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Nach dem Urteil von Lüneburg: Müssen Gymnasiallehrer bald bundesweit weniger arbeiten?

BERLIN. Nachdem das Oberverwaltungsgericht in Lüneburg eine Arbeitszeiterhöhung für Gymnasiallehrer in Niedersachsen als nicht verfassungsgemäß verworfen hat, fordert der Deutsche Philologenverband jetzt eine bundesweite Erhebung der Lehrerarbeitszeiten. Er vermutet, dass die Arbeitszeit von Gymnasiallehrern im Durchschnitt höher liegt als die von Lehrern anderer Schulformen. Droht deshalb nun eine Klagewelle von Studienräten quer durch alle Bundesländer? Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD), die gestern eine „bittere Niederlage“ eingeräumt hatte, will jetzt auf die Lehrerverbände zugehen.

Hier wurde gestern zur Arbeitszeit von Gymnasiallehrern geurteilt: Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Foto: Bubo / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Hier wurde gestern zur Arbeitszeit von Gymnasiallehrern geurteilt: Oberverwaltungsgericht Lüneburg. Foto: Bubo / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Die letzte Untersuchung von Lehrer-Arbeitszeiten in Deutschland sei 17 Jahre alt, betonte Philologen-Chef Heinz-Peter Meidinger. Schon damals habe sich gezeigt, dass trotz einer etwas geringeren Unterrichtsverpflichtung die Gesamtarbeitszeit von Lehrern an Gymnasien deutlich höher liege als die von Lehrkräften anderer Schularten mit Ausnahme der berufsbildenden Schulen. Die morgen in Berlin beginnende Kultusministerkonferenz müsse deshalb einen Grundsatzbeschluss fällen und eine Studie in Auftrag geben, forderte er.

Am Dienstag hatte das Oberverwaltungsgericht die von der rot-grünen Landesregierung in Hannover beschlossene Erhöhung der wöchentlichen Unterrichtspflicht um eine Stunde für verfassungswidrig eingestuft. Für Meidinger ein „Meilenstein im Kampf gegen die Willkür von Landesregierungen bei der Festsetzung von Lehrerarbeitszeiten.“ Weiter sagte der Vorsitzende des Philologenverbands: „Mit diesem Urteil, das sich ausdrücklich auf die neue Rechtsprechung des Bundesverwaltungs- und des Bundesverfassungsgerichts beruft, sind dem bislang fast grenzenlosen Ermessensspielraum der Gesetzgeber deutliche Grenzen gesetzt worden.“

Niedersachsens Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) sucht unterdessen den Schulterschluss mit den Pädagogen. „Die Ministerin wird auf die Verbände zugehen“, sagte ihre Sprecherin am Mittwoch in Hannover. Von der Arbeitszeiterhöhung sind rund 17.000 Lehrer betroffen, bis Ende des Schuljahres würden sie rund 680.000 Schulstunden zusätzlich leisten.  Im Haushalt fehlen nach dem Urteil nun etwa 40 Millionen Euro, rund 750 neue Lehrstellen könnten nötig werden. Mit dem Geld sollte der Ganztagsausbau vorangetrieben werden.

Die am Vortag gegen Heiligenstadt erhobenen Rücktrittsforderungen der Opposition wies Regierungssprecherin Anke Pörksen auch mit Hinweis auf die von der Landesregierung gemeinschaftlich getragenen Beschlüsse zurück. „Der Ministerpräsident sieht keine Veranlassung dafür“, sagte Pörksen und betonte zugleich die grundsätzliche Bedeutung des Urteils auch für andere Bundesländer. Das Urteil bindet andere Bundesländer zwar nicht direkt. Allerdings könnten sich auch Lehrer aus anderen Bundesländer und von anderen Schulformen darauf berufen und ihre Unterrichtsverpflichtung infrage stellen. Dies gilt in besonderem Maße, da Niedersachsen bundesweit bei der Stundenzahl für Gymnasiallehrer im Schnitt eher im unteren Bereich liegt.

Die Landesregierung wird nun prüfen, ob und wie gegen das Urteil vorgegangen werden kann und welche Konsequenzen sich daraus ableiten. Eine Revision hat das Gericht zwar nicht zugelassen. In den vier Wochen nach der offiziellen Zustellung des Richterspruchs bleibt dem Land aber dennoch eine Möglichkeit zur Beschwerde. Diese müsste zunächst an das Oberverwaltungsgericht gerichtet werden und hätte eine aufschiebende Wirkung, das heißt, das Urteil müsste damit nicht sofort umgesetzt werden. In letzter Instanz wäre dann die Anrufung des Bundesverwaltungsgerichts möglich. Würden die Richter in Leipzig dann dem Land Recht geben, könnten wiederum die Lehrer vor das Bundesverfassungsgericht ziehen.

Die Landesregierung schloss eine unabhängige Arbeitszeiterfassung der Lehrer nicht aus. Eine Umsetzung des Urteils sei frühestens aber im nächsten Schuljahr zu erwarten. Die zwischenzeitlich geleistete Mehrarbeit der Lehrer wird wahrscheinlich über Zeitarbeitskonten „abgebummelt“.

Nach dem Urteil scheint der seit Monaten andauernde Boykott von Klassenfahrten vom Tisch. Die Lehrer nähmen die Entscheidung zum Anlass, Klassenfahrten wieder zu machen, sagte der Vorsitzende des niedersächsischen Philologenverbandes, Horst Audritz. Letztlich bleibe die Entscheidung – wie bislang auch – aber jedem Lehrer im Land freigestellt.“«Ich muss dazu sagen, dass die Kollegen damit rechnen, dass das Urteil zügig umgesetzt wird“, betonte Audritz.

Generell habe das Urteil, so Audritz weiter, für viel Jubel in den Lehrerzimmern gesorgt. „Für Lehrer ist das sicherlich ein Feiertag gewesen. Und ganz spontan haben ganz viele gesagt: Jetzt gehen wir wieder mit Freude zur Schule, jetzt machen wir wieder unsere freiwilligen Leistungen, und dazu gehören auch die Klassenfahrten.“ News4teachers / mit Material der dpa

Zum Bericht: Gericht schmettert Mehrarbeit für Gymnasiallehrer ab – Rücktrittsforderung gegen Heiligenstadt

 

18 Kommentare

  1. Es wird Zeit, dass die Arbeitszeiten ALLER Lehrer erfasst wird und den üblichen Arbeitszeiten (ca. 40 Std/Woche) angepasst wird.

    • Auf die Nummer wär ich gespannt. Alle Lehrer – Sie meinen jeden einzelnen? Ich sehe es schon problematisch die einzelnen Schulformen separat zu erfassen. Unterschiedliche Fächerkombinationen haben unterschiedliche Arbeitszeiten. Zwar hat ein Deutschlehrer sicherlich mehr Korrekturaufwand als ein Kunstlehrer, der Kunstlehrer hat aber sicherlich aufgrund des geringen Stundentafel, mehr Klassen und verbringt mehr Zeit mit dem Lernen der Namen (Anfang des Schuljahres), Überprüfen von Mappen und Eintragen von Noten als der Deutschlehrer. Je nach Klassenstufe (Übergang? Klassen-/Kursfahrt? Museumsbesuche?) und Klassenzusammensetzung (Helikoptereltern? behinderte Kinder? Pflege-/Adoptivkinder? Flüchtlingskinder?) kommen dann unterschiedliche Massen an Schüler-/Elterngesprächen bzw. Gesprächen mit Jugendamt etc. dazu. Dann die einzelnen Ämter, die unterschiedlich viel Zeit brauchen, Konferenzen, die in manchen Schulen länger dauern und häufiger stattfinden als an Anderen, Dienstbesprechungen, Aufsichten, Fortbildungen….
      Besonders spannend wird es für Teilzeitkräfte. Ein Lehrer mit 50% darf dann nur 20 Stunden arbeiten? Elterngespräche dürfen dann also auch maximal die Hälfte der Zeit von Vollzeitkräften in Anspruch nehmen?
      Wie gesagt, ich wäre gespannt darauf. Ich denke aber, es wird sich nicht viel ändern.

      • Wenn es ernst gemeint ist, müsste für jede Schulart und für jedes Fach die durchschnittliche Arbeitszeit ermittelt werden.

    • ich glaube nicht, dass sie das wollen, weil darunter in vielen fällen die unterrichtsqualität aufgrund ausgebliebener vorbereitung leiden würde. von diversen Konferenzen, elterngesprächen usw. abgesehen. bei einer ganztagsschule beträgt die bruttoanwesenheitsdauer alleine schnell 8 zeitstunden und mehr, wenn man von der 1.-9. stunde unterricht hat. in springstunden ist eine konzentrierte vorbereitung oder korrektur kaum möglich.

  2. Die Arbeitszeit kann beim selben Fach in der selben Schule sehr unterschiedlich aussehen, weil so vieles in unseren Tätigkeiten nicht einheitlich reglementiert werden kann. Allein schon ein Arbeitsblatt zu aktuellen Entwicklungen kostet einen Nachmittag.

    • mehrnachdenken

      Wie halten es die L mit den Heften oder den Mappen?

      a)
      Da gibt es L, die alles nur „durchblättern“, um dann eine „Bewertung“ abzugeben.
      Der Arbeitsaufwand ist nicht der Rede wert. Das kann die L auch noch im Unterricht erledigen.

      b)
      Da gibt es L, die zumindest stichprobenartig einzelne Seiten genauer betrachten.
      Nun, ein wenig mehr Zeit braucht die L schon, aber es hält sich in Grenzen.

      c)
      Da gibt es L, die ein Heft, eine Mappe nach jeder UE einsammeln und genau durchsehen und differenziert bewerten.
      So gewissenhaft arbeitende L haben RICHTIG zu tun. Oft werden die Hefte/Mappen noch in den Ferien korrigiert.
      Während a) und b) sich dann erholen könnnen, kann c) noch lange nicht ausspannen.

      Zu Spannungen kann es im Kollegium vor allem durch L kommen, die zu a) gehören.
      Deshalb sollte zumindest jeder Fachbereich einheitlich handeln. Das kommt übrigens vor allem den Sch zugute, die sich dann nicht mit zig verschiedenen Heft- oder Mappenkonzeptionen herumschlagen müssen.
      Ideal, aber wenig realistisch, ist eine Konzeption für die ganze Schule.

      • mehrnachdenken

        Was ich mit meinem Beitrag vor allem verdeutlichen möchte:

        Unabhängig von irgendwelchen Schulformen, Fächern oder Kombinationen können sich äußerst engagierte L grundsätzlich „dumm und dämlich“ arbeiten.
        Wer jedoch nur das Notwendigste leistet oder noch weniger, kann auch mit zwei Korrekturfächern in so genannten Langfächern in der Oberstufe eine „ruhige Kugel“ schieben.

        Für mich kommt es bei der Arbeit mit Sch in erster Linie auf das persönliche Engagement des Einzelnen an. Ist das aber hinsichtlich der Qualität und der Quantität überhaupt zu erfassen?

        • richtig. schule lebt von den selbstausbeutern. ich persönlich halte es bei mappenkontrollen je nach klasse zwischen a) und b), teilweise auch nach von Schülern ausgefüllten rastern.

        • Ein genau hinschauender Schulleiter könnte davon schon einen klaren Eindruck erhalten. Der ist natürlich nicht „objektivierbar“, d.h. gegen Klagen nachweisbar zu verteidigen. Also, wie es in unserem Rechtssystem so läuft, bleibt am Ende nur: alle kriegen das Gleiche.

          • Von daher stellt sich die Frage, wie gesundes Engagement erhalten und gefördert werden kann. Das ist dann wieder eine Frage der Führung und der gegenseitigenAnerkennung. Und auch eine Diskussion der Grenzen, innerhalb derer ein gesundes Engagement verläuft.
            Die Erbsenzählerei der Stundenergassung führt da nach meinen Erfahrungen nicht weiter.

          • mehrnachdenken

            @Mad as hell
            Entschuldigung, bei bestimmten inflationär benutzten Begriffen wie z.B. „von daher“, „sozusagen“ oder „nicht wirklich“ rutsche ich unruhig auf meinem Stuhl hin und her.

            Auch wenn diese Begriffe in aller Munde sind, heißt das noch lange nicht, dass sie eine Bereicherung für unsere Sprache bedeuten. Ich meine, eher das Gegenteil ist der Fall.

            „Von daher“ steht in dieser Form in keinem deutschen Grammatikbuch. Noch immer heißt es „daher“!!

            Betrachten Sie diesen kleinen Exkurs bitte nicht als oberlehrerhafte Belehrung, sondern als freundliche Information.

            Ich bedanke mich im Voraus für Ihr Verständnis.

          • @mehrnachdenken
            Gerne nehme ich Ihre hilfreiche Informatin entgegen. Ich bin weder Journalist noch Deutschlehrer. Ich versuche mit den mir gegebenen sprachlichen Mitteln das auszudrücken, was mir als wichtig erscheint.
            Neben der Form würde ich mich auch über eine inhaltliche Reaktion freuen. Ich erlebe die Kultur der Schule (Gymnasium) oft als abwertend und negativ. Dann erlebe ich Personen, die über alle Widersprüche wegbügeln unf diese Abwertungen ausblenden. Konkretes Beispiel: die alljährlichen Abizeitungen. Was hier an Spott, Häme, Schlechtreden und Falschdarstellung über Schüler und Lehrer ausgegossen wird, macht vielen Menschen schwer zu schaffen. Dennoch wird es entweder weggedrückt, kleingeredet oder als Racheakt massiv diffamiert (diese Rotzlöffel…).
            Wenn solche Ereignisse öfters vorkommen, dann nagen sie massiv an der Berufszufriedenheit und der erlebten Anerkennung. Das macht keine noch so große Stundenentlastung wett, das kann einen Menschen lange beschäftigen und ihm die Freude am Arbeiten nehmen.
            Ähnliches geschieht auch unter den Kollegen, hier habe ich ebenfalls sehr belastende Sachen mitbekommen.
            Dies läuft nun auf die Frage nach der Führungskultur hinaus, wie geht ein System mit den menschlichen Bedürfnissen nach Sicherheit, Anerkennung, Zugehörigkeit und Selbstwirksamkeit um. Sind da einige gleicher als andere. Gibt es da einen fairen Blick, oder hat man Pech gehabt, wenn es schlecht läuft.
            Gerade in sozialen Berufen ist die Burnout- Gefaht sehr hoch. Die Schaarschmitdt-Studie hat ja gezeigt, dass sich ca. 60 Prozent der Lehrer-innen in ungesunden Mustern bewegen.
            Hilfsmittel, die solche Muster aufbrechen können, hat die Studie auch geliefert. Ich denke, diese anzuwenden kann uns Lehrern mehr helfen als eine weitere Differnzierung eines Bandbreitenmodells.

          • mehrnachdenken

            @Mad as hell
            Ganz schnell, bevor wieder nichts mehr geht, lach.
            Meine Antwort an Sie war fertig. Ich konnte sie aber leider nicht abschicken, weil das System genau in dem Moment wieder mal zusammenbrach.
            Auf ein Neues, und dieses Mal hoffe ich mit mehr Glück!

          • mehrnachdenken

            @Mad as hell
            Falls Sie an „guter Sprache“ interessiert sind, empfehle ich Ihnen den folgenden informativen Link:

            http://www.sprache-werner.info/sozusagen.11478.html

            Zitat aus Ihrem Kommentar:

            Konkretes Beispiel: die alljährlichen Abizeitungen. Was hier an Spott, Häme, Schlechtreden und Falschdarstellung über Schüler und Lehrer ausgegossen wird, macht vielen Menschen schwer zu schaffen. Dennoch wird es entweder weggedrückt, kleingeredet oder als Racheakt massiv diffamiert (diese Rotzlöffel…).

            Ich kann Sie gut verstehen!!
            Abizeitungen sollten für derlei „Rache – Spielchen“ von Sch oder gar L tabu sein.
            Schämen die sich eigentlich nicht, als „Reifeschüler“ in der Fäkaliengrube des primitiven Boulevardjournalismus zu wühlen?

            Konflikte oder Streitigkeiten sollten zeitnah in der Unterrichtszeit aufgearbeitet werden.
            Wem ist damit gedient, wenn eine L in einer Abizeitung „durch den Dreck“ gezogen wird?
            Im Nachhinein ist es der L nicht mehr möglich, ihr Verhalten ggf. zu korrigieren. Die Sch ziehen evtl. mit einem „Triumphgefühl“ von dannen, und meinen vielleicht, die „Schlacht“ gewonnen zu haben.
            Nein, beide Seiten gehen als Verlierer vom „Platz“.

            Ich frage mich auch, welche Sozialkompetenz so manchem Sch bis zum Abitur vermittelt wurde. Im „richtigen“ Leben kommen sie damit jedenfalls nicht sehr weit.

            Was halten Sie von dieser Idee?
            Eine kleine Gruppe aus Sch, Eltern und L ist für eine Abizeitung verantwortlich, und sie sorgt dafür, dass es eben nicht zu unflätigen Ausfällen gegen wen auch immer kommt.
            Lustig und intelligent können und dürfen L dennoch „auf die Schippe genommen“ werden.

          • Danke für den Link. Ich kenn das Gefühl von Verwirrung bei Ausdrücken wie „im Grunde“ oder „eigentlich“, die mich manchmal richtig nerven. Diese Unfähigkeit, sich festzulegen, sich klar zu positionieren.
            Ich habe mich mit einem Bekenntnis zur Schulsozialarbeit, also zur Suche nach einem Weg der Achtung und Entschiedenheit mit transparenten Regelungen verbindet, positioniert. Hierauf gab es von Ihnen mehrere konkrete Antworten, was mich sehr gefreut hat. Da ich im eigenen Kollegium keine Resonanz finde, habe ich mich mit meinen Fragen ins Internet begeben, um einige Dinge für mich zu klären.

            Der von Ihnen vorgeschlagene Umgang mit der Abizeitung wird bereits gepflegt. Er hat den Auswüchsen die Spitzen genommen, die grundsätzliche Problematik ist geblieben. Texte, die L lustig und intelligent „auf die Schippe nehmen“ sind kaum vorhanden. Es wird weiter gestichelt, peinliche Szenen werden ausgewalzt, und der Negativblick auf die Mitmenschen hat breiten Raum.
            Nach meinem Empfinden müsste die Zeitung auf 1/3 reduziert werden, wollte man die verletzenden und kompromittierenden Texte draußen lassen.

            Im Klassenrat verwende ich seit einigen Jahren die „Lobrunde“. Hier geht es darum, die schönen, angenehmen, wertschätzenden Dinge der vergangenen Woche den Mitschülern direkt mitzuteilen. Das fiel manchen Kindern zunächst unglaublich schwer, immer wieder wurde aus Anerkennung Negativkritik, „aber…“ und vergiftetes Lob. Mit der Zeit konnten diese Kinder ihre Anerkennung freier äußern.
            Es geht mir, um das klar zu sagen, nicht darum den S eine rosa Brille aufzudrücken, sondern einen Rahmen zu schaffen, in dem sich positive Äußerungen und Gefühle ausdrücken lassen. Konflikte kommen genauso zur Sprache und werden bearbeitet.

            Eine Arbeit in diesem Sinne, so glaube ich nach meinen Erfahrungen, würde etwas ändern. Leider habe ich, wie geschildert, wenig Resonanz im Kollegium bei der praktischen Umsetzung („was soll ich denn noch alles machen“). Auch hier im Forum wird diese Arbeit als in die Familie gehörig abgeschmettert.

            Sie sagen: „Konflikte oder Streitigkeiten sollten zeitnah in der Unterrichtszeit aufgearbeitet werden.“ Hier liegt der Hase im Pfeffer. Durch Bildungsplan, Klassenarbeiten und Prüfungen hat die Bildung ihre Ziele und deren Überprüfung.
            Im erzieherischen Bereich gibt es die allgemein formulierten Ziele. Die „Überprüfung“, das Verhalten der Abiturienten im selbst verantworteten Raum, fällt häufig jämmerlich aus.

          • mehrnachdenken

            @Mad as hell
            Ich meine, Ihr energischer Einsatz für einen gepflegten Umgang miteinander, verdient volle Anerkennung.
            In fast allen bekannten Schulbuchverlagen gibt es praxisnahe Handreichungen zu dem Thema. Haben Sie sich da schon mal umgesehen?
            Allerdings haben Sie Recht: In einer Schule muss es dafür ein Gesamtkonzept geben. Als „Einzelkämpfer“ stehen Sie fast auf verlorenem Posten.

            Jetzt noch zwei Anregungen:

            Kennen Sie „Streitschlichter“ in der Schule? Interessierte Sch lassen sich von Profis darin ausbilden, Konflikte zwischen den Sch, aber auch zwischen L/Sch aufzuarbeiten.
            Ich halte diesen Ansatz für überdenkenswert.

            Dann bin ich auf eine Realschule gestoßen, die zumindest auf ihrer Homepage vielsagende Konzepte vorstellt:

            http://www.realschule-wedemark.de

            Klicken Sie bitte in der Leiste auf „Das sind wir“ – dann rufen Sie bitte „Konzepte“ auf und schon können Sie sich mit dem Beschwerdekonzekt der Schule vertraut machen.
            Ob es auch so viel hält, wie es verspricht, vermag ich aus der Ferne nicht zu beurteilen.

    • Es ging ja um die durchschnittliche Arbeitszeit.

  3. Das Lüneburger Urteil bedeutet eine Wende in der bisherigen Rechtsprechung bezogen auf den Arbeitseinsatz der Lehrkräfte. Bei den entsprechenden Urteilen im Rahmen unserer Arbeitszeitkampagnen in den achtziger Jahren des vorherigen Jahrhunderts war der Tenor immer der: Als BeamtInnen des Gehobenen und Höheren Dienstes habt ihr eure Aufgaben im einzelnen so zu organisieren, dass ihr sie im Rahmen eurer Rahmenarbeitszeit schafft. Das war der Jackpot für Politik und Bildungsverwaltung, aus dem sie zu einem großen Teil ihre Bildungsreformen finanzierten. Wenn sich denn LehrerInnen dagegen wehrten, dann waren sie schnell in der Rolle der „faulen Säcke“. Die Mehrarbeit sei doch zumutbar, die Unterrichtsverpflichtung würde doch im Bundesdurchschitt liegen, so argumentieren die KultusministerInnen bis auf den heutigen Tag. Die mittlerweile 3000 wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die zum Bereich LehrerInnenbelastung und Bourn Out seit den achtziger Jahren über diese Zielgruppe veröffentlicht wurden, haben keinen interessiert, weil sie ja wesentlich durch die Befragungen der Lehrkräfte deren Befindlichkeiten wiedergaben. An dieser Stelle hat das OVG bemerkenswerterweise festgestellt, dass eine solche Ignoranz nicht gerechtfertigt ist, weil die LehrerInnen als BeamtInnen zur Wahrheit verpflichtet sind, können solche Untersuchungen auch eine Grundlage für eine Bewertung einer angemessenen Quantität der Arbeitsleistung sein. Das Institut für interdisziplinäre Schulforschung ISF -www.isf-bremen.de, verfolgt seit geraumer Zeit einen anderen Ansatz. Wir fragen jetzt nicht mehr: „Wie fühlt ihr euch?“, sondern wir fragen: „Welche Aufgaben mutet der Arbeitgeber bzw. der Dienstherr euch zu?“ So hat unser Kollege R.Schölles alle Vorschriften, aus denen sich Aufgabenverpflichtungen für Lehrkräfte im Lande Bremen ergeben, herausgefiltert und deren Erfüllungsplausibilität mit der vom Bundesinnenminister definierten Jahresarbeitszeit abgeglichen. Ergebnis. Die Aufgaben sind beim besten Willen nicht zu schaffen. Diese Ergebnisse haben wir auf der 19. Arbeitsschutzkonferenz des DGB Bremen vorgestellt und zusammen mit Kollegen vom Zentrum für soziale Studien der Uni Bremen unter dem Aspekt des Arbeitsschutzgesetzes bewertet. Die Ergebnisse der Konferenz sind auf unserer Homepage dokumentiert. Durch das Lüneburger Urteil wird unser Herangehen voll bestätigt und es werden für die Gewerkschaften im Bereich des pädagogischen Arbeitsfeldes chancenreiche Wege zur Veränderung aufgetan. Auf diesem Weg wird es auch im konkreten Fall um die Ausgestaltung einzelner Arbeitsplätze gehen. Das ist im gesamten Arbeitsleben ein normaler Prozess, der auch für die Lehrerschaft möglich sein sollte.

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