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Forscher: Arbeitsanforderungen in Erziehungsberufen sind besonders stark gestiegen

TÜBINGEN. Die fachlichen und die Leistungsanforderungen an Beschäftigte in den kommunalen Sozial- und Erziehungsdiensten sind in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Das zeigen Befragungen im Rahmen von Forschungsprojekten, die die Hans-Böckler-Stiftung fördert.

76 Prozent der Beschäftigten, die zum Beispiel als Erzieherinnen, Erzieher oder Sozialarbeiter in kommunalen Kindertagesstätten, Ganztagsschulen, Beratungsstellen, Jugendeinrichtungen, Heimen oder Behinderteneinrichtungen arbeiten, geben an, dass die an sie gestellten Leistungsanforderungen zugenommen haben. Das kann beispielsweise bedeuten, dass die Beschäftigten zusätzliche Aufgaben übernommen haben oder mehr in der gleichen Zeit schaffen müssen, 48 Prozent sagen sogar, die Leistungsanforderungen hätten „sehr stark“ zugenommen. Dieser Wert liegt noch deutlich höher als bei anderen Beschäftigten in Städten und Gemeinden. Das ergeben Befragungen unter insgesamt 3.200 kommunalen Beschäftigten in 34 Städten und Gemeinden, die das Tübinger Forschungsinstitut für Arbeit, Technik und Kultur (F.A.T.K.) in den Jahren 2011/2012 durchgeführt haben. Rund 680 der Befragten arbeiteten im Sozial- und Erziehungsdienst.

Sieht nett aus - ist aber tatsächlich harte Arbeit: der Erzieherinnen-Alltag. Foto: Thomas Pompernigg/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Sieht nett aus – ist aber tatsächlich harte Arbeit: der Erzieherinnen-Alltag. Foto: Thomas Pompernigg/Flickr (CC BY-SA 2.0)

Auch andere Mitarbeitergruppen in den Kommunen geben mit großer Mehrheit an, dass die Leistungsanforderungen gestiegen sind, doch ein „sehr starker“ Anstieg wird im Durchschnitt aller Beschäftigten mit 38 Prozent von nicht ganz so vielen berichtet. Den Anstieg der Leistungsanforderungen in Städten und Gemeinden bestätigen in einer weiteren Erhebung der F.A.T.K.-Forscher mehrheitlich auch die kommunalen Arbeitgeber. Von den befragten Entscheidungsträgern in 426 Städten und Gemeinden geben sogar 40 Prozent an, dass die Leistungsanforderungen „sehr stark“ zugenommen hätten.

Die Hintergründe hierfür liegen nach Analyse des an der Untersuchung beteiligten Soziologen Werner Schmidt „auf der Hand: Einerseits sind viele Kommunen seit Jahren gezwungen, am Personal zu sparen, und andererseits nehmen die Aufgaben kontinuierlich zu“, sagt der Forscher. Danach gefragt, worauf die steigenden Leistungsanforderungen zurückzuführen sind, seien sich Beschäftigte und Arbeitgeber wiederum weitgehend einig, so der Wissenschaftler: 93 Prozent der Arbeitgeber und 85 Prozent der Beschäftigten nennen „wachsende Aufgaben“, 66 Prozent der Arbeitgeber und 72 Prozent der Beschäftigten „Stellenabbau“ als wichtige Gründe.

Die Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsdienste sind nach der F.A.T.K.-Befragung offenbar ganz besonders stark mit einem Aufgabenzuwachs konfrontiert. Sie geben sogar zu 93 Prozent an, dass gestiegene Leistungsanforderungen auf „wachsende Aufgaben“ zurückzuführen sind. „Die steigenden gesellschaftlichen Ansprüche an die Qualität der vorschulischen Erziehung, aber auch etwa die Zunahme psychisch belastender Aufgaben im Bereich der Sozialarbeit dürften hier eine Rolle spielen“, erklärt Schmidt. „Die Ursachen der Unzufriedenheit deuten darauf hin, dass eine bessere Personalausstattung sowie eine Aufwertung der Beschäftigten der Sozial- und Erziehungsdienste sowie des öffentlichen Dienstes insgesamt erforderlich sind.“

Einen detaillierteren Blick auf die Arbeitssituation von Erzieherinnen und Erziehern erlauben Befunde aus einem laufenden Forschungsprojekt am Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB), das ebenfalls von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert wird. Wesentliche Trends: Erzieherinnen und Erzieher sind mit den Inhalten ihrer Tätigkeit, in ihrem Fall der Sorge- und Bildungsarbeit mit Kindern und Jugendlichen, im Durchschnitt zufriedener als Beschäftigte anderer Berufe. Doch gleichzeitig wird ihre Tätigkeit fachlich zunehmend anspruchsvoller, die körperlichen und psychischen Belastungen sind groß. Das gilt insbesondere für Lärm, die Notwendigkeit, in auf Dauer schmerzhaften Positionen zu arbeiten, die Anforderung an Multitasking und den Kontakt mit Krankheitserregern. Und Rahmenbedingungen wie die Bezahlung stimmen nach Einschätzung der Erzieherinnen und Erzieher in ihrem Beruf oft nicht. Knapp 50 Prozent zeigen sich damit in der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung 2012 weniger oder gar nicht zufrieden. Das sind fast 22 Prozentpunkte mehr als im Mittel der Befragten aus anderen Berufen.

Die Forscherinnen Dr. Anja Hall und Ingrid Leppelmeier stützen sich auf die aktuelle Welle der Erwerbstätigenbefragung, die das BIBB und die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) 2012 durchgeführt haben. Befragt wurden insgesamt 20.000 Erwerbstätige in Deutschland, unter ihnen knapp 400 Erzieherinnen und Erzieher. Die Ergebnisse der Repräsentativbefragung haben die Forscherinnen mit anderen Studien zur Arbeitssituation in der Kindertagesbetreuung abgeglichen – und in zentralen Punkten sehr starke Übereinstimmungen festgestellt. Erzieherinnen und Erzieher seien „eine besonders belastete Berufsgruppe“, resümieren die BIBB-Expertinnen. nin

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