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Lehrervertreter kritisieren NRW-Landesregierung: Umsetzung der Inklusion ist mangelhaft

DORTMUND/DÜSSELDORF. Die Aktuelle Stunde im Landtag zum Thema Inklusion habe deutlich gemacht, was die Lehrerinnen und Lehrer an den Schulen in NRW längst wissen: „Die Landesregierung hat kein Konzept. Und noch schlimmer: Sie erkennt noch nicht einmal den akuten Handlungsbedarf.“ Das schreibt der Verband lehrer nrw in einer Pressemitteilung. Diese Meinung teilt auch der Verband Bildung und Erziehung NRW: „Die heutige Debatte hat gezeigt: Die Regierungsfraktionen und die Landesregierung bleiben beim ‚Augen zu und durch’ beim Thema Inklusion“, sagt Udo Beckmann, Verbandsvorsitzender.

Henri - das hat der Junge jetzt amtlich - darf nicht aufs Gymnasium. Foto: Sigrid Rossmann / pixelio.de

Lehrervertreter lehnen die Bedingungen ab, unter denen Lehrkräfte an Schulen in NRW die Inklusion umsetzen müssen. Foto: Sigrid Rossmann / pixelio.de

„Wir erhalten seit Monaten Berichte von wütenden, enttäuschten, verzweifelten und überforderten Lehrkräften und Kollegien. Aus dem Schulministerium hören wir trotz solcher Hilferufe nur Beschwichtigungen und Vertröstungen. Manches klingt wie Hohn – etwa, wenn Berichte über gravierende Missstände von Ministeriumsvertretern damit abgetan werden, die betreffenden Schulen beziehungsweise Kollegen hätten halt keine Erfahrung oder seien eben noch nicht bereit für ‚die neue Kultur des Behaltens‘“, sagt Brigitte Balbach, Vorsitzende von lehrer nrw. „Es macht uns wütend und fassungslos, wie die Schulministerin die Lehrerinnen und Lehrer im Regen stehen lässt. Und sie weiß das.“

Udo Beckmann, Vorsitzender des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) NRW, verweist noch einmal auf die Forsa-Umfrage, mit der das Meinungsforschungsinstitut im Auftrag der Lehrervertretung das Stimmungsbild unter Pädagogen zur Inklusion erfasst hat. Aus den Antworten lässt sich eine harsche Kritik herauslesen, wie die Inklusion an den Schulen eingeführt wird. Beckmann: Die Landesregierung sei „nicht bereit, die deutliche Sprache, die die Forsa-Umfrage sendet, und die Sorgen der Lehrkräfte ernst zu nehmen“. Sie weigere sich, die Realität in den Schulen zur Kenntnis zu nehmen. „Schade, dass SPD und Grünen nichts anderes einfällt, als die Repräsentativität zu hinterfragen, die Forsa eindeutig bescheinigt.“ Die hilflose Reaktion der Regierungsfraktionen zeige, dass die repräsentative Umfrage die politisch Verantwortlichen im Mark getroffen habe und die Defizite der Umsetzung der Inklusion in NRW schonungslos offenlege. „Der VBE steht zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention, aber wir tragen den Weg der ungenügenden Umsetzung durch die Landesregierung nicht mit. Wenn Inklusion ein Kinderrecht ist, so wie Frau Löhrmann feststellt, dann beinhaltet dieses Kinderrecht auch den Anspruch an die politisch Verantwortlichen, die Voraussetzungen zu schaffen, dass kein Kind zurückbleibt. Davon sind wir in NRW weit entfernt.“

Ähnlich problematisch bewertet auch der Verband lehrer nrw die aktuelle Situation an den Schulen: Es gebe viel zu wenig Sonderpädagogen – an einigen Schulen fehlten sie ganz. Es fehle an fundierten Fortbildungen, und zwar für jede Lehrkraft. Es fehle an zusätzlichen Räumen, um individuell mit besonders förderbedürftigen Kindern zu arbeiten und in Krisensituationen, zum Beispiel bei aggressivem Verhalten, eine Ausweichmöglichkeit zu haben, damit weiterhin Unterricht in der Klasse stattfinden kann. „Wenn man die Aufnahme behinderter oder auf andere Weise förderbedürftiger Kinder dogmatisch vorantreibt und nicht das Gesamtsystem Schule im Blick hat, kann schon ein Einzelfall eine solche Belastung werden, dass man auch Eltern verprellt, die dem Thema wohlwollend gegenüberstehen. So fährt die Landesregierung den Inklusionsprozess vor die Wand“, sagt lehrer nrw-Vorsitzende Balbach. „Wir brauchen in der Inklusion mehr als guten Willen: Wir brauchen höchste Professionalität, wir brauchen eine entsprechende materielle und personelle Ausstattung, wir brauchen eine breite Akzeptanz.“

Konkret fordert lehrer nrw daher:

  • „Doppelbesetzung ‚Lehrer/Sonderpädagoge‘ in allen Klassen, die inklusiv arbeiten.
  • Ein ausreichendes Raumangebot an jeder inklusiv arbeitenden Schule.
  • Umfassende und professionelle Fortbildungen für alle Lehrkräfte – jetzt.
  • Erhalt der Förderschulen mit der dort vorgehaltenen sonderpädagogischen Kompetenz.“

Der VBE teilt diese Ansichten teilweise und fordert:

  • „Schulen müssen personell und räumlich in die Lage versetzt werden, inklusiv unterrichten zu können,
  • Lehrerinnen und Lehrer müssen vorbereitend qualifiziert werden,
  • Doppelbesetzung in inklusiv unterrichteten Klassen,
  • Verringerung der Klassengröße auf maximal 24 Kinder, jedes Kind mit sonderpädagogischem Förderbedarf muss doppelt gezählt werden sowie
  • multiprofessionelle Teams als Unterstützungssystem.“

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