empfehlen», sagt Kaiser. (Brigitte Vordermayer, dpa)

zum Bericht:Nach Wutbrief an Eltern: Journalist rät Lehrerin, den Beruf zu wechseln

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